Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger Zagheit die Fenster

offen stehen lassen und brauchte den Ofen nur noch leichter zu heizen.

Die Kinder brachten Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die

Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie alle setzen, da

nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren. Die Ahnung des Frühlings

duftete beklemmend in der Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen

spazieren. Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden, ganz

spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht viel, wer er sei, es hieß,

es sei einer der Brüder der Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung

zu verschaffen. Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man. Simon

ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer gewissen leichten,

kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit der Stoffe, die er trug, hübsch

verdeckte. Seine zerrissenen Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon

fand es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; denn darin

spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten des ländlichen

Lebens. Wenn er Geld bekäme, würde er leise daran denken, das Schuhwerk

aufbessern zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde er

vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt es auf dem Lande auf

vierzehn Tage an! In der Stadt mußte man alles schnell tun, aber hier

hatte man die schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen

zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber; denn die Tage

kamen so still und ehe man es denken konnte, war der Abend schon wieder

da, dem eine innige Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht, den

der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. Simon liebte auch

die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, die über Geröll führten,

und die großen, in denen man im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte.

Aber das war es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man konnte

den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, mit Sorgfalt und etwas

posiertem Schrecken vor dem Schmutz eine Straße zu passieren. Die

älteren Dorfweiber konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer

junger Mann und die Mädchen konnten lachen über die weiten Sprünge, mit

denen Simon über Gräben und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war

vielmals dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen waren,

und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten den Wald und rasten über

das Moos, wo die Leute arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde

geduldig daneben standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle

Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten. Hedwigs

Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, der Lehrer, der im oberen

Stock wohnte, steckte seine Brille neugierig zum Fenster hinaus und

genoß auf seine Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon

hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und dazu Tabak

gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen, auf dem Lande nur Pfeife

zu rauchen, denn eine Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war

eine Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo er beinahe den

ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen Mittag lag er im hellgelben Gras

unter dem herrlichen sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte

nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte von nichts

Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern er sann und träumte

glücklich in seine Umgebung hinein; denn er wußte von nichts Schönerem.

Hedwig, die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte die ganze

übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, den er rauchte, führte ihn

nur wieder ins Dorf, zu dem Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr:

»Sie fährt mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der See ist

klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die großen, schwarzen,

düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich im Nachen sitzt, und denkt:

»Wie doch seine Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber

das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen an!« Der Mann hat

einen struppigen Bart, wie die Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser

Mann kann galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum

Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu zucken und gewiß

ohne die Hand aufs Herz zu legen und sich mit seiner Tat zu brüsten.

Dieser Mann würde sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle

Männerstimme, aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu sagen. Nie

kommt eine Schmeichelei über seine stolzen Lippen und seine Stimme

verdirbt er mit Absicht, daß sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen

weiß, daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch nicht,

an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. Eine Saite tönt über das

Wasser mit langen Tonwellen. Hedwig meint sterben zu sollen in dieser

tönenden Luft. Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte,

wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt. Ein schwebender,

hängender See da oben, das paßt gut. Die Parkbäume im Bilde entsprechen

den hohen, schwankenden Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas

Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles gedrängter und

zusammengesetzter, und ich schweife jetzt wieder darein hinüber, ohne

den stillen Zusammenhang mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen.

Der Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem Nachen einen

rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß er seiner eigenen Wärme und

Liebe in solcher Weise entgegenhandeln könnte. Wenn er Liebe und

Zärtlichkeit in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich

unbarmherzig, daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in der Brust

gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. Kein Mann, sondern eine

Mischung von Knabe und Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von

Empfindungen überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der mehr sein

will als ein aufrichtig fühlender Mann, der ein Riese sein will, der nur

stark sein will und nicht auch zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt

Tugenden der Ritterlichkeit, die der vernünftig und reif denkende Mann

immer zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der Liebe. Ein

Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil er weniger reif ist, denn die

Reife macht leicht niederträchtig und selbstisch. Man muß nur die

harten, bösen Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz

und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber im stillen

gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein Mann findet es passender, es zu

brechen. Der Knabe findet Schönheit an der Härte des Worthaltens

(Mittelalter) und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes

Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich verspricht zu

halten. Er ist der Versprecher, jener ist der Vollstrecker des Wortes.

Locken um die jugendliche Stirne und einen Todestrotz auf den

geschwungenen Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume

sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen Luft. Dort unter den

Bäumen sitzt der Mann, den sie verachtet. Den, der bei ihr ist und der

lieblos ist, muß sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch

den Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, sie zu

entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine Zärtlichkeit ins Ohr

hineinzuflüstern. Flüstern, das ist des andern Sache, der da versteht es

nicht. Und wenn er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder

zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran denken, noch etwas

zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts

davon, darf sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne

machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt sein, auf die

wilden Launen, womit ein Herrscher mit seinem Besitztum umzugehen

pflegt. Aber sie fühlt sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr

spricht, barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. Sie ist

es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet nicht mehr, was schon sein

ist. Ihre Haare sind ihr aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an

ihren schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen.

»Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, seinem Befehl zu

gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, und er sieht es natürlich, auch

wenn er die Augen schlösse; denn dann würde er einen Seufzer von ihr

hören wie ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei

hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht beschwerlich

fällt, aber ihren Herzen schmeichelt. Sie steigen aus dem Nachen hinaus

und treten ans Land. Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den

Tritten, wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte Teppiche.

Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre, wie es hier, wo ich

meine Pfeife rauche, zu sehen ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen,

ein ganz kleines, blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es

scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind prachtvoll und

in die Breite gebauscht in einem schweren Bogen, aus dem die Brust wie

eine kleine, prangende Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot,

sie haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist von einer

durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des Winterabendhimmels in den

Gebirgen. »Du kennst mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den

betroffenen Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich noch

anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!« So spricht sie zu ihm.

Der Mann macht Miene zu gehorchen. Was für eine Miene? Ja, eine solche

Miene, die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden soll. Man

pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. Das Gesicht zuckt und man muß

es zerbeißen und einkneten mit der ganzen Willenskraft. Es will

auseinanderreißen. Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches geschieht

jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter mag ich mit dem tollen

Mann nicht Miene machen, mich zu töten; denn es müßte mit einem langen

Messer geschehen, und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife und

kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, aber jetzt, merke

ich, will er ausarten und das paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist

sanft und wenn sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise.

Meinen Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen, wenn er ihr

so frech käme. Die Landschaft, die ich da gemalt habe, war indessen sehr

nett, aber auch nur deshalb, weil ich sie in den großen Zügen dieser

natürlichen Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim Träumen nie

den Boden des Natürlichen aufgeben, auch bei Menschen nicht, denn sonst

gelangt man sehr leicht zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen

läßt: »Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen, und das Machen

einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, den schönsten Traum zu

verderben!« --

Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden

Tag gegen Abend zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den

Blick meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um zu Hause den

Tee zu kochen, und hatte im Teekochen eine Handfertigkeit bekommen, die

stets das richtige Maß traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und

nicht zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal zu

gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber zu halten und es in

appetitlicher und anmutiger Art auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf

der Weingeistflamme nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee in

vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig war das eine kleine

Erleichterung, da sie jetzt nur schnell aus der Schulstube hinaus zum

Tee zu eilen brauchte, um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach

dem Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging dann in die

Küche und bereitete den Kakao, und zwar zu Hedwigs Vergnügen sehr

schmackhaft; denn er lauerte auch bei dieser Arbeit auf den richtigen

Kniff, der immer einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig,

die nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und zwar ganz wie von

selbst, ohne jede Vorstudien oder Anstrengungen, den Ofen zu feuern und

das Feuer zu unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm die

Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben wußte, sehr

zustatten kam. Die Fenster öffnete er, um frische Luft in die Stube

hineinzulassen, aber er schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch

gehörig wieder zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende

Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, blühten die Blumen

weiter, die der Natur draußen entrissen wurden, und verbreiteten Duft in

die Enge der vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche

Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im Zimmer vieles

beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche, die Hedwig aus

zusammengerafften Stoffresten von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen

lassen, die dergleichen Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand

in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen ein altes Sofa mit

geblümtem Tuchüberzug, ein genügend großer Tisch davor, Stühle daneben;

und dann befand sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner

Schreibtisch mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt mit

Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste am Boden, mit weichem Tuch

überzogen zum Sitzen und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis

entstand, nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen,

weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in denen sich all das

wunderliche Zeug befand, das einem Mädchen mit häuslichen Sitten

unentbehrlich ist, ein runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und

Marke versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten und an

der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher zum Trinken, ein Stock mit

einem großen Hacken, ein Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder

von einem Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder, die Kaspar

gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft mit Wald, ein Dach, von

einem Fenster aus gesehen, eine neblige, graue Stadt (besonders schön

für Hedwig), eine Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer,

ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen Hügel gedrückt

war, daß man wohl mit einem Dichter sprechen konnte: »Da hinten liegt

ein Haus.« Auf dem Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt

war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem Bronceton,

einige Photographieen und ein kleines, feines Schmuckkästchen ohne

Inhalt, eine Erinnerung an die Mutter. Ein Vorhang, der wie ein

Bühnenvorhang aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide

Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin besonders traulich

aus, wenn die Lampe angezündet wurde und die Läden zugedrückt wurden;

und am Morgen weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern aus

dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.

Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ etwas von sich hören.

Infolgedessen sah er sich gedrängt, auf andere Weise etwas Geld zu

verdienen, womit er hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen,

auch etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand

und schrieb darauf:

=Landleben.=

Geschwister Tanner · 第 9 / 22 段