Großrates und angesehenen Kaufmanns, den wir wegen seiner
Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen unsere Pläne sehr liebten. Zu
diesem gingen wir oft in das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine
zierliche Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen hieß. Wir
spielten mit unseres Freundes Baukasten und Bleisoldaten stundenlang und
unterhielten uns vortrefflich. Kaspar zeichnete sich im Bauen von
Festungen und Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus. Unser
Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir schien, noch mehr als an
mir; und er besuchte auch uns öfters in unserem Hause, wo es freilich
nicht ganz so fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter war von
der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer waren glänzender als bei uns,
der Ton war ein anderer, ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei
uns war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer Stadt eine reiche
Dame für sich allein in einem herrlichen Garten, natürlich in einem
Haus, aber das Haus sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und
Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte drei Töchter, schöne,
blasse Mädchen, von denen es hieß, daß sie alle zwei Wochen ein neues
Kleid anzögen. Die Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern
ließen sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der Stadt
verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid und ein paar Schuhe von
einem dieser Mädchen, und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als
ich sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein, vermischt
mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, wegen der ich oft
ausgelacht wurde. Die Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens
einmal im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer dunkelroten
Loge. Das mittlere von den drei Mädchen war wohl das schönste. Ich sah
sie in meiner Phantasie immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das
dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes auf eine
gaffende Volksmenge herabzublicken und alle die Augen niederschlagen zu
machen. Alle drei Mädchen sind jetzt wohl längst verheiratet. -- Einmal
hatten wir eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber,
sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in der Runde war gerötet
von den Flammen, es war eine eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf
dem gefrorenen, knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn unsere
Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es brenne. Wir kamen zu den
Flammen, aber es langweilte uns, so lang in das brennende Gebälk zu
schauen, auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach Hause, wo
uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten empfing. Meine Mutter
war damals schon krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus,
in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch ein Jahr vor mir,
aber eine gewisse Melancholie ergriff mich und hieß mich auf die Dinge
der Schule mit Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen und
den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es sein sollte, darüber konnte ich
mir nur allerhand unkluge Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters,
mit Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte darüber nach,
warum er so niedergeschlagen dabei aussah und sein Gesicht zur Erde
niederhing. Es mußte nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die
Augen nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich auf seinen
Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer zu träumen und war von
einer sonderbaren Gelassenheit, was dem Vater nichts weniger als gefiel.
Wir bewohnten jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein
erkältender war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie hatte überhaupt
eine eigentümliche Krankheit, sich von ihrer jeweiligen Umgebung
verletzt zu fühlen. Sie mochte von vornehmen kleinen Häusern in Gärten
schwärmen. Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche Frau.
Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, ziemlich schweigsam, wie
wir es gewohnt waren, erfaßte sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer
und warf es von sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den
Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen wollte, kränkte es
sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte einen
schweren Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns mit Wehmut und
Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau war, der alles mit einem Gemisch
von Hochachtung und Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle
Stimme ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr
hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten, die sie mit
Grazie und Bescheidenheit abzulehnen wußte; diese entschwundene Zeit
erschien mir schon damals wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender
Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich schönen Erinnerungen
mit Leidenschaft hinzugeben. Ich sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern
ein reizendes Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu uns
hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine helle, große Kinderstube
besaßen, in welche die Sonne mit einer Art Vorliebe hineinzuscheinen
schien. Dicht neben unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges,
zerdrücktes, uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, darin wohnte
eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen, einen Sohn und eine Verwandte und,
ich glaube, noch einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man zu
ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich, daß man das
bloße dieser Dame Gegenüberstehen als einen Wohlgenuß empfand. Sie
preßte einem dann verschiedene Hüte auf den Kopf, führte einen vor den
Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so wunderbar, daß man
wie gebannt dastehen mußte. Sie war eine gute Freundin meiner Mutter.
Dicht daneben, das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte
eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die Zuckerbäckersfrau
schien uns ein Engel zu sein, nicht eine Frau. Sie hatte das zarteste,
ovalste Gesicht, das man sich denken kann; die Güte und die Reinheit
schienen diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln, das
einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen traf, bezauberte und
versüßte noch ihre süßen Züge. Die ganze Frau schien wie geschaffen
dazu, Süßigkeiten zu verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit
Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen den köstlichen
Geschmack nicht rauben wollte. Das war auch eine Freundin meiner Mutter.
Sie hatte viele Freundinnen.« --
Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer Photographie seiner
Mutter, die an der schmutzigen Wand seines Zimmers hing, und preßte,
indem er sich auf die Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er
das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem Besinnen, einfach
deshalb, weil es keinen Wert mehr für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa,
in die Vorstadt hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald
eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen, was für mich jetzt
das Schönste wäre, was es geben könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas
Entzückendes. Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man für
merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft ins Zimmer zu gelangen, wäre
mit ein paar Schritten leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der
Gasse und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne. Diejenigen
Weiber, die Töchter haben, geben einem schon im Geiste eine ihrer
Töchter zur Frau. Das wird die jüngste Tochter sein mit den Ringellocken
und den herabhängenden, schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. Im
Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich machen, und der Chef wäre
glücklich, eine solche Erwerbung wie mich gemacht zu haben. Abends nach
Hause gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die Bilder an den
Wänden würden angesehen, von denen eines vielleicht die schöne Kaiserin
Eugenie darstellen dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter
des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen, warum nicht?
Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht möglich, wo die Menschen
einander so zärtlich begegnen? Eines Tages aber, in der warmen, hellen
Mittagspause, würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen,
einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit herstammte, würde sie
aufmachen und zu mir in das Zimmer treten und zu mir, unter einer
unendlich feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie sind Sie
immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden und machen gar keine
Ansprüche. Sie sagen nicht: mir fehlt dieses oder jenes. Sie lassen
alles so gehen. Ich fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und
sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen ergriffen,
könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie still und schön die Blumen sind,
da auf dem Tische. Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist
mir, als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so etwas aus dem
Munde einer Kleinstädterin zu hören. Dann würde ich es plötzlich
natürlich finden, in langsamen Schritten zu der Dastehenden und
Zaudernden hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und das Mädchen
zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, aber nicht so, daß man
versucht wäre, auf unschöne Gedanken zu verfallen. Sie würde die Augen
tief niederschlagen und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das Wogen
ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, mir ihre Augen zu
zeigen, und daraufhin würde sie sie aufmachen und ich würde in den
Himmel ihrer geöffneten, fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein
langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein flehender Blick von
ihr, dann würde es mich reizen, sie ebenso anzusehen, dann würde ich
natürlich lachen müssen und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie
wunderbar könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt, wo
die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde sie wieder küssen auf
ihren seltsam gebogenen und geschweiften Mund und ihr schmeicheln, so,
daß sie meinen Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder
keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß ich sie als mein
Weib betrachtete, worauf sie, wieder den Kopf so wundervoll zur Seite
biegend, ja sagen würde. Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr
den Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit Küssen
bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes und des
Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte? Freilich, Siegerin wäre
sie und ich ihr Besiegter, das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde
ihr Mann werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit und alle
Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken. Nun würde ich sie immer
betrachten und sie immer schöner finden. Bis zu unserer Vermählung würde
ich wie ein Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen
ließe, her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden
hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. Ich würde viel lachen,
wie ein Blödsinniger, nur um nicht immer allzu feine Worte des
Zärtlichseins zu gebrauchen, und vielleicht würde ich sie öfters auch
roh behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht abzufangen.
Nach solcher Handlungsweise käme es mir nicht darauf an, heimlich, wenn
sie es nicht sähe, vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit
heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar dazu
versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse bedeckt wäre, an meinen
Mund zu pressen; denn der Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen
Füße steckte, würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen, zum
Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters auf die nahen, hohen
Felsenberge hinauf, sorglos mich hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen,
über Abgründe hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf die
gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen, wo ich denn
eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir ein solches Leben in der Enge
mit einer allerdings geliebten, aber doch alles heischenden Frau wohl
genügen würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem Kopf und
träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die Ebene hinab, wo die kleine
Stadt ausgebreitet läge. Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang
weinen, warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und würde wieder
ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne untersänke, dann
hinuntergehen und meinem Mädchen die Hand reichen. Es wäre alles
beschlossen und hinter mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh
über die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde ich Hochzeit
feiern und so meinem Leben ein neues Leben geben. Das alte würde wie
eine schöne Sonne untergehen, und nicht einmal einen Blick würde ich ihm
nachwerfen, weil ich das für gefährlich und schwach hielte. Die Zeit
verginge, und nun würden wir uns, um für unsere Zärtlichkeit eine
Abbildung zu haben, nicht mehr über Blumen beugen, sondern über Kinder
und uns entzücken über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe zu
unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie heischen würden, machte
unsere eigene Liebe sanfter und nur größer, aber stiller. Mich zu
fragen, ob mir meine Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und
mir einzureden, daß ich ein kleines, dürftiges Leben führte, käme mir
nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben
gibt und würde gern auf den Gedanken verzichten, der mir allerhand
elegante Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die ich versäumt hätte.
»Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?« würde ich mich ruhig und
überlegen fragen. Ich wäre ein fester Mensch geworden, das wäre alles
und bliebe alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt
wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich nicht denken; denn
das liegt doch zu fernab im Dunkel der schönen Zukunft. Was sagen Sie
dazu? Ich träume jetzt immer so viel, aber Sie müssen wenigstens
zugeben, daß ich mit einer gewissen Aufrichtigkeit und mit dem Verlangen
träume, ein besserer Mensch zu werden, als ich jetzt bin.«
Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie Simon aufmerksam
betrachtete und fragte dann:
»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?«
»Er will nächstens nach Paris gehen.«
Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer. Simon dachte: Also
auch sie liebt ihn.
»Sie lieben ihn,« sagte er leise.
* * * * *
Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen, dunkelblauen Mantel, mit
einem zierlichen, unbehülflichen Stöckchen in der Hand, aus dem Hause
heraus. Ein dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch
vollständige Nacht. Nach einer Stunde aber erhellte es sich, als er auf
einer Anhöhe stand und auf die große Stadt zu seinen Füßen
zurückblickte. Es war kalt, aber die Sonne, die eben jetzt feurig und
hellrot über den verschneiten Büschen und Feldern emporstieg, versprach
einen wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer höher
fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich, daß die Sonne im Winter
noch drei Mal so schön sei, wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee
brannte bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen Farbe, und dieser
wärmende Anblick und die wirkliche Kälte dazwischen wirkten belebend und
anspornend auf den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr
aufhalten ließ, sondern tüchtig weiterschritt. Der Weg war derselbe, den
Simon damals in der Herbstnacht gegangen war, er hätte ihn jetzt beinahe
schlafend gefunden. So lief er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die
Sonne schöne Wärme auf die Gegend herab, der Schnee wollte schon wieder
zerrinnen, und das Grün blickte an einigen Stellen naß hervor. Die
rieselnden Quellen verstärkten den Eindruck der Wärme, aber gegen Abend,
als der Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und der rote Schein der
Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde es auch gleich wieder
grimmig kalt. Simon stieg wieder den Berg hinauf, den er schon einmal,
aber in wilderer Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee
knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so voll mit Schnee
beladen, daß sie ihre starken Äste herrlich zur Erde niederhängen
ließen. Ungefähr in der Mitte des Aufstieges sah Simon plötzlich einen
jungen Mann mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so viel
letzte Helle im Wald, daß er den schlafenden Mann ins Auge fassen
konnte. Was veranlaßte diesen Menschen, sich hier in der bitteren Kälte
und an einer so einsamen Stelle im Tannenwald niederzulegen? Des Mannes
breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es oft im heißen,
schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein Liegender und Ausruhender sich
auf diese Weise gegen die Sonnenstrahlen schützt, um einschlafen zu
können. Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses Gesichtverdecken
mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig keine Lust konnte
genannt werden, es sich hier im Schnee bequem zu machen. Der Mann lag
unbeweglich und schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden.
Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider. Die Kleider waren
hellgelb, es war ein Sommeranzug, ein ganz dünner und fadenscheiniger.
Simon zog den Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah
schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht, es war
Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren Sebastians Züge, das war
sein Mund, sein Bart, seine etwas breite, gedrückte Nase, seine
Augenbildungen, seine Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren,
ohne Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am Wege. Der
Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war also denkbar, daß er schon
lange liege. Gesicht und Hände waren längst erstarrt, und die Kleider
klebten an dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große,
nicht mehr zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein. Allzukräftig war
er nie gewesen. Er ging immer in gebückter Haltung, als ertrüge er die
aufrechte nicht, als täte es ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf
stramm zu halten. Wenn man ihn ansah, empfand man, daß er dem Leben und
seinen kalten Anforderungen nicht gewachsen war. Simon schnitt
Tannenäste von einer Tanne und bedeckte den Körper damit, doch zog er
vorher noch ein kleines dünnes Heft aus der Rocktasche des Toten, das
dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte zu enthalten, Simon
unterschied die Schriftzeichen nicht mehr. Es war mittlerweile völlige
Nacht geworden. Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und der
Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen der Szene zu. »Ich
habe keine Zeit,« sagte Simon still vor sich, »ich muß mich beeilen, daß
ich die nächste Stadt noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit
verspüren, noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von Toten zu
verweilen, der ein Dichter und Schwärmer war. Wie nobel er sich sein
Grab ausgesucht hat. Mitten unter herrlichen, grünen, mit Schnee
bedeckten Tannen liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten.
Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne singen leise ihm zu
Häupten, und die Nachtvögel schnarren, das ist die beste Musik für
einen, der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat. Deine Gedichte, lieber
Sebastian, will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht lesen
und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir wenigstens dein armer,
funkelnder, schönklingender Name der Welt erhalten bleibt. Eine
prachtvolle Ruhe, dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im
Schnee. Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen sind immer
geneigt, derartigen Käuzen, wie =du= einer warst, weh zu tun und ihre
Schmerzen zu verlachen. Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde
und brenne nicht zu sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins. Du
bist anderswo. Du bist sicher an einem herrlichen Ort, du bist jetzt ein
reicher Kerl, und es verlohnt sich, die Gedichte eines reichen,
vornehmen Kerls herauszugeben. Lebe wohl. Wenn ich Blumen hätte, ich
schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat man nie Blumen genug.
Du hattest zu wenig. Du erwartetest welche, aber du hörtest sie nicht
über deinem Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich nieder, wie
du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel, und viele, viele
Menschen, denen man es nicht zutrauen würde, träumen, aber du glaubtest,
ein Recht zu haben auf das Träumen, während wir anderen nur träumen,
wenn wir uns recht elend vorkommen, aber froh sind, es einstellen zu
können. Du verachtetest deine Mitmenschen, Sebastian! Aber, Lieber, das
darf sich nur ein Starker erlauben, und du warst schwach! Doch ich will
nicht dein heiliges Grab gefunden haben, um es zu beschmähen. Was weiß
ich, was du gelitten hast. Dein Tod unter den offenen Sternen ist schön,
ich werde das lange nicht vergessen können. Ich will Hedwig dein Grab
unter diesen edlen Tannen schildern, und ich werde sie damit weinen
machen. Die Menschen werden wenigstens noch deine Gedichte lesen, wenn
sie mit dir doch einmal nichts anzufangen wußten.« -- Simon schritt von
dem Toten weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen Tannenäste,
unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich mit einer schnellen
Drehung seines schmiegsamen Körpers von dem Bilde ab und lief, was er
konnte, im Schnee weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten Mal
den Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal schauerten Leben und Tod
heiß durch seinen ganzen Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser
eisigen, sternengeschmückten Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn vom
sanften, blassen Bild des Todes stürmisch hinweg. Er spürte keine Beine
mehr, nur noch Adern und Sehnen, und diese gehorchten biegsam seinem
vorwärtseilenden Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den
erhabenen Anblick der herrlichen Nacht erst ganz, und er lachte laut
auf, wie ein Knabe, der noch nie einen Toten gesehen hat. Was war denn
ein Toter? Ei, eine Mahnung ans Leben. Weiter gar nichts. Eine köstliche
zurückrufende Erinnerung und zugleich ein Treiben in die ungewisse,
schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine Zukunft noch recht weit und
offen vor ihm liegen mußte, wenn er so ruhig mit Toten umgehen konnte.
Es machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen Menschen
noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll angetroffen zu haben,
so schweigend, so beredt, so dunkel und ruhig und so vornehm fertig.
Jetzt gab es gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln und zu
naserümpfen, bloß noch zu fühlen. -- Simon schlief herrlich in einem
Gasthausbett, nämlich in demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder
bemalt hatte. Den andern Tag benutzte er zu frischem Laufen auf
beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah immer einen blauen Himmel
über sich, Häuser zu beiden Seiten der Straßen, schöne große Häuser die
auf eine wohlhabende und stolze Landbevölkerung schließen ließen, Hügel
mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die der blaue Himmel
hineinkroch, und Menschen, die an ihm vorübergingen und solche, die mit
ihm die gleiche Richtung liefen, die er aber überholte; denn er lief,
während die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde, ging er durch
ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz von Wäldern umschlossen und
voll Windungen und seltsamer Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die
Nachtlichter brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da ihn nun
doch eine ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing, kehrte er im nächsten
Gasthaus wieder ein. Die Wirtsstube war mit Menschen angefüllt, und die
Wirtin sah eher wie eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie eine
Wirtin, die Gäste bediente. Er verlangte schüchtern, was er begehrte,
worauf ihn die schöne Frau mit seltsamen Blicken maß. Er aber war so
müde, so zerschlagen, daß er nur froh war, als er bald darauf in sein
Zimmer geführt wurde, wo er sich mit Wonne in ein eiskaltes Bett legte,
um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag brachte ihn in eine schöne,
mächtige Stadt, wo er nur ein Geschäft hatte: einen Redakteur ausfindig
zu machen, um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm bezeichneten
Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht klug wäre, selber
hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen abzugeben. Er schrieb
daher auf den Umschlag des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im
Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur Veröffentlichung,
wenn es möglich ist«, und warf das Heft in den großen, plumpen
Briefkasten, in den es hinunterprallte. Dieses getan machte sich Simon
neuerdings auf den Weg. Das Wetter war milder geworden, Schnee wirbelte
in großen, nassen Flocken auf die Straßen, zu denen hinaus es ihn
drängte. Die unbekannten Menschen dieser Stadt sahen ihn so sonderbar
groß an, daß er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn, den völlig
Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus in die vornehme
Villenvorstadt, und zu dieser auch wieder hinaus, in einen Wald, auf ein
Feld, auf ein anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in ein Dorf,
in ein zweites und drittes, bis es Nacht wurde.
Achtes Kapitel.
In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die Schulkinder kamen alle
mit nassen, verschneiten Schuhen, Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in
die Schule. Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand
Geröll von den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die Schar der Kleinen
war infolge des Schneefalles zerstreut und angenehm aufgeregt, zu
Aufmerksamsein wenig geneigt, worüber die Lehrerin ein wenig unmutig
wurde. Sie wollte eben mit Religion beginnen, als sie einen dunklen,
schlanken, beweglichen, gehenden Fleck vor dem Fenster gewahrte, einen
Fleck, den kein Bauer hätte machen können, denn er war zu zierlich und
beweglich. Es flog nur so an der Fensterreihe vorüber, und auf einmal
sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles vergessend, zur Stube hinauseilen.
Hedwig trat nur zur Schulstubentür hinaus, um ihrem Bruder, der dicht
davor stand, in die Arme zu fliegen. Sie weinte und küßte Simon und
führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur Verfügung standen.
»Du kommst unerwartet, aber es ist gut, daß du kommst,« sagte sie, »lege
deine Sachen hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will die
Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken. Das wird nichts
ausmachen. Sie sind heute doch sonst so unaufmerksam, daß ich einen
Grund habe, böse zu sein und sie früher abzufertigen.« -- Sie ordnete
sich ihr Haar, das bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus den Fugen
geraten war, sagte Auf Wiedersehen zu ihrem Bruder und ging wieder
zurück an ihr Geschäft.
* * * * *
Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. Seine Koffer kamen mit
der Post nach, worauf er alle seine Sachen auspackte. Vieles besaß er
nicht mehr, ein paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder
weggeben mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen Knäuel von
Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste, Krawatten, Schuhbändel,
Kerzenstümpchen, Knöpfe und Fadenteile. Man lieh sich bei der
Nachbarsschullehrerin eine alte eiserne Bettlade, dazu eine
Strohmatratze, das genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese
Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten
Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon setzten sich auf das sonderbare
Fahrzeug; der Sohn der befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der
eben den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten bergab in
die Einsenkung, in der sich das Schulhaus befand. Man lachte viel. Das
Bett wurde im zweiten Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug
versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der keine zu
überspannten Ansprüche an ein Bett machte, was auch Simon keineswegs
tat. Hedwig dachte im Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil
er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten Welt. Dafür bin
ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo schlafen und essen, er würde sich sicher
seiner Schwester nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen
Gedanken bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, der
ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil man ihn gerne dachte.
Simon seinerseits schämte sich ein wenig, die Güte seiner Schwester in
solcher Weise zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die
Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte sich daran,
ganz einfach! Geld hatte er wirklich keines mehr, aber er ließ sofort,
in den ersten Tagen schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare
ergehen, mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten
zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem Lande Geld! Viel jedenfalls
nicht. Nach und nach sank jede empfindliche Scheidewand zwischen den
beiden Bewohnern des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer
miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung sowie Lustbarkeiten
fröhlich miteinander.