erledigen hatte, einen Tanzsaal zu dekorieren, das heißt, dessen Wände
von oben bis unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden und
eines Tages machte sich Simon, es war ein Sonnabend, nach Feierabend auf
den Weg, um die Nacht durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von
Kaspar trennte. Warum sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern
können. Er hatte eine Landkarte zur Hand genommen und darauf mit dem
Zirkel die Zahl der Stunden, die er brauchte, um nach dem Städtchen zu
gelangen, scharf abgemessen und hatte wahrgenommen, daß er gerade in
einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte, hingelangen konnte. Der Weg
führte ihn zuerst durch die Vorstadt, wo Rosa, seine alte Freundin,
wohnte, und er verschmähte nicht, ihr im Vorbeilaufen einen kurzen
Besuch abzustatten. Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit wieder
einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen Menschen, daß er sie
so habe im Stich lassen können, sagte das aber mehr in einem
schmollenden als in einem gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen,
Simon ein Glas Rotwein zu trinken zu geben, das, wie sie sagte, ihn für
seine Nachtwanderung stärken solle. Auch briet sie ihm auf ihrem
Gasherde schnell eine Wurst, stichelte den Dastehenden, während sie
kochte, mit nicht unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er müsse
ja sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend darauf
aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht verdiene, sie nun aber
doch haben solle, wenn er künftig fleißiger zu ihr käme. Das versprach,
während er sich das Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf
seine Wanderung mit einigem Bangen vor der Anstrengung, die ihm
bevorstand, an. Aber jetzt noch feige zurückkehren und die Eisenbahn
benutzen, das mochte er doch nicht. So lief er denn vorwärts und fragte
immer wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu gehen. Bei den
Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an, hielt es in die nötige
Höhe, um zu sehen, wo der Weg weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz
rasenden Schnelligkeit, als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter
seinen Füßen entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas hatte ihn
befeuert und er wünschte nur, daß bald die Berge kämen, die zu
überwinden ihm eine Lust und Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das
erste Dorf und hatte Mühe, sich auf den verschiedenen Dorfwegen, die
alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden. Er rief deshalb einen
Schmied an, der noch hämmerte, und von diesem erfuhr er, daß er richtig
ging. Nun kam eine Landschaft, die ganz verschwommen war, weil sie aus
lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann kam eine Art
Hochebene, die etwas Schauerliches an sich hatte. Es war tiefdunkel,
kein Stern am ganzen Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber
die Wolken verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon durch einen
finsteren Tannenwald, er fing an zu keuchen und paßte besser auf seine
Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
und das langweilte ihn doch ein wenig. Der Tannenwald hörte auf, Simon
atmete freier; denn in dunklen Wäldern zu gehen, so allein, ist nicht
immer ungefährlich. Ein großes Bauernhaus stand plötzlich vor ihm wie
aus der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein, ein großer Hund
schoß hervor, sprang auf den Wanderer los, aber biß nicht. Simon blieb
ganz still und ruhig stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte der
Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen, die donnerten in
der Stille unter den raschen Schritten, denn sie waren von Holz, es
waren alte Holzbrücken mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und
Ausgange. Simon fing an, gezierte Schritte zu machen, um sich
Unterhaltung zu verschaffen. Plötzlich, auf ganz offenem, aber düsterem
Feld stand ein starker Mann vor ihm, der ihn anschrie und ihn dabei
fürchterlich anstarrte. »Was wollen Sie?« schrie Simon seinerseits, aber
er machte eine Schwenkung rund um den Mann herum und lief fort, ohne
hören zu wollen, was der Mann wollte. Sein Herz klopfte, es war die
Plötzlichkeit der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt
hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes, endlos langes Dorf.
Ein weißes, langes Kloster sah ihm entgegen und verschwand wieder. Es
ging wieder bergauf. Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende
Anstrengung lähmte seine Gedanken; stille Brunnen wechselten mit
einsamen Baumgruppen, Wälder mit Wolken, Steine mit Quellen, es schien
alles mit ihm zu gehen und hinter ihm zu versinken. Die Nacht war
feucht, finster und kalt, seine Wangen aber brannten und seine Haare
wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte er zu seinen Füßen etwas
gestreckt Liegendes, Weites, Schimmerndes und Glänzendes: es war ein
See; Simon blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem
fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm seine Füße weh,
aber er achtete nicht darauf, sondern ging weiter. Äpfel hörte er dumpf
auf die Wiesen fallen. Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren:
undurchsichtbar und dunkel. Das Dorf, das nun folgte, erweckte sein
Interesse durch die vornehmen Häuser, die es zur Schau trug. Aber hier
wußte Simon nicht mehr weiter. So sehr er suchte, den rechten Weg fand
er nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich lange zu besinnen,
die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er gegangen sein, als ihm ein
deutliches Gefühl sagte, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen
hatte, er kehrte wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine
Füße gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen. Er kam wieder
ins Dorf zurück: zwei Stunden versäumt: welche Schmach! Er fand auch
sogleich den rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief fort,
unter Bäumen, die ihr Laub fallen ließen, auf einem schmalen Seitenwege,
der ganz mit raschelnden Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen
Wald, es war ein Bergwald, der schroff in die Höhe strebte, und da Simon
keinen Weg mehr vor sich sah, ging er einfach gerade aus, suchte sich,
immer höher steigend, durch das dichteste Tannengeäst seine Bahn,
zerkratzte sich sein Gesicht, zerrieb seine Hände, aber es ging
wenigstens hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich
stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie Weide vor seinen
Augen lag. Er ruhte einen Moment: »Herrgott, wenn ich zu spät komme:
welche Blamage!« Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er
rücksichtslos seine Beine in die weiche Ackererde stampfte. Ein
bleiches, schüchternes Morgenlicht streifte von irgendwoher seine Augen.
Er sprang über Hecken, die ihn zu höhnen schienen. Auf einen Weg achtete
er schon längst nicht mehr. Eine anständige, breite Straße, das blieb in
seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach dem er sich von
Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts, in schmale, kleine
Schluchten, wo die Häuser an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch
die Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so etwas wie eine
Stadt zu sein, aber das war nur eine gierige Ahnung. Endlich fand er die
Straße. Seine Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und er
ging ruhiger, bis er einen Brunnen fand, zu dessen Röhre er sich wie ein
Wahnsinniger hinstürzte. Unten gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei
einem weißglänzenden, zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei,
dessen Verfallenheit ihn tief rührte, und wieder ging es ins offene Land
hinaus. Hier fing der Tag an zu grauen. Die Nacht schien zu erbleichen;
die lange, stille Nacht machte ein Zeichen der Bewegung. Simon stürmte
jetzt den Weg nur so beiseite. Wie bequem erschien ihm das Gehen auf
einer solchen glatten Straße, die in großen Windungen zuerst aufwärts,
dann prachtvoll gedehnt bergab führte. Nebel sanken auf die Wiesen
nieder und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem Ohr. Wie lang doch
eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er auf der Erde durchgelaufen,
saß vielleicht ein Gelehrter, vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei der
Lampe am Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam. Ebenso
wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden der erwachende Tag
vorkommen, wie jetzt ihm, dem Landstraßenläufer. Schon zündete man in
kleinen Häusern die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt
erschien, zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann mit Toren und
einer breiten Hauptstraße, in der Simon ein herrliches Haus mit Statuen
von Sandstein auffiel. Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als
Postgebäude diente. Schon gingen Menschen auf der Straße, die er fragen
konnte nach dem Weg, wie am Abend zuvor. Es ging wieder ins flache,
freie Land hinaus. Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte
Farben, entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien ein herrlicher,
blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete Simon Leuten,
namentlich Frauen, sonntäglich geputzten, die vielleicht schon von weit
herkamen, um in die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der
Tag. Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben der Straße in der
Wiese liegen, auch fielen beständig reife Früchte von den Bäumen. Es war
das reine Obstland, durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen
begegneten ihm, ganz bequemlich; die nahmen das Gehen nicht so ernst wie
er. Eine ganze Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem
Wiesenrand in den ersten Strahlen der Sonne: welches Bild der
Behaglichkeit! Eine Kuh wurde vorbeigeführt, und die Frauen sagten so
schön ›guten Tag‹. Simon aß Äpfel auf dem Weg, auch er wanderte jetzt
ruhig durch das fremde, schöne, reiche Land. Die Häuser an der Straße
waren so einladend, aber noch schöner und zierlicher waren die Häuser,
die mitten unter den Bäumen, tiefer im Land, mitten im Grün steckten.
Die Hügel gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen lockten, alles
war blau, von einem herrlichen, feurigen Blau durchzogen, auf Wagen
fuhren ganze Gesellschaften von Leuten daher und endlich sah Simon ein
kleines Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder steckte
den Kopf durch das Fenster des Hauses. Er war zur rechten Zeit
angekommen, kaum eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit. Und er
ging mit Frohlocken in das Haus hinein.
Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er alles mit großen Augen,
obschon gar nicht viel zu betrachten war. In einer Ecke stand das Bett,
aber es war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin, und das
Fenster war ein wunderbares Fenster; obgleich es nur aus einfachem Holz
war und simple Vorhänge hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch
dieses Fenster hinaus. Am Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke, auf
Stühlen herum lagen Zeichnungen und Bilder. Jedes einzelne Blatt glitt
durch des Besuchers Finger, alles war schön und so vollendet. Es war
Simon beinahe unbegreiflich, was für ein Arbeiter der Maler war, es lag
so viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig werden. »Wie
das die Natur selber ist, was du malst!« rief er aus: »Es wird mir immer
halb traurig zumute, wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist
so schön, glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr Herz,
und du malst immer Neues, willst immer Besseres, vernichtest womöglich
Vieles, das in deinen Augen schlecht geworden ist. Ich kann keines von
deinen Bildern schlecht finden, alle rühren mich und bezaubern meine
Seele. Nur ein Strich von dir oder eine Farbe geben mir von deinem
schlechthin wundervollen Talent eine feste und unerschütterliche
Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften, die so breit und warm mit
dem Pinsel gemalt sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine
Art Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt in der Kunst.
Ich verstehe die Kunst so gut und das Drängen der Menschen, das sie
ihretwegen empfinden, und die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der
Natur zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend finden, eine
Landschaft abgebildet zu sehen? Ist es nur ein Genuß? Nein, wir wollen
damit etwas erklärt finden, aber etwas, das gewiß immer unerklärlich
bleiben wird. Es schneidet so tief in uns hinein, wenn wir, an einem
Fenster liegend, träumend eine untergehende Sonne betrachten, aber das
ist noch gar nichts gegen eine Straße, in der es regnet, wo die Frauen
ihre Röcke zierlich hochheben, oder gegen den Anblick eines Gartens oder
Sees unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen eine einfache Tanne im
Winter oder gegen eine Gondelfahrt bei Nacht oder gegen eine
Alpenansicht. Nebel und Schnee entzücken uns nicht minder als Sonne und
Farben; denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und der Schnee ist
doch, zum Beispiel unter dem Blau des erwärmenden Vorfrühlingshimmels,
eine tiefe, wundervolle, beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich
das von dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst. Ich möchte
ein Stück Natur sein und mich lieben lassen, so wie du jedes Stück Natur
liebst. Der Maler muß doch wohl die Natur am heftigsten und am
schmerzlichsten lieben, viel stürmischer und zitternder und aufrichtiger
als selbst der Dichter, als zum Beispiel so ein Sebastian, von dem ich
doch hörte, daß er sich eine Hütte auf den Weiden zum Wohnen
eingerichtet hat, damit er ungestört, wie ein Einsiedler in Japan, die
Natur anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger treu an der Natur,
als ihr Maler; denn sie treten in der Regel mit verbildeten und
verstopften Köpfen an sie heran. Doch vielleicht irre ich mich, und ich
würde mich in diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet
haben, Kaspar. Du hast doch gewiß keine Ursache, dir selber Vorwürfe zu
machen. Das würde ich nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und
wahrhaftig, ich hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht,
weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein häßlicher, des
Menschen unwürdiger Zustand ist.« --
»Da hast du recht,« sprach Kaspar.
Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen alles an, was bald,
und wiederum bei der Innigkeit, womit sie es taten, doch nicht bald
geschehen war, begegneten dem Briefträger, der Kaspar einen Brief
einhändigte und eine Grimasse dazu schnitt. Der Brief war von Klara. Die
Kirche wurde bewundert und die Majestät der Stadttürme, die trotzigen
Stadtmauern, welche oft durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und
Lusthäuser am Berge, in denen das Leben ausstarb seit so langer Zeit.
Die Tannen schauten ernst auf das alte Städtchen herab, dazu war der
Himmel so süß und die Häuser schienen zu trotzen und verdrießlich zu
sein in ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und die Hügel
mit den goldenen Buchenwäldern lockten in die Höhe und Ferne hinein. Am
Nachmittag gingen die jungen Männer in den Wald. Viel sagten sie nicht
mehr. Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was er dachte
und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien es wichtiger, daß
gedacht werde, als wenn geredet worden wäre. Sie setzten sich auf eine
Bank. »Sie will nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist
unglücklich.« Simon sagte nichts, aber er empfand eine gewisse Freude
für seinen Bruder, daß die Frau unglücklich um ihn war. Er dachte: »Ich
finde es schön, daß sie unglücklich ist.« Diese Liebe entzückte ihn.
Bald wurde jedoch Abschied genommen; denn Simon mußte, und diesmal mit
der Bahn, zurückreisen.
Siebentes Kapitel.
Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen war, saß in einem
kleinen Zimmer, mit einem Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er
wußte nicht, was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er von seinem
Beruf her zu schreiben gewöhnt war, so schrieb er jetzt ganz wie
absichtslos von selber und zwar auf kleine Papierstreifen, die er sich
mit der Schere zurechtgeschnitten hatte. Draußen war nasses Wetter, und
der Mantel, mit dem Simon umhüllt war, diente dazu, einen Ofen zu
ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen, während draußen
heftige Winde wehten, die Schnee versprachen. Es war ihm behaglich
zumute, so zu sitzen und etwas zu machen und sich der Einbildung zu
überlassen, ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück an seine
Kindheit, die noch gar nicht so weit rückwärts entfernt war, und die
doch so fern lag wie ein Traum, und schrieb:
»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da dies, in meinem
jetzigen Falle, eine spannende und belehrende Aufgabe ist. Ich war ein
Knabe, der sich gern an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir
dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes und zugleich
wehmütiges Gesicht. Auch zog ich, wenn ich nur immer konnte, weiche
Filzschuhe für die Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das
Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die größte Freude. Eine
warme Stube hatte etwas Zauberhaftes für mich. Ich war nie krank und
beneidete immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für die
man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen sprach. Deshalb dachte
ich mich öfters krank und war gerührt, wenn ich in meiner Einbildung
vernahm, wie meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein
Bedürfnis darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es geschah nie. Vor
meiner Mutter fürchtete ich mich, weil sie so selten zärtlich sprach.
Ich hatte das Renommee eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit
Unrecht, aber es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran
erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden mögen; als ich aber
einsah, daß es unmöglich war, daß man mir diese Aufmerksamkeit schenke,
wurde ich ein Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern,
welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu sein. Das war
meine Schwester Hedwig und mein Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres
Vergnügen, als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah ich, daß
ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich zu machen. Von der
Schule habe ich keine große Erinnerung mehr, aber ich weiß, daß sie mir
eine Art Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich im
elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. Es war mir eine
Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause zu tragen. Ich fürchtete die
Schule und verhielt mich infolgedessen dort brav; ich blieb in der
Schule überhaupt immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen der
Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch kamen sie mir
mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer der Lehrer, ein plumper,
ungeheurer Mensch, hatte ein wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir
nie ein, daß er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern
ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher, daß er am Trunk
untergegangen wäre. Dieses Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die
Juden hielt ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es gab
etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen ich, wenn ich ihnen auf
der Gasse begegnete, erbebte. Öfters mußte ich, im Auftrage meines
Vaters, in eines der eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie
nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir dort die Tür
aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite Kleider an und brachte einen
warmen, gewürzigen Duft mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen
Abscheu hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube, ich trug
nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls sah ich mit boshafter
Bewunderung einige andere Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen,
glatte Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders machte mir
tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht und Händen, wegen der
Weichheit seiner Bewegungen und der Stimme aus seinem Munde. Er glich
völlig einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet und genoß bei
den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig machte. Ich sehnte mich
krankhaft danach, von ihm eines Wortes gewürdigt zu werden und war
glücklich, als er mich eines Tages vor dem Schaufenster einer
Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte mir, weil ich so
schön schrieb, und sprach das Verlangen danach aus, eine ebenso schöne
Schrift wie ich zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott von
Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu sein, und ich wehrte seine
Schmeicheleien errötend und selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich
erinnere mich noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit mein
Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner eigenen Mutter. Welches
Unrecht! Diesen Knaben griffen einige Spottvögel in unserer Klasse an,
indem sie die Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen und
zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern eines Knaben.
Natürlich war es nur Unsinn, aber mich traf das wie ein Donnerschlag und
ich glaubte lange Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen
verehren zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß zu
überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich war ich zu schüchtern
und stolz, ihm meine Vorliebe für ihn zu erklären, und so hielt er mich
für einen seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern. Wie
merkwürdig, jetzt das zu denken! -- Im Religionsunterricht entzückte ich
einmal meinen Lehrer, weil ich für eine bestimmte Empfindung ein
bestimmtes treffendes Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich
geblieben. In verschiedenen Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es
war immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und ich bemühte
mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. Mein Instinkt sagte
mir, daß mich die Überflügelten hassen könnten, und ich war gerne
beliebt. Ich fürchtete mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden,
weil ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse Mode
geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam es öfters vor, daß sich
intelligente und kluge Schüler aus Vorsicht einfach dumm stellten.
Dieses Verhalten, wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen
unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von Heroismus,
wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von Lehrern ausgezeichnet zu werden,
war also mit der Gefahr der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame
Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen hatte ich einen
Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit Flecken im spitzigen Gesicht,
dessen Vater ein herumsaufender Korbflechter war, den alle Leute
kannten. Da mußte nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden
Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht konnte, da er immer
Snaps statt Schnaps sagte, infolge eines armseligen Zungenfehlers. Wie
gab uns das zu lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war doch
das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger kleiner Bursche, kam
immer zu spät in die Schulstunde, weil seine Eltern ein Haus in einer
einsamen, wilden, weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten.
Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen die Hand
ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden Schlag mit dem
Meerrohr darauf zu empfangen. Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal
Tränen zu den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese Abstrafung
hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich hier nicht irgend jemand,
vielleicht den betreffenden Lehrer, wie man leicht glauben könnte,
anklagen will, sondern einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen
Zeiten. -- Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte sich,
damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand arbeitsloses,
wildes, verkommenes Volk anzusammeln, um aus Schnapsflaschen im Dickicht
zu trinken, Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, denen
das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten, und die aus den
Fetzen von Kleidern, die sie trugen, erkenntlich waren. Man nannte diese
Menschen Vaganten. Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig, Kaspar und
ich mit einem Mädchen, das wir Anna nannten, und das unserem Hause treu
war, auf einem schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in eine
Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein Mann eben eines
dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff und es einem andern Mann,
seinem Gegner, ins Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das
Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, herausspritzte. Der
Streit, dessen Ende, da wir sogleich flohen, wir nicht sahen, schien aus
Anlaß eines Weibes entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere,
große Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals gelassen
dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung zusah. Ich trug ein
tiefes Weh und einen Schauder nach Hause, der mich am Essen verhinderte
und noch lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas
Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf. --