Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände

ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide

stürzten die Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie

schlief. Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war auch

herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt am Boden liegen.

Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen,

und war, von einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare waren

aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch am Boden. Ihre

Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein verwirrtes Lächeln um

ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen sich zu

ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich

verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte

geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb

angekleidet, wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war.

Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete

erleichtert auf und schien jetzt zu schlafen. Und immer schöner lächelte

sie und fing an zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter

Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. Man horchte

gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck hätte, aus der Stadt einen

Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu

Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es wird

vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter

und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu

verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene

Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht,

lange, lange. Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz

und so schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir

zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich

wäre ertrunken. So schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf?

Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du müßtest ins

Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr? Schauert mich gar nicht

mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still,

ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse. Die

Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen

wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es

nicht mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt.

Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja

nichts mehr. Bitte, bitte« -- --

»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,«

sagte Agappaia.

Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und

wußte nichts davon, was mit ihr geschehen war. Sie hatte etwas

Kopfschmerzen, das war alles.

* * * * *

Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen Morgengewand,

das in edlen Falten frei an ihrem Leibe herunterfloß, auf dem Balkon,

der eine Aussicht auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein

leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen hin und herbogen.

Der Wald ist doch herrlich, dachte sie und beugte sich, über das

zierlich gearbeitete Geländer gelehnt, mehr nach ihm zu, um seinen Duft

näher zu haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er schon

jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im Sonnenschein, geht man in

einen Wald, wie in einen Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und

leiser sind und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen kann

und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, und es ist auch der einzige

Ort in der Welt, wo Gott nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu

haben, daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine betet nun

so, der andere so, aber alle beten. Wenn man unter einer Tanne liegt und

ein Buch liest, so betet man da, wenn Beten dasselbe ist wie das

Verlorensein in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im Wald

ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben mit stillem Entzücken hin.

Gott will nicht, daß man so sehr an ihn glaubt, er will, daß man ihn

vergißt, es freut ihn sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über

alle Begriffe gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es im

Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. Etwas

wollen, das mag für uns Menschen sein, aber für ihn ist das nichts. Für

ihn ist nichts. Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist

entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn ich jetzt

hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn auch ganz oberflächlich,

danke. Gott ist so dankbar. Ich möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er

hat uns alles gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so, daß

er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein wenig gedenken. Das

ist das Einzige an unserem Gott, daß er nur dann Gott sein will, wenn es

uns gefällt, ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr

Bescheidenheit als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? Vielleicht hat

Gott auch nur Ahnungen über uns, so wie wir über ihn, und ich spreche

zum Beispiel hier bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß

ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald wundervoll finde?

Wüßte er doch, wie schön sein Wald ist. Aber ich glaube, Gott hat seine

Schöpfung vergessen, nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames

fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint wenigstens,

daß er uns vergessen hat. Man kann alles empfinden über Gott; denn er

läßt alle Gedanken zu. Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn

denkt, deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns nicht in

Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, wenn ich im Bettchen lag, und

ich habe mich immer über mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin

ich heute glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein seliges

Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist so frisch, ich glaube, es

ist Sonntag heute, da werden die Leute aus der Stadt kommen und im Wald

spazieren, und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von

seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm spielen. Wie

ich so dasitzen kann und Freude empfinden kann um mein bloßes Dasein,

Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! Wie ich mir schön vorkomme so.

Fast könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreife jetzt

nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich jemals etwas

erschüttern konnte. Wie unerschütterlich ist der Wald und doch so

biegsam, warm, lebendig und süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch

ein Rauschen! Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig.

Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber am Morgen nie,

denn der Morgen ist mir zu heilig dafür. Wie merkwürdig frisch ich mich

fühle. Wie geheimnisvoll das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst müde

sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen und sich wie

neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein Geburtstag für uns. Wie wenn man in

ein Bad stiege, so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen

des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags kommen, bis wieder

die Sonne sehnsüchtig versinkt. Welche Sehnsucht, welches Wunder vom

Abend zum Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum Morgen. Alles

würde man wundervoll finden, wenn man alles empfände, denn es kann ja

nicht eines wundervoll sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß

gestern krank gewesen sein, und man sagt es mir nur nicht. Wie schön und

unschuldig noch immer meine Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so

würde ich ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie schön

sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose mit meinen Händen.

Was für seltsame Gedanken ich doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte

ich weinen, mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht, und

er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht habe. Wie elend mich

das auf einmal macht, zu denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin

ich denn seine Sklavin? Was geht er mich an?«

Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, Klara?«

»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. Du hattest mir gefehlt.

Ich bin glücklich, aber ich leide es nicht, daß ich allein glücklich

bin, ohne dich. Deshalb weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn fest

an sich.

Sechstes Kapitel.

Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das er führte, als etwas

Unerträgliches zu empfinden. Er fühlte, daß er bald wieder schaffen und

tagewerken mußte: »Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten.

Es beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich zu sein. Das Essen

schmeckt mir nicht mehr, die Spaziergänge ermüden mich, und was ist denn

Großes und Erhebendes daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen und

Bremsen zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen, steile Wände

hinunter zu springen, auf erratischen Felsblöcken zu hocken, den Kopf zu

stützen, ein Buch anzufangen zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu

können, dann in einem, wenn auch schönen, so doch abgelegenen See zu

baden, sich wieder anzuziehen und auf den Heimweg zu machen und dann zu

Hause den Kaspar zu finden, der ebenfalls vor Trägheit nicht mehr weiß,

auf welchem Bein er stehen und mit welcher Nase er denken soll, oder

welchen Finger er an eine seiner Nasen legen soll. Man bekommt bei

diesem Leben leicht eine Menge Nasen und möchte den ganzen Tag seine

zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken. Dabei lachen einen die

eigenen Nasen nur aus und machen die lange Nase. Nun, was ist das etwa

Göttliches, wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder mehr die lange

Nase machen. Ich illustrierte damit nur die Tatsache, daß man bei diesem

Herumlungerleben dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas wie

ein Gewissen zu machen, und zu denken, daß es wiederum bei dem

Gewissenmachen nicht bleiben darf, sondern daß man irgend etwas tun muß.

In der Sonne herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und Bücher

liest nur ein Tropf; denn das ist man, wenn man sonst weiter nichts tut.

Das Schaffen unter Menschen ist doch schließlich das allein und einzig

Bildende. Was nun tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn ich das tun

möchte bei dieser Sommerhitze, müßte ich zuerst Sebastian heißen, dann

täte ich's vielleicht. Der tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein

Mensch, der erst einen Ausflug macht, See, Wald, Berge, Bäche, Pfützen

und Sonnenschein genau studiert, eventuell Notizen macht, dann heimgeht

und einen Aufsatz darüber schreibt, den dann die Zeitungen drucken, die

die Welt bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein? Wohl, wenn ich es

verstünde, aber ich bin Stümper in diesen Sachen. Also hingehen und

wieder Buchstaben kratzen, Rechnungen ausradieren und Tinte verbrauchen.

Ja, ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre für mich ist,

wieder von vorne anzufangen, was ich einst verlassen habe. Aber es muß

sein. In diesem Falle denkt man nicht an die Ehre, sondern an das

Notwendige und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt. Wie

komme ich dazu, schon zwanzig Jahre alt zu sein? Welche Entmutigung

müßte für einen anderen darin liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun

von vorne anzufangen, da, wo man bei der Entlassung aus der Schule

stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich nehmen, da es doch

einmal sein muß. Ich will ja auch gar nicht vorwärtskommen im Leben, ich

will nur leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter gar

nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder Winter wird, und

dann, wenn es schneit und Winter ist, werde ich weiter zu leben wissen,

wird es mir zum Bewußtsein kommen, wie ich am besten weiter zu leben

habe. Es macht mir viel Vergnügen, so das Leben in kleine, einfache,

leicht zu lösende Rechnungen einzuteilen, die kein Kopfzerbrechen

machen, die sich von selber lösen. Im Winter bin ich übrigens immer

klüger und unternehmender als im Sommer. Bei der Wärme, bei all dem

Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während die Kälte und der Frost

schon von selber vorwärtstreiben. Also bis im Winter etwas Geld

zusammenscharren, und im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas

Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an, im Winter Sprachen

zu studieren, tagelang, in ungeheizten Zimmern, bis mir die Finger

abgefrören, aber der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für

solche, die sich in Sommerfrischen gütlich tun, die ein Vergnügen darin

finden, barfuß, ja nackt auf heißen Wiesen herumzuspringen, höchstens

einen ledernen Schurz um die Lenden, wie Johannes der Täufer, der

außerdem Heuschrecken soll gegessen haben. So will ich mich jetzt auf

das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen und erst wieder erwachen,

wenn der Schnee über die Erde fliegt und die Berge weiß werden und die

Nordstürme dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren und in Flammen des

Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine Glut,

unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht, oder ich müßte

nicht Simon heißen. Klara wird im Winter eingehüllt sein in dicke,

weiche Pelze, ich werde sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns

herabschneien, so leise, so heimlich, so lautlos und so warm. O,

Einkäufe zu machen, wenn es schneit in den schwarzen Straßen und die

Magazine mit Lichtern erhellt sind. In einen Laden hineinzutreten mit

Klara oder hinter Klaras Gestalt her und zu sagen: die Dame wünscht dies

und das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr Gesicht, wie

wird das schön sein, wenn wir dann wieder auf die Straße hinausgehen.

Vielleicht wird sie im Winter dann irgendwo in einem feinen Geschäft

arbeiten, wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können, außer

sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen. Agappaia jagt seine

Frau vielleicht fort, und sie wird dann gezwungen sein, irgendwo eine

Anstellung anzunehmen, was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme

Erscheinung ist. Weiter denke ich nicht. Weiter als so denkt vielleicht

Herr Spielhagen von der Aktiengesellschaft für elektrische Leuchtkörper,

aber ich nicht; denn ich bin nicht so gestellt und häufe mir nicht so

viele Verpflichtungen in der Welt an, daß ich gezwungen wäre, weiter als

so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur bald kommt.« --

Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen Maschinenfabrik, die

zur Inventuraufnahme eine ganze Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den

Abend verbrachte er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte

seinen Heimweg von der Fabrik nach Klaras Hause, indem er einen weiten

Bogen um den ganzen Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen

Waldschluchten, welche den breiten Berg durchschnitten. An einer Quelle,

bei der er stets vorbeikam, löschte er jedesmal seinen großen Durst und

lag dann auf einer einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran

erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er liebte das Übergehen des

Sommerabends in die Sommernacht, dieses langsame, rötliche Sinken der

Farben des Waldes in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er pflegte dann

ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf mehr zu machen

und sich der schönen Müdigkeit zu überlassen. Oft schien es ihm, als

zische neben ihm, in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel

aus der schlafenden Erde empor, und wenn er dahin blickte, war es der

Mond, der schwebend und schwer aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte.

Wie hing dann sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses schönen

Gestirnes. Es war ihm so sonderbar, daß diese ferne Welt gleich hinter

dem Gebüsch versteckt zu sein schien, zum befühlen und daran fassen

nahe. Alles schien ihm nahe zu sein. Was war denn dieser Begriff der

Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das Unendliche schien ihm plötzlich

das Nächste. Wenn er nach Hause kam, durch all das schwere, singende,

duftende Grün der Nacht hindurch, empfand er es als etwas

Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie jeden Abend tat,

entgegentrat, um ihn zu empfangen. Ihre Augen schienen immer geweint zu

haben, wenn sie so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie

zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen Balkon, der in

eine Art Sommerhäuschen in schwebender Höhe verwandelt war und spielten

mit winzigen Karten ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie,

oder sie ließ sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm zu guter

Letzt Gute Nacht sagte, so schlief er so wohl, als wenn es ein

Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute Nacht‹ von ihr, mit dem sie die

Macht besessen hätte, ihn an einen besonders tiefen und schönen Schlaf

zu fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den Gesträuchen, an

den Gräsern und Blättern, wenn er in sein Geschäft lief, um zu schreiben

und das Inventar der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen. Einmal, an

einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte, fand er Klara

schlafend auf dem Diwan in seinem Zimmer. Von draußen tönte eine

Handharfe aus einem der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme

Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen, und ein grünes,

heißes Licht befand sich im Zimmer. Er setzte sich neben die Schlafende

ans Fußende und sie berührte ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat

ihm so wohl, und er sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden an. Wie

schön war sie, wenn sie schlief. Sie gehörte zu den Frauen, die am

schönsten sind, wenn ihre Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete

in ruhigen Wellen; ihre Brust, die halb entblößt war, bewegte sich sanft

auf und ab; ihren herabhängenden Händen war ein Buch entfallen. In Simon

stieg der Gedanke auf, hinzuknieen und diese schönen Hände still zu

küssen, aber er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan haben, wenn

sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein! Geheime, verstohlene,

erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht meine Sachen, dachte er. Ihr Mund

lächelte, als schliefe sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses

Lächeln der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber es zwang,

hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht, auf dieses Haar und auf

diese länglichen Wangen. Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße

stärker an Simon, dann erwachte sie und schaute sich fragend um und

blieb lange an Simons Augen hängen, als verstände sie irgend etwas

nicht. Dann sagte sie: »Du, Simon! Höre einmal.«

»Was denn?«

»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause wohnen. Agappaia hat alles

verspielt und verloren. Er ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das

Haus ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein für Volkswohl

und Mäßigkeit. Die Damen gründen hier ein Waldkurhaus für das arbeitende

Volk. Agappaia hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern

angeschlossen und wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien eine

versunkene griechische Stadt zu entdecken. An mich denkt er schon gar

nicht mehr. Wie seltsam, es kränkt mich gar nicht einmal. Mein Mann war

überhaupt nie fähig, mich zu kränken. Genug! Ich werde in einem

einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt unten, und Kaspar und du, ihr

werdet mich besuchen. Ich werde eine Stelle bekleiden, irgend eine

Stelle, so wie du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll auch sogleich

dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?«

»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran, mich zu

›verändern‹. Jetzt kommt es ja von selbst. Ich freue mich sehr darauf,

dich in deinem zukünftigen Heim besuchen zu können.«

Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten dabei.

* * * * *

Geschwister Tanner · 第 6 / 22 段