»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das den Inhalt Ihres

Lebens widerspiegeln soll. Wie können Sie ein Leben wiedergeben wollen,

wo Sie doch kaum eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie stark

und jung Sie sind, und das will sich hinter den Schreibtisch verkriechen

und in Versen sein Leben besingen. Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt

sind. Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen Mann, Verse zu

verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern nur ein Schlupfwinkel für

Müßiggänger. Ich wollte nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und

abgeschlossen wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis, das

den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf Fehler, Tugenden und

Verirrungen. Sie aber scheinen noch nie gefehlt zu haben und scheinen

auch noch nie eine gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn

Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie lieber überhaupt gar

nicht.« --

Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; deshalb machte er sich

auch über ihn lustig. Für tragische Menschen fehlte ihm überhaupt jedes

Verständnis, oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand,

achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend in einer

diabolischen Laune.

Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich nicht wehren konnte,

das Wort: »Das war nichts weniger als schön gesprochen von dir, Kaspar,«

rief sie ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der

Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es macht dir Freude,

einen Menschen zu verletzen, den alle Menschen um seines Unglücks willen

schonen und achten sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch,

was du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte ich dich

für einen rohen Burschen halten, für einen Quäler. So gut man einen

armen Menschen, einen Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein

armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in den Starken die Lust

am Schmerzzufügen. Sei doch froh, wenn du dich stark fühlen kannst und

laß Schwächere in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf deine

Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache zu plagen. Warum genügt es

dir nicht, auf festen Füßen zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den

Nacken von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch mehr irr an

sich werden und hinab, ganz hinab taumeln in die Wellen des

An-Sich-Selbst-Verzweifelns? Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke

und Zielbewußtheit immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos und so

taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen doch gar nicht im Wege

sind, die dastehen und begierig auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und

des Erfolges horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut, eine sich

sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so leicht verletzbar; o man

verletze nie die Dichter. Übrigens spreche ich jetzt gar nicht von dir,

Kasparchen; denn was bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du

bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen zu

verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn du mit dem Schicksal

ringst, so laß doch andere, so wie sie's eben verstehen, auch ringen.

Ihr seid beide Ringende und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und

unklug. Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen

und Verheißungen und Mißerfolge in eurer Kunst Schmerzen genug, müßt ihr

es da darauf abgesehen haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich

würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn ich ein Maler wäre.

Man blicke auch nie zu früh verächtlich auf einen Fehlenden oder

scheinbar Trägen und Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus

langen, dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! Nun dann:

wie stehen dann die voreiligen Verächter da? Sebastian ringt ehrlich mit

dem Leben, schon das sollte ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie

kann man sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur,

Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine Spur von Liebe für

deine Schwester hegst, mich so über dich zu ereifern. Ich tu es nicht

gern. Ich schätze Sebastian, weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine

vielen Fehler einzugestehen. Übrigens, das ist alles geschwatzt und

wieder geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt, mit uns

zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, Kaspar! Weil dir ein

Mädchen, das den Vorzug genießt, deine Schwester sein zu dürfen, einen

Vortrag hält, willst du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du

darfst dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum nicht.

Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.« --

Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln spielte im Dunkeln um

Sebastians Lippen. Hedwig machte sich mit dem Bruder solange

schmeichelnd zu schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine

komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten, daß alle drei

in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Sebastian namentlich krümmte

sich vor Lachen. Allmählich war unter den Bäumen alles still und leer

geworden; die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen, die Lichter

träumten, aber es waren viele Lichter gelöscht worden, die Ferne

glitzerte nicht mehr. Dort, auf dem ländlichen Boden, schien man die

Lichter früher zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote,

schwarze Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die nicht heim

gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, die ganze Nacht unter dem

Himmel plaudernd und wachend zu verbringen.

* * * * *

Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer

Bank. Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos

plaudern mögen. Klara würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon

immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene

Manier, über Menschen zu reden, die gerade seine Gefährten waren, die

neben ihm saßen oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, er

fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum Sprechen veranlaßten, und

sprach infolgedessen über sie und nicht über Abwesende. Klara dachte nur

an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir nur über

ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist die meine. Ich

habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete

es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu schlecht wären.

Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden.

Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt

und bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast

immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann,

ein Arbeiter in der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer

eine vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich

damals keinen Sinn gehabt. Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf

und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben

und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken fest, aber ich

träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt es mir, böse zu sein,

daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe bin

ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich

möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich

erlebe sie nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes

mit mir vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir

zuwirft. Ich darf dich doch lieben, Klara, auf andere, vielleicht

dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn

du es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann ich nicht

sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich finden. Ich lege

keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem

liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß es

mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr,

das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du

die Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein

und du wirst nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir

einfallen, von mir zu verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem

Schlag, und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein Geschenk, und

so schenke ich dir mich, weil ich kein besseres Geschenk weiß. Ich kann

dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen für dich mit diesen

meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, daß

einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den Fall

kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle

Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen

solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß

nicht beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor,

als höben, als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich

dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es

kein unzartes ist, zwingt immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das

ich dir mache, ist ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der

simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn du längst nichts

mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; denn das Geschenk überdauert

immer den Beschenkten, damit es trauern kann, das es seinen Besitzer

verloren hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer jemandem

an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag lang umherirrte und niemanden

fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich

weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, dir wenig aus

mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu verachten. Ich zum

Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich

hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das Schicksal,

daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich

würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen.

Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur

stören in seiner Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und

sieh, daß du den andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun,

versteh mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu dürfen. Ich

liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern Gegenstand zu wenden.

Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so

schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So wirst

du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu

gefallen? Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu

gefallen, du hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber

keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß nicht mehr,

was ich rede.«

Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich

herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der

Nachtluft kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da

sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch,

wußte es ja doch, wußte -- es -- ja -- doch.« -- Ihre Stimme nahm

diejenige Zärtlichkeit an, die man anwendet, wenn man Tieren, denen man

ein bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit einflößen

will. Sie war glücklich, und ihre Stimme lispelte in den langgezogenen

und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen,

als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, da ich

lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben. Vielleicht

werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich

unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude,

unglücklich zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten.

Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir sprechen. Sieh, es empört mich

bereits, davon nur gesprochen zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei

mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? Du machst einen

glauben, du machst, daß man glauben darf. Bleibe immer mein Freund. Du

bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und dein

Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft liegt mir im

Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich das empfinden. Du

mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich will eure

Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich küßt,

wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich

jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt,

wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle?

Er muß anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum

sollte er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen

muß, du küssest so, daß man sich noch einmal von dir küssen läßt, so,

wie du es jetzt tust. Behalte mich lieb, sei immer so lieb, und küsse

mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung

habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so verständlich. Wir

Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen eigentlich sehr

gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen

gehen!«

Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf

die drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara.

Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten,

fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung

dieses Herrn anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen,

wenn ich es nicht ruhig dürfte?«

Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er

schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?«

fragte Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er

schießt, weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt

eine Art Idee dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird

er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara

runzelte die Stirn und seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die

sie hatte, in einem Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen,

und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.

»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der

Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau.

Diese schwieg, als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle

schlafen.

Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an

Hedwig:

»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.

Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb

ausgezogen, vor meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her

zu träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben

könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, an jedes Herz; denn alle

Menschenherzen zittern für mich vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand

reichten, sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen

Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir steht, als fänden Sie,

daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir

stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn Sie alles

wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine Geheimnisse

haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen,

damit Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden

mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von

Ihnen geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen

Mädchen um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und

auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin

werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch

Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie

wollen etwas werden, wollen etwas sein: das paßt zu Ihnen, das

entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen mache. Er entspricht auch

der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit ist.

Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich es zu

Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es

sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu

lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an

Ihren Augen, ob Sie strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern

in ihren kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht

in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist Ihre Seele verständlich.

Sie werden nicht lange mit unartigen Kindern zu tun haben; denn ich

denke mir, selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden

sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und es bereuen,

Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen, Hedwig, wie muß das

süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die

Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein kleines,

stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu

unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der

Städte. Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie sehnen

sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor

den Häusern, nach den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem

Fluß, der vorbeirauscht, nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach

den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren

auf dem Lande, nach der Welt auf dem Lande. Sie werden alles finden;

denn Sie passen dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß

finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die Frage, wie man es zu

machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und

ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn man

Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt hätte

und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet

man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt

sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe

Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das

Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine

schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt,

sagte mir einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir

sehen zu sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben

und darunter gelitten haben. Freilich; denn in der Stadt darf sich ein

Mensch nicht so stolz betragen wie auf dem Lande, wo sich eine Frau

leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit

gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme

gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch ein

Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir

erlauben, das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel

inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich ihr zu Füßen fallen und

ihre Hand nehmen und meine Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das

tun. Es gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen;

denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar

wird oft lieblos und rauh zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer

müssen oft hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt werden,

um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. Ich begreife, daß ein

Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes abschütteln muß. Sie haben

ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule

gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich mit ihm

gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt,

ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden

Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu

hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er

anderes, als Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und

gehofft, daß er gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten

sich, als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines

Tages zurückkehrte, und fingen auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut

zu nehmen; denn er ist solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen,

beständig zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich habe nicht Atem

genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu danken. Und ich weiß

nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir

wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen,

daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um demütig zu

erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber

voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut

machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie Wert darauf legen,

eine Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so

gehorche ich Ihnen. Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat?

Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und

ich möchte mich wegwerfen an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich

an Sie nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin

viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich fange an, mich zu brüsten und

stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich

schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht

schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« -- Während

die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe, die

sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen

und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen

male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht,

meine ganze Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß

es denn gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben?

Vielleicht ist es nur eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um

alles willen künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren

wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, viel einfacher,

viel weniger phantastisch, und das könnte nicht schaden. Man müßte den

Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut,

aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem entgehen? Ich fühle, daß

ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie

ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich der Kunst

gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder so

umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder

malen! Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man

muß sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist

das nicht ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch

ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen

Erfahrungen einzugeben, weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange

er lebte. Wenn ich erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel

geistvoller und gedankenvoller führen, und dieses ist mir nicht

gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und trotzdem: irgend ein

Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag lang außer

Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« -- -- --

Geschwister Tanner · 第 5 / 22 段