Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn

sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen

Frauen einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese

sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes,

armes, kleines Kind das bevormundet und überwacht werden muß?« rief es

in ihm, »und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, die doch

vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten,

freilich heroischeren Sinn?« -- Was aß nicht alles in der Eßstube, zu

einer friedlichen Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. Hatten

Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental zu essen? Und dann

Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen,

großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern im Gesicht.

Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten? Mancher im Hotel

Royal hatte gewiß auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart

herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung, aber

was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da,

arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch

solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier

Frauen von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und

blauen Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken.

Alle diese Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die

ebenfalls zu sehen waren, benahmen sich in der Regel schüchtern und

zuvorkommend. Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein

Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises und höfliches. Das

war der sichtbare Segen des Volkswohles und der Mäßigkeit. Etwas

Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas

Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren, die bunt

waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich hier

feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen,

wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer

gelangte. Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen

heftig durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer

kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück

Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche

ich mehr zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue

Frühsommerhimmel holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen

herab. Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig:

hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so

angenehm auf dem kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit dem

spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir vor wie ein Goldgräber,

der einen Schatz entdeckt hat. Das Weiß der Butter liegt entzückend

daneben, dann folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und

über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in der zierlichen,

sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das schöner und

appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit ganz

vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um

sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus

dem Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht

auch von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und

meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer

und üppiger als jene das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe

außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst

leicht den Appetit darnach verlieren. Mir liegt daran, immer und immer

wieder Lust zum Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein.

Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung mit immer neuen

Menschen.«

Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in

weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten

Mannes Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase

tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der

nicht fallen konnte, der aber doch schwer zum Fallen war. Beständig

glaubte man ihn herunterfallen sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing

immer noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen

Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem er mit der

Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem Behagen.

Aber vorher hatte er die Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen

Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er

bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als

das Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm

und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.

»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach.

»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann.

»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich

bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.«

»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten

gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein

Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß

in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat

mir Trost gespendet.«

»Waren Sie immer ein armer Mann?«

»Immer.« --

Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich

sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau

Klara. Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer,

oder den Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in

ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen

hefteten sich fest auf eine Erscheinung, die so wenig geeignet schien,

etwas in diesem Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete Dame

und war es in diesem Moment noch viel mehr. Es war gerade, auch für

Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus einem offenen, flatternden

Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und dort irgend

ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, die dort wohnen, mit seinem

bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte sich Simon immer eine

Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die nichts besitzen,

als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit Sorgen wie mit

Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz

wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes,

zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und

Welt. Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen

Menschen veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und

die Hände zu halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel

vor heftigem Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit

Schmerz etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was

es noch, außer rauher Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der

Welt gäbe. Von dieser Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden

Reizes hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß

ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich

in Sorgen, klammerte sich um Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt,

wenn vielleicht nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual

ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft man sich zu

berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke sich dazu versteigt,

mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie unwillkürlich auch

alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, die sie

alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen

festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie

schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und

lächelte die Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht,

obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie

anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu

gewöhnen und Gestalten zu fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst

überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig

geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem Blick streifte und

erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine Ecke

gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn

nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann,

dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis

schlief. Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es

war ein alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie

gegessen hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender

Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht eine lange nutzlose

Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt hinter sich. Er mochte

vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken

nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er es

vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte

seine äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die

Stadt liegt den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen

worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit

zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß sich der Greis überhaupt

vielleicht, wie man vermuten durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte,

daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur zu

denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man konnte auf

diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends eine

Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn

dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht betete er, um dem

furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu

verschaffen. Deshalb sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts

weniger als Hang zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige

Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, eine Kinder-

oder Tochterhand zu fühlen, die leise und trostvoll über seine arme,

zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte Mann Töchter

gezeugt, -- und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht

einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf

seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr

Bruder ist gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester

und dann noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was

er schuldig war, und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen

waren, bemerkte eines der bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie

rüttelte und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: »Nicht

schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da

erwachte der alte Mann.

* * * * *

Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am

schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn

man hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen,

spazierte, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im

Feuer der untergehenden Sonne und später brannte sie, schwarz und

dunkel, in der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne im

Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. Der See glitzerte im

Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten in der Tiefe des stillen

Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken

ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen Boote

vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch

erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden,

flachen Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der

Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und

warm, dunkel und herzenergreifend. Wie weit klang das einfache

Instrument, von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch

größer und tiefer dadurch zu werden. Aus der weiten Uferferne

schimmerten die Lichter der ländlichen Ansiedelungen herüber, als wären

sie blitzende, rötliche Steine im dunklen, schweren Gewand von

Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein

schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen Himmels

breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der

See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See

Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von

Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen

Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an

flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch

nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behielten, die hinter

ihnen hergingen, immer etwas zögernd und dann wieder vorstürmend, bis

sie schließlich den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen.

Manch einem wurde an diesem Abend der Kopf gewaschen, wie man sich

auszudrücken pflegt.

Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem Bruder, der beständig

fragte und fragte, durch treffende und einfache Antworten die

Überzeugung beizubringen, daß er ein noch durchaus nicht verlorner

Mensch sei. Er sprach mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem

Tone der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchen Dingen doch wie

ein ungeschultes Kind fragte, aber eine liebevolle Besorgnis an den Tag

legte. Sie sprachen in schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von

selber, und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so

manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon, seinen Verhältnissen

gemäß, darüber spotten und lachen würde. »Ich habe dich lange nicht für

so ernst gehalten, als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist

nicht meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen Dingen

besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, denn ich denke, was

nützt es, eine ernste Miene aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu

bestimmt, ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu spielen.

Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen will ich in allererster

Linie meinen Nacken beugen. Es bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im

übrigen soll mir einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos den

Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen gesagt, wie es in

dieser Beziehung mit meinem Inneren steht.« -- Wenn Simon so sprach,

redete er in fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber völlig

ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche nicht als Weltgroll

empfand, sondern als ein gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele

nach Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur Welt. Er

überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige Eigenschaften besaß, aber er

fürchtete ein bißchen, daß diese Eigenschaften nur oberflächlich,

scheinbar nur spielend und lockend und tanzend ihn umgaben, während er

wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich

solch eine Seele ja so leicht in eine Welt der Bravheit und schönen

Tüchtigkeit hinein, um sich daran selber für Stunden zu berauschen,

namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch

hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach mit sichtlichem Vergnügen

allerhand Schönes und Tröstendes zu ihm. Hinter ihnen, in einiger

Entfernung, gingen, eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler

war berauscht von der Schönheit und von der Musik der Nacht. Er

phantasierte von Pferden, die durch nächtliche Gärten galoppierten,

schöne, schlanke Reiterinnen tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen

der Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem frechen,

unbändigen Lachen, über die Menschen, über die Landschaft, einfach über

alles, was ihm vor das Auge kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu

besänftigen, im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit

eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche, das Freche, ja

sogar das Sich-Überhebende in dieser Knabennatur, die sich

hinüberarbeitete zur Mannesnatur. Er mochte das Tollste schwatzen, das

ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und

blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was hatte dieser

Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön finden mußte, in allen

Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen, Tun, Lassen, Reden und

Stillschweigen? Er schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen

andern Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. Sein

Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas Läppisches und

zugleich Gebietendes. Der ganze junge Mensch nicht die Spur des

Aufgeregtseins und doch etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So

gelassen und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine Haare im Dunkel

hell hervorleuchteten, jugendlich und wellenhaft. Dazu sein Schritt und

das Tragen des Kopfes mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden

Stolz. Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand dachte.

Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihn immer an, immer! Hier, in

dieser Nacht voll umherwandelnder Menschen war es schön, zum vergehen

schön, ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, als ihn

küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; gewiß dachte er weiter

nichts, nein, gar keine Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen,

die den Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen waren kalt

und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten sie dort Besseres zu sehen.

Sie schienen zu sprechen: »Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch

nicht, ihr andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen, was

wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend leicht und wie

besorgt, als wenn sie Engel gewesen wären, über ihre Kinder, die Augen,

die so aussahen und in die Welt blickten, als könnten sie jeden

Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen Auge ist leicht

verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, so tut es mir auf einmal so

weh, so, als sähe ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so

groß, treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern, sind so

achtlos und immer so groß geöffnet; wie leicht können sie verletzt

werden!« jammerte sie. Sie wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber

was machte das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das mußte

so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen Simon und Klaus

zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. Klara beherrschte sich, so

gut sie konnte, nahm Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß mich

in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, Simon, Augen, in deren

Anblick man liegt wie im Bett, wenn alles beruhigt ist und man betet,«

sprach sie zu ihm.

Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten einander nicht mehr

verstehen, seit vor ein paar Jahren ein kleiner Zwist zwischen ihnen

ausgebrochen war, und seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch

nie geschrieben. Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während Kaspar es

einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen ließ. Er sagte sich, daß es

ganz in der Ordnung der Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht

begriffen zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden nach

vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens, eben weil sie vorüber

waren, als für weiterer Gedanken nicht wert hielt. Seine Art war,

geradeaus zu marschieren; er hielt das Zurückblicken auf alte

Beziehungen für schädlich. Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar

gegenüber unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des Bruders zu

sprechen und ermunterte ihn, doch einmal nach Italien zu gehen, um da

die gehörige Reife als Künstler zu erlangen.

Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel geholt werden! Nach

Italien! Warum nach Italien? Bin ich krank, und soll ich etwa gesund

werden in dem Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn nach

Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es mir hier ganz gut

gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht Besseres tun, als malen, und

kann ich etwa hier nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien

ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht schön genug?

Kann es dort schöner sein, als hier, da, wo ich bin, wo ich schaffe, wo

ich tausend Schönheiten sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert

bin? Ist es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen will? Sind

in Italien die Schönheiten schöner als hier? Sie sind vielleicht nur

anspruchsvoller, und eben deshalb will ich sie lieber gar nicht sehen.

Wenn ich in sechzig Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke,

einen Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wir sehen, ob es

klug getan war, nicht in Italien gewesen zu sein. Kann mir etwas

entgehen, diese Tempelsäulen, diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen

und Bogen, diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten

und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man mit den Augen denn

alles auffressen wollen? Ich könnte jedesmal außer mir geraten, wenn man

mir zumutet, die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu

werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, wenn

wir turmhoch dumm sind. Kommen die Italiener zu uns, wenn sie malen oder

dichten wollen? Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen

berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn ich ehrlich mit mir

abrechnen will, bereichert? Nein, ich habe ihn bloß verpfuscht und feige

gemacht. Mag eine alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen

sein, mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht überragen, so

schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie ein Maulwurf darin herum,

sondern betrachte sie eben, wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus

Büchern, die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert

ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; denn ich erblicke

rund um mich, in unserer oft als so unschön und unhold verschrieenen

Gegenwart Bilder die Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide

Augen zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und aus der Haut

fahren bei dieser Italienraserei, die etwas seltsam Beschämendes für uns

ist. Es kann sein, daß ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen

Teufel, und wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre

scheußlichen Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.«

Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars Heftigkeit, die Dinge zu

messen. So war er immer gewesen, und auf diese Art konnte es nicht

vorauszusehen sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm

treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; denn man war vor der

Wohnung Klausens angekommen.

In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte er sich: »So habe ich ihn

nun zum zweiten Male verloren, durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte,

aber in der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn zu wenig,

das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie kennen lernen. Unsere

Lebensläufe sind zu verschieden. Aber vielleicht führt uns ein anderes

Mal die Zukunft, die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten und

es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch zu werden.« Er kam

sich so einsam vor und beschloß, bald wieder abzureisen, an seinen

Wirkungsort zurück.

Fünftes Kapitel.

Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von einer kleinen Bühne

herab dem Publikum vortrug. Er pflegte sich dabei durch sein Ungestüm

immer ein wenig lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen

Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris gelebt und war

mit zwanzig zurückgekommen. Sein Vater war Musikdirektor in der kleinen

Stadt, wo auch Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. Dort

trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen, saß oder lag

tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten Kammer, ausgestreckt auf

einem schmalen Bett, in dem er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu

nehmen, es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern hielten

ihn für verloren und ließen ihn tun, was er wollte. Geld gaben sie ihm

nicht, denn sie hielten es für unangebracht, mit Geldspenden den

Ausschweifungen ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt

wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian nicht mehr zu

bewegen; er trieb sich, irgend ein Buch unter dem Arm oder in der

Tasche, auf den Bergen, in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang

nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur einigermaßen es

gestattete, in verfallenen, von keinem Menschen, nicht einmal von wilden

und rauhen Hirten benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher

lagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug immer

denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch, ließ sich den Bart

wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert darauf, angenehm und sauber zu

erscheinen. Seine Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den

er einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt war, daß er

dichtete, so verbreitete sich um seine Person ein halb lächerlicher,

halb wehmütiger Zauberschein, und es gab viele vernünftige Menschen in

der Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten und sich seiner,

wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. Man lud ihn, da er ein

vortrefflicher Gesellschafter war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein,

und entschädigte ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt

weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung hätten

befriedigen können. Sebastian besaß in hohem Grade diesen Drang, aber er

war zu sehr aus dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen

Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, und nun, da er

einsah, daß sein Streben ihm nichts half, mochte er gar nicht mehr

streben. Er spielte seine eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch

auf der Laute und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das einzige

Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan hatte, bestand

darin, daß man ihn, schon als Schulknaben, verhätschelte und ihm half,

sich einzubilden, daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie

bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche Knabenherz

hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten den Umgang mit dem frühreifen,

allesverstehenden Knaben, der ihnen einen unvergleichlichen Reiz

einflößte, auf Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian

pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt längst hinter mir.« Es war

schrecklich, einen so jungen Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was

er auch machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem,

kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er spielte bloß noch

mit sich. Hedwig sagte einmal zu ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube,

Sie weinen oft über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte

es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm manchmal etwas an Geld oder

dergleichen zu, um ihm das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm

sie ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren Brüdern. An dem

Abend, an dem Klara so selig war, Klaus traurig und einsam, Simon

glücklich, Kaspar aufgebracht und übermütig, wandelten die beiden,

Hedwig und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls am Ufer

entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg man eben. Kaspar kam ihnen

entgegen:

Geschwister Tanner · 第 4 / 22 段