»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte Kaspar, indem er

neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er

in seiner frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer,

trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein

Satan in seine Kunst verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und

sie sind es auch, aber er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer

wieder ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, wie er, muß eine

Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von Vernunft läßt sich

nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur selber,

foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine

Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen

Auffassung von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als

wir beide Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den

Wiesen herum, unter den Bäumen, die ich immer nur in vollster

prangendster Blütenpracht vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle«

Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner

blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand,

deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar, sieh einmal

diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel

hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder

zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich

bissig und schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob

nur die mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein

Talent litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es

schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete und

versiegte wie ein Quell, der von der Sonne verbrannt und ausgesogen

wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu

verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft

aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich mehr, wie ich nur so

leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber er achtete

mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst

mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung

nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe,

um zu etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den

der übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und

müsse. Er glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem

verbohrten Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste

ich weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer

über meine Abreise klangen. Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch

ein wenig munter erhalten hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn

nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. Er tat es

auch. Er war immer hinter mir wie mein leibeigener Schatten, so oft ich

ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied die

Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von ihnen von der

Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden. Infolgedessen

lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich

behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener

in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die

Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick

meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir

zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten

hohen Berge geht es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich

wieder hinauf. Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen,

ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme der Beine,

weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: wirklich, seine Kräfte waren

bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages

erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen Bergweide stehend,

vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner Heimat. Erwin

schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön.

Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf. Die

Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der

ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die

Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen

ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, mit entzückend

zierlichen Uferbildungen, und so weit in der Ferne, und doch so nah.

Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause

an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den ich brachte.

Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der Zeit an

ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr

brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem

Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller

von ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange

hielt es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied.

Meiner Schwester hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie

komisch das alles ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr

ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft

mit meiner Schwester ausgedacht. Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte

einige Sorge, meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. Aber

sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. Er durfte

sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich vor wie ein

Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß

Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein

Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das

immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er

mich einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich

an,« rief ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach

Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren.

Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte

ich ihm die Kälte, denn es war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten

gegenüber warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die ich nicht

beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch jetzt antworte ich

nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch zu

antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine

gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so

inniges Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke,

wo wir zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber.

Man muß schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht

zum Bemitleiden.«

»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte,

daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn

pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie

tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich

kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da

Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was

für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!«

Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut

Sie sind!« --

Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler

Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an

der Haustür.

»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«

»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.

Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er

plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er

auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er

hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der

Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er,

wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie.

Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters

im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und

widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn

alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie

Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte

sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann

werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau.

Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch

fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig

geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig,

eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige.

Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses

Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja

sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das

Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen

Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen

Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle

fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu

schlafen.« -- aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun

hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen

wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den

Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur

Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind

im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst

und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit

der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst

immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist

etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel

gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen

vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn

man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt,

jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein

armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein

Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins.

Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal

im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe

das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal

horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden

in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich

etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man

hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine

dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich

jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber

nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt

mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen

Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure

unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt,

Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. -- --

Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas

vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen

Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er

zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich

an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe

begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu

haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon

die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog

und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein

Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.

»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten,

die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele

erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß

ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und

Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so

lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und

so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst

du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß

es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder,

wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle mir von

dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann

dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen.

Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich.

Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das

Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht

versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein,

sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen

haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange,

daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft

er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir.

Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«

In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab,

ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang

machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich

nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu

einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde

wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem

Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich

sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas

Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist

da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel

heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine,

geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich,

und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib,

noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald

so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele

an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die

meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse

Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die

Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras

in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja

auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke,

dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin.

Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein

Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder

Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« --

Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.

Viertes Kapitel.

An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot

auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel.

Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze

Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara

war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an

den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie

abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer

schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen

Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie

schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war

heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau

des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen.

Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es

sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch,

wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft

fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst,

doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die

Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich

nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben

Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken

liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang

mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die

Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von

irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und

in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine

unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es

wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren,

hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von

einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock

ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle

diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach

allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke

von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder

dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das

Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein

Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie

kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger

bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die

Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die

andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und

ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau

in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von

Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech

abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen sich die Menschen zu

empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf

Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte,

ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon

seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und

ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde

Herr hieß Sebastian.

* * * * *

Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer

Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen.

Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen

mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und

Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das

Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle

zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der

Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen

zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die

kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier

verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe,

einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen

und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen

übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie

schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam

sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach

noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes

Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher,

der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit

zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch

eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell.

Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung

bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der

Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber

sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz

dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren,

mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und

zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der

Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame

setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen,

die es verzehrten.

Geschwister Tanner · 第 3 / 22 段