neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er
in seiner frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer,
trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein
Satan in seine Kunst verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und
sie sind es auch, aber er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer
wieder ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, wie er, muß eine
Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von Vernunft läßt sich
nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur selber,
foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine
Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen
Auffassung von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als
wir beide Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den
Wiesen herum, unter den Bäumen, die ich immer nur in vollster
prangendster Blütenpracht vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle«
Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner
blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand,
deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar, sieh einmal
diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel
hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder
zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich
bissig und schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob
nur die mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein
Talent litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es
schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete und
versiegte wie ein Quell, der von der Sonne verbrannt und ausgesogen
wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu
verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft
aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich mehr, wie ich nur so
leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber er achtete
mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst
mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung
nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe,
um zu etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den
der übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und
müsse. Er glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem
verbohrten Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste
ich weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer
über meine Abreise klangen. Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch
ein wenig munter erhalten hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn
nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. Er tat es
auch. Er war immer hinter mir wie mein leibeigener Schatten, so oft ich
ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied die
Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von ihnen von der
Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden. Infolgedessen
lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich
behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener
in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die
Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick
meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir
zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten
hohen Berge geht es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich
wieder hinauf. Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen,
ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme der Beine,
weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: wirklich, seine Kräfte waren
bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages
erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen Bergweide stehend,
vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner Heimat. Erwin
schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön.
Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf. Die
Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der
ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die
Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen
ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, mit entzückend
zierlichen Uferbildungen, und so weit in der Ferne, und doch so nah.
Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause
an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den ich brachte.
Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der Zeit an
ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr
brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem
Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller
von ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange
hielt es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied.
Meiner Schwester hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie
komisch das alles ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr
ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft
mit meiner Schwester ausgedacht. Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte
einige Sorge, meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. Aber
sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. Er durfte
sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich vor wie ein
Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß
Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein
Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das
immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er
mich einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich
an,« rief ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach
Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren.
Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte
ich ihm die Kälte, denn es war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten
gegenüber warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die ich nicht
beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch jetzt antworte ich
nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch zu
antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine
gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so
inniges Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke,
wo wir zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber.
Man muß schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht
zum Bemitleiden.«
»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte,
daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn
pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie
tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich
kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da
Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was
für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!«
Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut
Sie sind!« --
Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler
Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an
der Haustür.
»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«
»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.
Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er
plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er
auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er
hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der
Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er,
wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie.
Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters
im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und
widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn
alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie
Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte
sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann
werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau.
Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch
fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig
geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig,
eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige.
Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses
Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja
sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das
Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen
Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen
Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle
fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu
schlafen.« -- aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun
hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen
wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den
Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur
Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind
im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst
und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit
der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst
immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist
etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel
gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen
vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn
man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt,
jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein
armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein
Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins.
Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal
im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe
das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal
horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden
in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich
etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man
hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine
dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich
jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber
nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt
mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen
Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure
unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt,
Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. -- --
Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas
vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen
Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er
zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich
an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe
begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu
haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon
die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog
und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein
Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.
»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten,
die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele
erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß
ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und
Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so
lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und
so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst
du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß
es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder,
wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle mir von
dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann
dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen.
Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich.
Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das
Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht
versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein,
sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen
haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange,
daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft
er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir.
Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«
In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab,
ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang
machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich
nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu
einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde
wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem
Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich
sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas
Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist
da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel
heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine,
geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich,
und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib,
noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald
so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele
an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die
meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse
Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die
Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras
in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja
auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke,
dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin.
Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein
Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder
Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« --
Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.
Viertes Kapitel.
An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot
auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel.
Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze
Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara
war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an
den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie
abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer
schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen
Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie
schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war
heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau
des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen.
Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es
sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch,
wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft
fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst,
doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die
Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich
nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben
Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken
liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang
mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die
Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von
irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und
in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine
unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es
wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren,
hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von
einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock
ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle
diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach
allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke
von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder
dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das
Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein
Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie
kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger
bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die
Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die
andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und
ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau
in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von
Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech
abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen sich die Menschen zu
empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf
Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte,
ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon
seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und
ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde
Herr hieß Sebastian.
* * * * *
Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer
Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen.
Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen
mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und
Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das
Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle
zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der
Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen
zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die
kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier
verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe,
einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen
und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen
übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie
schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam
sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach
noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes
Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher,
der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit
zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch
eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell.
Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung
bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der
Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber
sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz
dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren,
mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und
zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der
Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame
setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen,
die es verzehrten.