Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang, ein großes Gebäude von

palastähnlichem Aussehen, in welchem hunderte von jungen und alten,

männlichen und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute

schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen,

auch wohl bisweilen mit ihren Gedächtnissen, dachten mit ihren Gedanken

und machten sich nützlich mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche

junge, elegante Korrespondenten, die vier bis sieben Sprachen schreiben

und sprechen konnten. Diese schieden sich durch ihr feineres,

ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk aus. Sie waren schon auf

Meerschiffen gefahren, kannten die Theater in Paris und New-York, hatten

in Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man sich in Kairo

vergnügte. Nun besorgten sie hier die Korrespondenz und warteten auf

Gehaltserhöhung, während sie spöttisch von der Heimat sprachen, die

ihnen ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund zumeist aus

älteren Leuten, die sich an ihre Posten und Pöstlein wie an Balken und

Pflöcken festhielten. Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen

und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten und

zerknickten Kleidern. Es gab aber etliche intelligente Leute unter

ihnen, die vielleicht im Geheimen seltsamen, kostbaren Liebhabereien

frönten und so ein wenn auch stilles und abgelegenes so doch immerhin

würdiges Leben führten. Viele von den jungen Angestellten waren dagegen

feinerer Zeitvertreibe nicht fähig, diese stammten meist von ländlichen

Grundbesitzern, Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab, waren, da sie in

die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines Wesen anzunehmen, was

ihnen jedoch schlecht gelang, und kamen über eine gewisse tölpische

Grobheit nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen von

zartem Betragen, die seltsam abstachen von den andern Flegeln. Der

Direktor der Bank war ein alter, stiller Mann, der überhaupt nie gesehen

wurde. In seinem Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des ganzen

ungeheuren Geschäftsganges ineinandergeworfen zu liegen. Wie der Maler

in Farben, der Musiker in Tönen, der Bildhauer in Stein, der Bäcker in

Mehl, der Dichter in Worten, der Bauer in Strichen Landes, so schien

dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter Gedanke von ihm, zur guten Zeit

ausgedacht, brachte in einer halben Stunde dem Geschäft eine halbe

Million. Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht

nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz im stillen, und alle

seine Untergebenen wußten nichts davon, gingen, wenn die Glocke zwölf

schlug, zum Essen, kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden,

gingen fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf, gingen

wieder, wie am gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen die Arbeit wieder auf

und keiner wußte, denn keiner hatte Zeit, etwas von diesem

Geheimnisvollen in Erfahrung zu bringen. Und der stille, alte, grämliche

Mann dachte im Direktionszimmer. Für die Angelegenheiten seiner

Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln. Es hatte etwas

Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und Gesetzgeberisches. Simon

versuchte oft, sich in Gedanken an die Stelle des Direktors zu setzen.

Aber im allgemeinen verschwand ihm dieses Bild, und wenn er darüber

nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder Begriff: »Etwas Stolzes und

Erhabenes ist dabei, aber auch etwas Unbegreifliches und beinahe

Unmenschliches. Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und Rechner,

ja sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu demselben Tor in dasselbe

Gebäude hinein, um zu kritzeln, Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu

fuchteln, zu büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier

in den Händen herumtragen. Tun sie das etwa gern, tun sie es

notgedrungen, tun sie es mit dem Bewußtsein, etwas Vernünftiges und

Fruchtbringendes zu verrichten? Sie kommen alle aus ganz verschiedenen

Richtungen, ja einige fahren sogar mit der Eisenbahn aus entfernten

Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es noch Zeit ist, vor Antritt

einen privaten Gang zu unternehmen, sie sind so geduldig dabei wie eine

Herde von Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder in ihre

speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe Zeit, finden sie sich

alle wieder ein. Sie sehen sich, erkennen sich am Gang, an der Stimme,

an der Manier, eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander zu

tun. Sie gleichen sich alle und sind sich doch alle fremd und wenn einer

unter ihnen stirbt oder eine Unterschlagung macht, so verwundern sie

sich einen Vormittag lang darüber, und dann geht es weiter. Es kommt

vor, daß einer einen Schlaganfall bekommt während des Schreibens. Was

hat er dann davon gehabt, daß er fünfzig Jahre lang im Geschäft

»arbeitete«. Er ist fünfzig Jahre lang jeden Tag zu derselben Türe ein

und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen

Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche Anzüge

gewechselt und sich öfters darüber gewundert, wie wenig Stiefel er des

Jahres verbrauche. Und jetzt? Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und

leben nicht tausende von Menschen so? Sind vielleicht seine Kinder ihm

der Lebensinhalt, ist seine Frau die Lust seines Daseins gewesen? Ja,

das kann es sein. Ich will lieber über solche Dinge nicht klugreden,

denn mir will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich noch jung bin.

Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum Fenster hinausspringen, so

weh tut mir dieses lange, lange Glieder-Nicht-Bewegen-dürfen. Ein

Bankgebäude ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme sich eine

Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen Wiese aus? Vielleicht würde

meine Schreibfeder mir wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene

Blume vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht muß das

alles so sein, vielleicht hat alles einen Zweck. Ich erblicke nur nicht

den Zusammenhang, weil ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist

wenig entmutigend: vor den Fenstern dieser Himmel, im Gehör dieses süße

Singen. Die weißen Wolken gehen am Himmel und ich muß da schreiben.

Warum habe ich ein Auge für die Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher wäre,

so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder, Männer und Damen, diese

gingen im Frühlingstag in meinen Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich

würde den Frühling empfinden, wenn ich meinen Schuh an dem fremden Fuß

erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.«

Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig über seine weichen Gefühle.

* * * * *

Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon auf der abendlich

beleuchteten Brücke ein Mensch, der vor ihm mit langen Schritten

daherging, auf. Die Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm

einen süßen Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang, dieses Paar Hosen,

diesen sonderbaren Kessel von Hut, die flatternden Haare erkennen zu

sollen. Der fremde Mann trug eine leichte Malmappe unter dem Arm. Simon

ging mit etwas rascheren Schritten, von zitternden Ahnungen befallen,

und plötzlich, mit dem Schrei »Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den

Hals. Kaspar umarmte seinen Bruder. Sie gingen laut miteinander

plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen ziemlich steilen Weg

den Berg hinauf zu machen, über dessen Abhang sich die Stadt mit Gärten

und Villen hinzog. Ganz oben am Berge schauten ihnen die kleinen,

verfallenen Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende Sonne flammte in

den Fenstern und machte sie zu strahlenden Augen, die starr und schön in

die Ferne blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über die

Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder Teppich, die

Abendglocken, die immer anders sind als Morgenglocken, tönten herauf,

der See lag schwach gezeichnet, in seiner zarten unaussprechlichen Form

zu Füßen der Stadt, des Berges und der vielen Gärten. Noch blitzten

viele Lichter nicht, aber die, die leuchteten, brannten mit einer

herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen gingen und liefen jetzt

da unten in all den krummen, versteckten Straßen, man sah sie nicht,

aber man wußte es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt

herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging schweigend. Er war

ein prachtvoller Kerl geworden. »Wie er daherschreitet,« dachte Simon.

Endlich kamen sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande wohnst du?«

lachte Kaspar. Sie traten beide ins Haus.

Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte, ging in ihren großen

müden Augen ein seltsames Flammen auf. Sie schloß ihre Augen und bog

ihren schönen Kopf auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große

Freude empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen, es erschien wie

etwas ganz anderes. Sie versuchte unbefangen zu sein, zu lächeln, wie

man zu lächeln pflegt, wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie

vermochte es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich so müde.

Wie sonderbar. Ich weiß wirklich nicht, was ich habe.« Die beiden

suchten ihr Zimmer auf: Der Mond beleuchtete es. »Wir zünden gar kein

Licht an,« sagte Simon, »laß uns so zu Bette gehen.« -- Da klopfte

jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte, draußen stehend: »Habt ihr

auch alles Notwendige, fehlt euch nun nichts?« -- »Nein, wir liegen

schon im Bett, was könnte uns fehlen.« -- »Gute Nacht, Freunde,« sagte

sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie wieder und ging. »Sie

scheint eine seltsame Frau zu sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie

beide.

Drittes Kapitel.

Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften aus der Mappe und

es fiel zuerst ein ganzer Herbst heraus, dann ein Winter, alle

Stimmungen der Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von

allem dem, was ich gesehen habe. So schnell das Auge eines Malers ist,

so langsam, so träge ist seine Hand. Was muß ich noch alles schaffen!

Ich meine oft, ich müßte verrückt werden.« Alle drei, Klara, Simon und

der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde wenig, aber nur in Ausrufen

des Entzückens gesprochen. Plötzlich sprang Simon zu seinem Hut, der auf

dem Boden des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig auf den Kopf,

stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich habe mich verspätet.«

»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen Manne nicht

vorkommen!« wurde ihm auf der Bank gesagt.

»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene trotzig.

»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen! Machen Sie, was Sie

wollen!«

Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet. Dieser beschloß, den

jungen Mann zu entlassen, er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz

leiser, sogar gütiger Stimme. Simon sprach:

»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt man vielleicht, daß man

mir damit einen Schlag versetzt, daß man meinen Mut knickt, mich

vernichtet, oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, man

schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder, nach so langer Zeit, einen

Tropfen Hoffnung ein. Ich bin nicht dazu geschaffen, eine Schreib- und

Rechenmaschine zu sein. Ich schreibe ganz gern, rechne ganz gern,

betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen mit Anstand, bin gern

fleißig und gehorche, wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft.

Ich würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen wissen, wenn es

darauf ankäme, aber es kommt mir hier seit einiger Zeit nicht mehr

darauf an. Als ich mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig

und ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften Besorgnis

erfüllt, machte mir keine Vorwürfe, oder höchstens den Vorwurf, daß ich

noch immer der dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt,

springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man aufzieht und die eben

läuft, wenn sie aufgezogen wird. Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie

besitzen, mich zu entlassen, und bitte Sie, von mir zu denken, was Ihnen

beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter, verdienstvoller, großer

Mann, aber, sehen Sie, ich möchte auch so einer sein, und deshalb ist es

gut, daß Sie mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche Tat,

daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft benommen habe.

In Ihren Bureaus, von denen man solches Aufheben macht, in denen so gern

jeder beschäftigt sein möchte, ist von einer Entwicklung eines jungen

Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den Vorzug zu genießen, der

mit der Auszahlung eines festen monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich

verkomme, verdumme, verfeige, verknöchere dabei. Sie werden es

überraschend finden, mich solcher Ausdrücke bedienen zu hören, aber Sie

werden es zugeben, daß ich die völlige Wahrheit spreche. Hier kann nur

einer ein Mann sein: Sie! -- Kommt Ihnen nie der Gedanke, es möchten

sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die den Drang haben,

auch Männer zu sein, wirkende, schaffende, achtunggebietende Männer. Ich

kann es unmöglich hübsch finden, so ganz in der Welt auf der Seite zu

stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein unzufriedener und wenig

anstellbarer Mensch zu sein. Wie groß ist hier die Versuchung zur Furcht

und wie klein die Verlockung, sich aus dieser jämmerlichen Furcht

loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses beinahe

Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man dazu sagen, was man nur

immer will. Sie, Herr Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie

sichtbar, man weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man gehorcht gar

nicht, sondern stumpft nur seinen eigenen schwachen Angewöhnungen nach,

die das richtige treffen. Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit

und Trägheit neigende junge Leute. Hier wird nichts verlangt von all den

Kräften, die möglicherweise den jungen Mannesgeist beseelen, nichts

erforderlich gemacht, was einen Mann und Menschen auszeichnen könnte.

Weder Mut noch Geist, weder Treue noch Fleiß, weder Schaffenslust noch

Begierde nach Anstrengungen können einem hier helfen, sich

vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt, Kraft und Fülle zu zeigen.

Natürlich, es muß ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen,

trocknen, erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr, ich

gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln

oder etliche Säcke Kohlen auf meinem Rücken zu schleppen. Ich liebe

jedwelche Arbeit, nur solche nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche

verfügbare Kräfte angespannt werden.«

»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht verdient haben, ein

Zeugnis ausstellen?«

»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. Wenn ich kein Zeugnis,

als höchstens ein schlechtes verdient habe, will ich gar keines. Ich

selbst stelle mir von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von

nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand nach meinen

Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen, klarblickenden Menschen den

allerbesten Eindruck hervorrufen. Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen

wegzugehen, denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur an meine eigene

Feigheit und Furcht erinnern, an einen Zustand der Trägheit und

Kraftentäußerung, an die Zeit der nutzlos dahingelebten Tage, an die

Nachmittage voll wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen,

aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie die Absicht hatten,

mich in freundlicher Weise zu entlassen, das zeigt mir, daß ich einem

Manne gegenübergestanden bin, der vielleicht einiges von dem, was ich

sprach, begriffen hat.«

»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach der Direktor, »Sie

untergraben sich Ihre Zukunft!«

»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint

mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat,

und hat man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt

nur zu denken.«

»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie

interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde

ich mit Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie

Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es

sich immerhin gut gehen.«

Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, und er befand sich

bald draußen auf der Straße. Vor einer Konditorei erblickte er einen

Mann auf- und abgehen, wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem,

vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der Mann erweckte sein

Interesse. Es war, auf den ersten Blick, ein abschreckend häßlicher

Mensch, mit einem ganz ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem

Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem Ausdruck in den

Augen. Sein Gang war geziert, aber edel, seine Kleidung fein und

geschmackvoll. In der Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien

ein Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der ganze Mann,

wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes, Herzenbewegendes. Es schien,

daß man es wagen durfte, diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und

Simon tat es.

»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres anzureden. Ich habe eine

Vorliebe für Sie gewonnen, sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre

Bekanntschaft zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht genügender

Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie sind, auf offener Straße

anzusprechen? Sie sehen so aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie

irgend jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. Es ist

ein solches Gewimmel von Menschen hier, daß es schwer sein wird für Sie

allein, die betreffende Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen

helfen, wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen den

Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht. Ist es eine Dame?«

»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr lächelnd.

»Wie sieht sie aus?«

»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. Große, schlanke

Erscheinung. Große Augen, die, wenn Sie sie erblicken, Ihnen noch

nachsehen, lange, lange, wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den

Hals trägt sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren lange,

herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von goldenen, einfachen Reifen

umschlossen. Ich meine die Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas

Volles, Ovales, Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund,

obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes und

Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens trägt sie gern

einen breiten Hut mit herabhängenden Federn. Der Hut scheint dem Kopf

und dem Haar nur so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch

nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein Windspiel bei

sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt. Sie geht nie aus ohne den

Hund. Ich werde auf diesen Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich

bin Ihnen dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß Sie mich

schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren. Das Gewirr von Menschen

wird wirklich immer größer. Es scheint hier ein Fest zu sein.«

»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich um Feste wenig zu

bekümmern.«

»Warum denn?«

»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!« Damit ging Simon

durch die dichten Menschenmassen so schnell als möglich hindurch. Von

allen Seiten wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber auch

er drängte und er fand es höchst belustigend, so das Gewühl von Leibern

und Gesichtern langsam zu durchqueren. Endlich gelangte er auf eine Art

Insel, das heißt, auf einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich

umsah, erblickte er plötzlich Frau Klara. Sie hatte wirklich einen Hund

bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte er sich nie um die Frau näher

gekümmert, wußte also auch nicht, daß sie die Gewohnheit hatte, mit

ihrem Hund auszugehen.

»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte.

»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen Sie, wir gehen

zusammen. Er ist von der Reise plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein

Wort zu schreiben. So macht er es immer. Wie haben Sie seine

Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem Auftrag Damen zu

suchen? Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung

haben Sie aufgegeben? Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen? Kommen Sie!

Hier durch! Hier ist besser durchkommen. Ich werde Sie meinem Mann

vorstellen.«

* * * * *

Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. Kaspar wurde davon

benachrichtigt und er fand sich zur bestimmten Stunde vor dem Theater,

das sich als ein weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein.

Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen, leeren Raum hin.

Doch der Raum belebte sich alsobald, denn es erschien eine Tänzerin mit

nackten Beinen und Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war

von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand umhüllt,

das, so schien es, die Linien des Tanzes noch einmal für sich, in der

schwebenden Luft, nachzeichnete. Man empfand die völlige Unschuld und

Grazie dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein, in der

Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und unrein-Beabsichtigtes zu

finden. Ihr Tanz löste sich oft in ein bloßes Schreiten auf, doch auch

dieses blieb Tanz, und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von

ihren eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn sie zum

Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß krümmte, so geschah das in

einer so neuen, unbefangenen Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich

das einmal gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt?

Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres und Naturgemäßes. Gewiß,

ihre Kunst war vielleicht, streng nach Ballettregeln genommen, nicht

allzugroß, ihr Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können und

Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die Kunst, mit ihrer bloßen,

mädchenscheuen Anmut zu entzücken. Wenn sie niederflog, so geschah es so

süß-schwer, und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte alle

Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung. Wenn sie sich

bewegte, war sie auch erregt von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und

ihre Erregung erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre Hände

glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben. Das Mädchen lächelte,

wenn es tanzte, es mußte glücklich dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde

als höchste Kunst empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen,

wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie schien wie

ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem niedern Ufer zerschlägt

und verspritzt, bald floß sie wie eine breite, sonnige, machtvolle Welle

dahin, wie eine Welle mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel

von Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer so seelenvoll.

Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten mit Lust und mit Schmerzen mit.

Einigen preßte der Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des

Mit-Entzückens, Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, da das

Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende Frauen sich

stürmisch erhoben, dem Mädchen mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in

den Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« schien aller

Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine Tochter, wenn du's

wolltest, zu nennen,« schienen die Damen zu jubeln. Das hundertköpfige

Zuschauerpublikum sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß die

Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele Arme bogen sich, wie wenn sie

hätten liebkosen mögen, in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten.

Man rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst die kalten,

goldenen Figuren der Dekoration schienen lebendig werden zu wollen und

den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen

zu lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie gesehen. Klara war

sehr entzückt, wer hätte es an diesem Abend nicht sein können. Nur Herr

Agappaia blieb still und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine

solche Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« »Aber

schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und Glanz der Freude, dieses

Schimmern des Entzückens, das Kalte und Warme, das Bestimmte und

Verschwommene, Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das

schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die Bühne, der kleine

Brennpunkt und das kleine, selige Mädchen darauf, die Kleider der Damen,

die Gesichter der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar,

es würde sehr schwer sein.«

Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft denkt, da draußen

liegen sie, die Wälder und Hügel und die weiten Wiesen, und man sitzt

hier in einem glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber

alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen, sondern auch das

Bewegliche und Kleine, was die Menschen erschaffen. Ein Theater ist auch

Natur. Was die Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas

freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so fein werden wie sie

will, sie bleibt doch Natur, denn sie ist doch nur die langsame

Erfindung durch Zeiten, und zwar von Wesen, die an der Natur immer

hangen werden. Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur, denn

Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und diese haben Sie doch von der

Natur bekommen. Nein, wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer

recht zu gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn irgendwo

müssen die Menschen gebetet haben, sonst werden sie schlecht. Wenn wir

nun lieben, was uns am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere

Jahrhunderte stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der Erde

gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das Leben schneller und

seliger empfinden macht, den wir also packen und ergreifen müssen,

tausendmal, in tausend Momenten, was weiß ich!« -- -- --

Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe ich auch etwas

Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.

Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus dem Theater heraus und

befanden sich auf dem Nachhauseweg.

Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.

»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.

Geschwister Tanner · 第 2 / 22 段