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Geschwister Tanner
Roman
von
Robert Walser
Zweite Auflage
Verlag von Bruno Cassirer
Berlin
Erstes Kapitel.
Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler
ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er
wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen,
sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn
auf, zu sprechen. »Ich will Buchhändler werden,« sagte der jugendliche
Anfänger, »ich habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon
abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel
stellte ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht,
warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten
muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen
dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu
verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin
der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell,
kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und
doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise
herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und
kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu
erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen,
was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin,
einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so
verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der
Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch
ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf
gewisse arme Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort:
meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Wage des
Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir
ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich
werde schönes Maß halten, dessen seien Sie zum voraus versichert.« --
Der Buchhändler sah den jungen Mann aufmerksam und verwundert an. Er
schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein _Vis-à-vis_, das so hübsch
sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
nicht genau zu beurteilen, es verwirrte ihn einigermaßen und aus dieser
Befangenheit heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein junger
Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?« Der Angeredete erwiderte:
»Geeigneten Ortes? Ich weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen!
Mir würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar nicht erkundigen
wollten. Bei wem sollte das sein, und was für einen Zweck könnte das
haben? Man würde Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn
das auch, Sie meinetwegen zu beruhigen? Was wüßten Sie von mir, wenn man
Ihnen zum Beispiel auch sagte, ich sei aus einer sehr guten Familie
entsprossen, mein Vater sei ein achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige,
hoffnungsvolle Menschen und ich selber sei ganz brauchbar, ein bißchen
flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht unberechtigt, ein bißchen dürfe
man mir schon vertrauen, und so weiter? Sie wüßten doch nichts von mir
und hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich nun mit mehr Ruhe in
Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen. Nein, Herr, Erkundigungen taugen
in der Regel keinen Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich mir Ihnen, dem
alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen darf, entschieden
davon ab, weil ich weiß, daß, wenn ich geeignet und beschaffen wäre, Sie
zu hintergehen und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf Informationen,
auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem Maße täte, je
besser besagte Erkundigungen lauten würden, die dann nur gelogen hätten,
weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut zu bezeigen als die
meisten andern Prinzipale, mit denen ich zu tun hatte, und mich einfach
auf den Eindruck hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem
würden einzuziehende Erkundigungen über mich nur schlecht lauten, um
offen die Wahrheit zu sagen.«
»So? Warum denn? --«
»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr der junge Mensch fort,
»bald weitergegangen, weil es mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte
versauern zu lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben, wenn es
auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten Schreibstuben waren, zum
Beispiel gerade Bankanstalten. Gejagt hat man mich bis jetzt noch
nirgends, ich bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus
Stellungen und Ämtern heraus, die zwar Karriere und weiß der Teufel was
versprachen, die mich aber getötet hätten, wenn ich darin verblieben
wäre. Man hat, wo ich auch immer gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt
bedauert und mein Tun beklagt, mir eine schlimme Zukunft versprochen,
aber doch den Anstand besessen, mir Glück auf meine fernere Laufbahn zu
wünschen. Bei Ihnen (und des jungen Mannes Stimme wurde auf einmal
treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es sicherlich jahrelang
aushalten können. Jedenfalls spricht vieles dafür, Sie zu veranlassen,
einmal einen Versuch mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre
Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht Tage in meinem
Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie, und machen Sie dann Miene, weiter
bei mir zu bleiben, so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen
Worten, die zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige Entlassung
bedeuteten, klingelte der alte Herr an der elektrischen Leitung, worauf,
wie von einem Strom herbeigeweht, ein kleiner, ältlicher, bebrillter
Mann erschien.
»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!«
Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe geworden.
Simon, ja so hieß er nämlich. --
* * * * *
Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder Simons, der in einer
Residenzstadt wohnhafte und dort namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen
wegen seines jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller,
pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn seine Brüder
so wie er, der Älteste, im Leben einen festen, achtunggebietenden Boden
unter die Füße bekommen hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall,
wenigstens bis jetzt, ja so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor
Klaus anfing, in seinem Herzen sich Selbstvorwürfe zu machen. Er sagte
sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige sein sollen, der schon längst
allen Grund hätte haben müssen, diese Brüder auf die rechte Bahn zu
leiten. Ich habe es bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur diese Pflicht
versäumen und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende von kleinen und
großen Pflichten, und es mochte bisweilen den Anschein tragen, als sehne
er sich nach noch mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die
sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe
zusammenstürzendes Gebäude von lauter sauren Pflichten stürzen, aus
Angst, es möchte vorkommen, daß ihnen eine geheime, wenig bemerkbare
Pflicht davonliefe. Sie schaffen sich viele unruhige Stunden wegen
solcher unerfüllten Pflichten, denken nicht daran, daß eine Pflicht
immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet und glauben, schon
etwas wie eine Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie sich wegen deren
dunklen Vorhandenseins ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen sich
leicht in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber
nachdächten, in Gottes Welt gar nichts angeht, und wollen auch gern
andere so sorgenbelastet sehen. Sie pflegen mit Neid auf Unbefangene und
Pflichtenfreie zu blicken und sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu
schelten, weil sie so schön, mit so leicht erhobenem Kopf, durch das
Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des öftern zu einer gewissen
kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit, aber immer wieder kehrte er zu den
grauen, trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem dunklen
Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal die Lust zum
Abbrechen, damals als er noch jung war, aber ihm fehlte die Kraft,
etwas, das wie eine mahnende Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu
lassen und darüber mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten.
Wegwerfung? O, er warf nie etwas weg! Es hätte ihn, so deuchte ihn, wenn
er es einmal versuchen wollte, von unten bis oben zerschnitten; er würde
immer des Weggeworfenen mit Schmerz gedacht haben. Er warf nie etwas weg
und er verlor sein junges Leben damit, zurechtzulegen und zu
untersuchen, was nie der Untersuchung, Prüfung, Liebe und Beachtung wert
war. So war er denn älter geworden, und weil er denn doch durchaus nicht
etwa ein empfindungs- und phantasieloser Mensch war, machte er sich oft
schwere Vorwürfe darüber, daß er die Pflicht versäumte, selbst ein
bißchen glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues
Pflichtversäumnis und bewies nur auf das Allertreffendste, daß es eben
Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten zu erfüllen, ja, daß es
solchen am leichtesten vorkommen kann, über ihre Hauptpflichten
hinwegzusehen, um erst später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden
ist, ihrer wieder zu gedenken. Doktor Klaus war mehr als einmal traurig
über sich, wenn er des lieblichen Glücks gedachte, das ihm entschwunden
war, des Glücks, sich mit einem jungen, lieben Mädchen verbunden zu
sehen, das natürlich ein Mädchen aus tadelloser Familie hätte sein
müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut seiner selber gedachte,
schrieb er an seinen Bruder Simon, den er aufrichtig lieb hatte und
dessen Betragen in der Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr
folgendermaßen lautete:
Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich schreiben zu wollen.
Vielleicht geht es Dir nicht gut und schreibst deshalb nicht. Du bist
wieder, wie nun schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit,
ich habe es zu meinem Leidwesen erfahren müssen, und zwar von fremden
Menschen. Von Dir darf ich, wie es scheint, keine aufrichtigen Berichte
mehr erwarten. Glaube nur, dies schmerzt mich. Es sind jetzt so viele
Dinge, die mich nur unangenehm berühren, mußt auch Du, von dem ich mir
immer vieles versprach, dazu beitragen, meine Stimmung, die aus vielen
Ursachen keine rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe noch, aber laß mich,
wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb hast, nicht allzulang
vergeblich auf Dich hoffen. Mache doch einmal etwas, das einen
berechtigen könnte, an Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch
zu glauben. Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde,
einen hellen Kopf, bist auch sonst klug, und in allen Deinen Äußerungen
spiegelte sich immer der gute Kern wieder, den ich in Deiner Seele von
jeher wußte. Warum nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser Welt
einmal kennst, immer wieder so wenig Ausdauer, so rasch wieder der
Sprung in etwas anderes? Ängstigt Dich Dein eigenes Betragen gar nicht?
Ich muß Kraft in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden
Berufswechsel, der zu nichts in der Welt taugt, ertragen kannst. Ich an
Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt haben. Ich verstehe Dich
wirklich nicht in diesem Punkt, aber ich gebe gerade aus diesem Grunde
keineswegs die Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn
ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest die Erfahrung
gemacht haben, daß ohne Geduld und guten Willen auf der Welt nichts zu
erreichen ist. Und Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz
unehrgeizig kenne ich Dich wenigstens nicht. Mein Rat ist nun der: Harre
aus, füge Dich drei oder vier kurze Jahre unter eine strenge Arbeit,
folge Deinen Vorgesetzten, zeige, daß Du etwas leisten kannst, aber
auch, daß Du Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine Bahn eröffnen,
die Dich durch die ganze bekannte Welt führt, wenn Du Lust zum Reisen
hast. Welt und Menschen werden sich Dir in ganz anderer Weise zu
erkennen geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der Welt etwas
bedeuten kannst. So, scheint es mir, wirst Du vielleicht weit mehr
Genugtuung am Leben finden, als selbst der Gelehrte, der, obschon er die
Fäden, an denen alles Leben und Wirken hängt, genau erkennt, doch an die
enge Welt seines Studierzimmers gefesselt bleibt, wo ihm, wie ich aus
eigener Erfahrung sagen darf, oft nicht behaglich zumute ist. Noch ist
es Zeit, daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger Kaufmann werden kannst,
und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade der Kaufmann Gelegenheit
hat, sein Leben zu einem von Grund aus lebensvollen Leben zu gestalten.
Wie Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und durch die
Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht hätte ich da früher,
viel früher eingreifen, hätte Dir mehr mit Taten als mit bloßen,
ermahnenden Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei Deinem
stolzen Sinn, der darauf gerichtet ist, Dir immer und überall selber zu
helfen, hätte ich Dich vielleicht eher kränken als Dich wirklich
überzeugen können. Was tust Du jetzt mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch
davon. Ich verdiene es vielleicht, um der Sorge willen, die ich mir
Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger und mitteilsamer mir
gegenüber wirst. Ich selber, was bin ich denn für einer, daß man sich
hüten sollte, mir unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin
ich Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu meiden? Etwa den
Umstand, daß ich der »Ältere« bin und vielleicht etwas mehr weiß, als
Du? Nun denn, so wisse, daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden,
und unvernünftig und unwissend. Ich bin nicht ganz so froh, lieber
Bruder, wie es der Mensch sein sollte. Ich bin nicht glücklich.
Vielleicht ist es zu spät für mich, noch glücklich zu werden. Ich bin
jetzt in einem Alter, wo der Mann, der noch kein eigenes Heim hat, nicht
ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt, die die Wonne
genießen, über der Leitung ihres Haushaltes eine junge Frau besorgt zu
sehen. Ein Mädchen zu lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir
versagt. -- Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin es,
der Dich wieder aufsucht, der Dir schreibt, der hofft, es werde ihm
freundlich und zutraulich geantwortet. Du stehst vielleicht reicher da,
als ich, hast mehr Hoffnungen und viel mehr Recht, solche zu hegen, hast
Pläne und Aussichten, von denen ich mir nicht einmal etwas träume, ich
kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie wäre das auch möglich nach
Jahren der Trennung. Laß mich Dich wieder kennen lernen und zwinge Dich,
mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine Brüder alle
glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls froh wissen. Was macht
Kaspar? Schreibt Ihr Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne auch
von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder. Vielleicht sprechen wir bald
einmal miteinander. Dein Klaus.
Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es Abend wurde, zu seinem
Prinzipal ins Kabinett und hielt diesem folgende Ansprache: »Sie haben
mich enttäuscht, machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es
läßt sich nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft wieder aus
und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen. Bitte, lassen Sie mich
ausreden. Ich weiß nur zu genau, was ich will. In den acht Tagen ist mir
der ganze Buchhandel zum Greuel geworden, wenn er darin bestehen soll,
vom frühen Morgen bis am späten Abend, während draußen die sanfteste
Wintersonne scheint, an einem Pult zu stehen, den Buckel zu krümmen,
weil das Pult viel zu klein für meine Figur ist, zu schreiben wie der
verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung zu erfüllen, die
sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich kann ganz anderes leisten, mein
Herr Buchhändler, als was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können.
Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante Menschen
bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen zu Käufern, wenn sie im
Begriffe sind, den Laden zu verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme
Gelegenheit, einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels zu
werfen und die Züge der Welt im Gesichte und Gang des Geschäftes zu
erhaschen. Aber nichts von alledem. Glauben Sie, es stände so schlimm
mit meiner Jugend, daß ich nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen
Bücherladen zu verkrümmen und zu ersticken? Sie irren sich zum Beispiel
auch, wenn Sie der Meinung sind, der Buckel eines jungen Menschen sei
dazu da, um krumm zu werden. Warum haben Sie mir nicht ein gutes,
anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult angewiesen? Gibt es
nicht prachtvolle Schreibpulte nach amerikanischem Schnitt? Wenn man
schon einen Angestellten will, so meine ich, muß man ihn auch
unterzubringen wissen. Das wußten Sie, wie es scheint, nicht. Weiß Gott,
es wird alles mögliche von einem jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue,
Pünktlichkeit, Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und
Zielbewußtheit und wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je ein,
irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal zu verlangen. Soll ich
meine Kräfte, meine Lust, tätig zu sein, meine Freude an mir selber, und
das Talent, daß ich das so glänzend imstande bin, an ein altes, mageres,
enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe ich das täte, könnte es mir
vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen und meine Freiheit
vollends zu verkaufen, nur um sie überhaupt nicht mehr zu besitzen. Ich
bin nicht gern, gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem, lieber
will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört mir meine Seele
wenigstens noch an. Sie werden denken, es zieme sich wenig, so heftig zu
reden, und dies sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede:
Wohlan, ich schweige, bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt, und Sie
werden mich nie wieder zu Gesicht bekommen.«
Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen, stillen,
schüchternen Menschen, der während der acht Tage so zuverlässig
gearbeitet hatte, nun in solcher Weise sprechen zu hören. Aus dem
anstoßenden Arbeitsraume sahen und horchten einige fünf
zusammengedrängte Köpfe von Beamten und Handlungsdienern der Szene zu.
Der alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen vermutet hätte, Herr
Simon, würde ich mich besonnen haben, Ihnen in meinem Geschäfte Arbeit
zu geben. Sie scheinen ja ganz merkwürdig wankelmütig zu sein. Weil
Ihnen ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze nicht
passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen Sie denn her und gibt es dort
lauter junge Leute von Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir
altem Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht, was Sie in Ihrem
unreifen Kopf eigentlich wollen. Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von
mir wegzugehen, hier ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir
nicht Freude gemacht.« Der Buchhändler zahlte ihm sein Geld aus, Simon
strich es ein.
Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines Bruders auf dem Tisch
liegen, er las ihn und dachte dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch,
aber ich werde ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage zu
schildern, sie ist auch gar nicht des Beschreibens wert. Zu Klagen habe
ich keinen Anlaß, zu Freudesprüngen ebensowenig, zu schweigen allen
Grund. Es ist wahr, was er schreibt, aber eben deshalb will ich es bei
der Wahrheit bewenden lassen. Daß er unglücklich ist, hat er mit sich
selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht, daß er so sehr unglücklich
ist. Das klingt in Briefen so. Man wird während des Schreibens einfach
fortgerissen zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen will die Seele
immer zu Wort kommen und sie blamiert sich in der Regel. Ich schreibe
also lieber nicht.« -- Damit war die Sache abgetan. Simon war voller
Gedanken, schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er ganz unwillkürlich
auf schöne Gedanken. Am nächsten Morgen, die Sonne blendete hell,
meldete er sich beim Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß
und schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut und pflegte mit
ihm mit einer Art spöttischer, hübscher Vertrautheit zu verkehren. »Ah,
Herr Simon! Sind Sie wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie
denn?«
»Ich suche eine Stelle.«
»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle gesucht bei uns, man
möchte versucht sein, zu sagen: Sie suchen mit einer unheimlichen
Schnelligkeit Stellen.« Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben
Lachens war er doch nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt beschäftigt,
wenn man Sie fragen darf?«
Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es stellte sich heraus, daß
ich alle Eigenschaften besitze, um die Kranken pflegen zu können. Warum
staunen Sie so sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich
seltsam, wenn ein Mann in meinem Alter verschiedenen Berufsarten
nachgeht, wenn er den Versuch macht, sich den verschiedenartigsten
Menschen nützlich zu erweisen? Ich finde das hübsch an mir, weil ich
dabei etwas tue, was einen gewissen Mut erfordert. Mein Stolz wird in
keiner Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir etwas darauf
ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können und nicht vor
Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die meisten Menschen
zurückschrecken. Man kann mich brauchen, diese Gewißheit genügt mir, um
meinen Stolz zu befriedigen. Ich will nützlich sein.«
»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf geblieben?« fragte
der Mann.
»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf zu verbleiben,«
erwiderte Simon, »und es fiele mir niemals ein, wie so viele andere, auf
einer Berufsart ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett. Nein,
das bringe ich, und wenn ich tausend Jahre alt werde, nicht fertig.
Lieber gehe ich unter die Soldaten.«
»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so weit kommt.«
»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit den Soldaten ist eine
flüchtige Redensart von mir, die ich mir angewöhnt habe, um meine Reden
zu beschließen. Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege. Ich
kann, wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen, ihm auf dem Felde
helfen, daß die Ernte beizeiten unter Dach kommt, er wird mich
willkommen heißen und meine Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben,
gutes Essen, denn man kocht gut auf dem Lande, er wird mir, wenn ich von
ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand drücken, und seine junge
Tochter, ein frisches, bildschönes Mädchen, wird mir zum Abschied
zulächeln, in einer Weise, daß ich lange daran denken muß, während ich
weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch wenn es regnet oder gar
schneit, wenn man seine gesunden Glieder hat und sich weiter keine
Sorgen macht. Sie, in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie
köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie staubig, so sind sie
es eben, wer frägt da lange darnach. Nachher sucht man sich an einem
Waldrande ein kühles Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt,
die herrlichste Aussicht genießt, wo die Sinne auf eine natürliche Weise
ausruhen und die Gedanken nach Lust und Geschmack denken können. Sie
werden mir entgegenhalten, das könne ein anderer, zum Beispiel Sie
selber, auch haben, während Ihrer Ferien. Aber Ferien, was ist das!
Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit Ferien nichts zu tun haben.
Ich hasse die Ferien geradezu. Verschaffen Sie mir nur nicht einen
Posten mit Ferien. Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich
würde sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben kämpfen,
bis ich meinetwegen umsinke, will weder Freiheit noch Bequemlichkeit
kosten, ich hasse die Freiheit, wenn ich sie so hingeworfen bekomme, wie
man einem Hund einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn
Sie etwa denken, Sie hätten in mir einen Menschen vor sich, den es nach
Ferien gelüstet, so irren Sie sich, aber ich habe leider alle Ursache,
zu vermuten, Sie denken so von mir.«
»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten zu besetzen, für
ungefähr einen Monat. Paßt Ihnen das?«
»Gewiß, mein Herr.«
Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente dort ein ganz hübsches Geld
und war ganz glücklich. Nie erschien ihm die Welt schöner, als während
dieser Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften, schrieb
leicht und mühelos den Tag über, rechnete Rechnungen nach, schrieb nach
dem Diktat, was er außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem
Erstaunen ganz reizend, so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft um ihn
bekümmerte, trank jeweilen nachmittags seine Tasse Tee, und träumte,
während er schrieb, zum luftigen, hellen Fenster hinaus. Träumen, und
doch seine Pflicht nicht hintenansetzen, das verstund er prächtig. »Ich
verdiene so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine junge Frau damit
haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn er arbeitete, zum Fenster
hinein, das entzückte ihn sehr.
Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte sich Simon
folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine lange, rote Nase und ist ein
Tyrann, aber ich komme sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein
mürrisches, gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie gut ich
mich allen seinen, und oft ungerechten Geboten unterziehe. Ich liebe es,
wenn es ein wenig scharf zugeht, das paßt mir, das schwingt mich bis zu
einer gewissen warmen Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust. Er hat
eine schöne, schlanke Frau, die ich malen möchte, wenn ich ein Maler
wäre. Sie hat, glauben Sie es nur, wunderbar große Augen und herrliche
Arme. Oft macht sie sich etwas bei uns im Bureau zu schaffen; wie muß
sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen. Ich zittere, wenn ich
solche Frauen sehe und bin doch glücklich. Lachen Sie? Ihnen gegenüber
bin ich leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich hoffe, Sie
sehen das gerne an mir.«
Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr war. Sie war ein
merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen hatten einen wundervollen Glanz, und
ihre Lippen waren geradezu schön.
Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht Uhr zur Arbeit gehe, fühle
ich mich so schön verwandt mit allen denen, die ebenfalls morgens um
acht Uhr anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne Leben!
Und doch wie schön und gedankenvoll ist gerade diese Einförmigkeit. Man
sehnt sich beständig nach etwas, das an einen herantreten sollte, das
einem begegnen müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer
Teufel, kommt sich so verloren vor in all der Gebildetheit, Geordnetheit
und Exaktheit. Ich steige die vier Treppen hinauf und trete ein, sage
guten Tag und beginne mit meiner Arbeit. Du guter Gott, wie wenig muß
ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man doch von mir. Wie wenig
scheint man zu ahnen, daß ich noch ganz anderes fähig wäre. Aber mir
behagt jetzt diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner
Arbeitgeber. Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe alle
Aussicht ein Denker zu werden. Ich denke oft an Sie!«
Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren Sie fort, es
interessiert mich, was Sie da sagen.«
»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon weiter, »ich kann da
bei Ihnen sitzen, und es hindert mich niemand daran, stundenlang mit
Ihnen zu plaudern. Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden, daß
ich nicht ohne Anmut spreche, und ich muß jetzt innerlich furchtbar
lachen, weil ich das gesagt habe. Aber ich sage eben alles, was mir
gerade durch den Sinn schießt, wäre es auch zum Beispiel gerade ein
Eigenlob. Ich kann mich auch mit ebensolcher Leichtigkeit tadeln, und es
freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit habe. Sollte man denn nicht
alles aussprechen dürfen? Wie vieles geht verloren, wenn man es erst
langsam prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich spreche,
und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben heraus. Wenn ich eitel
bin, so muß eben meine Eitelkeit ans Licht treten, wäre ich geizig, der
Geiz spräche aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne Zweifel
die Honettheit aus meinem Munde tönen, und würde mich Gott zu einem
braven Menschen gemacht haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was
ich auch immer spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos, weil
ich mich und uns ein wenig kenne und weil ich mich davor schäme, im
Gespräch Furcht zu bezeigen. Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden
beleidige, verletze, kränke oder ärgere, kann ich den üblen Eindruck
nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen? Ich denke über mein
Sprechen erst nach, wenn ich auf dem Gesicht meines Zuhörers unangenehme
Falten sehe, so wie jetzt auf Ihrem Gesicht, Rosa.«
»Das ist etwas anderes.« --
»Sind Sie müde?«
»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich bin allerdings jetzt müde.
Sie sind hübsch, wenn Sie sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.«
Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand entgegen, dieser
küßte die Hand, sagte gute Nacht und ging fort. Als er weg war, weinte
die kleine Rosa lange still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten,
einen jungen Mann mit Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt,
edelgeschnittenem Mund, aber liederlicher Lebensart. »So liebt man die,
die es nicht wert sind,« sagte sie für sich, »und doch, liebt man etwas
deshalb, weil man einen Wert abschätzen möchte? Wie lächerlich. Was geht
mich das Wertvolle an, wo ich das Geliebte haben möchte.« Dann ging sie
zu Bett.
Zweites Kapitel.
Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde, vor einem
eleganten, freigelegenen Hause, das einen Garten hatte, ziemlich
schüchtern an. Ihm war, als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er
es läuten hörte. Wenn er jetzt drinnen im Hause zum Beispiel als
Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht gerade beim Mittagstisch, würde
er, sich zu seiner Frau träge umwendend, gefragt haben: Wer klingelt
denn jetzt, gewiß ein Bettler! »Vornehme Leute,« dachte er, während er
wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in der Kutsche, oder
beim Anziehen, wo ihnen Diener und Dienerinnen behilflich sind, dagegen
Arme immer draußen in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen, wie
ich jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme Leute haben in
der Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen, Reiche kalte, weite,
geheizte, gepolsterte und vernagelte! Ach, wenn nur rasch jemand
herbeigesprungen käme, wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen
Türe Warten hat etwas Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz meinem
bißchen Welterfahrung, auf schwachen Beinen.« -- In der Tat, er
zitterte, als ein Mädchen herbeisprang, um dem Draußenstehenden zu
öffnen. Simon mußte immer lächeln, wenn jemand ihm eine Tür öffnete und
ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht ohne dieses Lächeln
ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah, und das vielleicht bei
vielen Menschen zu beobachten ist.
»Ich suche ein Zimmer.«
Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab, die den Ankommenden
aufmerksam prüfte. Simon war es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte,
daß sie ein Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre
Freundlichkeit nicht verlor.
»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.«
Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte dabei zum ersten Male in
seinem Leben mit der Hand eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen
Mann das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete.
»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich überrascht war,
»viel zu schön für mich, leider, viel zu fein für mich. Sie müssen
wissen, ich bin ein so wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch.
Und doch, ich würde sehr gerne darin wohnen, allzugerne, viel,
vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan gewesen, mir
dieses Gemach zu zeigen. Viel besser, Sie würden mich zu Ihrem Hause
hinausgewiesen haben. Wie komme ich dazu, meine Blicke in einen so
heiteren, schönen, wie als Wohnung für einen Gott geschaffenen Raum zu
werfen. Welch schöne Wohnungen bewohnen doch die Wohlhabenden, die, die
etwas besitzen. Ich habe nie etwas besessen, bin nie etwas gewesen, und
werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas sein. Welch schöne
Aussicht aus den Fenstern, und so hübsche, glänzende Möbel, und so
reizende Vorhänge, die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich würde
hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden, wenn es wahr ist, wie
man sagen hört, daß Umgebungen den Menschen verändern können. Darf ich
es noch ein wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen bleiben?«
»Gewiß dürfen Sie das.«
»Ich danke Ihnen.«
»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf, inwiefern sind Sie
»nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?«
»Ich bin ohne Stelle!«
»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt drauf an!«
»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf ich, wenn ich ohne
Falsch sprechen soll, auch nicht sagen. Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie
verläßt sie mich. -- Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher
Mensch, dem es nicht einmal von ferne einfällt, seine jetzigen kargen
Tage mit den früheren glänzenden zu vergleichen. Er lebt wie ein Junger
von fünfundzwanzig Jahren und gibt sich in keiner Weise Gedanken über
seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn nachzuahmen. Wenn er bei
seinem schneeweißen Alter noch munter sein kann, so muß es dreißig-, ja
hundertmal seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf hoch zu tragen
und die Menschen mit Augen wie der Blitz anzuschauen. Aber die Mutter
gab mir, und meinen Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf die
Welt. Die Mutter ist gestorben.«
Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes Ach aus dem Munde.
»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder sprechen immer und immer
über sie, wann und wo wir auch immer zusammentreffen. Wir leben
zerstreut auf dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn wir
haben alle solche Köpfe, wissen Sie, die nicht lange zueinander taugen.
Wir haben alle eine etwas schwere Art, die hinderlich sein würde, wenn
wir verbunden unter den Menschen aufträten. Das tun wir gottlob nicht,
und jedes von uns weiß genau, warum wir es nicht tun wollen. Doch lieben
wir uns, wie es sich geziemt. Einer meiner Brüder ist ein nicht
unbekannter Gelehrter, ein anderer ist ein Spezialist im Börsenfach,
wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder, weil ich ihn mehr
als einen Bruder liebe, und es mir, wenn ich an ihn denke, nicht
einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben an ihm, als eben den
Umstand, daß er der meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst
nichts. Mit diesem Bruder zusammen möchte ich hier bei Ihnen wohnen.
Groß genug wäre das Zimmer. Aber es geht wohl nicht gut. Wieviel kostet
es?«
»Was ist Ihr Bruder?«
»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das Zimmer verlangen? -- -- So
viel? Es ist sicherlich nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns
ist es viel zu viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich Sie
eindringlich anschaue, sind wir zwei Menschen nicht dazu geeignet, in
diesem Hause aus- und einzugehen, als ob wir darin ansässig wären. Wir
sind noch so grob, wir würden Sie enttäuschen. Auch haben wir die
Gewohnheit, mit Bettbezügen, Möbelstücken, Wäschegegenständen,
Fenstervorhängen, Türklinken, Treppenabsätzen hart umzugehen, das würde
Sie erschrecken, Sie würden uns böse werden, oder Sie würden vielleicht
verzeihen, ein Auge bemühen zuzudrücken, was noch schmählicher wäre. Ich
möchte nicht veranlassen, daß Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher,
sicher! Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe es zu deutlich. Wir haben, im
Grunde genommen, für alles feine Wesen auf die Länge wenig Hochachtung
übrig. Dergleichen Menschen, wie wir sind, müssen vor reichen
Gartengittern stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über den
Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu machen. Wir sind
Spötter! Adieu!«
Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen Glanz angenommen, und nun
sagte sie auf einmal: »Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie
annehmen. Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen schon einig
werden.«
»Nein lieber nicht!«
Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief ihm die Stimme der Dame
nach: »Bitte, bleiben Sie doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten
holte sie ihn ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie zu
horchen: »Was fällt Ihnen ein, so schnell wegzugehen. Sehen Sie, ich
will, ich möchte Sie beide dabehalten. Und wenn Sie auch nicht bezahlen!
Was macht das? Gar nichts, gar nichts, kommen Sie doch, kommen Sie.
Treten Sie mit mir in dieses Zimmer. Marie! Wo bist du? Bringe doch
gleich den Kaffee hier ins Zimmer.«
Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch, Sie und Ihren Bruder
näher kennen zu lernen. Wie konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so
allein in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt. Mein Mann ist
die ganze Zeit abwesend, auf weiten Reisen, er ist Forscher, segelt auf
allen Meeren, von deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine
Ahnung hat. Bin ich nicht eine arme Frau? Wie heißen Sie? Wie heißt der
andere, Ihr Bruder? Ich heiße Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau
Klara. Ich mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie nun etwas
zutraulicher geworden? Würde mich sehr, so sehr freuen. Glauben Sie
nicht, das wir miteinander leben und auskommen können? Gewiß, das wird
schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen. Ich fürchte mich
nicht, Sie in meinem Hause zu haben. Sie haben ehrliche Augen. Ist Ihr
Bruder älter als Sie?«
»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch, als ich.«
»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen dürfen.«
»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.«
»Mein Mann heißt Agappaia.«
Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie sich rasch und
lächelte.
Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind eigentlich seltsame
Käuze, wir zwei. Wir treiben uns auf diesem Erdboden umher, als ob nur
wir, und sonst keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben
eigentlich eine verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst
unter den Männern nichts ausfindig zu machen gäbe, was wert könnte
genannt werden, Freund zu heißen. Eigentlich sind wir gar keine Brüder,
sondern Freunde, wie zwei sich einmal auf der Welt zusammenfinden. Ich
bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht und begreife nicht, was
ich so Tolles an Dir nur finde, das mich zwingt, mich immer wieder an
Deine Seite, gleichsam an Deinen Rücken heranzudenken. Dein Kopf kommt
mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist Du schon in meinem
Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf einiger Zeit, wenn es so weiter
geht, mit Deinen Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit Deinem
Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher etwas Geheimnisvolles, wenn
ich Dir sage, daß es gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen
unsere Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur nicht können. Ich bin
ja nun noch recht froh, daß Du noch immer nicht zu können scheinst, denn
Deine Briefe klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig auch von mir,
daß ich im Banne dieses Geheimnisvollen sitzen bleibe. Für uns ist es ja
gut, aber, wie kann ich nur gar so trocken reden: ich finde es einfach,
um nicht zu lügen, entzückend. Warum sollten nicht einmal zwei Brüder
über das Maß hauen. Wir passen ganz gut zusammen, wir paßten auch schon
damals zusammen, als wir uns haßten und beinahe totprügelten. Weißt Du
noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf, mit einer Portion gesunden
Lachens vermischt, um in Dir Bilder aufzurühren, zu leimen, zu malen, zu
heften, die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert sind. Wir waren,
ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache heraus, Todfeinde geworden. O,
wir verstunden es, einander zu hassen. Unser Haß war entschieden
erfinderisch im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die wir uns
gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du mir einmal, um nur ein
einziges Beispiel dieses jammervollen und kindischen Zustandes
anzuführen, eine Platte mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und
sagtest dazu: »Da, pack!« Ich muß Dir sagen, damals zitterte ich vor
Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine schöne Gelegenheit war, mich
aufs grimmigste zu kränken, und ich dazu nichts sagen konnte. Ich packte
die Platte an, und war eben dumm genug, den Schmerz der Kränkung bis zur
Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch, wie eines Mittags, es war
ein stiller, totenstiller, sommerheißer, vor Totenstille ganz toller
Sonntagnachmittag, dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam und
Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein unglaubliches Werk der
Überwindung, kann ich Dir sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung
und des Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des zur
ablehnenden Verachtung neigenden Feindes. Ich tat es, und ich bin mir
dankbar dafür. Ob Du auch mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann
nur ich abschätzen. Geh mir weg, da willst Du mir was dazwischenreden.
Einfach nicht möglich. Weg da! -- Wie viele köstliche Stunden habe ich
von da an mit Dir genossen. Ich fand dich auf einmal zart, liebend
rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude brannte uns beiden auf
den Wangen. Wir streiften, Du als Maler, ich als Zuschauer und
Dreinreder, über die Matten auf den breiten Bergen, wateten im Duft des
Grases, in der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags und im
feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die Bäume sahen uns zu, was
wir da oben trieben und die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus
Zorn, daß sie keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu brechen.
Abends kamen wir gräßlich zerbrochen, verstaubt, verhungert und vermüdet
nach Hause, und auf einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half
Dir wegreisen, als ob ich dazu durch Handgeld verpflichtet gewesen wäre,
oder als hätte ich Eile gehabt, Dich verduften zu sehen. Gewiß war es
mir eine heilige Freude, Dich abreisen zu sehen, denn Du reistest der
großen Welt entgegen. Wie wenig groß ist die große Welt, Bruder.
Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich beherbergen, wie ich eine Braut
beherbergen würde, von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei, auf
Seide zu liegen und von Bedienten bedient zu werden. Ich habe zwar keine
Dienerschaft, aber doch ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich und
Du, wir beide haben ein prachtvolles Chambre einfach geschenkt, vor die
Füße gelegt bekommen. Du kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in
Deiner dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich
sollte es jetzt Sommer sein, daß ich Deinetwegen im Garten ein
Gartenfest mit chinesischen Lichtern und Bändern von lauter Blumen
veranstalten könnte, um Dich einigermaßen Deiner würdig zu empfangen.
Komm eben so, aber mach nur, daß dieses Kommen rasch vorwärtskommt,
sonst komme ich und hole Dich. Meine Herrin und Wirtin drückt Dir die
Hand. Sie ist davon überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen
Schilderungen von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen wird, wird sie
weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen wollen. Hast Du einen
stattlichen Anzug? Schlottern Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die
Kniee herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut nennen? Sonst
darfst Du nicht vor mir erscheinen. Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß
Dich von Deinem Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich kommst
Du bald.« --
* * * * *
Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder Frühling zu werden,
die Luft war feuchter und weicher, es meldeten sich unbestimmte Düfte
und Klänge, die aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war
weich, man schritt auf ihr wie auf dicken, biegsamen Teppichen. Man
glaubte, Vögel singen hören zu müssen. »Es will Frühling werden,« so
redeten sich die empfindungsvollen Menschen auf der Straße an. Selbst
die kahlen Häuser bekamen einen gewissen Duft, eine sattere Farbe. Es
ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte, bekannte Erscheinung,
aber man empfand es als gänzlich neu, es regte zu einem seltsamen,
stürmischen Denken an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die Gedanken,
alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen mögen. Das Wasser
des Sees glänzte so warm und die Brücken, die sich über den Fluß
schlangen, schienen einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen
flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, sie flattern
zu sehen. Die Sonne erst trieb die Leute in Reihen und Gruppen auf die
schöne, weiße, saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der
Wärme begierig fühlten. Viele Mäntel von vielen Menschen wurden
abgelegt. Man konnte die Männer wieder freier sich bewegen sehen und die
Frauen machten so sonderbare Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges zu
den Herzen herauskommen. In den Nächten hörte man wieder zum ersten Mal
den Klang der vagabondierenden Gitarren, und Männer und Frauen standen
im Gewühl der fröhlichen, spielenden Kinder. Die Lichter der Laterne
flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und man empfand, wenn man über
nachtdunkle Wiesen hinschritt, das Blühen und Regen der Blumen. Das Gras
wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr Grün bald wieder über die
niederen Hausdächer schütten und den Fenstern die Aussicht nehmen. Der
Wald wird prangen, üppig, schwer, o, der Wald. -- -- Simon arbeitete
wieder in einem großen Handelsinstitut.