in irgendeinem Sinne ist die Besorgung und Beigabe ausführlichen
Sachfeststellungs- und Erläuterungsstoffs. Auch dessen Mangel ist eine
Hauptursache für die bisherige verhältnismäßige Erfolglosigkeit
erdkundlicher Bilder in Kinotheatern und ihre Ablehnung durch
wissenschaftliche und Unterrichtsfachleute. Es ist unglaublich, aber
wahr, daß es bei den meisten im Handel befindlichen Filmen gar nicht
möglich ist, ihren Inhalt so festzustellen, wie es für das volle
Verständnis, ja auch nur dazu nötig wäre, um zu erfassen, worin
eigentlich das Interesse des Bildes liegen soll. In sehr vielen Fällen
sind sogar die Bezeichnungen und Inhaltsangaben der Bilder _falsch_.
Von drei Palästinafilmen, die ich von drei Firmen erhielt, war je etwa
die Hälfte der Teile nicht aus Palästina, sondern anderswoher, und
zwar handelte es sich dabei nicht um Ähnlichkeiten -- daß etwa Oasen
aus Ägypten und Palmenhaine aus Arabien »eingelegt« waren, sondern
ein angebliches Jerusalem war in Wirklichkeit einmal Kairo, einmal
Damaskus usw.; dabei hatte ich die Bilder persönlich von den
Ursprungsfirmen geholt, und sie waren für mich zu besonders wichtigem
Zwecke gedruckt worden. Jene mehrmals erwähnten Geiser Neuseelands
waren mir als solche von den Fidschiinseln verkauft worden. Es
bedurfte im ersten Falle der Mitwirkung des Probstes von Jerusalem,
der zufällig am Orte war, um die Irrtümer festzustellen, der
Durchsicht umfangreicher Literatur, um sie zu berichtigen. Im zweiten
Falle habe ich mir mit Fachleuten lange den Kopf zerbrochen, bis wir
durch eine wahre Nick-Carter-Arbeit auf das Richtige kamen. Zahlreiche
andere, und zwar Glanzfilme jenes erdkundlichen Musterprogramms, die
wir teuer bezahlt hatten, mußten wegen der Unmöglichkeit, ihren
Gegenstand trotz der Beihilfe von Fachleuten festzustellen, ausgemerzt
werden, und ich weiß heute noch nicht, was sie bedeuten. Die meisten,
die wir brachten, erhielten ihren Wert, ihr brennendes Interesse erst
durch Erläuterungen, die wir den Zuschauern geben konnten, weil wir in
monatelanger mühsamer Durchackerung der Literatur diejenigen Hinweise
gefunden hatten, von denen die lächerlichen Begleittexte der Firmen
nichts wußten. So erhielt der Film »Flußfahrt auf dem Avon in
Neuseeland« -- an sich eine der schönsten Aufnahmen, die ich kenne
(Urban) -- doch sein ich möchte sagen: pikantes, unmittelbar
ergreifendes, nicht nur menschliches, sondern auch erdkundliches
Interesse erst dadurch, daß wir die Urgeschichte der Riesen- und
Trauerweiden aufstöberten, die an beiden Ufern wogten. (Sie sind
Abkömmlinge eines einzigen Reises vom Grabe Napoleons auf St. Helena,
und zugleich ein Musterbeispiel für die Gier, mit der der Boden
Neuseelands fremde Einführungen aufgenommen hat.) Diese Beispiele
könnte ich ins Unendliche vermehren. Über die Ursachen dieser Mängel
habe ich mich in »Kino und Kunst« ausgelassen.
Jede erdkundliche Aufnahme muß mit ihrem eignen _Tagebuch_ verbunden
sein, d. h. es müssen ausführliche Angaben nicht nur über Ort, Datum
usw. der Aufnahme, sondern vor allem über ihre Einzelheiten gemacht
werden, auch solche, die im Augenblick nebensächlich oder
selbstverständlich erscheinen. Ich würde vorschlagen, zunächst jedem
Negativ einen Aufnahmezettel folgender Art beizugeben (s. S. 39.)
A
Nr. Bilderreihe: »Neu-Seeland«
Aufgenommen von .............
Rohfilm ...............
Apparat ...............
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------
Nr.| Tag | Ort | Personen | Blende | Dauer |
| Stunde |Gegenstand| usw. |Beleuch-| Tempo, | Bemerkungen
| | | | tung | Länge |
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------
| | | | | 40 | Dampf und heiß.
|14. III. | Geiser |Hintergrund|Bedeckt | Sek. | Wasser, nicht
1. | 1914 | »Wairoa« | X...Berg | Bl. 2 | Normal | sehr hoch, vorn
| 11½ v. | | | | (etwa | links flüchtender
| | | | | 14 m) | Mann
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------
| | Geiser | | | 70 | Kennzeichen:
| |»Feder d. | | | Sek. | mehrere wie ein
|14. III. |Prinzen v.| | Klar | (etwa | Federbusch aus-
2. | 1914 | Wales« | | Bl. 3 | 25 m) | einanderfahrende
| 3 n |»Prince of| | | | Strahlen, durch
| | Wales | | | | Schlamm usw.
| | Feather« | | | | schattiert
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------
| | |
| | | Hierzu: drei Photos
| | |
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------
| | | | | 30 |
|16. III. |Dorf X... | Poi-Tanz | Klar | Sek. | Anmarsch mit
3. | 1914 |bei Napier| (Näheres | Bl. 2 | Normal | Gesang
| | | Tageb.) | | (etwa |
| | | | | 10 m) |
---+---------+----------+-----------+--------+--------+------------------
4. | | | " | | 40 | Erster Tanz
| " | " |Fortsetzung| " | Sek. |
B
Firma ......
Entwicklung ..............
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+--------------
| | | | Bem. | Dauernde | |
Nr.|Erhalten| Entw. | Ergebnis | f. d. | Nummer | Ver- | Verwendet in
| am | | | Kopie | d. |bleib |
| | | | | Negativs | |
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+--------------
| | | | | | | Serie:
|12. IV. |17. IV.| Sehr hell | Vira- | |N. S. | Neu-Seeland
1. | 1914 | 1914 | verstärkt |gieren | 342 | 1316 | 1316
| | | | | | | Serie:
| | | | | | |Wasserwunder
| | | | | | | 227
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+--------------
| | | | | | |
| | | | | | |
| | | | | | |
2. | " | " | Gut | -- | 343 | " | wie 342
| | | | | | |
| | | | | | |
| | | | | | |
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+--------------
| | | | | | |
| | | | | | |
| | | | | | |
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+--------------
| | | | | | | Serie:
| | | | | | | Neu-Seeland
3. | " | " | Gut |Virage | 344 | " | 1316
| | | | | | | Serie:
| | | | | | | Volkstänze
| | | | | | | 2703
---+--------+-------+-----------+-------+----------+------+--------------
4. | " | " | " | " | 345 | " | " "
Die Angaben unter A werden vom Aufnehmenden ausgefüllt, die unter
B von der entwickelnden Anstalt usw. Den Abschnitten entsprechende
Schlußzeichen und Vermerke werden mit Bleistift auf dem Rohfilm
angebracht. Außerdem aber sind in einem besondern Tagebuch (unter der
in Sp. 1 vermerkten Nummer und Wiederholung der Bezeichnung in Sp. 3)
genaue Angaben über den Inhalt des Films zu machen, als:
Allgemeiner Sinn und wissenschaftliche Bedeutung der Aufnahme.
Die Namen (nebst Aussprache!) und Kennzeichen aller Einzelheiten der
Örtlichkeit (Berge, Wasser, Ansiedlungen, Bäume, Tiere) und
kinematographisch hervorragenden Personen (Name, Stand oder Beruf,
Tätigkeit im Bilde, Kennzeichen, Tracht, Waffen usw.).
Verlauf der Szene, Geschehnisse, Bewegungsvorgänge.
Dabei wahrgenommene, im Bilde nicht wiedererscheinende, daher zu
ergänzende Nebenerscheinungen (Geräusche, Farben, eventuell Maße,
Reden, Ausrufe, Liedertexte, Noten usw.) und andere wissenswerte oder
wissenschaftlich nötige oder interessante Einzelheiten.
Es ist einleuchtend, daß erst durch diese gedanklichen Ergänzungen
der Film seinen höchsten gegenständlichen und eventuell
erscheinungsgeschichtlichen Wert erhält. Ebenso einleuchtend aber ist
es, daß diese Erläuterungen nur von einem Fachmann, jedenfalls einer
dem Gegenstand wissenschaftlich ganz gewachsenen Persönlichkeit
gegeben werden können, und zweitens, daß nur selten ein und dieselbe
Person das Bild aufnehmen _und_ die nötigen Beobachtungen und Notizen
dazu machen kann. Ja häufig werden sich in letztere Arbeit allein
mehrere Personen teilen müssen.
Die Unzulänglichkeit der bisherigen geschäftsmäßigen erdkundlichen
Kinematographie beruht letzten Endes darauf, daß sie zumeist von ganz
unberufenen Laien nach reinen Geschäftsgesichtspunkten gemacht wird.
Die geschäftlichen Gesichtspunkte bewirken, daß die meisten Bilder von
den großen Heerstraßen der Cookweltreisenden gemacht werden, wo sie
natürlich selten mehr ein wirkliches Stück natürliche Natur zeigen,
sondern fast immer jenes Fremdenindustrieelend, das alles, lebende und
tote Dinge, und die Menschen zumeist, auf den Fremdenfang »frisiert«
zeigt. Wer die üblichen Kinobilder daraufhin beobachtet, wird das sehr
häufig bestätigt finden. Derselbe Beweggrund bewirkt, daß zumeist fade
»Sensationsszenen« unter der Herrschaft superlativer Schlagwörter
(»die größten ... die berühmtesten ... der Welt« usw.) und mit
alberner, theatermäßiger Staffage gemacht werden, weil sie so
vermeintlich besser »ziehen«. Dasselbe bewirkt die erdkundliche
Unbildung der meisten »Operateure«. Sie gehen nicht nach dem, was
erdkundlich wichtig und fesselnd ist, sondern nach dem, was sich am
tüchtigsten bewegt -- und wenn sie mal etwas Wertvolles erwischen, so
wissen sie selber nicht warum, und die Sache bekommt dadurch etwas
Schiefes. _Wenn irgendwo, so ist auf dem Gebiete erdkundlicher
Aufnahmen eine enge Verbindung kinematographischer mit wissenschaftlichen
Fachleuten im beiderseitigen Interesse geboten._ Mit dem ungeheuern
Kapital, das von den Firmen in erdkundliche Aufnahmen gesteckt wird,
ließe sich ein Material von unermeßlich sachlichem Werte aufhäufen,
das sich aber auch durch ein zehnfach und hundertfach gesteigertes
Interesse der Öffentlichkeit viel glänzender als jetzt verzinsen
ließe. Die großen Firmen klagen ja alle, daß sie mit ihren
Naturaufnahmen schlechte Geschäfte machen, daß trotz des großen
Aufwandes kein rechtes Interesse dafür, am wenigsten bei Fachleuten,
aber nicht einmal bei Schulbehörden zu erwecken ist. Nun, das liegt
einzig und allein an der Unsachgemäßheit der Aufnahmen. Ohne
maßgebende Mitwirkung erdkundlicher Fachleute, und zwar Spezialisten,
bei der Wahl, Vorbereitung, Ausführung und nachhaltigen Behandlung
kann keine erdenkliche Aufnahme von höherm Werte und wissenschaftlich
erzieherischer Brauchbarkeit entstehen. Geographische Fachleute aber
können dadurch, daß sie derartige Aufnahmen machen helfen -- aber
natürlich nicht als eine »populäre« Spielerei, mit der man eigentlich
seiner Würde etwas vergibt, und der man nur die Brosamen zugute kommen
läßt, die vom Tische »ernster« Wissenschaft abfallen, sondern mit
voller Hingabe und Gewissenhaftigkeit, und nach eingehender
schülermäßiger Einübung -- nicht nur sich selber und der Wissenschaft
manche kühne Hoffnung erfüllen, sondern auch ein tüchtiges Stück
Arbeit im Dienste der allgemeinen Bildung, der Ausbreitung
erdkundlichen Wissens und des Interesses an und des Verständnisses für
diese Wissenschaft tun. Hier liegt der Keim aller Kinogesundung und
der Hebel, den Kino zu einem Kultur- und Bildungswerkzeug zu machen,
und die Geographen sind die berufenen Mitarbeiter dazu. Es ist keine
Schande für sie, in diesem Sinne über den Kreis ihrer engern
Fachinteressen hinaus zu blicken.
Besonders möchte ich hier auch noch auf den Nutzen hinweisen, den
beide Teile davon haben könnten, wenn sich Kinoleute und Missionare in
aller Welt verständigten. Die letzteren sind naturgemäß oft große
Kenner der Erd- und Völkerkunde ihres Gebiets.
III. Schulerdkunde und Kino
Wer das Bisherige aus dem Interesse des Lehrers und Jugend-Erziehers
heraus gelesen hat, wird die Fragen so weit geklärt gefunden haben,
daß wir nunmehr die besondere Frage des Kinos im erdkundlichen
Schulunterricht ohne zu viel Belastung mit Selbstverständlichem und
Allgemeinem in Angriff nehmen können. Es handelt sich wohl vornehmlich
um drei Fragen, erstens: welche besondern Anforderungen sind etwa an
Unterrichtsfilme zu stellen, zweitens: wie bekommt man sie und
drittens: wie gestaltet sich die Vorführung und der ganze Unterricht?
_Daß_ die Kinematographie im Schulunterricht, und vor allem im
erdkundlichen, eine große Rolle zu spielen berufen ist, ist schon zu
oft von Fachleuten anerkannt worden, als daß wir noch viel Worte
darüber machen zu müssen glauben. Etwaige Zweifler hoffe ich besonders
durch die allgemeinen Ausführungen im ersten Abschnitt beruhigt zu
haben. Selbstverständliche Voraussetzung ist die Umrahmung des
Bilderanschauungsunterrichts durch gesteigerte Eigenanschauung
einerseits und durch gedankliche Vorbereitung und Verarbeitung des
Stoffes anderseits. Der naturgeschichtliche Schulunterricht geht ja in
noch engerm Sinne als die Wissenschaft auf _Begriffe_ aus. In der
ganzen Richtung der heutigen Pädagogik liegt es aber, diesen Begriffen
durch erhöhte Anschauung die Wage zu halten und sie vor Verkrüppelung
zu bewahren. Daß hierbei die unmittelbare Naturanschauung bei weitem
das Wichtigste und ihre Ausdehnung das Nötigste ist, ist zweifellos.
_Ich rede einer Ausdehnung des Anschauungsunterrichts durch
Ersatzmittel (also auch durch Kinematographie)_ nur unter der
_Bedingung das Wort, daß sie einen Teil einer umfassenden
Gesamtunterrichtsreform bildet, in der »Freiluftbildung« der
wichtigste Programmpunkt ist_. Ohne das wirkt jede Erweiterung des
Ersatzmittelanschauungsunterrichts unverdaulich, und der Kino im
Schulunterricht geradezu irreführend und _ver_bildend.
Unter Wahrung dieser Voraussetzungen aber bildet der erdkundliche Film
das zeitsparendste, echteste und beredteste Mittel zur _Vorbereitung_
eigner Anschauung und zur _Vergleichung_ und richtigen Erfassung des
den Schülern nicht sinnenfällig zu machenden Stoffes. Hierzu kommen
aber nicht nur ausschließlich fachgemäß und kunstgerecht aufgenommene
und vorgeführte Filme in Betracht, sondern wiederum nur solche, die
die besondern Wünsche der pädagogischen Fachleute erfüllen, und
möglichst von vornherein auch unter ihrer Beratung, Mitwirkung und
Begutachtung hergestellt worden sind.
Die Wünsche der Lehrer werden dabei besonders zweierlei Filme
bevorzugen: solche, die in immer weitern Kreisen vom engsten ausgehend
die _Heimat_ darstellen, und solche, die von diesen und andern
erdkundlichen Gegenständen das _Typische_ in besonderer Klarheit und
Vollkommenheit hervorheben. Zu den letztern werden auch solche Filme
gehören, die z. B. die Drehung der Erde in _schematischer Weise_
veranschaulichen. Eine allgemeine Forderung, die zum Teil durch die
genannten Eigenschaften erfüllt werden würde, ist die, daß der Kino im
Unterricht nicht _zerstreuend_, sondern eben belehrend wirken soll.
Anderseits wird die Zahl und Mannigfaltigkeit der Filme, die im
Schulunterricht benötigt werden, verhältnismäßig gering sein. Es
handelt sich ja im großen und ganzen in allen Schulen für alle
Schülergeschlechter um ein und denselben Lehrgang, der in den höhern
Schulen ausführlicher, in den niedern einfacher immer wiederkehrt. Es
würde also wohl möglich sein, eine typische Liste wünschenswerter
Bewegungsaufnahmen für den erdkundlichen Unterricht in allen Schulen
z. B. Deutschlands aufzustellen. Diese Aufnahmen wären für engere
Bezirke durch Heimataufnahmen zu ergänzen.
Diese Verhältnisse weisen darauf hin, daß Schulfilme als solche eine
Sache für sich sind, die einer besondern Organisation zu unterwerfen
sind und am ehesten von Kinotheatern und dem üblichen Geschäftsturnus
unabhängig gehalten werden können. Sehr wohl könnte eine
Reichsvereinigung aller Schulkinointeressenten die Herstellung der
benötigten Filme selbst in die Hand nehmen, sie könnte ein gemeinsames
Negativarchiv schaffen, von wo aus die benötigten Positive an die
Einzelstellen geleitet werden könnten. Diese wären wieder nicht die
einzelnen Schulen, sondern landschaftliche und örtliche Schulverbände,
die sich gemeinsam die nötige geringe Zahl von Positiven anschaffen
würden. Diese würden dann in einem geregelten Verleihungskreislauf
jeweils vor alle Schüler gebracht werden. Das noch übrige, die
kinetographische Einrichtung, müßte m. E. jede Schule einzeln
besitzen, da es niemals gedeihen kann, wenn der kinematographische
Unterricht jedesmal mit ganzen Klassenwanderungen durch die Straßen zu
der oder jener Projektionsanstalt verbunden sein müßte. Damit ginge
zuviel Zeit verloren, und die Ablenkung wäre größer als der Gewinn.
Vielmehr könnte das Physikzimmer oder auch der Festsaal in jeder
Schule dazu eingerichtet werden, und die Erdkundestunde würde dann
immer dorthin verlegt werden.
Neuerdings sind von verschiedenen Firmen Apparate von so geringem
Umfang und einfacher Handhabung (für Normalfilme) in den Handel
gebracht worden, daß mit ihnen auch in jeder Schulklasse Bilder von
etwa 100 × 80 cm vorgeführt werden können. Die Lichtquelle bildet
eine Glühlampe ohne Lichtgehäuse, die an die Hausleitung oder eine
kleine Batterie angeschlossen werden kann. Auch dann wäre die
Einrichtung gar nicht so schwierig, wenn, was wegen der besondern
Verhältnisse recht gut möglich, eine andere kleine oder mittlere
(Salon- oder Schul-)vorstellungseinrichtung gewählt werden könnte. Es
würde sich ja nur darum handeln, daß _ein_ Typ, wenigstens nur die auf
_ein_ Filmformat eingerichteten Typen für alle Schulen vereinbart
würden. Die Wahl eines solchen Typs würde es auch erleichtern, daß
besonders die Aufnahmen aus der engern Heimat von Lehrern selbst
hergestellt werden könnten. Wohlhabende und anspruchsvolle Schulen
könnten einen großen Kinoapparat daneben bereithalten, um auch mal
etwas Besonderes zeigen zu können.
Alles hier Gesagte ist aber noch Zukunftsmusik, und es bleibt die
Frage zu besprechen, wie sich erdkundliche Bewegungsbilder _zurzeit_
in den Unterricht einfügen ließen.
Dazu gibt es nun zwei Wege: gelegentliche Einzelvorstellungen von
Unternehmern oder Liebhabern in der Schule oder das Mieten oder der
gemeinsame Besuch von Kinotheatern. Die Einzelanschaffung von
Apparaten für Schulen ist aus Gründen, die ich nebst der ganzen Frage
besonders im »Buch vom Kino« behandeln werde, und mit der sich
übrigens ein weiteres Bändchen dieser Bücherei gesondert
beschäftigen wird, zurzeit unmöglich, d. h. unwirtschaftlich. Zu
Einzel»gastspielen« wird die Gelegenheit aber auch selten sein (auch
dürften sie sich schwerlich lohnen); und so bleibt zurzeit als
Hauptsache die _Verbindung der Schule mit Kinotheatern_.
Was darüber allgemein zu sagen ist, gehört ebenfalls an einen andern
Ort. Bemerken will ich nur, daß u. a. in Hamburg 30 000 Schulkinder
mit Genehmigung der betreffenden Behörde unter Leitung des dortigen
Lehrerkinoausschusses vormittags -- zur Schulzeit -- in ein Kino
geführt wurden, um dort ein von mir mit großer Mühe und Kosten
geschaffenes erdkundliches Musterprogramm zu sehen. Einige
Veränderungen und Abstreichungen, die man sich zu machen bemüßigt
fand, boten freilich den Vorwand, meine Autorschaft zu verschweigen
und andere damit zu schmücken. Immerhin zeigt die Gelegenheit, daß es
geht. Daneben aber können Kinotheater sich die Förderung der Lehrer
und Schulbehörden sowie Vormittagseinnnahmen usw. dadurch sichern, daß
sie erdkundliche wie überhaupt naturwissenschaftliche Vorstellungen
unter Wahrung aller hier und in »Kino und Kunst« geltend gemachten
Gesichtspunkte und unter Ausschluß aller andern Sachen bieten. Da
werden sie dann freilich wieder mit dem Grundübel, der schwierigen
Beschaffung guter und der Hebung mangelhafter Filme, zu kämpfen haben.
Und bestehen bleibt der Einwand, daß derartige Dauervorstellungen
gehäufter Gegenstände vom erzieherischen Standpunkt aus immer ein mit
vielen Gebrechen behaftetes Nothilfsmittel bleiben.
Den ernsthaften und über vollkommene Mittel verfügenden Unterricht der
Zukunft denke ich mir nämlich keineswegs so, daß nun die
Erdkundestunden eine Art lustiges Kinotheater werden. Vielmehr wird es
sich darum handeln, in einer Stunde oder auch je mehrern _einen_
Begriff durch reichliche Vorbehandlung allmählich so weit in den
Köpfen klar werden zu lassen, daß er endlich durch die -- nötigenfalls
wiederholte -- Vorführung eines _einzelnen_ Bewegungsbildes gleichsam
in höchster Wirklichkeitskraft zusammengefaßt wird. Ein Kinobild darf
nicht eher erscheinen, als bis alle Schüler in ihm nicht mehr das
Stoffliche allein, sondern durch es hindurch gleichsam die
verkörperten Begriffe sehen, um die es sich handelt. So mag zuerst die
Lehre von der Kugelgestalt der Erde in der üblichen Weise vorgetragen
werden: Feststellung des falschen _Scheines_, seine Bezweiflung,
Aufzählung ihm widersprechender Erscheinungen des täglichen Lebens,
Veranschaulichung der wirklichen Verhältnisse durch schematische
Zeichnung, durch Globus usw., Feststellung der Größenverhältnisse
durch Zahlen usw., dann ausführliche Besprechung des sich daraus
ergebenden Anblicks etwa von einem senkrecht aufsteigenden Ballon aus,
und dann erst, nachdem alle diese Erscheinungen selber gleichsam
errechnet haben, ihre Bestätigung durch das vom Ballon aufgenommene
Kinobild, das das Aufsteigen ferner Kirchturmspitzen, dann des Daches,
der Kirchwände usw. zeigt. In ähnlicher Weise wird ein andermal, auch
nach Lesung klassischer Beschreibungen, ein Stück Wüste nebst Oase
usw. vorgeführt. Nur in dieser Behandlung würde der Kino im
Erdkundeunterricht nicht zerstreuend und verwirrend, sondern wahrhaft
begriffbefestigend wirken. Die »Schülerprogramme«, die zurzeit
manchmal öffentlich oder geschlossen gezeigt werden, sind -- abgesehen
von allen Mängeln -- nur hübsche, der Erholung dienende
Veranstaltungen zum Lohn für saure Wochen --; mit der Kinetographie
als Unterrichtshilfsmittel haben sie so gut wie gar nichts zu tun. Ja
sie haben -- eben infolge der falschen Maßstäbe, die sie lieferten --
mehr zur Hemmung als zur Förderung ernster Schulkinematographie
beigetragen.
Inzwischen ist in dieser Sammlung über den Gegenstand die überaus
reichen Stoff bringende Sonderschrift von Prof. _Sellmann_ »_Kino und
Schule_« erschienen, auf die ich besonders verweise.
IV. Kinoerdkunde im Theater und in der Öffentlichkeit
Wenn ich dem Gegenstand »Öffentliche erdkundliche Vorstellungen« einen
räumlich nicht sehr umfangreichen Abschnitt widme, so liegt das nur
daran, daß Wesentliches -- und zwar unentbehrlich Wesentliches --
darüber in den vorangegangenen und den folgenden Abschnitten, vor
allem aber in meiner Schrift »Kino und Kunst« enthalten ist. Besonders
in letzterer habe ich ausführlich nachgewiesen und begründet, weswegen
erdwissenschaftliche Darstellungen die Haupt- und vornehmste Aufgabe
für den Kino sind; ich habe dort aber auch so eingehend wie möglich
beschrieben, _wie_ derartige Aufführungen als Gesamtkunstwerk
beschaffen sein müssen, wenn sie Wert haben sollen. Daselbst ist, und
ausführlicher in dieser Schrift wiederholt, auch angegeben, wie
schon bei der Aufnahme selber die Rücksicht auf meisterhafte
Vorführungswirkung beginnen muß, und welche Anforderungen die Filme
sachlich erfüllen müssen. Es ist somit nunmehr jedem Mißverständnis
vorgebeugt, von was für einer Art von geographischen Vorstellungen ich
mir den Erfolg verspreche, von dem hier die Rede ist. Es kann mir ganz
und gar nicht mehr entgegnet werden, erdkundliche Filme
»interessierten« das Publikum nicht, da die Filme, an denen solche
Erfahrungen gemacht worden sind, weder selbst noch so, _wie_ und in
welcher Umgebung sie aufgeführt wurden, eine höheres Interesse hatten.
In dieser Schrift sind wiederum schon mehrmals die starken Fäden
aufgewiesen worden, die sowohl die erdkundliche Forschung wie den
erdkundlichen höhern und Schulunterricht mit den Kinotheatern und der
ganzen Organisation des Filmmarktes verbinden. Hiervon soll noch
besonders die Rede sein. Jedenfalls wiesen wir darauf hin, daß zur
Erreichung einer anständigen Höhe der öffentlichen Kinematographie
diese nicht nur emporsteigen, sondern auch erdkundliche und
erzieherische Wissenschaft zu ihr »hinabsteigen«, besser gesagt, sie
eng zu sich heranziehen müssen. Hinzuzufügen wäre, daß wieder das
eigens hierzu eingerichtete Kinotheater der eigentliche Mittelpunkt
öffentlicher Vorführungen ist und bleibt. _Vereine_ -- z. B.
Volksbildungs-, kaufmännische Vereine -- werden selten in der Lage
sein, eigne Vorstellungen ohne Mithilfe der Kinotheater und anders als
in deren Räumen zu veranstalten. Das liegt in der Organisation des
Geschäfts begründet, wovon ich das zu wissen Nötige, soweit es nicht
der nächste Abschnitt bringt, im »Buch vom Kino« mitteilen werde. Aus
demselben Grunde sind die Einrichtungen nach Art der _Urania_ in
Berlin und Wien, des »Poloptical Institute« in London usw. auf diesem
Gebiete vor den Kinotheatern im Nachteil; _ihnen ganz eigentlich_ und
viel mehr als den Menschentheatern sind die Kinos eine »Konkurrenz«,
vor der sie sich nur dadurch retten können, daß sie sich nach
Organisation und Vorführungsplan ganz in ihre Reihen stellen, d. h.
selber »Kinotheater« werden. Das in den zu einer Vorstellung nötigen
Filmen enthaltene Kapital kann -- abgesehen natürlich von der Mithilfe
von Wohltätern oder öffentlichen Mitteln -- nur ein _Ring_ von
regelmäßigen Abnehmern verzinsen, deren ganzer Betrieb also auch
gleichmäßig geregelt sein muß.