Hinsicht in Betracht. Erstens für die Erd_geschichts_wissenschaft,
insofern sie erdkundliche Erscheinungen, die der Veränderung oder dem
Vergehen ausgesetzt sind, dauernd festhält und dadurch auch spätern
Forschern und Geschlechtern die Untersuchung und Vergleichung
ermöglicht. So stellte sich z. B. heraus, daß der Geiserfilm, den ich
schon erwähnte (Neuseeländische Geiser, Urban-Eclipse), gerade dadurch
einen außerordentlichen Wert hatte, daß er eine interessante,
inzwischen aber verschwundene Naturerscheinung -- vielleicht die
großartigste ihrer Art -- festhielt.[3] Dergleichen Gegenstände würden
sich in der Welt viel finden, aber nicht bloß auf dem Gebiete der
Superlative, der »großartigsten« usw., sondern mehr noch unter
unscheinbaren Naturerscheinungen. Hier berühren sich die Interessen
der Wissenschaft mit solchen der Allgemeinheit, für die
erfreulicherweise das Verständnis mehr und mehr um sich greift: denen
des _Naturschutzes_, und wo der nicht mehr möglich ist, der _Erhaltung
von Naturdenkmälern_ wenigstens im Bilde. Die Natur- und
_Heimatschutz_gesellschaften seien an dieser Stelle besonders auf das
Hilfsmittel der Kinematographie im genannten Sinne wie auch zur
_Werbung_ für ihre Bestrebungen aufmerksam gemacht. Wenn z. B. jetzt
der Gedanke, große _Naturschutzparks_ nicht nur in der engern Heimat,
sondern eben in der ganzen Welt, vor allem in den Kolonien, anzulegen
und im ursprünglichen Zustande zu erhalten, Gestalt gewinnt, so sollte
man das Interesse dafür aufrufen durch Bewegungsbilder der
betreffenden Gegenden, denen andere von bereits als unrettbar
erkannten Gegenden wirksam an die Seite gestellt werden
könnten. Besonders kommt dieses Sammeln von kinematographischen
Naturdenkmälerabbildungen für die Gebiete der Pflanzen-, Tier- und
Menschengeographie in Betracht. Man vergleiche die ergreifenden
Darstellungen, mit denen _Paasche_ im »Vortrupp« und an andern Orten
die denkende Menschheit auf die entsetzliche Verödung der Natur gerade
in bis dahin »jungfräulichen« Jagdgründen aufmerksam machen will, und
lese da nach, wieviel der prächtigsten und bezeichnendsten Tierarten
-- Elefanten, Wale usw. -- bereits dem Aussterben nahe sind. Ganz
besonders denken wir hier natürlich auch an die _Menschenkunde_ im
weitesten Sinne des Wortes (Ethnographie), Rassen-, Volkskunde
einschließlich urwüchsiger Bauarten, Industrien, Trachten usw. Hier
handelt es sich ja ebenfalls leider häufig genug schon um
unabwendbares Aussterben; überall aber liegt ein ständiger, oft
langsamer, oft sehr plötzlicher _Wandel_ der Erscheinungen vor. Diesen
entwicklungsgeschichtlichen Wandel sowohl im Drum und Dran wie auf
körperlichem Gebiete kann die Kinematographie in hervorragender, oft
in einziger Weise der Forschung der Nachwelt vor Augen halten. Endlich
kommt die Festhaltung _einzelner_ Naturschauspiele, z. B. des
Ausbruchs und Werdens neuer Vulkane, in Betracht, zu deren Aufnahme
freilich meistens Zufallsglück gehört. Es wäre eine planmäßige
Aufnahme möglichst vieler derartiger Naturdenkmäler über die ganze
Welt zu befürworten. Für diese Aufnahmen müßten dann natürlich
_Sammlungen_ (Archive) angelegt werden, deren Inhalt nicht durch
zeitgenössische Vorführungen gefährdet und im Wert gemindert werden
dürfte. Ein solches Unternehmen wäre, wie unten nachzuweisen, durchaus
kostenlos durchzuführen.
[3] Und zwar leider dennoch auf Nimmerwiedersehen! Bei
Nachforschung stellte sich heraus, daß das unschätzbar
wertvolle Negativ nach einer gewissen Anzahl Kopien wie
üblich »vernichtet« worden ist -- eine bezeichnende
Illustration zum Thema »Traum und Wirklichkeit in der
Kinematographie«. Filmarchive!
Aufmerksam muß ich aber auch hier darauf machen, daß derartige Filme,
richtig hergestellt, einen ganz unschätzbaren, mit der Zeit ungeheuer
steigenden _Sammlerwert_ haben würden. Es würde also keineswegs eine
tote Geldanlage sein. Über Filme als Sammlergegenstand beabsichtige
ich mich, im »_Buch vom Kino_« weiter auszulassen.
Die zweite Eigenart, durch die die Kinematographie für die _Forschung_
unmittelbaren Wert hat, liegt in der Möglichkeit, die Aufnahmen zu
_Messungszwecken_ zu verwenden. Der Film zerlegt jede Bewegungseinheit
in eine große Menge einzelner Teile, deren Zeitabstand voneinander
genau bemessen ist, und -- die zur genauen Nachbestimmung standhalten.
Sie erlauben daher, Bewegungen zu untersuchen, die in der Wirklichkeit
zu flüchtig oder vereinzelt, oder auch zu klein und kurz sind, um mit
den Sinnen aufgefaßt zu werden. Dadurch wird der Wissenschaft geradezu
ein neues Betätigungsgebiet erschlossen, welches ich _Rhythmologie_
benennen möchte: die Erforschung der Zeitgesetze in den freien
Bewegungserscheinungen der Natur. Sie ist z. B. betreffs der
Wellenbewegung im Meere, des Aufschlagens bestimmter Wellen an
Flußufer usw. schon versucht worden, aber es standen keine andern
Hilfsmittel zur Verfügung als Uhr und Hand und etwa Instrumente, die
jedenfalls kein beständiges (kontinuierliches) Bild der Erscheinungen
boten. Über den Wert einer solchen Forschung brauche ich dem
Gebildeten kein Wort zu sagen.
Endlich das dritte kinematographische Forschungshilfsmittel, dem
vorigen verwandt, wenn auch schon mehr auf das Gebiet der Lehr- und
Veranschaulichungshilfsmittel hinüberweisend, ist die Aufnahme unter
künstlich veränderten Bedingungen. So ist es vor allem möglich,
Veränderungen, die sich in Wirklichkeit über längere Zeiträume
erstrecken, in wenige Minuten zusammenzudrängen und dadurch ebenfalls
wieder ihre Einheit und ihren Rhythmus sinnenfällig zu machen. Wenn
auch dergleichen wohl mehr für andere Naturwissenschaften in Betracht
kommt, so gibt es doch auch Gelegenheiten, wo es für die Erdkunde in
Betracht kommt, und wenigstens vielen bequeme Beobachtungen
ermöglicht, die -- etwa wie die täglichen Meeresgezeiten, die
jährlichen Gletscherschwankungen, allmähliche Verwitterungsvorgänge --
sonst nur vereinzelt ungenau, mühsam und mit unverhältnismäßigem
Aufwand gemacht werden könnten.
Ganz allgemein bildet der Kino eins der wertvollsten Hilfsmittel des
_Forschungsreisenden_, dem sie eine bequeme, dokumentarisch getreue
und dauernde Einheimsung seiner Beobachtungen, ihre schnelle
Überführung in die Stoffmenge der Forschung ermöglicht und zugleich
unter Umständen ein unwiderlegliches _Beweismittel_ seiner Erfolge und
Behauptungen gibt. Wir wollen hier sogleich die Frage behandeln, auf
welche Weise sich der Gebrauch dieses Hilfsmittels _praktisch_
durchführen läßt. Es kommen hier namentlich zwei Schwierigkeiten in
Betracht: die Belastung des Gepäcks und die Kostenfrage. Die _Technik_
der Kinoaufnahmen kann kein Hindernis bieten; sie ist im allgemeinen
sehr einfach und leicht. Eine kurze gute Einführung darin bietet
Liesegangs »Lichtbild- und Kinotechnik« (Lichtbühnen-Bibliothek Nr.
1), ausführlich desselben Verfassers »Handbuch der Kinematographie«
(Düsseldorf, 8 M) und andere. Über die allgemein zu beobachtenden
Maßregeln vgl. mein »Kino und Kunst«.
Der im Großbetrieb übliche Aufnahmekino, wie er von zahlreichen Firmen
hergestellt wird, bildet mit dem nötigen schweren Fuß (Stativ) und
allem Zubehör allerdings eine beträchtliche Last, zu deren Bewältigung
auf längere Märsche mehrere Träger abwechseln müssen. Dennoch kommt er
in erster Linie in Betracht, da er doch wohl nicht nur allein die für
die unvermeidliche Inanspruchnahme durch Beförderung usw. nötige
Festigkeit und Derbheit besitzt, sondern auch allein die Filme
liefert, deren Format und Durchlöcherung den allgemein in Kinotheatern
usw. verbreiteten Vorführungsapparaten entspricht. Diese sind aber
wieder für die Vorführung in _großen_ Räumen notwendig. Auf der
Möglichkeit aber, die aufgenommenen Bilder wenigstens zum Teil von den
Kinotheatern und in Vereinsvorführungen usw. geschäftlich zu
verwerten, beruht aber hauptsächlich die vorteilhafte Erledigung der
Kostenfrage. -- Es gibt aber auch mittlere und kleinere Aufnahme- und
Vorführungsapparate, die erstern »Schul«-, die letztern
»Salon«-Kinematographen genannt. Diese haben den Vorzug, sehr viel
handlicher zu sein, besonders die letztern, die kaum das Gewicht einer
9 × 12-Kamera ausmachen, und deren Stativ natürlich ebenfalls leichter
sein kann. Die Bilder dieser Apparate genügen bei richtiger Behandlung
durchaus den meisten, auch wissenschaftlichen Zwecken, nur lassen sich
die Bilder nicht so groß und daher nicht in sehr großen Sälen
projizieren. Die Filme sind nämlich nur von etwa halber Breite und die
Bildchen von halber Höhe der im Großbetrieb üblichen, und
die Durchlöcherung ist anders angeordnet. Dadurch sind sie
schwieriger und jedenfalls nur ausnahmsweise in Kinotheatern
usw. unterzubringen. Dadurch, daß man sie auch sonst nur in
kleinern Kreisen zeigen kann, lassen sie sich auch finanziell
nicht so verwerten, ein Übelstand, dem allerdings die bedeutende
Film- und Behandlungsersparnis gegenübersteht. In der Kleinheit
liegt aber noch ein weiterer Nachteil: die Einzelheiten kommen
nicht so heraus, die Unterscheidungsgrenze liegt um die Hälfte
tiefer als bei Normalfilmen, und wenn man sie auf gleiches Format
zu projizieren versucht, so tritt das photographische Korn störend in
die Erscheinung. Der größte Mangel ist aber wohl der, daß die
Kassetten, die diesen Apparaten angehängt werden, nur kurze Filme zu
fassen vermögen. Bei längern würde die ungleiche Abwicklung infolge
der unverhältnismäßigen Verminderung des Umfangs der Filmrolle auch
Ungleichmäßigkeit des Aufnahmezeitmaßes zur Folge haben. (Ausführlich
gedenke ich die Frage der Liebhaber-Kinematographie in meiner Schrift
»_Das Buch vom Kino_« zu behandeln.) Neuerdings sind aber auch eine
ganze Reihe von Apparaten mittleren Umfangs und Gewichts geschaffen
worden, die für »Normalfilme« eingerichtet sind, und übrigens läßt die
lebhafte Tätigkeit hinter den Kulissen der Apparate-Fabriken auf
diesem Gebiete darauf schließen, daß hier bald Vollkommenes zutage
treten wird.
Wichtig ist die Kostenfrage. Sie kann indessen nicht ernstlich
schrecken, wenn man sich überlegt, daß zwar jedes einzelne Meter
Rohfilm 1 M kostet (ein 5 Minuten laufender Normalfilm ist ungefähr
100 Meter lang), für ein Negativ und ein Positiv also ohne die
Behandlungskosten und Verpfuschtes, Abfall usw. 2 M (im großen wird
es etwas billiger), daß aber auf der andern Seite der fertige Film,
wenn er gelungen ist, einen großen unmittelbaren und einen größern
Zukunftswert besitzt. Von dem Zukunftswert wissenschaftlicher Filme
haben wir gesprochen. Es wird leicht einzuführen sein, ihn durch die
Anregung des Sammeltriebes vermögender Privater und interessierter
Körperschaften (Gemeinde, Staat usw.) unmittelbar zu verwirklichen.
Noch gewisser und leichter ist der Weg, wenigstens Teile guter
derartiger Aufnahmen der öffentlichen Benutzung, dem Turnus der
Kinotheater usw. zur Verfügung zu stellen. Naturgemäß werden
Forscheraufnahmen sowieso ein bedeutend größeres Interesse selbst für
die breite Öffentlichkeit haben als gewöhnliche Operateuraufnahmen,
die ja meistens von der Heerstraße stammen. Dieses Interesse wird sich
durch geeignete Behandlung bei der Vorführung wesentlich steigern
lassen, und die lebhafte Kinoreformbewegung wird ein übriges dazu tun.
Eine Aufnahme aber, die erst mal die Runde durch die Kinotheater der
Welt gemacht hat, hat sich selber und viele andere reichlich bezahlt
gemacht. Hier ist also der Weg für Forscher, wissenschaftliche
Institute und Sammlungen gegeben, kostenlos, ja mit Überschuß, sich
das Wertvollste zuzulegen. In welcher Weise das im einzelnen geschehen
könnte, darüber werde ich im Abschnitt »Kinogesundung« sprechen. Hier
will ich nur hinzufügen, daß an ein Kostenhereinbringen auf dem Wege
von Einzelvorführungen wohl in keinem Falle zu denken ist. Nur berührt
sei, daß auf Forschungsreisen selbst durch gelegentliche Vorführung
von eignen und fremden Aufnahmen dem Unternehmenden manche Gelegenheit
geöffnet, mancher Nutzen geschaffen werden, und nötigenfalls auch eine
unmittelbare finanzielle Erleichterung entstehen kann.
Über Nutzen, Verwendung und Berechtigung der Kinematographie für den
wissenschaftlichen Unterricht, also an Hochschulen, Handels-,
Kolonial- usw. Schulen, brauche ich mich kaum noch beweisend zu
verbreiten. Wenn dagegen hier und da noch Vorurteile bestehen mögen,
so liegen sie meines Erachtens nur in der ungenügenden Beschaffenheit
und der Kostspieligkeit und besonders der Schwierigkeit der Erlangung
genügenden Filmstoffes. Die Anschaffung von Apparaten und
Einrichtungen lohnt natürlich nicht, solange nur wenige unvollkommene
Filme in Betracht kommen, und jeder Beflissene diese ebensogut im
nächsten Kinotheater sehen kann. Das wird ja ganz anders werden,
sobald Aufnahmen von Wissenschaftlern selbst in reichlicher Menge zur
Verfügung stehen. Über die zurzeit herrschende Schwierigkeit der
Beschaffung erdkundlicher Filme und ihre Behebung spreche ich an
anderer Stelle. Hier aber ist der Ort, über die notwendige
Beschaffenheit wissenschaftlich brauchbarer Filme zu sprechen, und wir
kommen damit zu dem Gegenstand: _erdkundliche Filmaufnahmen_. Für sie
gelten die allgemeinen, im erhöhten Grade all die Vorschriften, die
ich in meiner Schrift »Kino und Kunst« als unerläßlich für
»kunstgerechte«, d. h. einfach sachgemäße und wohldurchdachte
Aufnahmen ausführlich behandelt habe. Wir wollen sie hier unter unserm
besondern Gesichtspunkte abermals durchnehmen.
Für Kinoaufnahmen kommen naturgemäß diejenigen Gegenstände vornehmlich
in Betracht, in denen die _Bewegung_ irgendeine wichtige sachliche
oder ästhetische Rolle spielt, soweit der Film imstande ist, sie
deutlich und richtig wiederzugeben. Vielleicht gibt es da _kein_
Gebiet der Erdkunde, das gar nicht in Betracht käme, aber doch einige
ganz vorwiegend. Die Erde als Weltkörper, also in ihren Beziehungen
zum Raum und zu den Gestirnen, bietet unmittelbar nur wenig Stoff für
uns, ebenso als Gegenstand der Messung und Teilung. Für die
_Erdgeschichte_ sind vorwiegend Archivaufnahmen wichtig, auf die wir
hingewiesen haben. Außerdem sind eine Menge alltäglicher Vorgänge
erdgeschichtliche Entwicklungen im kleinen, so die unmittelbare
Beobachtung eines Sturzregens und seiner geologischen Folgen, die
Beobachtung von Lawinen, Gletscherbewegungen usw. Ferner können wir
hierher Erdbebenerscheinungen, Vulkanausbrüche und Verwandtes rechnen,
dessen kinematographische Festhaltung von größtem Werte wäre. Hieran
schließt sich die Meteorologie: Wetter- und Klimavorgänge und andere
atmosphärische Erscheinungen. Ich möchte hier deutlich dem etwaigen
Vorurteil entgegentreten, als ob atmosphärische Bildungen für den
Kinematographen zu fein wären. Sie lassen sich alle, soweit das bloße
Auge sie erkennt, auch kinematographieren, wenn wir auch hier die
Farbe als etwas sehr Wesentliches vermissen werden. Zur
Veranschaulichung der Oberflächengestaltung der Erde, ihrer großen
Grundformen und ihrer feinen Einzelheiten ist das Bewegungsbild
viel berufener und nötiger, als man zunächst angesichts der
Bewegungslosigkeit des festen Landes denkt. Denn erstens regt es sich
und lebt überall in der Welt, selbst in der Wüste, und je ruhiger der
Hauptgegenstand, desto feiner und für das Ganze bezeichnender und
unentbehrlicher sind die _kleinen_ Bewegungen -- das Hinhuschen einer
Eidechse, das Hinhauchen einer Staubwolke usw. Zweitens aber bewegt
sich, wo die Erde regungslos ist, doch _auf_ ihr das Licht und zaubert
durch sein Spiel geheimnisvolles Leben. Dasjenige aber, was fast
überall die Welt belebt, und vielleicht der gewaltigste Gegenstand der
Kinematographie ist das _Wasser_ in allen seinen Formen. Ob es als
Salzlake überm Wüstenboden blinkt, als Bächlein rieselt, als Fluß
strömt, als Wasserfall herniederbraust, als Meer blinkt, kräuselt,
brandet oder tobt, ob es als Regen oder Schnee herniederfällt, als Eis
funkelt oder als Nebel glänzt und wallt -- in all seinen Formen ist es
unerschöpflich schön, unergründlich gesetzmäßig, voll unendlicher
Aufgaben für den Forscher, voll Lehren für den Schüler, der große
Gestalter und Maler des Erdballs. Wenig einzelnes habe ich zu sagen
über die Pflanzen-, Tier- und Menschengeographie. Mit den genannten
Dingen tritt ja das Leben selbst, die vom Geiste beherrschte Bewegung
auf die erdkundliche Bühne, und hier versagt jeder Versuch, das dem
Kinematographen Zugängliche auch nur in seinen Grundzügen aufzuzählen.
An _Stoff_ fehlt es hier nicht, aber nicht der Stoff, sondern nur die
Art der Aufnahme macht den erdkundlichen wie den allgemeinen Wert des
Bildes aus.
Abermals muß ich hier, und zwar in der nachdrücklichsten Weise,
bitten, meine Schrift »Kino und Kunst« zur Ergänzung heranzuziehen,
denn ohne die großen allgemeinen Zusammenhänge und Gesichtspunkte, die
dort ausführlich behandelt werden, sind die nachfolgenden
Sonderangaben nicht voll zu verstehen. Vollendete Kinokunst -- und
jede Aufnahme ist ein Stück _Kunst_, d. h. freie menschliche
Höchstbetätigung im Rahmen des technisch und zwecklich Angezeigten,
oder sie ist gar nichts --; vollendete Kinokunst läßt sich nicht durch
Befolgung einzelner Vorschriften lernen, sondern nur aus Erfassung des
_Geistes_ der Sache heraus. Auch kann ich mich hier über die Technik
im engern Sinne nicht auslassen, obgleich ihre meisterhafte Anwendung
natürlich die Hauptbedingung für den Sachwert des Bildes ist.
Noch mehr wie sonst gilt auf dem Gebiete erd- und menschenkundlicher
Bewegungsaufnahmen, daß ihr Wert einzig und allein in der
unverfälschten, dokumentarisch genauen _Wirklichkeits_wiedergabe
beruht. Und zwar wollen wir die unbelauschte Wirklichkeit beobachten,
nicht -- den Eindruck, den Apparat und Aufnahme auf die Welt gemacht
haben. Erde, Wasser, Luft und Bäume lassen sich ja dadurch nicht
beirren; Tiere aber muß man in den meisten Fällen durch oft sehr
schlaue Mittel und vor allem genaue Vorerforschung ihrer Gewohnheiten
und -- Geduld belauern und täuschen. Dafür ist eine wohlgelungene
Landschaftsaufnahme mit tierischer Staffage auch vielleicht das Bild,
das das meiste Entzücken und die höchste Bewunderung hervorruft, vor
allem aber auch eine wirkliche Höhenleistung der Kinokunst, und von
außerordentlichem Sachwert. Jeder erinnert sich ja an die wunderbaren
Tieraufnahmen von Kearton. Gewiß hat aber auch jeder Kinobesucher mit
einem peinlichen Nebengefühl bemerkt, daß fast alle derartigen
Aufnahmen in _künstlicher_ Umgebung, besonders in täuschend
ausgestatteten zoologischen Gärten (Hagenbeck) gemacht worden sind.
Solche Bilder haben so gut wie gar keinen wissenschaftlichen und sehr
geringen Lehrwert, und kinematographisch sind es keine Leistungen.
Auch die Zuhilfenahme von künstlichem Köder, versteckten Zutreibern,
Magnesiumlicht usw. entspricht nicht dem Geiste des Kinos, denn alles
das bringt unwirkliche, unnatürliche Züge hinein. Noch schwieriger
fast als die natürliche Aufnahme von Tierbildern ist die von Menschen.
Das unerschöpfliche Stoffgebiet der Völkerkunde und Menschengeographie
wird bedeutend eingeengt durch die Sonderbarkeit jedes Menschenwesens,
sich vor dem Apparat anders als natürlich zu geben. Fast auf allen
derartigen Bildern gibt es -- manchmal mit, meist wider Willen des
Aufnehmers -- mindestens einige Personen, die die Kamera entdeckt
haben, und sich infolgedessen zu großer Heiterkeit und zur Zugabe von
Extrafaxen verpflichtet fühlen, oder sich plötzlich erinnern, daß der
Mensch eigentlich seine Beine und Arme ganz anders gebrauchen müßte,
als er es unbeobachtet tut, oder die aus Schüchternheit, ja gar aus
Furcht -- ausreißen. Die Aufnahme von Menschenszenen ist nicht nur
eine technische, sondern vor allen Dingen eine ganz bedeutende --
seelenkundliche Leistung. Es wird sich in vielen Fällen empfehlen, den
Aufnahmezweck und -vorgang nicht zu verhehlen, da eben doch die
Aufnehmenden dabei selber zuviel bewußt mittun müssen -- sie müssen
innerhalb eines bestimmten Gesichtskreises bleiben usw. --, und da
eben eine _zufällige_ Entdeckung der Sache den _größten_ Schaden
stiftet. Der sichere Weg ist in solchen Fällen wohl der, den jeder
einschlagen muß, der volkskundlichen Stoff einsammeln will: sich erst
so das Vertrauen der Leute gewinnen und sie dabei so weit in das
Verständnis einführen, auch ihr eignes Interesse anregen, daß der
Sache für sie das Befremdende genommen wird, und sie, nötigenfalls
durch Vorproben, Befangenheitsfehler ablegen lernen. Daß auch dann
noch das Unternehmen die größte Menschenkenntnis und geistige
Überlegenheit, überdies sehr viel Umsicht und Übung erfordert, ist
gewiß. Denn: wenn auch das Menschenleben überall _interessant_ ist, wo
man hineingreift, so ist es doch nicht überall _kinematographisch_
erfaßbar. Namentlich spielt da ein anderer Umstand, nämlich die
Beleuchtung, eine oft recht unbarmherzige Rolle. Sie muß man bei
derartigen Aufnahmen lange vorher auskundschaften und berechnen.
Nur soweit der Wirklichkeitswert der Aufnahmen dadurch nicht
beeinflußt wird, dürfen wir andere Gesichtspunkte des guten Geschmacks
sprechen lassen. Diese sind vor allem: Auswahl des _Wesentlichen_ (das
sind hier hauptsächlich Bewegungsvorgänge, nicht die Gegenstände an
sich) und, aus geld- und kraftwirtschaftlichen Gründen möglichste
_Häufung_ desselben -- wiederum nur bedingungsweise. Was ich aber
besonders hervorheben will, ist die Notwendigkeit, jeder einzelnen
Szene die nötige _Länge_ zu bewilligen. Sie muß so lange dauern, daß
erstens mindestens eine vollständige _Bewegungseinheit_ darauf kommt.
Es sollte ja selbstverständlich sein, daß die Filmparze dem mähenden
Bauern nicht gerade dann den Lebensfaden abschneiden darf, wenn er den
Arm zum Schwunge erhoben hat, ebenso wie sie ihn nicht mitten in einer
Tätigkeit das Licht der Bogenlampe erblicken lassen darf. Wo es sich
um systematisch wiederkehrende Bewegungen handelt, müssen diese
Rhythmen vollständig und mehreremal zur Anschauung kommen. Ich
erinnere mich an eine großartige Meeresbrandung: wie rabiate Vorläufer
kommen lange flache Wellen schäumend auf Klippen losgerannt und
scheinen vor ihnen umzukehren, um sich mit den nachkommenden zu
vereinigen. Dann stürzen sie brandend heran ... mittlerweile sieht man
hinter ihnen eine der »Großen« sich sammeln, erheben, heranschweben
... sie stürzt brüllend und in Schaumkaskaden zerfetzt, über die
Felsen weg. Nach dieser Kraftprobe tritt eine unheimliche Pause ein --
da sammelt es sich im Hintergrunde schwarz und mächtig, bäumt sich
ungeheuer auf, den Himmel verdunkelnd, gleitet heran wie ein auf die
Hinterbeine gebäumtes Ungeheuer und naht sich so drohend, daß man
unwillkürlich die Augen schließt -- im nächsten Augenblick ist alles
auf der Leinwand ein Chaos. Schaudernd und doch mit einer
ästhetischen Befriedigung, die nur die größten Szenen der reinsten
Kunstwerke gewähren, erleben wir das Kraftschauspiel der Natur. Aber
-- im selben Moment springt das Bild um, und es erscheint irgendeine
andere Szene. Das ist sachlich so falsch wie geschmacklich. Was wir
gesehen haben, war eine Wogenperiode -- es gehört zu ihrem Wesen, daß
sie sich im gleichen gelassenen Rhythmus je und je wiederholt: wir
müssen das _ein paarmal_ erleben, um es richtig zu erfassen. Aber auch
ästhetisch ist es notwendig, denn unsere Seele ist bis ins Innerste im
Banne dieses Schauspiels; es muß sich ausleben und auswirken, unsere
Nerven müssen ihm gegenüber den Halt wiederfinden, und es muß uns Zeit
gelassen werden, uns vollkommen in die _Stimmung_ hineinzuleben. Nur
nebenbei bemerke ich, daß es natürlich Barbarismus schlimmster Art
ist, nach solcher Szene ohne Pause eine andere folgen zu lassen; es
muß eine Ruhepause folgen. In der üblichen Kinematographie wird aber
noch viel schlimmer gegen die Gesetze des Nervenlebens, des Geschmacks
und der Sachlichkeit gesündigt. Szenen von zwei bis drei Sekunden sind
nicht selten, Szenen von sachgenügender Länge geradezu eine Ausnahme.
_Jede Bewegungsszene muß so lange dauern, bis die über der wildesten
Bewegung schwebende heitere Weltruhe wieder im Beschauer zur
Herrschaft kommt._ Selbst die geringst bewegten Bilder -- Wüste,
Waldeinsamkeit usw. -- ja diese, in denen abgeschlossene
Bewegungseinheiten eigentlich fehlen, erst recht, müssen so lange
dauern, daß die in ihnen liegende _Stimmung_ deutlich und nachhaltig
zum Ausdruck kommt -- ganz abgesehen davon, daß vor allem natürlich
das Auge Gelegenheit haben muß, das Dargestellte überhaupt sachlich
voll zu erfassen.