Fünfter Aufzug

(+Bild+: wie beim ersten Aufzug. Am Gartentisch sitzt

+Lise+ mit dem noch immer maskierten +Bergrat+; Beide

klatschen mit den Händen den Takt des Liedes. Sie hat den Schleier

zurückgeschlagen, und ihr Wünschelstab steht an die Haustür

gelehnt. Es ist noch erstes Morgengrauen; später wird der Himmel

hinter den Bäumen heller und färbt sich schließlich mit goldner

Röte.)

+Lise+

(singt weiter):

Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz;

nur hol erst deinen goldnen Kranz,

Trab Trab!

Wer zu ihr will, muß früh aufstehn;

wer’s tut, dem patscht sie auf die Zehn,

schwapp!

+Der Bergrat+

(ihre Hände fassend):

Schwapp, gefangen! Jetzt fordr’ich Lösegeld.

+Lise+:

Das kann doch keiner zahlen, dem man die Hand festhält?

+Der Bergrat+

(sie freigebend):

Ach, Fräulein Lise: wirklich: Sie machen mich rein zum Kind.

Sie tun ja viel stachliger, als Sie sind.

+Lise+:

So? Wie bin ich denn?

+Der Bergrat+:

Sie sind so zum küssen nett,

so wie Dornröschen in ihrem moosgrünen Bett,

als endlich der Ritter kam und sie nannten sich Du --

+Lise+:

Halt, Herr Ritter: so spornstreichs gehts nur im Märchen zu.

+Der Bergrat+:

Aber ich bitte doch schon die ganze Nacht so heiß

wie ein Glühwurm, Schatz!

+Lise+:

Herr Glühwurm, erst für den Schatz den Preis!

+Der Bergrat+:

Aber Kind, du liegst ja wie’n Füchslein danach auf der Lauer.

+Lise+:

Ja, Herr Fuchs; sonst bleiben die Trauben sauer.

+Der Bergrat+:

Liebes Fräulein Lise: hier, bitte, sehn Sie mein ehrlich Gesicht!

(Er will sich die Maske abnehmen.)

+Lise+

(ihn nasenstübernd):

Nein, lieber nicht.

Ich finde die meisten Herren maskiert viel netter.

+Der Bergrat+:

Alle Wetter! --

Ja aber, du Satansmädel:

was spukt dir im Schädel!

solch Grundstück ist doch kein Puppenlappen!

+Lise+:

Ja aber, Herr Satan, ich bin doch auch ein recht schmucker Happen.

+Der Bergrat+:

Und blos, weil der -- Vormund das Haus behalten soll?

+Lise+:

Was dachten +Sie+ denn?

+Der Bergrat+:

Mädel, mach mich nicht toll!

Sag, wo hast du den Schlüssel?!

+Lise+:

Nein wahrhaftig, den haben die Raben;

ich muß ihn im Stadtpark verloren haben.

+Der Bergrat+:

Liebes goldnes Mädel, ich hüll dich in Sammt und Seide!

+Lise+:

Lieber toller Herr Bergrat: bitte, drei Schritt vom Kleide!

Sonst zieh ich gleich wieder den schwarzen Schleier vor

und stopf mir moosgrüne Watte ins Ohr.

+Der Bergrat+

(das Vertragspapier aus der Brusttasche nehmend und entfaltend):

Nun -- dann hier, Fräulein Lise. Der Fuchs ist zwar manchmal ein

Dieb,

aber immer ein Ritter.

+Lise+:

O, +das+ -- nein, ist +das+ aber lieb!

Nein wirklich: das ist einfach lieb von Ihnen!

+Der Bergrat+:

Und die Trauben?

+Lise+:

Oh -- die werden vielleicht noch Rosinen.

Hier schenk ich Ihnen meinen aller-aller-unsauersten Kuß.

(Sie küßt ihm die Hand und springt rasch weg; steckt das

Vertragspapier dann ins Mieder.)

+Der Bergrat+:

Das war aber ein sehr, sehr vormundhafter Genuß.

(Auf ihr Mieder deutend):

Darf ich nicht wenigstens beim Verschluß der Schatzkammer helfen?

+Lise+:

Nein, das dürfen vorläufig nur im Mondschein die Elfen.

+Der Bergrat+:

Ach, liebstes Fräulein Lise, sein Sie doch gut zu mir!

+Lise+:

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 247 / 272 题