(Er stülpt die Würfel auf einen Kristallblock.)
Hier --: dreimal der nackte Spatz!
+Frau Venus+:
In der Tat: ein unwiderleglicher Satz.
Gib her!
+Eckart+:
Halt, Hexe! leg erst den Zauberstab nieder!
+Frau Venus+:
Das versprach ich +nie+ wem.
+Eckart+:
Dann, Schalk, nimm den Becher wieder!
Rasch! nimm ihn! rasch! --
Die Unholdin wirft dir Pasch auf Pasch;
so bliebe das Wettspiel in alle Ewigkeit gleich.
+Frau Venus+:
Ich hätt ihn heimzahlen können, den schnöden Gauklerstreich;
aber, Tyll, des Michels Seele gilt mir zu viel
für ein Würfelspiel!
Ich sehe, Rotbart, zu meiner Freude: du nickst.
+Der Rotbart+:
Ich fühle, Feindin, wie ehrlich du um dich blickst.
+Frau Venus+:
So hört meinen rückhaltlosen Bescheid:
der Michel Michael selber löse im Traum unsern Streit!
Wenn du Herrscher in seinem dir zugeweihten Land,
du Wächter an deinem ihm geheiligten Stand,
du Landstreicher da aus vogelfreien Bezirken,
wenn ihr vermögt seiner Sehnsucht ein habhaftes Ziel zu erwirken,
das ihm wettmacht den einen einzigen unruhvollen Bann,
den meine Inbrunst, die verwunschne, ihm antun kann:
so sei er hinfort, in Zeit und Ewigkeit,
von mir befreit! --
Seid ihrs zufrieden?
+Der Rotbart und Eulenspiegel+:
Zufrieden! Zufrieden!
+Eckart+:
Nur unter der Sicherheit,
daß dein Szepter, solange der Streit dich drängt,
sein träumendes Haupt nicht berührt noch umkreist noch sonstwie
lenkt.
+Frau Venus+:
+Die+ Sicherheit geb ich.
+Eckart+:
Dann ruf ihn! die Wette +hängt+.
+Frau Venus+
(berührt die Kobolde mit dem Szepter):
Aufgewacht, Klopfgeister, aufgewacht!
der Wunschquell sprudelt; öffnet den Schacht!
Feuerfluß werde kristallene Flut!
Erde, enthölle dein Himmelsblut!
verschlinge das Trübe, beschwinge das Reine!
Erscheine, Michael, erscheine! --
(Die Kobolde haben die Kristallschnurgeflechte der rechten Grotte
inzwischen geöffnet und eine ferne langsame Tanzmusik ertönt. Aus
rötlichem Qualm auftauchend erscheint ein Zug schwarzgekleideter
Gestalten. Voran +fünf Kaplane+, im Gänsemarsch mit
Polkaschritt. Dann je +fünf Landräte und Bürgermeister+, die
den schlafenden +Michel Michael+ auf seiner Bank einhertragen;
er hat noch immer die Zippelmütze auf dem Kopf und ist mit dem
Tischtuch an die Bank festgebunden, mit dickem Knoten auf der
Brust, doch so, daß seine Arme frei sind. Hinterdrein +fünf
Pastoren+, wieder im Polkaschritt. Jeder Kaplan, Landrat,
Bürgermeister, Pastor ist den vier übrigen zum Verwechseln ähnlich,
in den gleichen Kostümen und Masken wie früher.)
+Chor der Landräte und Bürgermeister+:
Hier naht er, hier naht er,
der Weltpotentater.
+Chor der Kaplane und Pastoren+:
Da liegt er im Wickel,
das Hochmutskarnickel.
+Die Landräte und Bürgermeister+:
Du Großmaul! du Saufsack! du Raufbold! du Strolch!
+Die Kaplane und Pastoren+:
Jetzt kommt die Vergeltung, du Sündenmolch!
Rache! --
(Der Zug macht ruckhaft in vier Kolonnen Halt und stellt die
Bank in der Mitte der Höhle nieder, Michels Füße dem Venusthron
zugekehrt; zugleich wird die Grotte wieder verhängt, sodaß die
Tanzmusik verstummt, und die Kobolde eilen auf ihre Sitze zurück.
Michel liegt immerfort regungslos.)
+Frau Venus+:
Erhebt ihn!
+Die Landräte+:
Äh --?
+Der Rotbart+:
Erhebt ihn!!!
+Eulenspiegel+:
Ja ja! hier pariert man aufs Wort!
Immer artig, werte Herrn! hübsch kusch und apport!
(Halblaut:)
Held Michel, hier braucht dich blos das geheimste Lüstchen zu
jucken,
und wir sind allesamt deine tiefst leibeignen Haiducken.
(Die Amtspersonen haben inzwischen, unter schreckhaften Bücklingen,
die Bank mit Michel hochgekippt, sodaß sein ganzer Körper verdeckt
steht; so dem Venusthron zugewandt, an die aufgerichtete Bank
gebunden, bleibt er stehen, bis sich der Vorhang schließt, und nur
ab und zu wird Arm oder Hand von ihm sichtbar.)
+Der Rotbart+:
Hier schützt dich mein Schwert, es ist allzeit unbestechlich.
+Eckart+:
Hier stützt dich mein Kreuz, es ist unzerbrechlich.
+Eulenspiegel+:
Hier nützt dir meine Pritsche, sie ist unüberwindlich;
und deine Schlafmütze, sie ist unergründlich.
+Michel+
(immer mit schlafbefangener Stimme):
Wo -- bin -- ich?
+Frau Venus+:
Im Reich deiner reinsten Kräfte.
Hier siehst du im Glanz kristallklarer Säulenschäfte
deine stärksten Schutzgeister tausendfältig sich spiegeln
und dir ihre innerste Strahlenfülle entriegeln.
Hier hast du für immer die Wahl zwischen ihnen und mir;
hier bist du Alleinherr. (_Zu den Amtspersonen_:) Kniet nieder, ihr!
+Die Kaplane+
(gehorchend):
Herr, erbarme!
+Die Pastoren und Bürgermeister+
(ebenso):
dich unser!
+Die Landräte+
(aufmuckend):
Himmelkreizrudiment!
+Eulenspiegel+
(sie einzeln rasch mit der Pritsche duckend):
Nieder! nieder! nieder! nieder! nieder! Blitzelement!
+Der Rotbart+
(Michels Kopf mit dem Schwert berührend):
Ich, Michel, kröne dein Haupt mit dem herrlichsten Mut,
dem zu dir selbst; bewahre ihn gut!
+Eckart+
(desgleichen mit dem Kreuzstab):
Ich, Michael, mit der heiligsten Macht,
der über dich selbst; nimm sie wohl in Acht!
+Eulenspiegel+:
Ich verhalte mich selbstverständlich ergebenst stille,
denn die Hauptsache bleibt: es geschehe dein Wille!
(Ihm ins Ohr:)
Wenn du willst, ist der ganze Weltrummel nichts als ’ne Flause.
+Michel+:
Ich -- will -- nach Hause!
+Der Rotbart+:
Hier +bist+ du’s!
+Eckart+:
Ewig!
+Frau Venus+:
Dies Haus kannst du nie verkaufen.
Michel Michael, bald ist die Zeit abgelaufen,
in der du den Raum der Geister heimlich erleuchtet siehst;
wenn du willst, daß dein innerstes Heim sich erschließt,
ich zeig dir’s!
+Michel+:
Wer -- bist -- du?
+Frau Venus+
(von feurigem Rauch verhüllt):
Ich weiß nicht mehr.
Wohl aus tiefem Süden kam ich einst her,
wohl aus höchstem Norden: aus allen Zonen,
wo Urvater Schmerz und Allmutter Wonne wohnen.
Wohl der einsamen Glut seines Geistes bin ich entsprossen,
wohl vom willigen Feuer ihrer Seele durchflossen
in des Erdgrunds kreisenden Leib getropft,
aus dem nun mein Himmelsblut flammt und flackert und drängt und
klopft,
aufbegehrlich durch deine, auch deine irdischen Adern hin --
+Eckart+:
Hüt dich, hüt dich, Michael, vor der Teufelin!
+Die Kaplane+
(_sich bekreuzend_): Teufelin!
+Der Rotbart+:
Schweigt, ihr Winsler!
+Frau Venus+:
Hab Dank! Ja, Gebieter, ich bin
nur die Stimme, die aus dir selber lacht,
wenn dein Mutwille hochlodert aus dem Kyffhäuserschacht.
Ich, Eckart, brauche des Michels Haupt nicht mit wirren
Machtsprüchen ewigen Heils zu kirren,
nicht wie du, Freund Tyll, mit gleißenden Freiheitsblicken
sein Hirn bestricken:
ich rühre nur leise an sein Herz --
(sie senkt ihren Stab auf Michels Brust)
seht, wie er aufzuckt! -- Sag, Michel: +Ist’s+ Schmerz?
+Michel+: