Dritter Akt

+Christian Wach+

(sitzt im Lehnstuhl hinter dem Mitteltisch, den Unterkörper in

schwarze Decken gehüllt. Vor ihm liegen Geschäftspapiere, in denen

er blättert und Zahlen nachrechnet, in der linken Hand einen

Bleistift haltend. Man sieht, sein rechter Arm ist gelähmt, hängt

in einer schwarzen Binde. Seine Stimme klingt untergraben.)

-- -- Also noch knappe neun Millionen -- (_den Bleistift hinlegend_)

es geht zu Ende, Christian Wach. -- (_Sich mühsam nach dem Porträt

umwendend_) Deine Schatzgrube ist bald leer, alter Drachen! -- (_Hand

aufs Herz legend, schwer vor sich hin_) Und die Mördergrube wird immer

voller -- --

+Die alte Anne+

(tritt in die Tür, ein winziges, aber sorgsam geschmücktes

Weihnachtsbäumchen auftragend)

So, Herr Christian, damit Sie doch merken, daß uns heute der Heiland

geboren ist -- (_vor ihn hintretend_) der Erlöser, lieber Herr

Christian! -- (_Das Bäumchen auf den Tisch stellend_) Gelt, ich darf es

heut Abend uns anzünden; zu Heilig-Abend ist das keine Verschwendung.

+Christian+

Das hast du doch früher nicht getan. (_Lächelnd_) Du denkst wohl, jetzt

bin ich hilflos genug, daß du mir neue Lichter aufstecken kannst?

+Anne+

Ja, ich hätt mir schon eher ein Herz fassen solln. Wir sind allesamt

hilflos genug.

+Christian+

Besonders wenn wir’s uns einreden lassen. Ich halte mich lieber an das

Sprichwort: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das ist auch für die

Gottlosen brauchbar.

+Anne+

Es gibt noch ein ander Sprichwort, Herr Christian: Gott verläßt die

Seinen nicht. Und mancher ist sein, der’s nicht wahr haben will.

+Christian+

Wenn ich nicht wüßte, wie gut du’s meinst, könnt ich glauben, du dankst

deinem Gott im stillen, daß er mich damals nach meiner Freisprechung

(_auf seinen rechten Arm deutend_) mit dem Schlaganfall begnadet hat.

+Anne+

Seine Wege sind nicht die unsern.

+Christian+

Schon recht, schon recht; ich kenn deine Standreden. (_Auf den Stuhl

zu seiner Linken weisend_) Komm, setz dich lieber, ich muß dir was

sagen. Aber stell erst das Bäumchen einstweilen beiseite, sonst vergeht

mir bis Abend die Freude daran. (_Während Anne es auf den Bücherbord

trägt_) Ich habe gestern mit dem Notar mein Testament ins Reine

gebracht (_er berührt die Papiere, schüttelt sich unwillkürlich_)

-- aber leg noch bitte etwas Holz aufs Feuer. Und wenn nachher der

Minister kommt, legst du nochmals ein bißchen nach. Hat er nicht

m-melden lassen, worum sich’s handelt?

+Anne+

(ein paar Scheite in den Kamin legend)

Es wird halt wegen der neuen Stiftung sein; die Grundsteinlegung der

Radioklinik.

+Christian+

Nein, das hab ich mir schon verbeten, daß sie auf meinen Namen getauft

wird. Also komm jetzt, wir wollen uns aussprechen.

+Anne+

(sich setzend, ihm in die Augen blickend)

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 116 / 272 题