+Christian Wach+
(sitzt im Lehnstuhl hinter dem Mitteltisch, den Unterkörper in
schwarze Decken gehüllt. Vor ihm liegen Geschäftspapiere, in denen
er blättert und Zahlen nachrechnet, in der linken Hand einen
Bleistift haltend. Man sieht, sein rechter Arm ist gelähmt, hängt
in einer schwarzen Binde. Seine Stimme klingt untergraben.)
-- -- Also noch knappe neun Millionen -- (_den Bleistift hinlegend_)
es geht zu Ende, Christian Wach. -- (_Sich mühsam nach dem Porträt
umwendend_) Deine Schatzgrube ist bald leer, alter Drachen! -- (_Hand
aufs Herz legend, schwer vor sich hin_) Und die Mördergrube wird immer
voller -- --
+Die alte Anne+
(tritt in die Tür, ein winziges, aber sorgsam geschmücktes
Weihnachtsbäumchen auftragend)
So, Herr Christian, damit Sie doch merken, daß uns heute der Heiland
geboren ist -- (_vor ihn hintretend_) der Erlöser, lieber Herr
Christian! -- (_Das Bäumchen auf den Tisch stellend_) Gelt, ich darf es
heut Abend uns anzünden; zu Heilig-Abend ist das keine Verschwendung.
+Christian+
Das hast du doch früher nicht getan. (_Lächelnd_) Du denkst wohl, jetzt
bin ich hilflos genug, daß du mir neue Lichter aufstecken kannst?
+Anne+
Ja, ich hätt mir schon eher ein Herz fassen solln. Wir sind allesamt
hilflos genug.
+Christian+
Besonders wenn wir’s uns einreden lassen. Ich halte mich lieber an das
Sprichwort: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das ist auch für die
Gottlosen brauchbar.
+Anne+
Es gibt noch ein ander Sprichwort, Herr Christian: Gott verläßt die
Seinen nicht. Und mancher ist sein, der’s nicht wahr haben will.
+Christian+
Wenn ich nicht wüßte, wie gut du’s meinst, könnt ich glauben, du dankst
deinem Gott im stillen, daß er mich damals nach meiner Freisprechung
(_auf seinen rechten Arm deutend_) mit dem Schlaganfall begnadet hat.
+Anne+
Seine Wege sind nicht die unsern.
+Christian+
Schon recht, schon recht; ich kenn deine Standreden. (_Auf den Stuhl
zu seiner Linken weisend_) Komm, setz dich lieber, ich muß dir was
sagen. Aber stell erst das Bäumchen einstweilen beiseite, sonst vergeht
mir bis Abend die Freude daran. (_Während Anne es auf den Bücherbord
trägt_) Ich habe gestern mit dem Notar mein Testament ins Reine
gebracht (_er berührt die Papiere, schüttelt sich unwillkürlich_)
-- aber leg noch bitte etwas Holz aufs Feuer. Und wenn nachher der
Minister kommt, legst du nochmals ein bißchen nach. Hat er nicht
m-melden lassen, worum sich’s handelt?
+Anne+
(ein paar Scheite in den Kamin legend)
Es wird halt wegen der neuen Stiftung sein; die Grundsteinlegung der
Radioklinik.
+Christian+
Nein, das hab ich mir schon verbeten, daß sie auf meinen Namen getauft
wird. Also komm jetzt, wir wollen uns aussprechen.
+Anne+
(sich setzend, ihm in die Augen blickend)