Ich bin’s zwar nicht mehr gewohnt vormittags. Aber --

+Anne+

(nachdem sie auch ihm eingeschänkt)

Ist gern geschehen, Herr Justus.

+Sanitätsrat+

(während Anne hinausgeht)

Also dann, mein teuerster Herr Patient: wie gesagt, es lebe die

Herzensbewegung! -- (_Sie stoßen gemessen an und trinken_) -- Denn wie

gesagt: Ihre Ruhe gefällt mir nicht, kommt mir nach all dem Traraa

etwas unheimlich vor. Hatte eigentlich von der vertrackten Affäre eine

Art Nervenbelebung für Sie erwartet. Drückt Sie vielleicht ein geheimer

Schmerz? Das heißt, verstehen Sie recht, ich meine: irgend ein Groll,

ein verbissener Kummer? Nur nichts in sich fressen, Verehrter! Trinken

Sie öfters ein Gläschen Champagner und sprechen Sie sich mit jemand

aus, wenn die Geschichte Sie immer noch wurmt.

+Christian+

Ha-hörst du’s, Justus: ich soll mich gesund beichten! Vor Gericht, das

genügte noch nicht! Also klopf mir mal gründlich aufs Gewissen!

+Sanitätsrat+

Spotten Sie nur, das ist gut gegen Blutstockung; der Herr Vetter wird’s

Ihnen nicht verargen. Wir müssen uns hüten, Verehrter, vor Apoplexie!

Und bei Neurosen, so rätselhaft wie die Ihre, kann Herzenserleichterung

Wunder tun. War mir schon im Prozeß höchst intressant, daß Sie

plötzlich nicht mehr zu stottern brauchten. Also nochmals: nur keine

Mördergrube!

+Christian+

(Justus zutrinkend)

Haha-Heil dir also, du Wundertäter! -- Aber, mein lieber Geheimrat,

was reizt Sie blos, daß Sie mich durchaus gesund machen wollen? Meine

Krankheit ist doch viel intressanter.

+Sanitätsrat+

Na, erlauben Sie, Bester, bedenken Sie: ich bin doch immerhin

Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Menschenfreunde! Jahresbeitrag

fufzig M, ungerechnet die Liebesmähler! -- (_Er trinkt aus und steht

eilfertig auf_) Also wohl bekomm’s, meine Herrn; mehr als guten

Rat kann ich leider nicht geben -- (_verbeugt sich lächelnd, geht

händereibend ab_) -- --

+Christian+

Nun, so nachdenklich, Herr Gewissensrat? Trink doch, du sollst mich

doch animieren!

+Justus+

Auf den neuen Charakter denn, Herr Geheimrat -- (_blickt ihn forschend

an und trinkt aus_) --

+Christian+

(ihm das Glas wieder füllend)

in der alten Mördergrube, nicht wahr? -- Du dachtest wohl wirklich im

ersten Augenblick, ich wollte uns alle zusammen vergiften?

+Justus+

Offen gesagt, Vetter, ich würde dir dankbar sein, wenn du einen andern

Ton zu mir anschlagen könntest. Ich bin vielleicht doch nicht „witzig“

genug, um über derlei Scherze zu lachen.

+Christian+

Und wenn’s nun keine Scherze wären? Wenn ich nun doch vielleicht

gemordet hätte, noch viel planmäßiger, als du dachtest? Wenn (_nach

dem Porträt weisend_) der Schlaganfall meines Opfers kein Zufall war,

sondern von mir herbeigeführt, um auf alle Fälle sicher zu gehn? Bist

du noch garnicht auf den Einfall gekommen, daß man Wutanfälle künstlich

bewirken kann?

+Justus+

Es scheint, du gefällst dir in der Rolle des skrupellosen Übermenschen.

Du solltest mit solchen Gedanken nicht spielen in deinem überreizten

Zustand. Du kannst dich doch unmöglich wohl dabei fühlen.

+Christian+

Meinst du, die menschenfreundlichen Milliardäre, die in Amerika Kirchen

und Schulen stiften und Krankenhäuser und Volksküchen, die zögen ihre

Gefühle zu Rate, wenn sie mit ihren Börsenmanövern andere Menschen zu

Grunde richten? Oder um ein Beispiel zu wählen, das deinem Opfersinn

näher liegt: hat sich etwa der General Bonaparte, oder irgend ein

andrer Schlachtenlenker, jemals mit Gewissensskrupeln über M-Massenmord

abgegeben? Und doch bewundert ihn die christliche Menschheit; genau wie

den großen Kaiser Karl, der zum höheren Ruhm seines Hahaha-Heilands ein

ganzes Heer Heiden abschlachtete, oder den edlen Bürger Robespierre,

der zu Ehren der Freiheit Tausende Mitbürger in den Kerker und aufs

Schaffott spedierte. Ja, die menschliche Bestie ist sehr beflissen,

heilige Zwecke zu erfinden, unter deren Nimbus sie sich austoben kann.

(_Sein Glas hebend_) Trink, lieber Justus, und lerne l-lachen! --

+Justus+

(während Christian trinkt und sich hastig das Glas wieder füllt)

Du könntest dich auch auf Nero berufen, an dessen irrsinnigen

Greueltaten sich der Pöbel im Kino noch heute entzückt. Trotzdem hält

jeder anständige Mensch solchen großspurigen Bösewicht im Grunde für

einen armen Teufel, der in die Besserungsanstalt gehörte.

+Christian+

(auflachend)

Hahahimmlisch! du bist ja ungemein witzig! Wahrhaftig,

das Alleranständigste wäre, wir gingen +alle+ in die

Besserungsanstalt; es ist für Hans Jedermann immer noch leichter,

ein Engel in Menschengestalt zu werden als ein Teufel von

Übermenschengröße. Aber du trinkst ja garnicht, du M-Menschheitsretter;

zum Wohl, mein gütiger Beichtvater! (_Er trinkt mit sichtlicher

Erregtheit._)

+Justus+

(nur kurz Bescheid tuend)

Zum Wohl -- wenn dich die Beichte nicht reut. Vielleicht ist es dir in

Wahrheit lieber, dich nicht weiter auszusprechen.

+Christian+

Was weißt du von meiner Wahrheit, Mensch! (_Sich mäßigend, starr vor

sich hin_) Was weiß ich schließlich selber davon.

+Justus+

Beruhige dich; ich will sie nicht wissen.

+Christian+

Wer kann denn die Wahrheit über sich sagen? Das Wahre ist immer nur,

was man tut!

+Justus+

Ich will auch von deinen Taten nichts wissen. Ich bin durchaus nicht

darauf versessen, mich in dein Vertrauen zu drängen.

+Christian+

(lächelnd)

Aber du bleibst mit Vergnügen sitzen, weil meine Worte dein M-Mißtrauen

ködern. Vergiß nicht, es sind blos -- „Gedankenspiele“. (_Er trinkt

wieder mit merklicher Hast._)

+Justus+

Ich bin geblieben, Christian, weil du mich etwas fragen wolltest.

Wenn’s dir leid geworden ist, gehe ich gern.

+Christian+

Aber nein, das wirst du mir doch nicht antun, du reuevoller

Blutsverwandter! Du mußt doch anstandshalber ein bißchen Mitleid

haben mit meinem „überreizten Zustand“! Natürlich will ich dich etwas

fragen, sehr viel sogar, du wirst dich wundern! Du mußt doch auch von

Berufswegen einigen Anteil daran nehmen, wie der verfolgten Unschuld

zumute ist! Nicht wahr, lieber Vetter, das mußt du doch?

+Justus+

Also --?

+Christian+

Du scheinst es ja garnicht erwarten zu können -- (_er will wieder

trinken, beherrscht sich aber_). Also: gesetzt zum Beispiel den Fall,

dir kämen jetzt, nachdem sich dein Urteil über meinen Charakter

geändert hat -- von Grund aus geändert hat, wie du sagtest, -- da

käme dir nun ein D-Dokument in die Hand, womit du dem ho-hohohohen

Gerichtshof den vollen Beweis erbringen könntest, daß ich mich in der

Tat vor Jahren als Unmensch (_absichtlich_) betäterätätigt habe: was

würdest du da tun, lieber Justus?

+Justus+

Du wirst doch nicht im Ernst erwarten, daß ich auf solche wahnwitzige

Frage eine vernünftige Antwort geben soll.

+Christian+

Du meinst, ich würde jetzt nicht mehr ins Zuchthaus, sondern ins

Irrenhaus gehören? Sehr freundlich, aber das scheint mir falsch; ich

halte meine Vernunft für recht klar. Doch gesetzt, ich war wirklich so

irrsinnig, aus allgemeiner M-Menschenliebe einen einzelnen Menschen

zu morden, dann ist doch Irrsinn noch kein triftiger Grund, einen

M-Mörder freizusprechen. Das wäre wohl höchstens dann vernünftig, wenn

+alle+ Irren Mörder wären. Du bist doch jedenfalls der Ansicht,

mindestens doch von Amtswegen, daß man verbrecherische Gelüste aus der

Menschheit ausrotten müsse, und daß sich das nur durchsetzen läßt,

wenn man die Verbrecher bestraft. Warum also einen M-Mörder schonen,

der zufällig auch noch irrsinnig ist; den müßte man doch erst recht

bestrafen, damit sich nicht etwa andre Irre ein reizendes Beispiel

an ihm nehmen. Ja, wär’s noch ein Mammama-Massenmörder, vor dem sich

die vernünftige Menschheit mit Staunen und Grauen verkriechen könnte!

Aber ein ganz gewöhnlicher Gelegenheitsmörder: wozu denn den unter die

Glasglocke setzen? -- Ich glaube, du wirst mir zugeben müssen, daß

meine überreizten Gedankenspiele ziemlich folgerichtig sind.

+Justus+

Unheimlich richtig -- wie ich gleichfalls schon sagte.

+Christian+

(lächelnd)

Ja, es ist schwer, sich verstehen zu lernen. (_Das Glas hebend_) Zum

Wohl! so trink doch endlich aus!

+Justus+

(sein Glas mit der Hand bedeckend)

Nein, danke; keinen Tropfen mehr.

+Christian+

Du fürchtest wohl, du lernst mich zu gut verstehen? -- (_Das Glas

hinsetzend, ohne getrunken zu haben_) Soll ich dich lieber nicht weiter

fragen?

+Justus+

(lächelnd)

Ich fürchte, du wirst es nicht lassen können.

+Christian+

Sehr wahr! Du fängst wirklich an zu verstehen! -- Also gesetzt, du

fändest irgend ein Schriftstück, das mein Verbrechen unwiderleglich

bewiese -- zum Beispiel ein Tagebuch von mir, das ich damals

geschrieben hätte -- in das ich alles verzeichnet hätte, was mich

zu der Untat verführte -- in dem ich mir Rechenschaft ablegte, über

meine Gedanken und Gefühle, vor der Tat und nach der Tat -- wie ich

mit meinem Gewissen kämpfte, jahraus jahrein, von W-Woche zu Woche --

wie ich mich prüfte und mich quälte mit meiner scha-hauderhaft klaren

Vernunft -- wie ich l-langsam die Feigheit überwand, die in unsern

sittlichen Grundsätzen nistet -- wie ich in allen Gründen und Abgründen

meiner Seele herumstocherte, um die Gewürme der Angst und Reue, des

E-Ekels und Dünkels zu zerquetschen -- (_er hat sich krampfig ans Herz

gegriffen_) --: würdest du jetzt noch w-willens sein, mich auf Grund

eines solchen Bekenntnisses öffentlich zu brandmarken? --

+Justus+

Aber lieber Christian, nimm’s nicht übel, verzeih mir meine Offenheit:

das sind ja leere Hirngespinnste. Solch Tagebuch ist doch nicht

vorhanden, also kann ich es auch nicht finden, also auch zu der Frage

nicht Stellung nehmen.

+Christian+

Du meinst, weil du’s nicht gefunden hast bei deiner amtlichen

Haussuchung hier? (_Lächelnd_) Hast wohl gründlichst an den Wänden

geklopft? zum Beispiel (_nach dem Porträt weisend_) hinter dem Erbstück

da! -- Nun, vielleicht gibt es doch Verstecke, die selbst einem

Detektivoffizier ein Buch mit sieben Siegeln sind.

+Justus+

(lachend)

Da kann ich dich gründlichst beruhigen! In der alten Bude, die wir

von Kindheit an kennen, ist mir kein Blättchen verborgen geblieben,

geschweige ein ganzes Tagebuch.

+Christian+

Nun, die Mühe hättest du sparen können. Es wäre doch +gar+ zu

gewöhnlich gewesen, ein solches Beweisstück hier aufzubewahren, wo

jeder Schnüffler es finden konnte; für einen so harmlosen Bösewicht

wirst du mich jetzt wohl nicht mehr halten. Aber gesetzt, ich hätte

es anderswo, an ganz sicherer Stelle, hinterlegt, unter unantastbarem

Siegel -- zum Beispiel bei irgend einem Notar, oder in der Stahlkammer

einer Bank, etwa als Anhang zu meinem T-Testament, das erst nach

meinem seligen Tod gerichtlich geöffnet werden darf --: gesetzt, ich

hätte meine Erben, zum Beispiel einen gewissen Justus, oder vielleicht

auch die alte Anne, mit der Erlaubnis betrauen wollen, die Menschheit

darüber aufzuklären, welch Scheusal dieser M-Menschenfreund war --

mit welcher kaltblütigen Hihihi-Hinterlist er ein gebrechliches Weib

umgarnte, wie er ihre Krankheit mit langsamen Reizmitteln nährte,

ihren zügellos gewordenen Jähzorn bis zur Selbstzerrüttung aufpäppelte

-- wie er ihr schließlich seinen M-Mordplan enthüllte, daß sie vor

ohn-m-m-mächtiger Wut

+Justus+

(brüsk aufstehend und sich reckend)

Genug! jetzt hab ich genug gehört! -- Ich bedauere meine

Gutgläubigkeit, ich speie auf deinen frechen Hohn. Du denkst, du bist

jetzt sicher vor mir; du wirst dich irren, du kennst mich noch nicht!

Ich werde nicht ruhen, bis du entlarvt bist; keinen Schritt mehr sollst

du im Leben tun, hinter dem du nicht meine Augen spürst! Bei Tag und

Nacht, ich werde dir nah sein: dein Doppelgänger, dein Alb, dein

Gespenst --

+Christian+

(hat sich gleichfalls erhoben, ihm fiebrig in die Augen starrend)

Du wirst mir „von Grund aus“ willkommen sein. Du wirst mir das höchste

Vergnügen bereiten, nach dem ich im Leben getrachtet habe. Du wirst

mir tagtäglich den vollen Genuß meiner M-Menschenwürde verschaffen!

Du wirst mir der Hund sein, der bis zum Irrsinn nach meiner

Gewissenspfeife tanzt! Du wirst

+Justus+

Ich werde dein Spiegel sein! Du bist ja der bodenloseste Teufel, der

sich jemals vor sich selber versteckt hat! Ich werde dir endlich einmal

zeigen

+Christian+

dein wahres Antlitz! nicht wahr? ha-ha-hah! -- Ist +das+ deine

Reue, du „anständiger Mensch“?! +Kenn+ ich dich jetzt, du

ehrlicher Vetter?! Ich kann dir noch mehr Verbrechen vorlügen, um

dein M-Mitgefühl zu befriedigen! Ich sollte wohl gleich vor Rührung

zerschmelzen ob deiner edlen „Gutgläubigkeit“? Hahahimmlisch, du

entlarvter Engel, du Cherub der Gerechtigkeit! Hab ich dir „endlich

einmal“ ins Herz geleuchtet? in die M-Mördergrube -- hha-ha-ha -- ah --

(_sein Gelächter schlägt um in einen Wehlaut, er greift in die Luft und

bricht zusammen_) --

+Justus+

(beugt sich über den Tisch vor, mit beiden Fäusten aufgestemmt,

betrachtet kalt den Ohnmächtigen)

-- Diesmal scheint’s echt; -- du traust dir zuviel zu, Bursche. -- (_Er

geht langsam zur Tür, öffnet, ruft_) Schwester Anne! -- (_Er zieht

seine Taschenuhr, überlegt_) --

+Anne+

Was ist? (_Erschreckend_) Um Gottes willen -- (_sie eilt an den

Lehnstuhl, nimmt Christians Kopf in den Arm, lockert ihm Kragen und

Halsbinde_)

+Justus+

(an der Tür bleibend)

Dem Herrn ist der Wein wohl zu stark gewesen; ich werde den Sanitätsrat

holen. Und den Notar; wie heißt er doch gleich?

+Anne+

Welcher Notar? Ich weiß ihn nicht. Der Herr sagt mir nichts von seinen

Geschäften.

+Justus+

Nun, dann nachher; auf bald, Schwester Anne. Wir müssen dem Herrn jetzt

ein bißchen beistehn; wir wollen nachher darüber sprechen.

+Anne+

Gewiß, Herr Justus, das wollen wir.

+Justus+

Also auf bald!

+Anne+

Auf bald, Herr Justus. -- (_Nachdem Justus gegangen ist, leise_) Vater,

hilf deinen schwachen Kindern -- --

(Vorhang)

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 115 / 272 题