Ja, du hast Recht: Gespenstermärchen -- --

+Anne+

Nun fangen Sie wieder zu grübeln an. Ach, wenn Sie doch dahinter kämen,

daß +alle+ Selbstbespiegelung eitel ist, nit blos im Spiegel an

der Wand.

+Christian+

Laß, Anne; das verstehst du nicht. Ich muß mich erst wieder zurecht

finden hier.

+Anne+

Ich fühl doch aber, wie Ihnen das schwer fällt; und möcht die Last doch

tragen helfen.

+Christian+

Nein, geh jetzt; ich muß das allein überlegen. Ich habe schon selbst

daran gedacht, du warst vielleicht die rechte Person, mir den Rest des

Vermögens ver-p-pulvern zu helfen; ich werde das nächstens mit dir

besprechen.

+Anne+

O, nicht das Geld, Herr Christian; fassen Sie doch Vertrauen zu mir!

Erleichtern Sie Ihre bedrückte Seele! Wie eine Mutter bitt ich zu Gott

darum; das wird Sie auch wieder gesund machen.

+Christian+

(aufstampfend)

Ich sag dir, l-laß das -- geh -- bring mich nicht auf! -- (_Ruhiger_)

Stell die Flasche für den Justus bereit; aber bring sie erst, wenn

ich’s dir sage! -- (_Während Anne langsam zur Tür geht_) Und ich dank

dir für deinen Asternstrauß; ich dank dir für alles, alles -- hörst du?

(_Da Anne an der Türschwelle zögert_) Nun, laß gut sein, geh jetzt; was

stehst du noch --

+Anne+

(mit feierlichem Ausdruck, gedämpft)

Und nähmest du Flügel der Morgenröte und flüchtetest übers äußerste

Meer, so würde dich meine Hand doch erreichen, spricht der Herr, dein

+Erbarmer+ -- (_sie geht hinaus_) -- --

+Christian+

(sich erhebend, mit abwehrender Handbewegung)

Gespenstermärchen -- -- (_Er nimmt den Strauß und stellt ihn unter

das Bild._) Ihr zwingt mich nicht -- ihr kennt mich nicht -- niemand!

-- (_Draußen elektrisches Klingelzeichen; er gibt sich Haltung, tritt

neben den Lehnstuhl. Dann geht die Tür auf, und es erscheinen: der

Regierungspräsident und der Oberbürgermeister_) -- --

+Präsident+

(nach gegenseitiger leichter Verbeugung)

Verzeihung, wenn ich stören sollte, und bitte doch Platz zu behalten,

Herr Rat; Sie werden sich leider noch etwas erschöpft fühlen.

+Christian Wach+

Nicht sonderlich, Herr Regierungspräsident; ich müßte lügen, wenn ich

Ja sagen wollte. In unsern Gefängnissen lebt sich’s bequemer, als es

mancher bei sich zu Hause hat.

+Präsident+

(lächelnd)

Ich möchte es lieber doch nicht versuchen. Aber um zur Sache zu

kommen: ich stehe vor Ihnen auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit

unsers gnädigsten Herrn, zugleich im Auftrag des Ministeriums, um

Ihnen unverzüglich Ihre Ernennung zum +Geheimen+ Kommerzienrat

anzuzeigen. Die Regierung will damit ausdrücken und vor der

Öffentlichkeit bekunden: erstens ihre Teilnahme an dem glücklichen

Ausgang eines Prozesses, der soviel peinliches Aufsehn erregt hat,

zweitens ihr unverkürztes Vertrauen in den gemeinnützigen Charakter

eines Mannes, der für die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit seinen

persönlichen Ruf gewagt hat. Nach der erschütternden Seelenbeichte, die

Sie vor dem Gerichtshof abgelegt haben, soll Ihnen diese Anerkennung

eine dauernde Aufrichtung geben (_er verbeugt sich mit Gemessenheit_) --

+Christian Wach+

(lächelnd)

Sie soll mir wohl auch, Herr Präsident, eine dauernde Richtung geben.

Ich danke Ihnen ehrerbietigst und bitte diesen (_sich verneigend_)

untertänigen Dank auch höheren Ortes zu vermelden, erstens für die

Teilnahme, zweitens für das -- „unverkürzte Vertrauen“. Ich werde mich,

soweit es noch in meinen kurzen Kräften steht, dieses Vertrauens würdig

zu machen versuchen.

+Bürgermeister+

Davon ist jedermann überzeugt, Herr Geheimrat. Ich habe mich nicht

blos mit eingefunden, um Ihnen zu der neuen Würde meinen Glückwunsch

darzubringen (_er verbeugt sich gleichfalls gemessen_) -- ich komme

zuvörderst in Vertretung des Ausschusses der Bürgerschaft, sodann noch

besonders als erster Vorsitzender der Gesellschaft der Menschenfreunde,

um Ihnen das allgemeine Bedauern über diese Anklage auszusprechen,

die zwar amtlich genügend begründet war, aber deren augenscheinliche

Unhaltbarkeit schließlich sogar der Herr Staatsanwalt zugab. Sie dürfen

davon durchdrungen sein, daß niemand in den maßgebenden Kreisen bei

Ihrer stets betätigten Menschenliebe einen anderen Ausgang erwartet

hatte, und daß die Untersuchung der Leichenreste Ihrer verewigten Frau

Tante lediglich als Formalität, wie sie die Rechtspflege unvermeidlich

erfordert, vorgenommen werden mußte. Es stand wohl jedem von vornherein

fest, wenigstens jedem Wohlgesinnten, daß das Gift nicht mehr entdeckt

werden konnte -- das heißt, ich wollte natürlich sagen: überhaupt nicht

entdeckt werden konnte

+Präsident+

(sehr rasch)

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 109 / 272 题