+Christian+
Nun, mein gesamter Vermögensrest beträgt noch etwa zwanzig Millionen,
nach Abzug der Reservedepots für meine letzten Stiftungen. Um mir
die Plackerei vom Ha-Halse zu halten, die du als A-A-A-Amtsperson
(_er stampft auf, dann wieder gemessen_) mit dem Plunder da anzetteln
könntest, und um meine innerste Menschlichkeit nicht vor dem Pöbel
entblößen zu müssen, biete ich dir den vierten Teil; das sind also rund
zwei Millionen mehr, als du mir damals abverlangtest.
+Justus+
Deine Menschlichkeit ist seitdem -- beträchtlich großmütiger geworden;
ich erkenne das an, obgleich ich’s erwartet habe. Aber du mußt mir
schon erlauben, deine bekannte Opferwilligkeit
+Christian+
Gut, ich lege noch eine Million zu. Sechs Millionen -- das ist mein
letztes Wort! --
+Justus+
Du hast mich mißverstanden, mein Teurer; du mußt nicht denken, ich sei
deinesgleichen, weil ich jetzt im schwarzen Rock vor dir sitze. Du
hast mich aus meiner Bahn gestoßen, du opferwilliger Ehrenbürger! Du
erntest den Lohn deiner Heldentaten, wenn ich dir nun dazu verhelfe,
in der Sträflingsjacke vor mir zu stehn! Jawohl, edler Vetter:
Gerechtigkeit will ich! die Welt von deinesgleichen säubern! das ist
+meine+ Art Menschenfreundlichkeit!
+Christian+
Deine Gerechtigkeit braucht sich nicht zu ereifern; ich begreife, daß
du dich rächen willst.
+Justus+
Sehr scharfsinnig, dein Begriffsvermögen.
+Christian+
Willst du mich trotzdem noch ruhig anhören? Nur eine kleine Weile noch?
+Justus+
Bitte; ich habe warten gelernt. Außerdem zappelst du sehr ergötzlich im
Netz.
+Christian+
Ich könnte sagen, mein Anerbieten sei nur eine Maske gewesen, um
dein Pflichtgefühl auf die Probe zu stellen. Aber gesetzt, ich hätte
w-wirklich die ungewöhnliche Tat vollbracht, deren du mich für fähig
hältst: ich hätte eine bejahrte Person, die nichts mehr konnte als sich
und andere quälen, mit ihrer Krankheit, mit ihrer Ha-Hartherzigkeit,
mit ihrer hähähä-hämischen Habgier (_er ballt die Fäuste, dann wieder
ruhig_) -- die hätte ich aus dem Wege geräumt nach jahrelangem
Gewissenskampf -- hä-hätte dann wie ein Asket versucht, meine heimliche
Gewalttat zu sühnen -- hätte sie hier in meiner Einsamkeit, in der
Nacht meines Schweigens schwerer gebüßt, als sich’s ein Schuldloser
träumen läßt, -- hätte immer weiter diese Erblast geschleppt, die ich
nur für ein Hirngespinnst verwalte -- für eine M-Menschheit, die ich
zu spät durchschaute, die nichts ist als ein marternder Schemen --:
verlangst du +noch+ mehr Gerechtigkeit?
+Justus+
Du vergißt, ich bin nicht mehr Leutnant genug, um deiner heroischen
Märtyrer-Pose einiges Verständnis zu widmen.
+Christian+
Aber vielleicht verstehst du, daß ich inzwischen manches anders ansehen
lernte. Vielleicht war mein Abscheu gegen dein früheres Handwerk --
deinen Beruf, wenn du das lieber hörst -- nur Verbohrtheit eines
B-Büchermenschen. Vielleicht ist mir die Erkenntnis gekommen, daß auch
Nächstenliebe zur Hartherzigkeit führt, wenn sie die Allernächsten
vergißt über ihrem fernen Ziel. Ich bin dein Schuldner, ich weiß es
lange; deshalb empört mich deine Beschuldigung nicht. Und deshalb --
nur deshalb, Justus! hörst du? -- wiederhole ich mein Anerbieten.
+Justus+
Zu spät, Euer Gnaden; einen Monat zu spät.
+Christian+
Du irrst. Ich habe schon letzte Weihnacht -- denn dies (_auf sein Herz
deutend_) W-Wrack wird nicht lange mehr Stand halten -- mein Testament
beim Notar hinterlegt; darin stehst du mit dem Betrag verzeichnet, den
du einst von mir gefordert hast. Ich biete dir jetzt das Doppelte, weil
ich dir mehr verdarb, als ich ahnte.
+Justus+
(auf seine Mappe schlagend)
Zum Teufel, +alles+ verdarbst du mir! Willst du mich +jetzt+
noch mit Großmut beschwindeln? Dein Testament, wenn’s wahr ist, ist
mir ein Wisch! Ein Verbrecher wie du hat sein Erbrecht verwirkt! Kein
Pfennig von deinem Mammon gehört dir! Wo nimmst du die Stirn her, mich
beschwatzen zu wollen; du verrätst dich ja selber mit jedem Wort!
+Christian+
(tritt ihm langsam näher)
Ah -- du hoffst auf den ganzen Rest meiner Erbschaft. Verrechne
dich nicht; nimm Vernunft an, Justus! Vergiß nicht, ich sprach nur
bedingungsweise! Es hat sich schon m-mancher die Hand verstaucht, der
zu sehr auf die Gerechtigkeit pochte.
+Justus+
Ich poche nur auf die Mappe hier. (_Er nimmt sie unter den Arm und
steht auf._)
+Christian+
Du kannst dir also garnicht die Möglichkeit denken, daß ich jene
Giftsendung für mich selbst kommen ließ? daß ich mich wand vor Scham
und Verzweiflung unter den frevelhaften Wünschen, die ich -- jawohl,
ich bekenn es dir -- unablässig in mir w-wuchern fühlte am Krankenbett
meiner Quälerin?
+Justus+
Eine Möglichkeit zieht die andere nach.
+Christian+
Und wenn nun die Zeugen für +mich+ aussagen? -- Willst du nicht
wenigstens die Anne erst hören?
+Justus+
Der kannst du viel vorgemunkelt haben. Aber wenn dir’s Vergnügen macht,
dich in ihrem Beisein verhaften zu lassen --
+Christian+
(nähert sich der Tür)