+Justus+
Es freut mich, daß du nicht länger heuchelst. Du darfst die Maske
ungeniert lüften.
+Christian+
(immer sehr gemessen)
Du freust dich etwas vorschnell, mein Lieber. Du scheinst meine
„Schlauheit“ trotz aller Anerkennung noch immer für recht kindlich zu
halten. Vor neun Jahren, werter Herr M-Menschenkenner, war ich wohl
doch nicht mehr Schulbub genug, mich dem Spiel des Zufalls so plump
auszusetzen, wenn ich kein reines Gewissen hatte.
+Justus+
O, das Spiel des Zufalls ist allemal plump. Damals konntest du ja
nicht ahnen, also auch noch nicht damit rechnen, daß dein Edelmut
mich veranlassen würde, (_spitzig_) Detektivoffizier zu werden,
geschweige (_an seine Mappe tippend_) daß dies für jeden andern Finder
unscheinbare Wertpapier gerade mir in die Hand fallen könnte. Nur Das
trieb dein feines Spiel in den Plumpsack der sogenannten Schicksalshand.
+Christian+
Nenn’s lieber gleich den Finger Gottes, dann kommst du dir noch
wichtiger vor. Hähähä-hältst du mich im Ernst für so närrisch, daß
ich mir solche Tat auf die Seele geladen hätte, blos um die Millionen
unsrer alten Tante etwas früher unter die Leute zu streuen? Denn ihr
Testament lag ja schon da für mich.
+Justus+
Blos: sie hätte es doch vielleicht ändern können. Und am Krankenbett
warten, wer weiß wie lange, vielleicht nochmals „dreizehn Jahre lang“,
ist in der Tat kein vergnügliches Geschäft, selbst für die edelsten
Wohltäter nicht. Tante Brigitte war damals nur fünf Jahre älter, als du
heute geworden bist, und hatte trotz ihrer Lähmung recht zähe Nerven.
+Christian+
Und deshalb soll ich so sinnlos gewesen sein, so sinnlos und so ruchlos
zugleich, mir einen M-Mord aufs Gewissen zu wälzen? Und das, denkst du,
wird dir irgendwer glauben?
+Justus+
O, das Gewissen beißt immer erst nachträglich; deine Frage klang
ziemlich wund. Auch glauben die Schwurgerichte gern, daß ein
Bankbeamter sich nicht ohne Zweck falsche Briefbogen drucken läßt und
Apothekerwaaren bestellt.
+Christian+
Du hast dich wohl nie mit -- Selbstmordgedanken getragen?
+Justus+
(scharf)
+Vor+ meiner Enterbung +nicht+, lieber Vetter! -- Übrigens
kannst du dir deine verblüffenden Fragen für die Gerichtsverhandlung
aufsparen; für das Zeugenverhör zum Beispiel.
+Christian+
Du denkst dir also, ich habe es fertig gebracht, den Sanitätsrat
sowohl wie die alte Anne über die Todesursache zu täuschen, meinem
Opfer kaltblütig die Augen zuzudrücken, die L-Leiche hohnlächelnd
einzusargen, und dann hier in dem Haus, wo sie aufgebahrt lag, mich
triumphierend festzusetzen -- (_er steht auf, mit Erregtheit um sich
weisend_) hier! sieh dich um! zwischen diesen öden Wänden, wo sie einst
geatmet hat! hier seit neun Jahren es auszuhalten! immer von ihren
Möbeln umgeben! immer ihr B-Bild vor meinem Blick! ihre Pflegerin mir
zur Seite, eigens dabehalten zur steten Erinnrung! -- Das, meinst du,
habe ich auf mich genommen, ich maskierter Schurke, um einer Erbschaft
willen, von der ich mir keinen Genuß vergönne, keine Annehmlichkeit,
nicht die kleinste Erholung, blos Nahrung für meinen Großmutsdünkel!
-- Du traust mir wirklich merkwürdige Kunststücke zu. (_Er ist hinter
seinen Stuhl getreten und stützt sich wieder auf die Lehne._)
+Justus+
Ja, die Verbrecher halten sich gern für Helden, die ihrer Tat überlegen
sind, und liebäugeln mit dem Erinnerungswurm. Manche brüsten sich so
lange im stillen, bis sie sich schließlich laut verraten; fromme Leute
nennen das Gottes Stimme. (_Merkend, daß Christian nach dem Porträt
starrt_) Du redest wohl +öfters+ mit dem Bild da? --
+Christian+
Du stellst starke Ansprüche an meine Geduld.
+Justus+
Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Immerhin scheinst du so geneigt
zum Verhandeln, daß du darüber das Stottern verlernt hast.
+Christian+
(lächelnd)
Nun, vielleicht war auch das nur Maske; man lernt dabei seine Zunge
hüten. -- Wie hoch taxierst du denn deine Entdeckung? --
+Justus+
(lächelt ebenso)