D. J. M. Na, hören Sie mal, erlauben Sie mal, ich soll Sie wohl wegen
Verleumdung verklagen?! Wollen Sie etwa meine leiblichen Urgroßmütter
für lauter Herodiäser erklären?
D. D. D. Oh, zwei bis dreie genügen wohl schon; und wenn ihre Gatten
Herodesse waren, werden Sie’s ihnen wohl nicht verdenken.
D. J. M. Na, Spaß beiseite! Ihr Schädel wirkt propper; Sie sitzen
faktisch briljant Modell. Sitzen Sie jetzt mal ein bißchen stille! Sehn
Sie sich mal derweil meine Augenbrauen und Nasenwurzel und Stirnbogen
an! Sehn Sie: so’was, das gibts nicht bei allgemeinem Menschmansch, das
ist ganz apartes Rasseprodukt.
D. D. D. Mag schon sein; die Oberstirn scheint mir vlämische Rasse, die
Augenknochen spanische. Ihre Familie ist ja wohl zum Teil aus Spanien
über Holland gekommen; und der belgische Architekt Van de Velde hat
einen ganz ähnlichen Gesichtsschnitt, obgleich er wahrhaftig kein Jude
ist.
D. J. M. Nein, wahrhaftig nicht. Aber apart ist er auch. Faktisch ’n
ganz famoses Kerlchen; rassig bis in die Fingerspitzen. Wer weiß,
vielleicht ist er +doch+ ’n Jude!
D. D. D. Sagen Sie mal, Sie Rassemensch: Sie haben doch englische
Vollblutpferde gemalt. Halten Sie die etwa nicht für rassig?
D. J. M. Na, und ob! Ach so, Sie möchten mich wieder döppen?! Na
aber, das hab ich doch gleich blos gemeint: da hat sich eben die
angelsächsische mit arabisch-türkischer Zucht gekreuzt und schließlich
’ne neue Rasse gebildet. Aber sein Sie mal jetzt ’ne Sekunde lang
stille; mir stimmt was nicht an Ihrer Stirn. Einen Moment blos, ich
werds gleich haben. Faktisch ’ne ganz verflixte Stirne; von vorne
breit wie’n heraldischer Bulle, und im Profil schlank retour wie’n
Lämmergeier -- Sie wollen gewiß auch ’ne neue Rasse gründen! -- Bitte,
blos’n Moment noch, dann bin ich so weit! -- So: jetzt los auf die
Weltgeschichte! Dichten Sie bitte ungeniert weiter!
D. D. D. Also -- Tatsache ist doch Folgendes: Ob nun im alten Ägypten
und Hellas, oder im mittelalterlichen China und Indien, oder im
späteren Japan und Persien, oder in der europäischen Renaissance --
eingerechnet die Vorstufen, byzantinische wie maurische, romanische wie
gotische -- überall sind die kurzen Epochen höchster künstlerischer
Kultur erst dann reinlich hervorgetreten, wenn sich durch Kriegs-
oder Handelszüge verschiedene Volksstämme oder Nationen innig
miteinander befaßt und neue Staats- oder Standesformen, Herrschafts-
oder Gesellschaftsklassen durch Mischheiraten angebahnt hatten. Sogar
bei den verschollenen amerikanischen Kulturen ist von der Forschung
festgestellt, daß die großen Tempel der Azteken und Inka erst nach
langwierigen Eroberungskämpfen zwischen diversen indianischen Rassen
entstanden. Und heute, wo sich in Nordamerika aus dem allgemeinen
Menschmansch, wie Sie zu sagen belieben, eine neue weiße Rasse langsam
herausschält: erst heute zeigen sich dort auch die Anfänge einer
spezifischen Yankeekunst, recht respektabel bereits in der Poesie und
in der profanen Architektur, passabel auch in der Malerei. Nun aber
gar das moderne Europa! Woher denn auf einmal seit etwa 50 Jahren
die Hochflut aller möglichen neuen oder doch neu-sein-wollenden
Kunstrichtungen, von Skandinavien und Rußland bis Frankreich und
Spanien?! Sollte es blos ein Zufall sein, was auch hier wieder
unverkennbar vorausging: die Durcheinanderwürfelung aller Nationen
durch die Napoleonischen Kriege, die Entfesselung internationaler
Tendenzen durch Handel, Industrie und Technik, die enorme Steigerung
des Völkerverkehrs durch die Eisenbahnen und andre Transportreformen,
und zu alledem noch als wahrer Rassenextrakt eine Fülle nie dagewesener
Mischungsversuche durch die Emanzipation der Juden!
D. J. M. Sieht ja ungeheuer verführerisch aus, Ihre Destille von
Menschenblut. Aber wissen Sie: Kunstrichtungen, unter uns gesagt,
das sind doch wohl eigentlich immer die Künstler. Na, und +die+
Künstler, die Richtung machen, das sind eben die paar urigen Kerls,
die sozusagen noch koscheres Blut genug haben. Sehn Sie sich doch
mal selber im Spiegel! Haben ’ne richtige deutsche „Schusterneese“.
Brauchen mir garkeine Flappe zu machen; Goethe hatte auch solchen
Zinken.
D. D. D. Und hatte außerdem Augen und Lippen, wie man sie sonst nur an
italiänischen Frauen sieht.
D. J. M. Sie, sagen Sie das blos nicht zu laut! Sonst steigen Ihnen die
Deutschen aufs Dach.
D. D. D. Wie kommt es denn aber, daß die Deutschen, solange sie
„sozusagen noch koscheres Blut genug“ hatten, also längstens bis etwa
zur Zeit Karls des Großen, keinen einzigen namhaften Dichter gezeitigt
haben, von anderen Künsten garnicht zu reden! Wo doch die Griechen
schon vor der geschichtlichen Zeit mit Amphion, Eumolpos und Musäos,
Orpheus, Homer und Hesiod paradieren. Sind das auch nur fingierte
Namen, so beweisen sie doch das Volksbedürfnis nach vorbildlichen
Kulturpersonen; nämlich die Griechen hatten sich damals schon mit
allerhand fremdem Volk gemischt, von Illyrien bis Asien und Ägypten.
Und wie kommt es, daß all die winzigen Rassen, die wir heute noch
wirklich rein nennen dürfen, entweder weil sie von Hause aus keine
Anlage zur Vermischung hatten, vielleicht auch blos keine Gelegenheit,
oder weil sie erstarrte Mischrassen sind, also die sogenannten wilden
Völker -- vom Pescheräh bis zum Eskimo, vom Australneger bis zum
kapländischen Buschmann, vom indischen Paria bis zum Sioux-Indianer --
gar kein Kulturgenie im Leibe haben, geschweige hohe Kunstbegabung?
D. J. M. Na, Sie! das liegt doch klar auf der Hand. Wo alles die reine
Unzucht ist, kann keine reine Zucht draus werden. Natürlich muß mal
erst Mischung kommen, damit sich die bessere Rasse selbst auskennen
lernt --