Ein deutscher Dichter und ein jüdischer Maler waren einander in
Verehrung zugetan, trotz oder wegen ihrer sehr verschiedenen Begabung.
Den Maler reizten simple Motive, die er mit räumlich packender Rhythmik
in verwickeltem Lichtspiel zu zeigen verstand; der Dichter ließ sich
umgekehrt meistens von komplizierten Impulsen anregen, die er bei
rhythmisch lebhaftestem Tempo in unvermutet einfachen Zusammenklang
zu setzen wußte. Gemeinsam war ihnen also nur, was allen vollkommenen
Künstlern gemeinsam ist: ein stark beweglicher Scharfsinn bei
gründlicher Gemütsruhe. Das gab dem persönlichen Charakter des Juden
eine sprunghafte Schlagfertigkeit, die sich mit Vorliebe hinter der
Maske berlinischer Fopperei versteckte; an dem Deutschen dagegen prägte
es sich in einer hartnäckigen Spannkraft aus, die sich nach Art des
märkischen Landvolkes gern etwas nückeboldig stellte.
Als Leute, deren Zeit kostbar war, sahen sie einander nur selten;
aber jeder verfolgte des Andern Arbeiten mit angelegentlicher
Aufmerksamkeit. Nun hatte der Maler ein Bild ausgestellt, dessen
dramatisches Pathos beträchtlich von seiner sonst mehr lyrischen Verve
abstach und infolgedessen viel Kopfschütteln erregte; da konnte der
Dichter nicht unterlassen, ihn doch einmal wieder zu besuchen, um
ihm für diesen neuen Beweis seiner rastlosen Entwicklungskraft ein
respektvolles Kompliment zu sagen.
Das Gemälde zeigte ein nacktes Weib von mänadischer Gelenkigkeit,
wie es sich auf verwühltem Lager über einem stiernackigen,
wollustgeschwächten Kerl hochreckt, in der Rechten irgend etwas
Blankes wie eine sieghafte Waffe hebend, bis zu den Hüften vom
Zwielicht des Morgens und einer Kerzenflamme beglänzt, während sich
der schlaftrunkene Mann an ihrem Schooß im Halbschatten wälzt. So
nahm sich die Geberde des Weibes wie ein geschmeidiger Hohn auf
die rohe Kraft aus, wie ein Sieg wachsamer Geistesgegenwart über
plump verschlafene Sinnlichkeit, ein fleischgewordener Triumph der
raffinierten Intelligenz über den brutalen Instinkt, mit einfachster
Wucht in feinste Beleuchtung gerückt. Der Maler hatte das große Werk
„Judith und Holofernes“ getauft, obwohl es lediglich durch die Idee
auf die biblische Legende zurückwies. Kein orientalischer Teppich
verliebreizte das Lager, und die Mänade konnte nach ihrem Typus
irgendeine zigeunernde russische Fürstin oder deutsche Prinzessin sein,
der Mann ein x-beliebiger braver Zirkusathlet. Der deutsche Dichter
wollte jedoch von diesem Gesichtspunkt nichts merken lassen, sondern
sprach vor allem seine Bewunderung über die schwungvolle Raumwirkung
aus; worauf sich folgende Unterhaltung entspann.
+Der Jüdische Maler+: Na ja, sehr schön. Aber nicht wahr, die
Hauptsache ist doch: das Ding hat Rasse von oben bis unten!
+Der Deutsche Dichter+: Wenn Sie also doch davon sprechen wollen,
dann muß ich Ihnen offen gestehen, ich sehe eher etwas allgemein
Menschliches.
D. J. M. Sie sind wohl allgemein übergeschnappt? So’was kann doch blos
einer, der Jude ist, machen!