Eine bedenkliche Geschichte

Er mußte selber lachen. Wenn ihn einer so sähe: jetzt, mitten in der

Julihitze, die Ofentür aufschraubend. Und nun hinein mit der Rute

in das offene Loch! Er bückte sich noch tiefer und freute sich, wie

die harten Birkenreiser die dünne Schicht Asche zerritzten. Die war

noch vom Winter her; das kühle Ockergelb der sanften Fläche tat ihm

ordentlich wohl. Da lieg du!

Er machte langsam wieder zu. Ja, das fehlte noch grade: dieser Popanz

im Hause. „Gott sieht, Gott hört, Gott straft“ -- er richtete sich auf

-- das hatte er glücklich abgeschafft; nun sollte wohl die Rute hinterm

Spiegel Jehovah spielen.

Diese Mütter! eine wie die andere. Es mußte doch noch immer etwas

unbewußte Judenseele in ihr stecken: du sollst, mein Kind, weil deine

Eltern das so wollen. Na warte, Schatz!

Er setzte sich an seine Arbeit zurück. Ein unverschämter Sonnenstrahl

stach blendend von der Wand her über den Schreibtisch weg; grade von

dem Bild der Beiden her. Er rückte zur Seite und ließ den Eindruck

auf sich wirken. Hm: ruppig genug sah sein Töchterchen aus, da unter

der grellen Glasplatte auf der schwülen Kupfertapete: so den Finger

im Mäulchen, neben der mild zuredenden Mutter. Köstlich, dieser

eigensinnige Moment.

Und nun sollten dem heißen Herzchen diese Momente wohl mit der Rute

ausgetrieben werden: ein artig Kindchen, eine Puppe aus ihr werden.

Heilige Mutterliebe!

Als ob sie nicht Zeit genug hätte, die Einsicht der Kleinen zu üben!

den ganzen Tag über! während Er sich um das bißchen Leben placken

mußte. Und sie hatte doch zur Genüge an sich selbst erlebt, und auch

an ihm, daß nur die Einsicht, die wirklich bewußte Selbstanschauung,

den Menschen ein bißchen menschlicher macht. Aber natürlich: „Kinder,

die wissen nichts von sich“ -- und da ist es für die liebe Mutter viel

bequemer, sie mit der Rute zu traktieren. Als wenn Eltern wüßten, was

solch Kind für seine Zukunft darf und nicht darf.

Ja, das würde wohl nun wieder einen zähen Kampf der Seelen geben. Wie

sie neulich reizend fein gelächelt hatte, als sein polnischer Freund

ihn im Scherz den Hahnrei seines Bewußtseins nannte. Ja, das war Wasser

auf die Mühle ihrer weiblichen Unwillkürlichkeit.

Er mußte wieder lachen. +Das+ Gesicht: wenn sie nun im Oktober zum

ersten Mal wieder heizen würde und ihr dann die Rute aus dem gelben

Loch entgegenstarrte, die langvermißte. Vielleicht grade an seinem

Geburtstag. Wie sie sich dann nach ihm umdrehn würde, mit ihren goldnen

Augen, ihren dunkeln, da beim Ofen knieend. Und das rechte Auge, ihr

Wesensauge, würde groß und ruhig von Verständnis leuchten, und von

Einverständnis; aber in dem kleineren, linken, dem Gattungsauge, durch

die Wimperschatten des zu schwachen Lides, würde dieser frauenhafte

Vorwurf zittern, daß sein vorbedachtes Schweigen sie wohl habe

beschämen sollen. Still um ihre schmalen Lippen würde ein neuer Wille

dämmern, bis in die zärtlichen Mundwinkel hin; und dann würde er zu ihr

treten und sie küssen wie damals, als sie sich noch lieben mußten, als

sie noch nicht Freunde waren.

Er stand auf. Blos fünf kleine Schritte bis zum Ofen. Wie das schmale

Zimmer ihn getäuscht hatte! Oder das lange Mittelfeld des persischen

Teppichs? -- Er sah die wunderlichen Ranken des bunten Bortenmusters in

der Mittagssonne glühen. Er fühlte die Freude wieder, wie sie ihm zum

vorigen Geburtstag das schöne alte Ding von ihrem Spargeld geschenkt

hatte. Er sah hinüber auf sein Arbeitsfleckchen und lächelte.

Aber grausig öde war sie wirklich, diese ewige juristische

Begriffsstoppelei! Noch dazu jetzt, mitten im blühenden Sommer.

Er trat ans Fenster und sah das dunkelblanke Blättergrün der magern

Pappel drüben vor der grauen Straßenfront im heißen Himmelslicht

blitzen; wie allein sie stand, so mitten in der Großstadt. Die

Kupfertapete des Zimmers kam ihm immer schwüler vor. Ja, er mußte mal

wieder hinaus in den Wald! zum Vater Förster! Richtig: morgen, zu

Mutters Geburtstag! Den hätt er beinah wieder vergessen.

Gott ja, das Elternhaus --: am Eichenhain, am Pappelbach, rings weit

am Waldrand hin das freie Feld, die hellen Wiesen, und fern am andern

Horizont die kleine Ackerbürgerstadt mit dem kümmerlichen alten

Kirchturm, dem gelbgetünchten Schulhaus --: Kindheit.

Er setzte sich. Der Alte, der natürlich würde wieder tun wie Rübezahl:

als ob der unverhoffte Eintritt seines Ältesten ihm höchstens seinen

grimmigen Bart verwirren könne. Blos die stahlblauen Augen würden

plötzlich etwas dunkler schimmern unter den silbrigen Brauen,

die kleinen scharfen Pupillen eine Sekunde lang größer sein, die

Backenfurchen um die mächtige Nase ein bißchen tiefer werden: „Na,

Junge?“

Er hatte doch wahrhaftig noch immer etwas wie Gewissensangst vor

diesem wetterroten Gesicht mit dem dichten, fast schon weißen Bart

und Kopfhaar, dieser Hakennase und dem strengen, forschenden Blick,

der zuweilen doch so herzlustig blitzen konnte. So hatte er als Kind

sich immer den lieben Gott gedacht; geträumt. Damals wohl aber noch

dunkelbärtig.

Die dicken Falten um die Nasenwurzel, ja und die schroff geschwungene

Stirn, die hatte er vom Vater; nur die Augen, die waren wohl mehr nach

der Mutter geschnitten, auch mehr grau als blau, mehr Stimmung als

Wille. „Du bist wohl wunderlich, Jung?“ das war von je ihr herbster

Tadel gewesen; sie verstand jeden Menschen mit ihrer Nachsicht. Du

liebes Mutterherz: morgen! --

O, wie würde ihre ganze schlanke Gestalt von warmer Liebe zittern,

von fast ängstlicher Freude, bis hinauf ins wellenkrause Schläfenhaar,

die grauen Augen, die vielen Runzeln der feinen Züge, all die kleinen

Sorgenfältchen um den hagern Mund, die Runen der Mutterschaft. Ja, sie

war immer noch schön, die alte Mutter; aber ihr Schönstes doch die

gütigen Lippen, so umstrahlt von Runzel an Runzel. Das war ihm immer

wie der Ausdruck ihres ganzen zärtlichen Lebens; als zuckte in diesen

vielen Fältchen tiefrot ihr verschwiegenes Herz, wie um den feinen

Purpursaum am Stempelkrönchen der Narzissenblüte der keusche Geruch der

gelblichen Narbenfalten.

Denn Narzissen, ja, das waren ihre Lieblingsblumen. O, wie sie die zu

pflanzen wußte! Nur einzeln durften sie stehen, hin und wieder, die

reinen, weißen, ruhigen Sterne über dem grünen Gartenrasen, daß die

zarte bräunliche Kelchblatthülle oben um den schlanken Stengel deutlich

sichtbar war an jeder, wie ein langer dänischer Handschuh um den Arm

einer adligen Dame. Ja, sie verstand die ganze Welt.

Und morgen würde er sie küssen, und sie würde ihren wunderlichen Jungen

auch verstehen, wenn er dann allein hinaus ins Freie ginge, irgendwo

an eine Wald-Ecke hin, wo der schattenschaukelnde Wind durch ein

Lupinenfeld herüberstriche. Wie er ihn schon roch, den süßen Geruch

der tausend goldgelben Blütenkerzen, so am Rand des sammtgrüngrauen

Fingerblättermeeres liegend, mit der heißblauen Himmelsglocke drüber;

-- warum war er blos Jurist geworden?!

Dieser Dummejungentick. Blos um dem Alten zu zeigen, daß er seine

paar Groschen nicht nötig habe, auch zum teuersten Studium nicht. Und

nun -- nun war er Rechtsanwalt: Er mit seinem Achselzucken über alles

sogenannte Recht. Er würde doch noch Schriftsteller werden. Hol der

Teufel die Kundschaft!

Aber Weib und Kind? Und dann würde der Alte von neuem über verrückte

Projekte reden und die Mutter wieder Gram auf ihre alten Tage haben;

sie sah ihn ohnehin schon immer mit der stillen Scheu des Mitgefühls

bei seinen Besuchen an.

Nun, morgen würde er die Kleine mitnehmen. Sie war jetzt Mensch genug,

ihn zu begleiten; und dann würde eitel Innigkeit und Einigkeit im

Forsthaus herrschen, wie neulich zu Ostern, als seine Frau ihn mit

der Kleinen begleitet hatte. Dann würden die Eltern sich mehr als

Großeltern fühlen und an den Sohn nicht soviel Fragen stellen, soviel

verfängliche Lebensfragen.

Er erhob sich und öffnete die Tür. „Recha!“ rief er über den Flur. Dann

setzte er sich zurück an den Schreibtisch und nahm ein Aktenstück zur

Hand.

„Erich?“ trat sie fragend ein, die Finger auf der Klinke lassend.

Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3) · 第 26 / 272 题