Der Teufel war nicht völlig Gottes Feind; in mancher Hinsicht kann man
ihn sogar seinen Repräsentanten nennen oder wenigstens seinen
Vermittler. Er verhöhnte und quälte nicht bloß die Menschen, die sich
von ihm zur Sünde hatten verführen lassen[399], sondern ging auch
offenbar darauf aus, die Bösen zu bestrafen.[400] Gegen sexuelle
Betätigung war er besonders streng; so war eine seiner Verfolgungen nach
Graf[401], »einen Mann und ein Weib bei fleischlicher Sünde in flagranti
zu ertappen und beide unauflöslich aneinander zu fesseln, more canino.«
Es ist bezeichnend, daß im Alten Testament, zu einer Zeit also, wo die
Vorstellungen von Gott und Teufel eben begannen, sich voneinander
abzulösen, die Verbindung der beiden weit enger war als später und der
Teufel als Gottes gehorsamer Knecht auftritt, der sich von den guten
Engeln nur durch die unangenehme Art seiner Pflichten unterscheidet.
Diese »Identifikation« mit Gott ist zu Zeiten sehr enge und es ist
interessant, daß der Teufel sich ehrliche Mühe gab, sie zu erreichen,
indem er Gott in merkwürdiger Weise nachahmte und imitierte. Da bis vor
einem halben Jahrhundert die Anbetung Christi im ganzen mehr in den
Vordergrund trat als die von Gott-Vater, ist es nicht überraschend, daß
die Ähnlichkeit des Teufels mit dem Sohne größer war als die mit dem
Vater. Zunächst wurde seine körperliche Erscheinung als schön und
majestätisch geschildert[402], oft ganz ähnlich der Gestalt Christi;
manchmal erschien er sogar wirklich in dessen Gestalt.[403] Erst im
Mittelalter wurden ihm häßliche und groteske Züge angedichtet.[404] Wie
Christus hatte der Teufel zwölf Schüler[405], stieg in die Hölle hinab
und wurde wiedergeboren[406], schlug seine Wohnung in bestimmten Kirchen
auf, wurde zu regelmäßig wiederkehrenden Zeiten angebetet, ließ seine
Anhänger taufen und die Details des Teufels-Sabbat karikierten die
heilige Messe auf das genaueste und innigste, zum Ärger der Theologen,
die natürlich keine Ahnung von der psychologischen Ähnlichkeit der
beiden Vorgänge hatten.
[Fußnote 398: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 198-205.]
[Fußnote 399: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 270.]
[Fußnote 400: Jacob. Op. cit., Pp. 22-33.]
[Fußnote 401: Graf. Op. cit., S. 136.]
Der Teufel besaß sogar seine eigene Bibel, die in Böhmen
niedergeschrieben wurde und sich jetzt in der königlichen Bibliothek in
Stockholm[407] befindet.
So wie Christus besaß der Teufel eine irdische Mutter und keinen Vater;
charakteristischerweise war sie eine Riesin, noch größer als ihr
Sohn[408]; in manchen Versionen erscheint sie als seine Großmutter. Die
Mutter scheint durch Verschmelzung von mindestens drei Figuren
entstanden zu sein: Sowohl Hel[409] als auch die Mutter des Riesen
Grendel[410] trugen zu ihrer Vorstellung bei; einer der späteren
Beinamen des Teufels war Grendel (Englisch Grant). Ferner meint
Wünsche[411]: »Wahrscheinlich bildet auch die Sage von der Ellermutter,
der neunhundertköpfigen Mutter Hymirs, die die beiden Götter Thor und
Tyr beim Besuch in ihrer Wohnung durch Verstecken vor ihrem grimmigen
Sohn rettet, die Grundlage zu der volkstümlichen Figur von des Teufels
Großmutter. Im Märchen vom Glückskinde bei Grimm Nr. 29 heißt des
Teufels Großmutter geradezu noch Ellermutter.« In den meisten dieser
Geschichten, wie in der letzterwähnten, ist der Teufel wieder nichts
anderes als eine mythologische Darstellung des gehaßten Vaters; deshalb
der Ersatz der Mutter durch die Großmutter. Dasselbe gilt von der alten
Redensart, daß Donner oder Blitz bei Sonnenschein davon kommen, daß der
Teufel sein Weib prügelt.[412]
[Fußnote 402: Graf. Op. cit., S. 52-54.]
[Fußnote 403: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 194. Graf. Op. cit., S. 64.]
[Fußnote 404: In den seltsamen Bildern von Wiertz sehen wir die Rückkehr
zur älteren Auffassung, die Giotto als letzter festhielt.]
[Fußnote 405: Grimm, Op. cit., Nachtrag S. 292, 302.]
[Fußnote 406: Lehmann. Aberglaube und Zauberei, Deutsche Übersetzung, 2.
Aufl. 1908, S. 114.]
[Fußnote 407: Nyström. Christentum und freies Denken, 1909, S. 161.]
[Fußnote 408: Grimm. Op. cit., S. 841.]
[Fußnote 409: Wuttke. Op. cit., S. 37.]
[Fußnote 410: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 164.]
Die Auffassung des Teufels als Sohn ist ein zweiter, sehr natürlicher
Grund für den Glauben, daß er keinen Samen besitze und die bisexuelle
Natur des ganzen Glaubens beweist die Idee, daß er ein Weib nur
schwängern kann, nachdem er sich dadurch Samen verschafft hat, daß er
einem Manne als sukkubus diente[413], weshalb er auch immer
kalt war.[414] Diese sonderbare Prozedur gab Anlaß zu den
haarspalterischesten Kontroversen darüber, ob der ursprüngliche Besitzer
des Samens oder der Teufel[415] das größere Anrecht auf den Sprößling
habe, und ob dieselbe Regel auf den von einer nächtlichen Pollution
herstammenden Samen anwendbar sei oder nicht.[416] Auf denselben
Gedanken von der Geschlechtsuntüchtigkeit des Kindes möchte ich den
Glauben an einen hinkenden Gott oder Teufel zurückführen, der, wie
Tylor[417] nachwies, in den verschiedensten Stadien der
Kulturentwicklung vorkommt; Gehunfähigkeit ist auch bei Neurotikern ein
häufiges Symbol für sexuelle Unfähigkeit. Ferner mag der Umstand, daß
die Lähmung meistens die Folge des Wurfes aus dem Himmel hinaus war,
wohl mit der Furcht des Kindes, daß der Vater seinem Zeugungsglied etwas
antun könnte (Kastrations-Komplex) in Verbindung gebracht werden.
[Fußnote 411: Wünsche. Op. cit., S. 15.]
[Fußnote 412: Grimm. Op. cit., S. 842.]
[Fußnote 413: Soldan. Geschichte der Hexenprozesse. Bearbeitet von
Heppe, 1880, Band 1, S. 181.]
[Fußnote 414: Jacob. Op. cit., P. 86.]
[Fußnote 415: Sprenger und Institoris. Der Hexenhammer, 1588. Deutsche
Übersetzung, 1906, Erster Teil, S. 51.]
[Fußnote 416: Sprenger und Institoris. Op. cit., Zweiter Teil, S. 64.]
[Fußnote 417: Tylor. Researches into the Early History of Mankind, Third
Edition, 1878, Pp. 365-371.]
Als ein Teil der hier erörterten Seite des Teufels sei auch sein starkes
Dankbarkeitsgefühl erwähnt, das sich besonders in jenen seltenen Fällen
zeigt, wo er gerecht behandelt wurde; er beweist dann stets, daß er
diese Art ihm zu begegnen ganz besonders zu schätzen versteht.[418]