Dies ist die ursprüngliche Auffassung vom Teufel als Erzrebellen; sein
Ungehorsam und seine Empörung gegen Gott-Vater ist geradezu das
Paradigma der Revolution. Nach Origenes[419] waren Hoffahrt und
Auflehnung der Grund des Himmelssturzes, während nach Irenäus,
Tertullian und anderen[420] das Hauptmotiv sein Neid gegen Gott war. Die
zweitgenannte Idee scheint die ältere zu sein. Roskoff[421] sagt: »Das
Motiv zur Feindschaft des Bösen gegen die Gottheit, der Ursprung des
Bösen in der Welt ist sowohl nach der hebräischen Vorstellung vom
nachexilischen Satan als auch in den Mythen anderer Völker, namentlich
der Parsen, auf den Neid zurückgeführt, der in der Ich- und Selbstsucht
wurzelt.« Stolz war nach der »Sklavenmoral« des Christentums, wie sie
von Nietzsche genannt wird, stets eine Todsünde.
Die Auflehnung des Knaben gegen seinen Vater ist bekanntlich nicht nur
eine Folge der feindseligen Einstellung, sondern gewöhnlich von Neid
begleitet, was mit anderen Worten Bewunderung und den Wunsch nach
Nachahmung bedeutet. Durch seine Rebellion befreit er sich auch
regelmäßig nicht von dem Einflusse seines Vaters. Ob er ihn geradezu
kopiert oder in das entgegengesetzte Extrem gerät und ihm so ungleich
als nur möglich zu sein sucht, ist von diesem Gesichtspunkte aus
betrachtet völlig irrelevant; beide Reaktionen gehen in gleicher Weise
auf den Nachahmungswunsch zurück. Diese Mischung läßt sich genau auf den
Teufel anwenden. Er bemüht sich, entweder Gott in allem nachzuahmen,
oder tut, wie wir sehen werden, alles genau in der entgegengesetzten
Weise. Von dieser Gewohnheit, Gott zu karikieren, stammt sein Titel »Der
Affe Gottes«. Sein Benehmen wird also in letzter Linie durch das
Verhalten Gottes bestimmt, ein weiterer Beweis für die ursprüngliche
Identität beider, während die genaue Übereinstimmung mit den
Bestrebungen der Menschensöhne die hier vorgebrachte These unterstützt.
[Fußnote 418: Conway. Op. cit., Pp. 389, 395.]
[Fußnote 419: Conway. Op. cit., Pp. 389, 395.]
[Fußnote 420: Zitiert bei Roskoff. Op. cit., S. 231.]
[Fußnote 421: Roskoff. Op. cit., S. 194.]
Das Band, das ihn gegen seinen Willen an Gott knüpft, zeigt sich auch in
seiner Eifersucht auf jeden, dem Gott besondere Gunst schenkt, was ja
gleichfalls ein typischer Zug des Kindes ist. In der Legende von St.
Coleta heißt es[422], der alte Feind habe die Eigentümlichkeit, je mehr
er sehe, daß sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu
verfolgen, zu beunruhigen und abzuhalten, größere Übel über ihn zu
verhängen und sie zu vermehren. Hiezu tritt noch als weiteres Motiv sein
Haß, der von Gott auf jene übergeht, die mit ihm in näherer Verbindung
stehen.
Dasselbe Motiv der Eifersucht ist wahrscheinlich auch die Erklärung für
das Verhalten des Teufels gegen Christus, obgleich dieses natürlich zum
Teil durch die Identifikation von Christus und Gott-Vater bestimmt
wird. Christus wurde dadurch, daß Gott ihn aussandte, um das
Menschengeschlecht zu erlösen, im Kampfe um die Herrschaft über die
Menschheit zur Hauptperson; aus diesem Kampfe entstand die
Erlösungslehre[423], was Graf[424] mit den ironischen Worten hervorhebt:
»Seltsam genug! Unter den Menschen war niemals die Rede soviel von
Satanas, niemals wurde er so sehr gefürchtet wie nach dem Siege Christi,
nach dem Vollzug der Erlösung.« Der Teufel, auch darin Gott nachahmend,
machte verzweifelte Anstrengungen, sich den Sieg durch Erzeugung eines
Sohnes zu sichern, der im Stande sein sollte, Christus zu überwältigen.
Merlin und Robert der Teufel stellen zwei derartige Versuche[425] dar,
aber der eine wurde durch die Reue seiner Mutter zu Gott hinüber
gerettet und der andere durch seine eigene Reue; Nero, Mohammed und
Luther, nicht minder auch mehrere Päpste galten ebenfalls als Söhne des
Teufels, die er zu diesem Zweck gezeugt haben soll. Im Mittelalter war
die Furcht vor dem angedrohten Antichrist aufs höchste gestiegen und die
Spannung der ängstlichen Erwartung seiner Geburt wurde durch umlaufende
Gerüchte und Prophezeiungen zum unbeschreiblichen Schrecken
gesteigert.[426]
[Fußnote 422: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 160.]
[Fußnote 423: Roskoff. Op. cit., Bd. 1, S. 224-229, 273.]
[Fußnote 424: Graf. Op. cit., S. 22.]
Mit der hier behandelten Auffassung des Teufels als Darstellung des sich
auflehnenden Sohnes stimmt schließlich sein leidenschaftlicher Haß gegen
die Ungerechtigkeit und seine Neigung, die unschuldig Verfolgten zu
verteidigen, insbesondere die Armen und Schwachen gegen ihre
Unterdrücker.[427]
Nun können wir uns dem dritten Problem zuwenden, nämlich dem Verhältnis
des Teufelsglaubens zum Angsttraum. Die in den vorhergehenden Kapiteln
vorgebrachten Erwägungen werden uns zu der Entdeckung führen, daß an der
Entstehung einer solchen Angstvorstellung par excellence, wie es der
Teufelsglaube ist, die intensivste Angsterfahrung, die die Menschen
kennen gelernt haben, also der Alpdruck, einen beträchtlichen Anteil
haben mußte. Dieser Schluß wurde von manchen früheren Autoren gezogen.
Die Anschauungen Clodds und Höflers z. B. wurden bereits erwähnt. Es
stimmt gut damit überein, daß der Teufel ganz besonders als Nacht-Dämon
gilt; er erscheint meist bei Nacht und bei Nacht erreichte seine Macht
ihren Zenit.[428]
[Fußnote 425: Graf. Op. cit., S. 198-203.]
[Fußnote 426: Conway. Op. cit., S. 240-259, 397, 398. Graf. Op. cit., S.
205-209.]
[Fußnote 427: Conway. Op. cit., Pp. 389, 390.]
[Fußnote 428: Graf. Op. cit., S. 108.]
Es wäre ganz verständlich, wenn dieser Glaube nur im _manifesten Inhalt_
der Nachtmahr mit seinen schreckenerregenden Visionen wurzeln würde, und
dies ist auch offenbar die Anschauung der früheren Autoren, aber eine
sorgfältige Vergleichung mit ihrem _latenten Inhalt_ zeigt eine so
außerordentliche Ähnlichkeit der beiden, daß dadurch endgültig ihre
innere Verwandtschaft erwiesen wird.
Es wurde oben ausgeführt, daß das wesentliche Merkmal des latenten
Inhalts der Nachtmahr seine sexuelle und vorherrschend inzestuöse Natur
ist. Über die sexuelle Betätigung des Teufels muß nicht mehr viel gesagt
werden, sie wird hinreichend illustriert durch das Sprichwort: »Wenn
eine Frau allein schläft, beschläft sie der Teufel.« Es ist besonders
bemerkenswert, daß die Vorläufer des mittelalterlichen Teufels in aller
Form Inkubi waren. Pan, von dem der Teufel so viele Attribute übernahm,
war das Äquivalent für Ephialtes[429], den Geist, der uns den
wissenschaftlichen Namen für die Nachtmahr lieferte; auch die
griechischen Faune waren als Inkubi tätig.[430] Weiter zurückgehend
finden wir, daß die Sturm-Dämonen Babyloniens und Indiens, die alu[431]
resp. die maruts[432], die Vorläufer des Ares und Ephialtes, »die
Zermalmer« genannt wurden, von ihrer Gewohnheit, während des Schlafs
sich auf die Brust der Menschen zu legen, und der germanische Riese
Grendel benahm sich ebenso.[433]
Die oben angeführten Tatsachen zeigen, daß der Teufelsglaube mit dem
Ahnenkult in enger Beziehung steht; vor mehr als dreihundert Jahren
meinte Burton[434], daß die Teufel die Seelen der Gestorbenen, d. h. der
Ahnen seien. Wenn die hier aufgestellte These richtig ist, nämlich, daß
der Teufel die Projektion verdrängter Wünsche, die sich auf den Vater
beziehen, verkörpert, so folgt daraus, daß der Verkehr mit ihm den
Inzest mit dem Vater symbolisiert. Die Tatsache, daß die Schlange, das
phallische Symbol des Vaters, eine ebenso hervorragende Rolle bei der
Teufelsidee wie bei der Nachtmahr-Mythologie spielt, kennzeichnet den
Ursprung beider aus dem Inzest.
[Fußnote 429: Roscher, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische
Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums,
1900, S. 57-62.]
[Fußnote 430: Roskoff. Op. cit., S. 146.]
[Fußnote 431: Pinches. The Religion of Babylonia and Assyria, 1906, P.
108.]
[Fußnote 432: Cox. Op. cit., Pp. 222, 253.]
[Fußnote 433: Grimm. Op. cit., S. 849.]
[Fußnote 434: Burton. The Anatomy of Melancholy, 1826. Vol. I, P. 5]
In den verschiedenen Geschichten vom Teufel finden wir Details, die
deutlich auf die Entstehung aus psychischen Vorgängen, die für den Traum
charakteristisch sind, hinweisen, und von denen zwei hier kurz erwähnt
werden sollen. Eines der allertypischesten ist das Vorkommen von
Verwandlungen. Wir haben eben die Fähigkeit des Teufels, jede
menschliche Form, die er wünschte, anzunehmen,[435] erwähnt und
hervorgehoben, daß er am häufigsten als Schlange oder Ziegenbock
erschien. Aber es gab keine Tierart, deren Form er nicht manchmal
annahm[436], und er besaß sogar die Macht, Menschen in Tiere zu
verwandeln.[437] Ein anderes Beispiel ist der psychologische Prozeß, den
wir als »Umkehrung« kennen, wobei die Dinge von hinten nach vorn
gestellt oder getan werden; dieser Vorgang ist, wie Freud[438] gezeigt
hat, außerordentlich charakteristisch für die Traumarbeit. Die meisten
Schriften über den Teufel haben eben dies als seine Eigentümlichkeit
betont, insbesondere in Hinsicht auf den Sabbat. So tanzen die
Anwesenden in einem Kreise nach _rückwärts_[439], die Gesichter vom
Mittelpunkt _weggekehrt_[440], sie tauchen ihre _linke_ Hand in das
heilige Wasser[441] (Teufels-Urin)[442], machen das Zeichen des Kreuzes
in der _verkehrten_ Richtung[441], genießen bei der Messe _schwarzes_
_Brot_[443] und bei dieser werden _schwarze Kerzen_ benutzt[444] u. s.
w. Der Teufel selbst hatte _ein zweites Gesicht_ am Hinterteil, das oft
dem _eines schönen Weibes_[445] glich (eine doppelte Umkehrung), er saß
_verkehrt_ auf seinem Sitz[446], sein Penis war oft _am Rücken_[447]
statt vorn, von seinem Körper ging ein höllischer Gestank aus, der mit
dem himmlischen Wohlgeruch des Erlösers[448] kontrastierte u. s. w.
[Fußnote 435: Siehe Jacob. Op. cit., Pp. 33-43].
[Fußnote 436: Graf. Op. cit., S. 59, 138.]
[Fußnote 437: Roskoff. Op. cit., S. 305.]
[Fußnote 438: Freud. Die Traumdeutung, 3. Auflage, 1911, S. 257.]
[Fußnote 439: Grimm. Op. cit., S. 895.]
[Fußnote 440: Lehmann. Op. cit., S. 114.]
[Fußnote 441: Brévannes. Op. cit., S. 123.]
[Fußnote 442: Picart. Coutûmes et Cérémonies Religieuses, 1729, Vol.
VIII, P. 69. Thiers. Traité des Superstitions, 1741, Vol. II, P. 367.]
Auf die Entstehung aus dem Traum kann auch die Tatsache zurückgeführt
werden, daß der Koitus mit dem Teufel in der Regel äußerst schmerzhaft
und unangenehm[449] war, denn dies ist in Angstträumen, in denen ein
Koitus vorkommt, auch sehr häufig der Fall.
Einiges kann noch über den Zusammenhang zwischen dem Teufelsglauben und
den im vorhergehenden Kapitel erörterten hinzugefügt werden. Der erste
derselben, der Glaube an den Inkubus war ein wesentliches Stück des
Teufelsglaubens, denn nach orthodoxer Anschauung waren die Inkubi
einfach Teufel; selbst mit dem unmittelbaren Äquivalent des Inkubus, dem
Alp, steht der Teufel in enger Verbindung[450], die jedoch hier nicht
verfolgt werden kann, da das Thema ein rein mythologisches ist.
Die Verwandtschaft zwischen dem Teufelsglauben und dem Glauben an
Vampire und Werwölfe ist mehr in ihrem gemeinsamen latenten Inhalt als
in äußerlichen Ähnlichkeiten gelegen, aber auch in letzterer Hinsicht
ist manches dahin Zielende auffindbar. Der Teufel wurde von den
Kirchenvätern gemeiniglich »seelenraubender Wolf« genannt[451] und in
Knuts Gesetzen wird er direkt als »vôdfreca _verewulf_[452]« bezeichnet.
Im Mittelalter hieß der Teufel Erzwolf, Archilupus und er erschien
häufig in Wolfsgestalt.[453] Grimm[454] führt die slavischen Namen für
den Teufel (Polnisch wrog, Serbisch vrag u. s. w.) auf das
althochdeutsche warg (= Wolf) zurück und der slavische böse Feind
Czernobog erschien gewöhnlich als Wolf.[455] Des mittelalterlichen
Teufels Abstammung vom Wolfe scheint jedoch in erster Linie germanisch
gewesen zu sein, insbesondere von den beiden Wölfen Wotans. Wünsche[456]
schreibt: »Neben Loki wird aber auch dem Fenrirwolf nach mehreren
mißglückten Versuchen mit einem von den Zwergen verfertigten
unzerreißbaren Bande von den Göttern eine Fessel angelegt. In der
Redensart: »Der Teufel ist los«, haben wir sicher noch eine Erinnerung
an Fenrirs wiederholtes Sichfreimachen von den starken Banden und
Stricken, die ihm von den Göttern um den Hals geschlungen wurden«. Der
Teufel wurde auch der Höllenwolf genannt und Grimm[457] bemerkt: »Der
Teufel hat seinen ungeheuren Rachen mit Wolf und Hölle gemein«.
Ungewöhnlich starke oder wilde Wölfe wurden entweder für verkappte
Teufel oder für Werwölfe gehalten[458] und auch die letzteren gelten als
vom Teufel erschaffen.[459] Historisch interessant ist der Fall der
Angela de Sabarethe, die als das erste Weib genannt wird, das -- in
Toulouse, im Jahre 1275 -- wegen sexueller Beziehungen zum Teufel
verbrannt wurde; als Resultat dieser Verbindung gebar sie ein Monstrum
mit dem Kopf eines Wolfes und einem Schlangenschweif.[460]
[Fußnote 443: De Lancre. Op. cit., P. 460.]
[Fußnote 444: De Cauzons. La magie et la sorcellerie en France, T. I, P.
240.]
[Fußnote 445: Brévannes. Op. cit., P. 115.]
[Fußnote 446: Grimm. Op. cit., S. 895.]
[Fußnote 447: De Lancre. Op. cit., P. 217.]
[Fußnote 448: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 156.]
[Fußnote 449: Delrio. Les controverses et recherches magiques, 1611, P.
187. Henne am Rhyn. Der Teufels- und Hexenglaube, 1892, S. 68.]
[Fußnote 450: Grimm. Op. cit., S. 847 und Nachtrag S. 298.]
[Fußnote 451: Daß die Verbindung zwischen Satan und einem Wolf noch
heute als natürlich empfunden wird, läßt sich aus Brownings Gedicht,
Ivan Ivanowitsch ersehen.]
[Fußnote 452: Grimm. Op. cit., S. 32.]
[Fußnote 453: Ennemoser. Geschichte der Magie, 2. Aufl., 1844, S. 791.
Hertz. Der Werwolf, 1862, S. 17.]
[Fußnote 454: Grimm. Loc. cit.]
[Fußnote 455: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 174.]
[Fußnote 456: Wünsche. Op. cit., S. 13.]
[Fußnote 457: Grimm. Loc. cit.]
[Fußnote 458: Hertz. Op. cit., S. 18.]
[Fußnote 459: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 155-159.]
[Fußnote 460: Lamothe-Langon. Histoire de l'inquisition en France, 1829,
T. 2, S. 614.]
Von den zwei Kardinalpunkten des Vampirglaubens, nämlich, daß der Vampir
ein revenant sei und daß er den Schlafenden Blut auszusaugen pflege, ist
der erste im Teufelsglauben viel stärker ausgeprägt, wie oben besprochen
wurde. Die einzige Erwähnung des zweiten Punktes, die ich finden konnte,
betrifft den altdeutschen Teufel Grendel. Grimm[461] schreibt von ihm:
»Er trinkt das Blut aus den Adern und gleicht Vampiren, deren Lippen von
frischem Blut benetzt sind. In einer altnordischen saga findet sich ein
ähnlicher Dämon, Grûnzaegir genannt ..., er trinkt das Blut aus Menschen
und Tieren«.
Wir können dieses Kapitel mit einigen allgemeinen Bemerkungen über den
Teufelsglauben beschließen. Wir haben gesehen, daß die infantilen
Konflikte, die durch das Verhältnis zu den Eltern bedingt waren, ihren
frühesten Ausdruck dadurch fanden, daß das Universum mit übernatürlichen
Wesen bevölkert wurde, die manchmal freundlich, oft gehässig waren,
stets jedoch versöhnt werden mußten. Bei der Entwicklung dieses Glaubens
haben Traumerfahrungen wahrscheinlich eine große Rolle gespielt.
Hauptsächlich infolge der Betonung des Stammes- oder Nationalstolzes
verschmolzen einige Völker, vor allem die Juden, nach und nach diese
Gestalten und entwickelten so eine Art Monotheismus. Dies führte jedoch
zu der Notwendigkeit, die guten und bösen Eigenschaften der höheren
Mächte auf zwei verschiedene Persönlichkeiten zu verteilen, so daß das,
was dem Guten nahestand, der einen, und das, was dem Bösen zugehörte,
der anderen zugeschrieben wurde. Das übertriebene Gefühl der
Sündhaftigkeit, das für das Christentum charakteristisch ist, und der
schärfere Kontrast zwischen Gut und Böse, der dadurch erzielt wurde,
brachten zwar eine erhabenere Auffassung Gottes hervor, aber auch bei
der Erzeugung des Teufels ein Entsetzen, neben dem alle früheren
Erfindungen verblassen. In den letzten hundertundfünfzig Jahren und
insbesondere während des letzten halben Jahrhunderts hat die Intensität
des Teufelsglaubens stark abgenommen, der Gottesglaube erwies sich als
der wurzelfestere der beiden; die psychologische Erklärung dieses
Faktums ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung uns jedoch zu
weit von dem gegenwärtigen Thema abführen würde. Dies geschah nicht ohne
heftigen Theologenzwist, da es offensichtlich die Schwierigkeit, über
die Existenz des Bösen in der Welt Rechenschaft zu geben, vergrößerte.
Dennoch war es notwendig geworden, teilweise wohl wegen der höheren
Auffassung der Allmacht Gottes und seiner schließlichen
Verantwortlichkeit für das ganze Weltall, denn diese Erwägungen machten
den Teufelsglauben in seinem inneren Wesen überflüssig. Das Problem des
Bösen, das den Theologen stets im Wege gewesen ist, da es sich von
theologischen Voraussetzungen aus nicht auflösen ließ, wurde als Ganzes
umgangen, indem man zu dem im 5. Jahrhundert entwickelten Glauben
Zuflucht nahm, daß die Übel der Welt als Strafe oder als unbegreifliches
Besserungsmittel zum heilsamen Fortschreiten in der Erkenntnis, zur
Übung in der Geduld im Hinblick auf eine bessere Zukunft zu betrachten
seien.[462] Wie lang sich die Menschheit mit diesen Sophismen begnügen
wird, ist ungewiß; der Erfolg der Lehre Mrs. Eddys, daß das Böse nicht
objektiv, sondern nur subjektiv existiert[463], kann als Zeichen einer
wachsenden Unzufriedenheit des Volkes mit diesen orthodoxen Erklärungen
aufgefaßt werden.
[Fußnote 461: Grimm. Op. cit., S. 849-850.]
Doch der Teufel stirbt nicht leicht. Werwolf und Vampir hatten für den
Kulturmenschen längst ihre Schrecken verloren, nicht einmal mehr die
Kinder mochten sie fürchten und auch das Alpdrücken des Hexenwahns hatte
Europa von sich abgeschüttelt, nur Satan wich nicht.[464] Von Zeit zu
Zeit lesen wir bis zum heutigen Tage in den Zeitungen von einem
geistlichen Exorzismus einer hysterischen Person als vom Teufel
besessen[465] und der Glaube an einen buchstäblichen Teufel wird noch
von der katholischen Kirche offiziell festgehalten und von einem großen
Teil der Geistlichkeit anderer Kirchen. Eine der Szenen der letzten
Jahre des erleuchteten 19. Jahrhunderts, die es verdient, in der
Geschichte weiter zu leben, war der berühmte Miß Vaughan-Schwindel[466],
bei welchem der Papst Leo XIII. und mehrere Bischöfe eine Dame offiziell
segneten, die, obgleich aus der Vereinigung ihrer Mutter mit dem Teufel
stammend, die Kirche triumphierend gerettet hatte; im nächsten Jahre
(1897) gestand Taxil, daß nicht nur alles eine Lügengeschichte sei --
der Teufelsbund mit eingeschlossen --, sondern auch daß die Dame selbst
ein Produkt seiner Einbildungskraft war.
[Fußnote 462: Roskoff. Op. cit., S. 267.]
[Fußnote 463: Vgl. Hamlets Behauptung: »There is nothing either good or
bad, but thinking makes it.«]
[Fußnote 464: Freimark. Op. cit., S. 334.]
[Fußnote 465: Man wird es kaum glauben, daß ich während meiner Praxis in
Kanada (1911) erhebliche Schwierigkeiten mit einem Arzte (!) hatte, der
einen Fall von Dementia praecox mit Vorlesungen aus der Bibel behandeln
wollte, um den Teufel, von dem er fest überzeugt war, daß er sich in dem
Kranken befände, damit auszutreiben.]
VII.
Die Hexenepidemie.
Die Probleme des Hexenaberglaubens sind komplizierter als die des
Teufelsglaubens, obgleich sie mit ihnen nahe verwandt sind; denn
einerseits wirkten beim Aufbau des Hexenglaubens noch zahlreichere
Faktoren mit und anderseits haftete er nicht an Phantasiewesen, sondern
an wirklichen Menschen. Infolge dieser Tatsache ist es anzunehmen, daß
einige Bestandteile von den Betroffenen selbst geliefert wurden, wenn
auch das meiste aus äußeren Quellen stammt. Wie viele von den Verfolgten
wirklich von der Realität der angeblichen Vorfälle überzeugt waren, wird
sich nie ermitteln lassen. Sicher ist, daß viele nicht daran glaubten,
denn nachdem sie unter grausamen Torturen ein Geständnis abgelegt
hatten, beichteten sie ihre Unschuld dem Beichtvater, unter der
Bedingung, daß er nichts davon verlauten lasse, damit sie ohne
neuerliche Tortur hingerichtet würden. In manchen Fällen war allerdings
die Natur jener erdichteten Ereignisse und der Geisteszustand der Opfer
derartig, daß diese an die Wirklichkeit der Verbrechen, wegen deren sie
angeklagt waren, nicht im mindesten zweifelten.
[Fußnote 466: Kemmerich. Kultur Kuriosa, S. 229-234.]
Wie im vorhergehenden Kapitel können wir mehrere verschiedene Probleme
unterscheiden, insbesondere: