4. Der Sohn, der dem Vater Trotz bietet.

Dies ist die ursprüngliche Auffassung vom Teufel als Erzrebellen; sein

Ungehorsam und seine Empörung gegen Gott-Vater ist geradezu das

Paradigma der Revolution. Nach Origenes[419] waren Hoffahrt und

Auflehnung der Grund des Himmelssturzes, während nach Irenäus,

Tertullian und anderen[420] das Hauptmotiv sein Neid gegen Gott war. Die

zweitgenannte Idee scheint die ältere zu sein. Roskoff[421] sagt: »Das

Motiv zur Feindschaft des Bösen gegen die Gottheit, der Ursprung des

Bösen in der Welt ist sowohl nach der hebräischen Vorstellung vom

nachexilischen Satan als auch in den Mythen anderer Völker, namentlich

der Parsen, auf den Neid zurückgeführt, der in der Ich- und Selbstsucht

wurzelt.« Stolz war nach der »Sklavenmoral« des Christentums, wie sie

von Nietzsche genannt wird, stets eine Todsünde.

Die Auflehnung des Knaben gegen seinen Vater ist bekanntlich nicht nur

eine Folge der feindseligen Einstellung, sondern gewöhnlich von Neid

begleitet, was mit anderen Worten Bewunderung und den Wunsch nach

Nachahmung bedeutet. Durch seine Rebellion befreit er sich auch

regelmäßig nicht von dem Einflusse seines Vaters. Ob er ihn geradezu

kopiert oder in das entgegengesetzte Extrem gerät und ihm so ungleich

als nur möglich zu sein sucht, ist von diesem Gesichtspunkte aus

betrachtet völlig irrelevant; beide Reaktionen gehen in gleicher Weise

auf den Nachahmungswunsch zurück. Diese Mischung läßt sich genau auf den

Teufel anwenden. Er bemüht sich, entweder Gott in allem nachzuahmen,

oder tut, wie wir sehen werden, alles genau in der entgegengesetzten

Weise. Von dieser Gewohnheit, Gott zu karikieren, stammt sein Titel »Der

Affe Gottes«. Sein Benehmen wird also in letzter Linie durch das

Verhalten Gottes bestimmt, ein weiterer Beweis für die ursprüngliche

Identität beider, während die genaue Übereinstimmung mit den

Bestrebungen der Menschensöhne die hier vorgebrachte These unterstützt.

[Fußnote 418: Conway. Op. cit., Pp. 389, 395.]

[Fußnote 419: Conway. Op. cit., Pp. 389, 395.]

[Fußnote 420: Zitiert bei Roskoff. Op. cit., S. 231.]

[Fußnote 421: Roskoff. Op. cit., S. 194.]

Das Band, das ihn gegen seinen Willen an Gott knüpft, zeigt sich auch in

seiner Eifersucht auf jeden, dem Gott besondere Gunst schenkt, was ja

gleichfalls ein typischer Zug des Kindes ist. In der Legende von St.

Coleta heißt es[422], der alte Feind habe die Eigentümlichkeit, je mehr

er sehe, daß sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu

verfolgen, zu beunruhigen und abzuhalten, größere Übel über ihn zu

verhängen und sie zu vermehren. Hiezu tritt noch als weiteres Motiv sein

Haß, der von Gott auf jene übergeht, die mit ihm in näherer Verbindung

stehen.

Dasselbe Motiv der Eifersucht ist wahrscheinlich auch die Erklärung für

das Verhalten des Teufels gegen Christus, obgleich dieses natürlich zum

Teil durch die Identifikation von Christus und Gott-Vater bestimmt

wird. Christus wurde dadurch, daß Gott ihn aussandte, um das

Menschengeschlecht zu erlösen, im Kampfe um die Herrschaft über die

Menschheit zur Hauptperson; aus diesem Kampfe entstand die

Erlösungslehre[423], was Graf[424] mit den ironischen Worten hervorhebt:

»Seltsam genug! Unter den Menschen war niemals die Rede soviel von

Satanas, niemals wurde er so sehr gefürchtet wie nach dem Siege Christi,

nach dem Vollzug der Erlösung.« Der Teufel, auch darin Gott nachahmend,

machte verzweifelte Anstrengungen, sich den Sieg durch Erzeugung eines

Sohnes zu sichern, der im Stande sein sollte, Christus zu überwältigen.

Merlin und Robert der Teufel stellen zwei derartige Versuche[425] dar,

aber der eine wurde durch die Reue seiner Mutter zu Gott hinüber

gerettet und der andere durch seine eigene Reue; Nero, Mohammed und

Luther, nicht minder auch mehrere Päpste galten ebenfalls als Söhne des

Teufels, die er zu diesem Zweck gezeugt haben soll. Im Mittelalter war

die Furcht vor dem angedrohten Antichrist aufs höchste gestiegen und die

Spannung der ängstlichen Erwartung seiner Geburt wurde durch umlaufende

Gerüchte und Prophezeiungen zum unbeschreiblichen Schrecken

gesteigert.[426]

[Fußnote 422: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 160.]

[Fußnote 423: Roskoff. Op. cit., Bd. 1, S. 224-229, 273.]

[Fußnote 424: Graf. Op. cit., S. 22.]

Mit der hier behandelten Auffassung des Teufels als Darstellung des sich

auflehnenden Sohnes stimmt schließlich sein leidenschaftlicher Haß gegen

die Ungerechtigkeit und seine Neigung, die unschuldig Verfolgten zu

verteidigen, insbesondere die Armen und Schwachen gegen ihre

Unterdrücker.[427]

Nun können wir uns dem dritten Problem zuwenden, nämlich dem Verhältnis

des Teufelsglaubens zum Angsttraum. Die in den vorhergehenden Kapiteln

vorgebrachten Erwägungen werden uns zu der Entdeckung führen, daß an der

Entstehung einer solchen Angstvorstellung par excellence, wie es der

Teufelsglaube ist, die intensivste Angsterfahrung, die die Menschen

kennen gelernt haben, also der Alpdruck, einen beträchtlichen Anteil

haben mußte. Dieser Schluß wurde von manchen früheren Autoren gezogen.

Die Anschauungen Clodds und Höflers z. B. wurden bereits erwähnt. Es

stimmt gut damit überein, daß der Teufel ganz besonders als Nacht-Dämon

gilt; er erscheint meist bei Nacht und bei Nacht erreichte seine Macht

ihren Zenit.[428]

[Fußnote 425: Graf. Op. cit., S. 198-203.]

[Fußnote 426: Conway. Op. cit., S. 240-259, 397, 398. Graf. Op. cit., S.

205-209.]

[Fußnote 427: Conway. Op. cit., Pp. 389, 390.]

[Fußnote 428: Graf. Op. cit., S. 108.]

Es wäre ganz verständlich, wenn dieser Glaube nur im _manifesten Inhalt_

der Nachtmahr mit seinen schreckenerregenden Visionen wurzeln würde, und

dies ist auch offenbar die Anschauung der früheren Autoren, aber eine

sorgfältige Vergleichung mit ihrem _latenten Inhalt_ zeigt eine so

außerordentliche Ähnlichkeit der beiden, daß dadurch endgültig ihre

innere Verwandtschaft erwiesen wird.

Es wurde oben ausgeführt, daß das wesentliche Merkmal des latenten

Inhalts der Nachtmahr seine sexuelle und vorherrschend inzestuöse Natur

ist. Über die sexuelle Betätigung des Teufels muß nicht mehr viel gesagt

werden, sie wird hinreichend illustriert durch das Sprichwort: »Wenn

eine Frau allein schläft, beschläft sie der Teufel.« Es ist besonders

bemerkenswert, daß die Vorläufer des mittelalterlichen Teufels in aller

Form Inkubi waren. Pan, von dem der Teufel so viele Attribute übernahm,

war das Äquivalent für Ephialtes[429], den Geist, der uns den

wissenschaftlichen Namen für die Nachtmahr lieferte; auch die

griechischen Faune waren als Inkubi tätig.[430] Weiter zurückgehend

finden wir, daß die Sturm-Dämonen Babyloniens und Indiens, die alu[431]

resp. die maruts[432], die Vorläufer des Ares und Ephialtes, »die

Zermalmer« genannt wurden, von ihrer Gewohnheit, während des Schlafs

sich auf die Brust der Menschen zu legen, und der germanische Riese

Grendel benahm sich ebenso.[433]

Die oben angeführten Tatsachen zeigen, daß der Teufelsglaube mit dem

Ahnenkult in enger Beziehung steht; vor mehr als dreihundert Jahren

meinte Burton[434], daß die Teufel die Seelen der Gestorbenen, d. h. der

Ahnen seien. Wenn die hier aufgestellte These richtig ist, nämlich, daß

der Teufel die Projektion verdrängter Wünsche, die sich auf den Vater

beziehen, verkörpert, so folgt daraus, daß der Verkehr mit ihm den

Inzest mit dem Vater symbolisiert. Die Tatsache, daß die Schlange, das

phallische Symbol des Vaters, eine ebenso hervorragende Rolle bei der

Teufelsidee wie bei der Nachtmahr-Mythologie spielt, kennzeichnet den

Ursprung beider aus dem Inzest.

[Fußnote 429: Roscher, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische

Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums,

1900, S. 57-62.]

[Fußnote 430: Roskoff. Op. cit., S. 146.]

[Fußnote 431: Pinches. The Religion of Babylonia and Assyria, 1906, P.

108.]

[Fußnote 432: Cox. Op. cit., Pp. 222, 253.]

[Fußnote 433: Grimm. Op. cit., S. 849.]

[Fußnote 434: Burton. The Anatomy of Melancholy, 1826. Vol. I, P. 5]

In den verschiedenen Geschichten vom Teufel finden wir Details, die

deutlich auf die Entstehung aus psychischen Vorgängen, die für den Traum

charakteristisch sind, hinweisen, und von denen zwei hier kurz erwähnt

werden sollen. Eines der allertypischesten ist das Vorkommen von

Verwandlungen. Wir haben eben die Fähigkeit des Teufels, jede

menschliche Form, die er wünschte, anzunehmen,[435] erwähnt und

hervorgehoben, daß er am häufigsten als Schlange oder Ziegenbock

erschien. Aber es gab keine Tierart, deren Form er nicht manchmal

annahm[436], und er besaß sogar die Macht, Menschen in Tiere zu

verwandeln.[437] Ein anderes Beispiel ist der psychologische Prozeß, den

wir als »Umkehrung« kennen, wobei die Dinge von hinten nach vorn

gestellt oder getan werden; dieser Vorgang ist, wie Freud[438] gezeigt

hat, außerordentlich charakteristisch für die Traumarbeit. Die meisten

Schriften über den Teufel haben eben dies als seine Eigentümlichkeit

betont, insbesondere in Hinsicht auf den Sabbat. So tanzen die

Anwesenden in einem Kreise nach _rückwärts_[439], die Gesichter vom

Mittelpunkt _weggekehrt_[440], sie tauchen ihre _linke_ Hand in das

heilige Wasser[441] (Teufels-Urin)[442], machen das Zeichen des Kreuzes

in der _verkehrten_ Richtung[441], genießen bei der Messe _schwarzes_

_Brot_[443] und bei dieser werden _schwarze Kerzen_ benutzt[444] u. s.

w. Der Teufel selbst hatte _ein zweites Gesicht_ am Hinterteil, das oft

dem _eines schönen Weibes_[445] glich (eine doppelte Umkehrung), er saß

_verkehrt_ auf seinem Sitz[446], sein Penis war oft _am Rücken_[447]

statt vorn, von seinem Körper ging ein höllischer Gestank aus, der mit

dem himmlischen Wohlgeruch des Erlösers[448] kontrastierte u. s. w.

[Fußnote 435: Siehe Jacob. Op. cit., Pp. 33-43].

[Fußnote 436: Graf. Op. cit., S. 59, 138.]

[Fußnote 437: Roskoff. Op. cit., S. 305.]

[Fußnote 438: Freud. Die Traumdeutung, 3. Auflage, 1911, S. 257.]

[Fußnote 439: Grimm. Op. cit., S. 895.]

[Fußnote 440: Lehmann. Op. cit., S. 114.]

[Fußnote 441: Brévannes. Op. cit., S. 123.]

[Fußnote 442: Picart. Coutûmes et Cérémonies Religieuses, 1729, Vol.

VIII, P. 69. Thiers. Traité des Superstitions, 1741, Vol. II, P. 367.]

Auf die Entstehung aus dem Traum kann auch die Tatsache zurückgeführt

werden, daß der Koitus mit dem Teufel in der Regel äußerst schmerzhaft

und unangenehm[449] war, denn dies ist in Angstträumen, in denen ein

Koitus vorkommt, auch sehr häufig der Fall.

Einiges kann noch über den Zusammenhang zwischen dem Teufelsglauben und

den im vorhergehenden Kapitel erörterten hinzugefügt werden. Der erste

derselben, der Glaube an den Inkubus war ein wesentliches Stück des

Teufelsglaubens, denn nach orthodoxer Anschauung waren die Inkubi

einfach Teufel; selbst mit dem unmittelbaren Äquivalent des Inkubus, dem

Alp, steht der Teufel in enger Verbindung[450], die jedoch hier nicht

verfolgt werden kann, da das Thema ein rein mythologisches ist.

Die Verwandtschaft zwischen dem Teufelsglauben und dem Glauben an

Vampire und Werwölfe ist mehr in ihrem gemeinsamen latenten Inhalt als

in äußerlichen Ähnlichkeiten gelegen, aber auch in letzterer Hinsicht

ist manches dahin Zielende auffindbar. Der Teufel wurde von den

Kirchenvätern gemeiniglich »seelenraubender Wolf« genannt[451] und in

Knuts Gesetzen wird er direkt als »vôdfreca _verewulf_[452]« bezeichnet.

Im Mittelalter hieß der Teufel Erzwolf, Archilupus und er erschien

häufig in Wolfsgestalt.[453] Grimm[454] führt die slavischen Namen für

den Teufel (Polnisch wrog, Serbisch vrag u. s. w.) auf das

althochdeutsche warg (= Wolf) zurück und der slavische böse Feind

Czernobog erschien gewöhnlich als Wolf.[455] Des mittelalterlichen

Teufels Abstammung vom Wolfe scheint jedoch in erster Linie germanisch

gewesen zu sein, insbesondere von den beiden Wölfen Wotans. Wünsche[456]

schreibt: »Neben Loki wird aber auch dem Fenrirwolf nach mehreren

mißglückten Versuchen mit einem von den Zwergen verfertigten

unzerreißbaren Bande von den Göttern eine Fessel angelegt. In der

Redensart: »Der Teufel ist los«, haben wir sicher noch eine Erinnerung

an Fenrirs wiederholtes Sichfreimachen von den starken Banden und

Stricken, die ihm von den Göttern um den Hals geschlungen wurden«. Der

Teufel wurde auch der Höllenwolf genannt und Grimm[457] bemerkt: »Der

Teufel hat seinen ungeheuren Rachen mit Wolf und Hölle gemein«.

Ungewöhnlich starke oder wilde Wölfe wurden entweder für verkappte

Teufel oder für Werwölfe gehalten[458] und auch die letzteren gelten als

vom Teufel erschaffen.[459] Historisch interessant ist der Fall der

Angela de Sabarethe, die als das erste Weib genannt wird, das -- in

Toulouse, im Jahre 1275 -- wegen sexueller Beziehungen zum Teufel

verbrannt wurde; als Resultat dieser Verbindung gebar sie ein Monstrum

mit dem Kopf eines Wolfes und einem Schlangenschweif.[460]

[Fußnote 443: De Lancre. Op. cit., P. 460.]

[Fußnote 444: De Cauzons. La magie et la sorcellerie en France, T. I, P.

240.]

[Fußnote 445: Brévannes. Op. cit., P. 115.]

[Fußnote 446: Grimm. Op. cit., S. 895.]

[Fußnote 447: De Lancre. Op. cit., P. 217.]

[Fußnote 448: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 156.]

[Fußnote 449: Delrio. Les controverses et recherches magiques, 1611, P.

187. Henne am Rhyn. Der Teufels- und Hexenglaube, 1892, S. 68.]

[Fußnote 450: Grimm. Op. cit., S. 847 und Nachtrag S. 298.]

[Fußnote 451: Daß die Verbindung zwischen Satan und einem Wolf noch

heute als natürlich empfunden wird, läßt sich aus Brownings Gedicht,

Ivan Ivanowitsch ersehen.]

[Fußnote 452: Grimm. Op. cit., S. 32.]

[Fußnote 453: Ennemoser. Geschichte der Magie, 2. Aufl., 1844, S. 791.

Hertz. Der Werwolf, 1862, S. 17.]

[Fußnote 454: Grimm. Loc. cit.]

[Fußnote 455: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 174.]

[Fußnote 456: Wünsche. Op. cit., S. 13.]

[Fußnote 457: Grimm. Loc. cit.]

[Fußnote 458: Hertz. Op. cit., S. 18.]

[Fußnote 459: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 155-159.]

[Fußnote 460: Lamothe-Langon. Histoire de l'inquisition en France, 1829,

T. 2, S. 614.]

Von den zwei Kardinalpunkten des Vampirglaubens, nämlich, daß der Vampir

ein revenant sei und daß er den Schlafenden Blut auszusaugen pflege, ist

der erste im Teufelsglauben viel stärker ausgeprägt, wie oben besprochen

wurde. Die einzige Erwähnung des zweiten Punktes, die ich finden konnte,

betrifft den altdeutschen Teufel Grendel. Grimm[461] schreibt von ihm:

»Er trinkt das Blut aus den Adern und gleicht Vampiren, deren Lippen von

frischem Blut benetzt sind. In einer altnordischen saga findet sich ein

ähnlicher Dämon, Grûnzaegir genannt ..., er trinkt das Blut aus Menschen

und Tieren«.

Wir können dieses Kapitel mit einigen allgemeinen Bemerkungen über den

Teufelsglauben beschließen. Wir haben gesehen, daß die infantilen

Konflikte, die durch das Verhältnis zu den Eltern bedingt waren, ihren

frühesten Ausdruck dadurch fanden, daß das Universum mit übernatürlichen

Wesen bevölkert wurde, die manchmal freundlich, oft gehässig waren,

stets jedoch versöhnt werden mußten. Bei der Entwicklung dieses Glaubens

haben Traumerfahrungen wahrscheinlich eine große Rolle gespielt.

Hauptsächlich infolge der Betonung des Stammes- oder Nationalstolzes

verschmolzen einige Völker, vor allem die Juden, nach und nach diese

Gestalten und entwickelten so eine Art Monotheismus. Dies führte jedoch

zu der Notwendigkeit, die guten und bösen Eigenschaften der höheren

Mächte auf zwei verschiedene Persönlichkeiten zu verteilen, so daß das,

was dem Guten nahestand, der einen, und das, was dem Bösen zugehörte,

der anderen zugeschrieben wurde. Das übertriebene Gefühl der

Sündhaftigkeit, das für das Christentum charakteristisch ist, und der

schärfere Kontrast zwischen Gut und Böse, der dadurch erzielt wurde,

brachten zwar eine erhabenere Auffassung Gottes hervor, aber auch bei

der Erzeugung des Teufels ein Entsetzen, neben dem alle früheren

Erfindungen verblassen. In den letzten hundertundfünfzig Jahren und

insbesondere während des letzten halben Jahrhunderts hat die Intensität

des Teufelsglaubens stark abgenommen, der Gottesglaube erwies sich als

der wurzelfestere der beiden; die psychologische Erklärung dieses

Faktums ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung uns jedoch zu

weit von dem gegenwärtigen Thema abführen würde. Dies geschah nicht ohne

heftigen Theologenzwist, da es offensichtlich die Schwierigkeit, über

die Existenz des Bösen in der Welt Rechenschaft zu geben, vergrößerte.

Dennoch war es notwendig geworden, teilweise wohl wegen der höheren

Auffassung der Allmacht Gottes und seiner schließlichen

Verantwortlichkeit für das ganze Weltall, denn diese Erwägungen machten

den Teufelsglauben in seinem inneren Wesen überflüssig. Das Problem des

Bösen, das den Theologen stets im Wege gewesen ist, da es sich von

theologischen Voraussetzungen aus nicht auflösen ließ, wurde als Ganzes

umgangen, indem man zu dem im 5. Jahrhundert entwickelten Glauben

Zuflucht nahm, daß die Übel der Welt als Strafe oder als unbegreifliches

Besserungsmittel zum heilsamen Fortschreiten in der Erkenntnis, zur

Übung in der Geduld im Hinblick auf eine bessere Zukunft zu betrachten

seien.[462] Wie lang sich die Menschheit mit diesen Sophismen begnügen

wird, ist ungewiß; der Erfolg der Lehre Mrs. Eddys, daß das Böse nicht

objektiv, sondern nur subjektiv existiert[463], kann als Zeichen einer

wachsenden Unzufriedenheit des Volkes mit diesen orthodoxen Erklärungen

aufgefaßt werden.

[Fußnote 461: Grimm. Op. cit., S. 849-850.]

Doch der Teufel stirbt nicht leicht. Werwolf und Vampir hatten für den

Kulturmenschen längst ihre Schrecken verloren, nicht einmal mehr die

Kinder mochten sie fürchten und auch das Alpdrücken des Hexenwahns hatte

Europa von sich abgeschüttelt, nur Satan wich nicht.[464] Von Zeit zu

Zeit lesen wir bis zum heutigen Tage in den Zeitungen von einem

geistlichen Exorzismus einer hysterischen Person als vom Teufel

besessen[465] und der Glaube an einen buchstäblichen Teufel wird noch

von der katholischen Kirche offiziell festgehalten und von einem großen

Teil der Geistlichkeit anderer Kirchen. Eine der Szenen der letzten

Jahre des erleuchteten 19. Jahrhunderts, die es verdient, in der

Geschichte weiter zu leben, war der berühmte Miß Vaughan-Schwindel[466],

bei welchem der Papst Leo XIII. und mehrere Bischöfe eine Dame offiziell

segneten, die, obgleich aus der Vereinigung ihrer Mutter mit dem Teufel

stammend, die Kirche triumphierend gerettet hatte; im nächsten Jahre

(1897) gestand Taxil, daß nicht nur alles eine Lügengeschichte sei --

der Teufelsbund mit eingeschlossen --, sondern auch daß die Dame selbst

ein Produkt seiner Einbildungskraft war.

[Fußnote 462: Roskoff. Op. cit., S. 267.]

[Fußnote 463: Vgl. Hamlets Behauptung: »There is nothing either good or

bad, but thinking makes it.«]

[Fußnote 464: Freimark. Op. cit., S. 334.]

[Fußnote 465: Man wird es kaum glauben, daß ich während meiner Praxis in

Kanada (1911) erhebliche Schwierigkeiten mit einem Arzte (!) hatte, der

einen Fall von Dementia praecox mit Vorlesungen aus der Bibel behandeln

wollte, um den Teufel, von dem er fest überzeugt war, daß er sich in dem

Kranken befände, damit auszutreiben.]

VII.

Die Hexenepidemie.

Die Probleme des Hexenaberglaubens sind komplizierter als die des

Teufelsglaubens, obgleich sie mit ihnen nahe verwandt sind; denn

einerseits wirkten beim Aufbau des Hexenglaubens noch zahlreichere

Faktoren mit und anderseits haftete er nicht an Phantasiewesen, sondern

an wirklichen Menschen. Infolge dieser Tatsache ist es anzunehmen, daß

einige Bestandteile von den Betroffenen selbst geliefert wurden, wenn

auch das meiste aus äußeren Quellen stammt. Wie viele von den Verfolgten

wirklich von der Realität der angeblichen Vorfälle überzeugt waren, wird

sich nie ermitteln lassen. Sicher ist, daß viele nicht daran glaubten,

denn nachdem sie unter grausamen Torturen ein Geständnis abgelegt

hatten, beichteten sie ihre Unschuld dem Beichtvater, unter der

Bedingung, daß er nichts davon verlauten lasse, damit sie ohne

neuerliche Tortur hingerichtet würden. In manchen Fällen war allerdings

die Natur jener erdichteten Ereignisse und der Geisteszustand der Opfer

derartig, daß diese an die Wirklichkeit der Verbrechen, wegen deren sie

angeklagt waren, nicht im mindesten zweifelten.

[Fußnote 466: Kemmerich. Kultur Kuriosa, S. 229-234.]

Wie im vorhergehenden Kapitel können wir mehrere verschiedene Probleme

unterscheiden, insbesondere:

Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft · 第 8 / 21 题