Hier zeigt sich der Teufel nicht als Versucher und Verführer, sondern
als Verfolger, als böser Feind. All die Grausamkeit, kleinliche Tyrannei
und allgemeine Unvernunft, die den Yahweh des Alten Testaments[387]
entstellen, wurden voll und ganz von dem christlichen Teufel übernommen.
Die Ähnlichkeit dieses Bildes mit dem, das viele Kinder als das genaue
Spiegelbild ihres Vaters empfinden, ist nur zu auffallend. Der Teufel
spottet der Mühen und Anstrengungen der Menschen, verletzt ihren Ehrgeiz
und verfolgt ihre Schwächen. Er quält und schädigt sie aus bloßer Freude
an seinem Tun, vernichtet ihre Arbeit und läßt alle ihre Bemühungen
vergebens gewesen sein. Das Menschengeschlecht lebt im ewigen Kampf mit
ihm, bald seinen lockenden Versuchungen widerstehend, bald seine
boshaften Angriffe abwehrend. Die Ödipus-Situation, und zwar sowohl die
männliche wie die weibliche, wird so in Gänze wieder hergestellt.
[Fußnote 383: Eickmann. Die Angelologie und Dämonologie des Korans,
1908, S. 44.]
[Fußnote 384: Sellen. Annotations on the Sacred Writings of the Hindus,
1902, P. 9.]
[Fußnote 385: Spencer u. Gillen. The Native Tribes of Central Australia,
1899, P. 517.]
[Fußnote 386: Le Loyer. Op. cit., P. 340.]
[Fußnote 387: Siehe Gener. Op. cit., Pp. 368-377.]
Die Feindseligkeit des Teufels gegen den Menschen ist
charakteristischerweise besonders ausgeprägt in jenen Legenden, die er
von den Riesen (= Erwachsenen) geerbt hat. In diesen versucht er alles
Denkbare, um sie zu schädigen und zu behindern[388]; er schleudert
ungeheure Felsblöcke nach Kirchen und Klöstern, dämmt Flüsse ab, um
Überschwemmungen herbeizuführen, baut Mauern, um menschliche Wesen von
seinem Reiche abzuhalten, u. s. w. Die Menschheit muß gegen ihn in
seiner Riesengestalt kämpfen, wie die jungen Götter einst gegen die
Titanen kämpften.
In diesem Kampfe wurden die Menschen keineswegs regelmäßig besiegt. Die
Geschichten, in denen der Teufel übers Ohr gehauen und betrogen wird,
sind zahlreich und es ist zu beachten, daß diese Erzählungen meist von
heidnischen Vorbildern genommen sind, in denen die Bekämpften Riesen
waren.[389] Zum Beispiel nach Wünsche[390]: »Hinter dem Schmiede von
Bielefeld, Apolda u. s. w. in den bekannten Märchen, der den Teufel im
Sacke auf dem Amboß ganz windelweich hämmert, so daß er ein
Zetergeschrei erhebt und um seine Freilassung bittet, verbirgt sich, wie
wir unten zeigen werden, sicherlich der seinen Hammer auf das Haupt des
Riesen schwingende Thor. Ist doch »Meister Hammerlein« auch ein
gebräuchlicher Beiname des Teufels«. Ein beliebter Anschlag war es, mit
dem Teufel einen Vertrag zu schließen, nach welchem ihm eine Seele
gehören sollte, unter der Bedingung, daß er irgend ein Werk vor
Hahnenschrei ausführe, und dann im letzten Moment einen Hahn zu kneifen
und dadurch zum Rufen zu bringen oder den Ruf nachzuahmen, so daß die
Hähne in der Nachbarschaft erwachten und wirklich krähten. Selbst ein
Pferd konnte den Teufel überlisten.[391] Es ist hier für die
gegenwärtige Beweisführung von Wesenheit, daß der Teufel in allen diesen
Geschichten durch Betrug überlistet wird, niemals durch Gewalt
überwunden; Schlauheit und Betrug sind bekanntermaßen die einzigen
Waffen des schwachen Kindes gegen den feindlichen Vater.
[Fußnote 388: Siehe Grimm. Op. cit., 852-855a und Nachtrag S. 301.
Wünsche. Loc. cit.]
[Fußnote 389: Siehe besonders Wünsches Buch in Vergleich mit dem Kapitel
46 »Der geblendete Riese« in Leistners »Das Rätsel der Sphinx«, 1889,
Bd. 2, S. 109-151.]
[Fußnote 390: Wünsches Buch. Op. cit., S. 13, 14.]
Eine mächtige Person, die durch Schwächen leicht betrogen wird, muß
notwendigerweise als dumm oder wenigstens naiv geschildert werden. Diese
geringschätzige Meinung haben Kinder oft von ihren Eltern, teils aus dem
genannten Grunde, teils als Überkompensation für ihr Gefühl der
Unwissenheit im Verhältnis zur Weisheit der Eltern. Die Geschichten, in
denen der Teufel eine unglaubliche Naivität an den Tag legt und leicht
übers Ohr gehauen wird, bilden ein ausgedehntes Kapitel in der
Geschichte der Dämonologie[392] und liefern einen wichtigen Beitrag für
die spätere Auffassung der Clowns, Buffons und Narren auf der
Bühne.[393] Eine Psycho-Analyse der einzelnen Erzählungen, auf die wir
hier verzichten müssen, zeigt deutlich die infantilen Quellen der Motive
und bestätigt endgültig die hier in Kürze dargelegten Schlüsse.
Diese kinderhafte Verachtung des Teufels zeigt sich auf verschiedene
Weise, insbesondere durch Verneinung seiner Macht. Keines von den
Gebäuden, die er aufführt, kann vollständig sein, seine Pläne und
Anschläge werden stets im letzten Moment vereitelt und in einem Punkte
insbesondere stimmen alle Autoren überein, nämlich in seinem Mangel an
Samen und der daraus folgenden Unfruchtbarkeit. Wie wir später sehen
werden, hat dieser letztere Glaube eine tiefere Quelle. Ihm mag auch der
Abscheu des Teufels vor dem Salz zugeschrieben werden, denn dies kann
als altes mythologisches Symbol für Samen erwiesen werden.[394]
Bodin[395] ist also im gewissen Sinne im Recht, wenn er für die
Abneigung des Teufels davor den Grund anführt, daß es ein Symbol der
Ewigkeit sei.
[Fußnote 391: Jähns. Roß und Reiter, 1872, Band 1, S. 87.]
[Fußnote 392: Siehe Wünsche. Op. cit., Kap. VIII. Der dumme, geprellte
Teufel und die Abteilung »Der dumme Teufel« in Roskoff. Op. cit., Band
1, S. 394-399.]
[Fußnote 393: Siehe die Abteilung »Der Teufel als Lustigmacher« in
Roskoff. Op. cit., S. 309-404.]
Selbst manche Mittel, die angewandt wurden, um die Angriffe des Teufels
abzuwehren, haben ihre Wurzel in der infantil-sexuellen Symbolik. Das
bewährteste, oft wirksam wenn alle anderen versagt hatten, war, ihm das
Gesäß zu weisen und einen Flatus zu lassen; kein geringerer als Martin
Luther half sich auf diese Weise.[396] Die Psycho-Analyse hat dargetan,
daß eine der tiefsten Quellen des Trotzes gegen die Eltern die Weigerung
des Kindes ist, die Funktionen seines Sphincters nach ihren Wünschen
einzurichten. Ein anderes, allgemeines Mittel, dem Teufel zu trotzen,
bestand darin, ihm ins Gesicht das heilige Kreuz zu schwingen oder das
Zeichen des Kreuzes zu machen, d. h. das Zeichen des Sohnes (Christus).
Die phallische Bedeutung dieses Symbols ist längst bekannt[397], so daß,
es dem Teufel entgegenstrecken, nichts anderes bedeutet als die
exhibitionistische Verachtung der väterlichen Autorität.
Die sicherste Zuflucht für den Verfolgten war es jedoch, die Jungfrau
Maria zu Hilfe zu rufen. Dies war so allgemein, daß die ganze
Angelegenheit oft als ein ständiger Kampf zwischen dem Teufel und der
heiligen Mutter gedacht wurde. Roskoff[398], der mehrere Beispiele
hiefür anführt, sagt: »Die Tätigkeit des Teufels wird überdies
vornehmlich entwickelt und hervorgerufen durch dessen Haß gegen die
heilige Jungfrau, der um so mehr gesteigert wird, als diese, nach
Frauenart, sich in alle Angelegenheiten hineinmengt und ihr, wie im
gewöhnlichen Leben, in allem willfahren wird, so daß sie ihren Willen
immer durchsetzt und ihre Schützlinge, die nun einmal ihre Gunst durch
eifrigen Marienkultus erlangt haben, auch nie fallen läßt, wenn sie
übrigens auch die ärgsten Lumpen sein sollten.« Es ist schwer, die
Analogie dieser Situation zu derjenigen des Kindes, das bei der Mutter
Schutz vor dem übelgelaunten Vater sucht und damit einen ähnlichen Zwist
herbeiführt, nicht zu bemerken.
[Fußnote 394: Siehe Ernest Jones. »Die symbolische Bedeutung des Salzes
in Folklore und Aberglaube«, Imago, 1912, Band 1.]
[Fußnote 395: Bodin. Op. cit., P. 278.]
[Fußnote 396: Freimark. Op. cit., S. 84. Die Originalstellen bei Bourke,
Scatalogic Rites of all Nations, 1891, Pp. 163, 444.]
[Fußnote 397: Inman. Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism.,
1874. Rocco. Sex Mythology, including an Account of the Masculine Cross
1898, u. s. w.]