1. Der Vater, gegen den Bewunderung empfunden wird.

Diese Auffassung ist weitaus die häufigste. Ein wichtiger Grund hiefür

ist ihre bisexuelle Entstehung; sie dient nämlich nicht nur zur

Darstellung der Bewunderung des Sohnes für den Vater, sondern auch für

die verdrängte (libidinöse) Liebe der Tochter.

In erster Linie sind die wunderbaren Kräfte des Teufels zu beachten, die

jene gewöhnlicher Wesen weit übersteigen. Nach dem Glauben der

Manichäer, der das Christentum stark beeinflußte, war er direkt der

Schöpfer der Körperwelt und vereinigte in sich alle übernatürlichen

Kräfte. Er lenkte Donner und Blitz, Wind und Regen, obgleich diese

vorher mehreren Göttern als Attribut zugeteilt worden waren. Auf die

infantilsexuelle Symbolik in diesem Glauben kann hier nicht eingegangen

werden; Abraham[355] hat einen Teil davon (den Blitz) behandelt und die

mythologische Bedeutung des Regens (= semen) ist wohlbekannt. Ich will

nur die Flatus-Symbolik des Donners erwähnen[356]; wir haben oben

gesehen, daß der Gestank des Teufels hauptsächlich von seiner Fähigkeit

zu »Donnern« abgeleitet wurde. Es ist beachtenswert, daß die Macht des

Teufels sich hauptsächlich auf _geheime_ und _Zauberdinge_ bezog. Er war

der Meister aller verbotenen Künste, der sogenannten »schwarzen Kunst«,

darum war er die wichtigste Stütze für Zauberer und andere Leute, die

entweder nach verbotenem Wissen oder nach Kräften verlangten, die über

ihre natürlichen Anlagen hinausgingen.

Diese Kräfte wurden Menschen in verzweifelter Lage zur Verfügung

gestellt, meist auf gewisse Bedingungen hin, -- daß sie fortan dem

Teufel angehören wollen und seine Gebote befolgen; das erinnert an die

Eltern, die irgend eine Sache für ihre Kinder tun wollen unter der

Bedingung, daß sie gut, d. h. folgsam sein wollen. In vielen Legenden

tritt der Teufel als freundlicher Helfer der Menschen auf, der sie in

schweren Lagen unterstützt und vor Ungemach schützt, insbesondere die

Witwen und Waisen (!); eine Anzahl dieser Geschichten erzählen

Conway[357] und Wünsche.[358] Wir sehen den Teufel die Rolle des gütigen

Vaters übernehmen.

[Fußnote 355: Abraham. Traum und Mythus, 1909, S. 29, 30 u. s. w.]

[Fußnote 356: Le Tonerre ce n'est qu'un pet; c'est Aristophane qui le

dit. (Bibliotheca Scatalogica, Art. »Oratio pro Guano Humano«)

Harrington (The Metamorphosis of Ajax. 1596, P. 94) erinnert an das

Abenteuer des guten Sokrates, der, als ihn Xantippe mit einem Nachttopf

gekrönt hatte, ihn auf seinem Kopf und Schultern forttrug und zu denen,

die über ihn lachten, sprach:

»Niemals ward dies als Wunder geacht',

Daß Regen folgt, hat der Donner gekracht.«]

Sehr auffällig ist die Tatsache, daß der Teufel des Mittelalters in alle

Legenden, die früher von _Riesen_ erzählt worden waren, aufgenommen

wurde, da die Riesen die mythologische Umbildung der Auffassung des

Kindes von seinen Eltern sind.[359] Die drei Hauptvorstellungen, die

vereinigt werden, sind Alter, Kraft und Größe. Eine der

hervorstechendsten Eigenschaften des Teufels war sein hohes Alter[360]

und viele seiner Beinamen z. B. die englischen: _Old_ Nick (Hnikar),

_Old_ Davy scheinen darauf hinzudeuten. Alle die besonderen Kennzeichen

und Merkmale der Riesen wurden en masse auf den Teufel übertragen; eine

Anzahl davon wird bei Grimm[361] berichtet, so daß hier weitere Details

überflüssig sind. Wünsche[362] schreibt: »Bei näherer Betrachtung

erweisen sich ferner alle die Sagen, nach denen der Teufel mächtige

Dämme, die quer durch den See gehen, Mauern nach Art der Zyklopen und

Brücken, die hoch in den Himmel hineinragen und über Abgründe,

Schluchten und Täler führen, errichtet, als christianisierte örtliche

Riesensagen. Auch Hünen- und Brunhildebetten berühren sich mit

Teufelsbetten.« Das wichtigste unter den Riesenattributen des Teufels

war seine Vorliebe für das Bauen[363]; dies stammt zweifellos von der

infantilen Auffassung, daß die Eltern die Kinder aus Exkrementen formen,

die später mit Mörtel, Sand u. s. w. assoziiert wird.[364] Der Teufel

begnügte sich übrigens nicht damit, die Taten der Riesen nachzuahmen,

sondern nahm bei verschiedenen Gelegenheiten direkt ihre Gestalt an; so

sah ihn St. Anton als einen »schrecklichen Riesen, dessen Haupt die

Wolken berührte«, dasselbe widerfuhr St. Brigitten und auch bei Dante

wird Luzifer als riesengroß geschildert.

[Fußnote 357: Conway. Op. cit., Ch. XXVII. »Le bon diable.«]

[Fußnote 358: Wünsche. Der Sagenkreis vom geprellten Teufel, 1905, Kap.

VII. »Der geprellte Teufel als Helfer der Menschen in allerlei Notlagen

und Anliegen.«]

[Fußnote 359: Siehe Meyer. Op. cit., S. 193 bezw. der eingehenden

Schilderung der Attribute der Riesen in der Mythologie.]

[Fußnote 360: Grimm. Op. cit., S. 826.]

[Fußnote 361: Grimm. Op. cit., S. 852-856 und Nachtrag S. 301.]

[Fußnote 362: Wünsche. Op. cit., S. 14.]

[Fußnote 363: Siehe Wünsche. Op. cit., Kap. II. »Der geprellte Teufel

als Baumeister.«]

Die Bedeutung der »revenant« Auffassung wurde oben erörtert und auf ihre

Beziehung zum Inzest hingewiesen. Es ist deshalb nicht ohne Interesse,

daß es eine Lieblingsgewohnheit des Teufels war, die Menschen bei Nacht

in der Gestalt eines kürzlich Verstorbenen[365], besonders Frauen als

ihr Vater zu besuchen. Die Erklärung dafür wurde vor mehr als

dreihundert Jahren von Thomas Nashe[366] gegeben, wie folgt: »Man wird

fragen, warum er sich oft in des Vaters oder der Mutter oder eines

anderen Anverwandten Körpergestalt zeigt? Kein anderer Grund kann hiefür

angezeigt werden, als daß wir ihm in jenen Gestalten, die, wie er

annimmt, uns die vertrautesten sind und denen wir mit natürlicher Liebe

anhängen, am ehesten ein geneigtes Ohr leihen.«

Wie sogleich ausgeführt werden soll, waren die Besuche und Versuchungen

durch den Teufel vor allem libidinöser Natur, was mit der hier

ausgesprochenen Anschauung gut übereinstimmt. In weiterer

Übereinstimmung damit steht die enge Beziehung zwischen Teufel und

_Schlange_. Der Versucher des Alten Testaments wurde in der Kabbalah

»Leviathan« (= verführende Schlange) genannt und seine Ersatzpersonen in

anderen Ländern wie Apep (Ägypten), Ahriman (Persien), Midgard

(Norwegen), Set (Ägypten) und Vritra (Indien) wurden ebenfalls

gewöhnlich als Schlangen abgebildet; wir können auch auf die böse

Schlange oder den Drachen verweisen, die Apollo, Bellerophon, Herakles,

Krishna, St. Georg, Wotan und viele andere besiegten. In dieser Hinsicht

befand sich der Teufel übrigens auch in weit besserer Gesellschaft, denn

die Verwandtschaft der Schlange mit verschiedenen Göttern war, wie im

vorhergehenden Kapitel bemerkt wurde, außerordentlich nahe. Die

phallische Bedeutung dieses Glaubens muß hier nicht noch einmal erklärt

werden. Die ältesten Glaubenslehrer des Judentums und die ersten

katholischen Kirchenväter waren der Ansicht, daß die Schlange im Garten

Eden die böse Fleischeslust bedeute[367], was ja mit der modernen

Auffassung vollkommen übereinstimmt. Der christliche Teufel erschien

sehr häufig in der Form einer Schlange oder eines Feuerdrachen.[368] St.

Anton und St. Coleta bestätigten die erstgenannte Form aus eigener

Erfahrung. Die sexuelle Natur des Symbols zeigt sich beim Teufel in viel

aufdringlicherer Form als bei den klassischen Göttern, denn sein Schweif

war durch eine Schlange gebildet oder endete in einen Schlangenkopf und

ebenso auch seine Arme, außerdem aber ahmte sein Penis in Gestalt und

Bewegungen eine Schlange nach.[369] Vielleicht ist dies der Grund, warum

wir zu anderen Zeiten Beschreibungen finden, wie die folgende,[370] »il

a une virilité gigantesque, couverte d'ecailles, hérissée de piquants.«

[Fußnote 364: Die primitive Kinderfreude am Häuserbauen und

Figurenzusammensetzen wurde in weitem Ausmaße von E. A. Acher studiert.

Amer. Journ. of Psychol., Jan. 1910, P. 116.]

[Fußnote 365: Jakob. Curiosités Infernales, Pr. 35-37. Graf. Op. cit.,

S. 57, 58, 65-67.]

[Fußnote 366: The Works of Thomas Nashe, 1904 Edition. Vol. I. »The

Terrors of the Night« (1594), P. 348.]

In dem gegenwärtigen Zusammenhange ist es jedoch von besonderer

Bedeutung, daß, wie im vorigen Kapitel nachgewiesen wurde, die Schlange

besonders das männliche Glied des _Vaters_ symbolisiert. Die Schlange

mit ihrem schleichenden und geheimnisvollen Gehaben ist vortrefflich

dazu geeignet, die heimlichen Betätigungen des Vaters darzustellen, die

der Knabe beneidet.

[Fußnote 367: Roskoff. Op. cit., Bd. I. S. 195.]

[Fußnote 368: Grimm. Op. cit., S. 833, 851.]

[Fußnote 369: Graf. Op. cit., S. 51, 59.]

[Fußnote 370: Brévannes. L'orgie satanique à travers les siècles, 1904,

P. 115.]

Der direkt libidinöse Charakter des Teufels und seiner Versuchungen wird

von jedem Schriftsteller, der dieses Subjekt behandelt, hervorgehoben

und kommt in zahllosen Erzählungen zum Ausdruck.[371] Es genügt eine

Stelle aus der unendlichen Anzahl ähnlicher herauszugreifen.

Freimark[372] sagt: »Den ersten Anstoß zum Teufelsbund geben fast

ausschließlich sexuelle Motive .... In allen Berichten über die

Verführung zur Hexerei und zum Teufelsbund nimmt unverhüllt die sexuelle

Verführung die erste Stelle ein.« Dies war die Sünde, vor der die Kirche

mehr als vor jeder anderen warnte. So sagt zum Beispiel Sinistrari[373]:

»ratione tantae enormitatis contra Religionem, quae praesuppositur coitu

cum Diabolo, profecto Daemonialitas maximum est criminum carnalium.« Ein

Mittel, das der Teufel mit Vorliebe zur Erreichung dieses Zweckes

anwandte, war, ein Weib dadurch zu täuschen, daß er die Gestalt ihres

Geliebten oder Ehemannes annahm.[374] Bodin[375] erzählt Fälle, wo er

kleine Mädchen beunruhigte und verführte, die erst sechs Jahre alt

waren, »qui est l'aage de cognoissance aux filles.« Die sexuellen

Versuchungen, denen Buddha, Zoroaster und andere göttliche Wesen

unterworfen waren, wurden in christlicher Zeit auf verschiedene Heilige

übertragen, von denen die meisten, wie St. Anton, St. Benedict, St.

Elisabeth und St. Martin ihnen erfolgreich widerstanden, während andere,

wie z. B. St. Victorinus, unterlagen.

Wie bekannt, verwandelte sich der Teufel am liebsten in einen Bock, das

klassische Symbol der Ausschweifung; dies war nahezu regelmäßig seine

Gestalt beim Hexensabbat. Da sie in der Mythologie nicht bewandert

waren, verwunderten sich viele christliche Autoren darüber;

Scaliger[376] z. B. betrachtet es ohne weitere Hintergedanken als ein

Wunder. Bodin[377] hingegen ahnte den Sinn, denn er schrieb: »Mais c'est

bien chose estrange, que Satan ... prend la figure d'un Bouc, si ce

n'est pour estre une beste puante et salace ... Or la proprieté des

Daemons est d'avoir puissance sur la cupidite lascive et brutale.« Die

libidinöse Natur des Bocksymbols braucht hier nicht ausgeführt zu

werden, da sie wohlbekannt ist. Ein weiterer Beweis der ursprünglichen

Identität der Vorstellungen von Gott und Teufel ist die Tatsache, daß

einerseits der Bock das Symbol zahlreicher Götter des Altertums war, daß

aber auch Pan, der Ziegengott par excellence, von dem der Teufel so

viele seiner Attribute übernahm, mit dem höchsten Gott der Babylonier,

Mithra[378], mit dem ägyptischen Gotte Min[379] (dem Repräsentanten des

männlichen Prinzips) und mit Zeus[380] selbst identifiziert wurde.

[Fußnote 371: Siehe z. B. Jacob. Op. cit., Pp. 85-96.]

[Fußnote 372: Freimark. Okkultismus und Sexualität, S. 297.]

[Fußnote 373: Sinistrari. Demoniality (17. Jahrhundert), 1879 Edition,

P. 218.]

[Fußnote 374: Dalyell. The Darker Superstitions of Scotland, 1835, P.

554. Hinkmar, zitiert bei Hansen, Op. cit., S. 73.]

[Fußnote 375: Bodin. De la Demonomanie des Sorciers, 1593, P. 212.]

[Fußnote 376: Smith. Scaligerana, 1669, Part. II, Article: Azazael.]

Im Mittelalter wurde den sexuellen Attributen des Teufels die

eingehendste Aufmerksamkeit geschenkt, insbesondere dem Sexualakt selbst

und dem dabei tätigen Organe.[381] Dieses war manchmal krumm, zugespitzt

und schlangenförmig, bestand manchmal halb aus Eisen, halb aus Fleisch,

zu anderen Zeiten ganz aus Horn und war gewöhnlich gespalten wie eine

Schlangenzunge; er war so im Stande, Koitus und Päderastie gleichzeitig

auszuführen, während eine dritte Gabelung manchmal in den Mund reichte.

Der Teufel des Mittelalters war keineswegs als erster durch seine

ausschweifende Geschlechtlichkeit berühmt. Von den Göttern des

klassischen Altertums ganz zu geschweigen, finden wir denselben Zug bei

den meisten bösen Vorläufern des christlichen Teufels. Der Ruf Pans war

derart, daß er den Theologen des Mittelalters als der Prinz der

Inkubi[382] bekannt war.

[Fußnote 377: Bodin. Op. cit., P. 190.]

[Fußnote 378: Robertson. Op. cit., P. 315.]

[Fußnote 379: Petrie. The religion of ancient Egypt, 1908, P. 59.]

[Fußnote 380: Knight. The Symbolical Language of Ancient Art and

Mythology, 1876 Edition, P. 137.]

[Fußnote 381: Siehe z. B. Pierre de Lancre. Tableau de l'inconstance des

mauvais anges et démons, 1612, Pp. 224, 225.]

[Fußnote 382: De Plancy. Op. cit., T. II, P. 135.]

Im Koran ist der Teufel nur als Verführer bekannt.[383] Die Anbetung des

brahmanischen Shiva, des bösen Schöpfers und Zerstörers der Welt, ist

rein phallisch.[384] Der beduinische ghul, der buddhistische Mara, der

persische Aeschma, der syrische djinn, alle haben denselben

ausschweifenden Charakter; selbst im fernen Australien lieben es die

Iruntarivia, die bösen Geister, Weiber im Dunkeln fortzuschleppen.[385]

Aber der Teufel übertraf sie alle so weit, daß Milton eine seiner

Gestalten nennen konnte:

Belial, der gefallenen Geister sinnlichster,

Der Lasterhafte, und, nach Asmodai,

Der fleischlichste der Inkubi.

Im Zusammenhang mit dieser Anschauung vom Vater, die der Teufel hier

darstellt, muß seiner engen Verknüpfung mit der Natur, der

Personifikation der Mutter, und insbesondere mit den verborgenen Teilen

der Natur gedacht werden; es ist charakteristisch für die Inzestnatur

der Teufelsvorstellung, daß infolge dieser Verknüpfung die Natur selbst

als die böse Seite des Weltalls aufgefaßt zu werden begann. Er wohnt an

entlegenen Orten, liebt besonders dunkle Wälder[386] und Orte, an denen

Schätze liegen, wie Goldminen und dringt in Höhlen und in das Innerste

der Mutter Erde ein, d. h. in Örtlichkeiten, die gewöhnlichen Wesen

völlig unerreichbar sind. Andere Beziehungen zur Mutter Erde werden in

einem späteren Teile erwähnt werden.

Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft · 第 5 / 21 题