Der Lehrer setzte sich nieder, aber fünfe, sechse traten nach einander

gegen ihn auf. Keiner widerlegte das, was er gegen die Geistlichkeit

gesagt -- Alle stimmten ihm darin bei, daß das Uebelstände seien, denen

abgeholfen werden _müßte_, denen aber auch abgeholfen würde, sobald

nur einmal die neue Schulinspection, wie sie der Herr Pastor Scheidler

vorgeschlagen, in Wirksamkeit träte; für jetzt aber, meinten sie, sei

es zu gewagt, »feindlich gegen die Kirche aufzutreten, wo sie noch unter

der Botmäßigkeit derselben ständen --« Pflichten zu verweigern, die sie

bis jetzt geleistet, und für die sie Zahlung bekommen hätten, ohne

auch gewillt oder in den Verhältnissen zu sein, die mit ihnen genossene

Nutznießung mit ihnen aufzugeben. Nein, man vereinigte sich dagegen zu

einem Gesuche an die hohe freisinnige Regierung, die Mißbräuche der vor

Jahrhunderten gegebenen Gesetze abzuschaffen, man erbitte eine baldige,

durchgreifende Reform des Volksschulgesetzes, man beantrage, daß

dem Lehrer eine, seinem Stande und seiner Bildung würdigere, mehr

coordinirte als subordinirte Stellung angewiesen werde, und sei

dann überzeugt, daß die bis jetzt so gehässigen Fatalitäten zwischen

Geistlichen und Lehrern von selber wegfallen würden -- so lautete das

Resultat.

Hennig trat noch einmal mit Kraft für seine Meinung auf, doch vergebens,

er wurde überstimmt, und sogar eine Adresse an die übrigen Lehrer des

Reichs beschlossen, um diese davon abzuhalten, daß sie einer Trennung

der Schule von der Kirche das Wort redeten, dagegen aber aufzufordern,

in der nächst zu haltenden großen Lehrerversammlung kampf- und

schlagfertig zu erscheinen, und ihre Ueberzeugung dort zu verfechten.

Da stand Kraft auf, griff nach seinem Hut und sagte, während er hinter

seinen Stuhl trat:

»Lieben Mitbrüder, Ihr habt Euch entschieden, und ich sehe die Folgen,

die dieser Euer Entschluß haben wird. Nicht, daß Ihr die Trennung der

Schule von der Kirche werdet aufzuhalten vermögen, nein, die _Mehrzahl_

der Lehrer hat hoffentlich Energie genug, jetzt, wo ihr die Waffe der

freien Rede in die Hand gegeben ist, sie auch zu gebrauchen und ihre

Rechte damit zu erkämpfen; aber wehe thut es mir, den Geist erkannt zu

haben, der in dieser Gegend noch die Herzen der Lehrer beherrscht,

ja, bange Zweifel fangen schon an, in mir aufzusteigen, ob selbst

die Emancipation im Stande sein wird, den Geist des Selbstgefühls zu

erwecken, daß er ein Joch abschüttele, nicht etwa nur weil es ihn drücke

oder beschwere, nein, sondern weil es überhaupt ein Joch ist, und ein

Joch, das noch dazu anfängt, ihn zu _schänden_, weil er es freiwillig

tragen will. Daß die Pastoren, noch ehe sie dazu gezwungen werden,

schon ein selbst so precäres Zugeständniß machen, und uns das Recht

zugestehen, unsere Schulinspectoren wenigstens zum Theil aus unserer

Mitte zu wählen, das hätte Euch die Augen öffnen können, wie sie das

Geringe geben, weil sie damit einem größeren _Muß_ vorzubeugen gedenken.

Blinde kurzsichtige Menschen die es sind, daß sie meinen, der einmal

entfesselte Geist ließe sich sobald wieder in die alten Banden der

Knechtschaft hineinpressen.«

»Lebt wohl, lieben Freunde -- berathet Eure Adresse und sendet sie in

alle Welt, gebraucht auch, als zu Eurer Conferenz gehörig, meinen Namen,

verlangt aber nicht, daß ich selber unterschreiben soll, was mir das

Herz in der Brust wenden würde. Ich will nach Bachstetten zurück, und

vielleicht kommt die Zeit, wo ich im Stande bin, für Euer, für unser

Wohl zu wirken!«

Er verließ das Zimmer, und nur Hennig folgte ihm von all' den Uebrigen.

Elftes Kapitel.

Des Musikanten Tochter.

Kraft und Hennig stiegen die Stufen der Treppe hinunter, und befanden

sich gleich darauf im wirren Getreibe des Schenklebens, das sie in

lauten fröhlichen Massen umtobte.

Sie blieben einen Augenblick neben der Gartenthüre stehen und

überschauten die Menge, die hier, der wunderherrlichen Frühlingsluft

froh, theils um einzelne Tische saß, theils langsam in den Gängen auf-

und niederschlenderte, oder auch kurze Zeit nach dem kleinen Orchester

hinüber horchte, das Märsche, Walzer, Rutscher und Galopps spielte, und

aus den gewöhnlichen Dorfmusikanten bestand, die auch Abends beim Tanz

den lustigen Reigen aufgeigten.

Nur manchmal schien sich die Aufmerksamkeit dem Orchester ganz und fast

ungetheilt zuzuwenden, und das war stets, wenn ein einzelner Mann, unser

alter Bekannter, mit seiner Tochter auf die Bank trat und auf seiner

Violine, nicht Marsch oder Tanz, aber doch so eigenthümliche Weisen und

mit für Horneck so unerhörter Geschicklichkeit spielte, daß den Bauern,

nach ihrer eigenen Bestätigung, »Maul und Nase« aufstand, und sie

manchmal nicht wußten, ob er an der linken Hand fünf oder zehn Finger

hätte.

Kraft und Hennig waren aber noch viel zu sehr mit der eben verlassenen

Conferenz beschäftigt, um das rege Leben um sich her viel zu beachten;

sie schritten dicht an Haus und hinter den Hecken hin, die hier einen

schmalen Raum des Gartens von den übrigen offenen Theilen abschied, um

in's Freie hinaus den Weg zu gewinnen, an der engen Gartenpforte

aber, die hier nach dem Felde hinauslief, fanden sie ein solch' wirres

Menschengedränge, daß sie, um dem zu entgehen, wieder rechts

einbogen, und endlich gerade unter der Stange anhielten, die hier zum

Sternschießen errichtet war, und neben der ein paar noch unbesetzte

Bänke standen.

»Mir thut es in der Seele weh,« brach Kraft endlich das Schweigen, »daß

gerade hier von Horneck aus ein Schritt geschehen soll, über den die

Feinde des freien Lehrerstandes triumphiren werden. >Seht Ihr,< höre ich

sie schon rufen, >sie selber wollen es nicht -- sie selber sehen ein,

daß durch ein Losreißen von der Kirche die Schule selbst gefährdet sei

-- sie selber fühlen, daß sie der Aufgabe nicht gewachsen sind<.«

»Und wo bedürften sie einen besseren Beweis für ihre hochmüthige

Behauptung -- »die Lehrer seien noch nicht reif zur Emancipation«,«

seufzte Hennig -- »diese Adresse wird ihnen eine furchtbare Waffe gegen

uns in die Hand geben.«

»Das wolle Gott nicht,« rief Kraft -- »das wird aber auch nicht geschehn

-- ja wenn wir hier nur etwas für uns selbst, für die materielle

Verbesserung des Schullehrerstandes erringen wollten, wenn hier nicht

das Interesse des ganzen Deutschlands mit in's Spiel käme, dann Freund,

dann möchten Sie Recht haben, die Uneinigkeit würde dann unser Verderben

sein, so aber ist die Sache gewaltiger, als Sie uns Allen jetzt hier

vorkommt, und bricht sich endlich schon von selber Bahn. Die Adresse

dauert mich auch deshalb nur der Leute wegen, die sie unterzeichnet,

nicht um der guten Sache selbst willen, denn um die stände es schlimm,

vermöchte eine kleine Conferenz unbedeutender Schulmeisterlein an ihrer

Basis zu rütteln, ihre Grundpfeiler zu untergraben.«

»Aber es ist eine Schaufel voll Erde unter dem Fundamente weggenommen,«

seufzte Hennig, »wieder und wieder und immer wieder eine, und wer weiß,

ob der Bau nicht dennoch endlich schmetternd nachstürzt.«

»Ich glaube nicht,« sagte Kraft, und starrte die gefalteten Hände fest

zwischen seine zusammengedrückten Knie gepreßt, gerade vor sich nieder

-- »ich glaube nicht, denn nach dem, was ich bis jetzt von der ganzen

Erregung Deutschlands in den Zeitungen gelesen habe, müßte ich mich sehr

irren, wenn nicht gerade die Schule zuletzt das sein wird, wonach sich

die liberale Partei gezwungen sieht zu greifen, um ihre Hoffnungen zu

realisiren; und daß so etwas dann nicht unter den jetzt zwischen Schule

und Kirche bestehenden Verhältnissen geschehen _kann_, versteht sich,

möcht' ich sagen, von selbst.«

»Ich begreife nicht recht, wie Sie das meinen,« sagte Hennig.

»Sehen Sie, lieber Freund,« sagte der alte Schulmeister, leiser noch

fast als vorher und in der früheren Stellung verharrend, fort, »ich

habe nicht viel mehr in den Funfzigen zu suchen, und Manches in der Welt

gesehn und erlebt -- denn ich war die neun und zwanzig Jahre keineswegs

in einem Striche fort Schulmeister, und meine Lebensbeschreibung gäbe

gewiß gar interessanten Stoff zu einem recht starken dickbändigen

Romane, wenn -- ich als Schullehrer nur damit herausrücken dürfte --

doch das ist Nebensache, _wie_ ich meine Erfahrungen gesammelt -- es ist

das einzige, was ich auf dieser Welt sammeln konnte, die aber sagen mir

dafür auch Manches, was andere Leute erst durch bittere Enttäuschung zu

lernen haben und -- sie lügen selten. Doch zur Sache. Ich war vor drei

Tagen in der Residenz und durch frühere Schulkameraden sah ich mich

plötzlich in das ganze tolle Gewirr der jetzigen politischen Bewegung

hinein versetzt -- hörte ihre für Freiheit und Einheit schwärmenden

Reden, sah den Jubel, der die jungen Herzen in aller Wonne frisch

erkeimender Hoffnungen erfüllte, und kann wohl gestehen, daß ich

alter Kerl im ersten Augenblick selbst mit hineingerissen wurde in den

wirbelnden Rausch der jungen Ideen und Pläne. Der Sieg, den das Volk auf

den Barrikaden Berlins gegen die bis dahin für unbesiegbar gehaltenen

Bayonette erkämpft hatte, riß noch kaltblütigere Leute, als ich sonst

gewöhnlich bin, in seinem Taumel mit fort; ich fühlte aber endlich

wieder Grund, stemmte die Strömung, sah, wohin dies urplötzliche und

tolle Durchbrechen aller Banden und Dämme führen müsse und werde -- und

watete langsam wieder an's stille Ufer zurück, von da aus den Verlauf

der Sache besser und unparteiischer betrachten zu können.«

»_Republik!_ ging der Ruf durch die Versammlungen; _das Volk ist

reif und hat seine Ketten zerbrochen_ -- _fort mit der Tyrannei;

die Volkssouverainetät allein ist die Macht, die wir anerkennen_

-- einstimmig wurden alle Beschlüsse angenommen, denn wer sich als

Einzelner der Masse entgegen gestellt hätte, wäre, wenn er recht gut

weg kam, einfach hinausgeworfen -- selbst beim Abstimmen wurden die,

die sich durch Handaufheben vielleicht als eine sehr geringe Majorität

herausstellten, ausgelacht und verhöhnt -- das war ein Vorspiel

zur Volkssouverainetät. Wenn übrigens die Massen noch keinen

parlamentarischen Takt besitzen, so läßt sich das gewiß mit der Neuheit

ihrer jetzigen Verhältnisse entschuldigen -- was thut es, wenn sie

beim Abstimmen manchmal beide Hände in die Höhe heben, in gemäßigteren

Vereinen die Galerien füllen und die Redner der Gegenparthei nicht zu

Worte kommen lassen, etc., das muß sich erst abschleifen, und eben so,

wie unsere junge Preßfreiheit manchmal ausarten und hinten ausschlagen

wird, wie ein tolles lebensfrohes Fohlen, so wächst sie doch mit der

Zeit zu einem edlen Renner heran, der zwar seinen Reiter, den Geist, in

Sturmesflug über die weite Flur dem schönen Ziele entgegenträgt, aber

eben keine Seiten- und Bockssprünge mehr macht.«

»Nur die Volkssouverainetät, lieber Hennig, die, die kann ich noch

nicht anerkennen -- das Volk _hat_ seine Ketten gebrochen, ja, wie der

entfesselte Leu steht es ingrimmig brüllend da und weist seinen früheren

Kerkermeistern die fürchterlichen Fänge, und wäre er jetzt in einer

Wildniß, so möchte er in Gottesnamen mit der neugewonnenen Kraft toll

und rücksichtslos in die Welt hineinstürmen, das Echo mit dem Laut

seiner gewaltigen Stimme erwecken und die gigantischen Stämme erzittern

machen, wenn er sich in übermüthiger ausgelassener Lust dagegen wirft,

um die eisernen Pranken in das zähe Holz zu schlagen. So aber befinden

wir uns gegenwärtig mit eben diesem Leuen mitten in einer civilisirten

Stadt, und so lange er eben nur noch ruhig dasteht und seinen Feind

anstarrt, mag das gehen, beim ersten Seitensprung aber wird er in irgend

einen Porcellan- oder Spiegelladen hineinfahren, eine Menge Leute, ohne

sich selber zu nützen, zum Tode erschrecken, kaum glaublichen Schaden

anrichten, das Oberste zu Unterst kehren, endlich selbst die um ihre

Sicherheit besorgt machen und gegen sich aufbringen, welche sich erst

über die Freiheit des schönen stolzen Thieres gefreut haben, und sich

doch noch zuletzt in irgend einer Sackgasse oder engen Bahn des ihm

_fremden_ Terrains, auf's Neue umstellt, gefangen und -- Gott wolle

verhüten, daß ich Wahrheit rede -- gar besser bewacht finden als

früher.«

»Aber die Fürsten,« warf Hennig ein, »werden sich jetzt doch, nach dem

Siege in Berlin, gezwungen sehen, überall nachzugeben -- was können die

kleineren machen, da die Freiheit in den größeren gesiegt hat?«

»Ich bin kein Politiker, lieber Hennig«, erwiederte ihm Kraft, »ich kann

auch nicht sagen und vorher bestimmen, welchen Einfluß diese gewaltigen

Ereignisse auf das übrige Deutschland haben werden, mir nur ist es so

ängstlich zu Sinn, daß ich selbst keine Rettung in dem geängstigten

Erfolge finden kann. Sehen Sie sich unsere Bauern hier in Horneck, in

Buchstetten, in der ganzen Umgegend an, gehen Sie Dorf für Dorf, Flecken

für Flecken durch, und sagen Sie mir dann, wie viele Leute Sie gefunden

haben, die im Stande wären, auch nur zu begreifen, was für Freiheiten

in ihre Hände gelegt wurden. Es thut mir leid, daß ich's sagen muß, aber

unser Bauer, wie er _jetzt_ ist, paßt nur für das Joch, in dem bis dahin

sein Nacken steckte -- er ist von Herzen gutmüthig, aber dabei störrisch

und hartköpfig, mißtrauisch bis zum äußersten Grad -- kriechend höflich

gegen die, in deren Händen die Gewalt liegt, übermüthig bis zum Ekel

gegen die Untergebenen und rücksichtslos unverschämt, wo er sich im

Rechte glaubt oder weiß. Der Tagelöhner dagegen, der Knecht und Häusler

ist von Jugend auf in einem Zustande heraufgewachsen, der ihn nur

nothdürftig an seine _körperliche_ Bildung, an seine geistige fast gar

nicht denken ließ. Das Bischen Schreiben und Lesen, was dem Jungen bis

ins zwölfte, dreizehnte Jahr eingeprägt wurde, hat der Flegel, wenn er

sechszehn alt ist, fast schon wieder vergessen, und wahrlich, es ist

ihm auch nicht zu verdenken, wenn man sieht, wie er von Morgens früh bis

spät in die Nacht das ganze Jahr hindurch arbeiten und schaffen muß, um

nur das Bischen Leben elend genug zu fristen. Abends ist aber der Körper

so ermüdet und angegriffen, daß von Lesen, Schreiben oder Denken

gar keine Rede mehr sein kann. Ist es da also möglich, hier bei

den erwachsenen jungen Burschen und alten Leuten noch einmal mit

Schulunterricht, und schlimmer als Schulunterricht mit der Belehrung

dessen anzufangen, was sie eigentlich sein sollten, um dem Zwecke freier

Männer zu genügen? -- Nein, _die_ Zeit ist versäumt, denn was wir den

_Kindern_ nicht lehren _durften_, das können wir jetzt den Alten auch

nicht mehr in die Schädel zwingen. Ja früher, da wäre der Augenblick

gewesen, uns aber waren die Hände gebunden, das Beispiel hatten wir alle

Tage vor Augen -- wir sahen, wie die Schwalbe ihren Jungen das Fliegen

und ihre Kräfte zu prüfen lehrte, _uns_ aber, den denkenden mit Vernunft

und Seele begabten Menschen war das, wenn auch nicht _vom_, doch _durch_

das hohe Consistorium untersagt -- den Fluch dieser Verdummung erndten

wir jetzt, und mit bitterer Erfahrung würden wir es bezahlen müssen,

wären wir thöricht genug zu glauben, ein Volk könne aus solcher

Knechtschaft, wie wir sie eben abgeschüttelt, gleich mit _einem_ kühnen

Sprung zu der herrlichsten aber gerade durch ihre Einfachheit auch

schwierigsten Regierung, der _Selbstregierung_ gelangen. Unsere

Tagelöhner und Häusler, unsere Knechte und Bauern sind eben Menschen,

die noch kein eigenes Urtheil haben und sich deshalb so lange von

anderen Menschen werden leiten und bei der Nase herumführen lassen,

bis die heranwachsende Generation einmal mit frischen lebendigen

Geisteskräften und klarem Bewußtsein ersteht, _das_ aber ist jetzt

_unsere_ Aufgabe, eben die heranwachsende Generation und mit ihr das

ganze künftige, und Gott wolle es fügen, _einige_ Deutschland, ist in

_unsere_ Hände gegeben, daß wir den Saamen in das fruchtbare Erdreich

streuen und in unseren eigenen Kindern die fröhliche herrliche Erndte

aufkeimen und reifen sehen.«

Der Mann hatte sich bei den letzten Worten hoch aufgerichtet und sein

über Hennig hinschweifender Blick hing wie begeistert an den blaßrothen

Abendwolken, die von der untergehenden Sonne mit zartem Rosenhauch

übergossen, wie sehnsüchtig und liebend ihr nachzustreben schienen in

das Gluthenmeer ihres leuchtenden Grabes.

»Hallo Schulmeester un keen Ende,« lachte da plötzlich eine derbe aber

gutmüthige Stimme, und Meinhardt, ein Bauer aus Horneck, derselbe,

der am Sonnabend Nachmittag Klage beim Pastor gegen den alten Lehrer

geführt, trat aus einer der nächsten Gruppen auf die beiden Männer zu

-- »hul mich diasar und jäner, wu mer hiar hintrett, trett mer uff'n

Schulmeester, 's kriwwelt und wimmelt urdentlich von em. Aber lieb

is mer'sch, daß ich Uech finge, Herr Hennig, Ihr kennt mer en großen

Gefallen duhn.«

»Wäre der Herr Pastor das nicht vielleicht eher im Stande?« frug Hennig,

der den Auftritt vom vorigen Morgen noch zu frisch im Gedächtniß hatte,

nicht ohne Bitterkeit.

»Ach papperlapapp!« brummte der Bauer und kratzte sich unter der Mütze

den dicken Schädel, »der Pastor sieht ooch durch en Brät -- wenn en Loch

drinne is -- aber -- Ihr hatt recht -- ich han's gestern dumm angefangt,

aber main verwetterter Junge hatte de Schuld -- Jimine, wie han ich en

ooch gekeilt -- na, der lügt mer nich mehr de Hucke vull -- doch -- was

ich nuch sagen wolle, Schulmeester -- mein Junge war en Strick geweest

-- der Alte hatte'n gar nich so gehaun, Müllers Gottlieb warsch gewäsen,

bei dem meine Krete dreuge Aeppel gemaust hatte -- nu, Recht iss'n

geschähn -- ich wülle, se hatten em de Hingerpastete so waich gekluppt

wie en Bingel Flachs -- un nu han ich dem Schulmeester Unrecht gethan,

un ich han em en ganzen Kurb vull Wirschte un Speck un Eier nuff

geschickt -- un den Jungen ooch; an den soll er sich nu noch en ganz

besonderes Plaisir machen, un wenn er en halwes Dutzend Schtecken uff'm

verschlaiht, ich han nischt derwidder.«

»Aber was kann ich dabei thun?« sagte Hennig kopfschüttelnd, denn mit

innerem Weh durchzuckte ihn der Gedanke, wie Unrecht nun dem armen alten

Lehrer gestern in Gegenwart dieses Mannes, in Gegenwart seines

eigenen Schülers, und wie sich nun herausstellte, so ganz grundlos und

unschuldig geschehen sei -- »gekränkt habt Ihr den alten Mann durch

Worte und That -- glaubt Ihr _das_ jetzt wieder durch Geschenke

ungeschehen machen zu können?«

»Ne --« sagte der Bauer und kratzte sich immer bedenklicher den blonden

struppigen Kopf -- »ne, un desserwägen sullt Ihr mer en Bischen mit

uf's Rad steigen, daß mer nich umkippen. -- Ihr hatt's Maulwerk uff

der richt'gen Ställe, un da megt ich uech bitten, den Schulmeester en

Bischen ummen Bart rim zu gehn, bis er widder gut is -- den Jungen sill

er prügeln bis er blau un schwarz sicht, un wenn sich meine Ole das

Maul noch e Mol värbrennt, dann kreiht se eens druff -- nich wahr

Schulmeester, Ihr sidd so gut?«

»Ich will mein Möglichstes thun, ihn davon zu überzeugen, daß es Euch

von Herzen leid thut, ihn so ungerechter Weise beschuldigt zu haben --«

»Rächt so, Schulmeester!« rief der Bauer -- »Ihr sidd en ganzer Kerl, un

Eier Schade sills ooch nich sin -- verstanden? Aberscht Herr Je -- was

kläwet Jär denn hiar in dar Ecke? -- Das Mächen fengt grade widder an zu

singen -- Dunnerwetter! die singt schiane, da is unsen Vursänger, unsen

Karl Gottlob saine Stimme Haberstroh dagegen -- kommt Schulmeester --

weeß Heppchen, 's geht grade los -- ich will nur oben 'rim gähn, un mei

Bier runger holen.«

Und damit schüttelte der Bauer dem jungen Lehrer noch einmal herzlich

die Hand, nickte dem anderen vertraulich zu, und drängte sich rasch

durch die Menge nach der Stelle hin, wo des alten Musikanten Tochter

eben ein kleines, wehmüthig klingendes Lied, aber mit so süßer,

schmelzender und glockenreiner Stimme sang, daß die beiden

Freunde selbst ihre Unterhaltung darüber vergaßen und erstaunt den

wunderlieblichen Tönen lauschten.

Das Mädchen war zwar noch in dasselbe ärmliche Gewand gekleidet, wie wir

sie im zweiten Kapitel mit ihrem Vater gefunden, aber sie ging jetzt

im bloßen Kopf, das dunkle volle Haar glatt auf der weißen Stirn

gescheitelt, und den Shawl fest und dicht um ihre Schultern gezogen, daß

er den oberen, zerrissenen Theil ihres Gewandes vollkommen verhüllte,

und schlank und zart stand so die edle Gestalt des armen Kindes an den

einen Pfeiler des niederen Orchesterdaches gelehnt, und schaute, als sie

das kleine Lied beendet, still und schweigend vor sich nieder.

»Das sin immer so kurze Dinger,« sagte da ein reicher Bauer aus Horneck,

der dicht daneben an seinem Tische saß, und mit tiefem Athemzug den

schäumenden Bierkrug eben von den Lippen genommen hatte -- »wenn mer

äben glaubt es sille recht ordentlich lus gähn, dann is es g'rade widder

aus -- weeß de Jungfer nischt langes?«

»Ja -- en langes Lied, mit recht viele Värsche« -- fielen hier noch ein

paar andere junge Bauerburschen ein -- »daß mer ooch de Melodie behalten

kann -- un nich so traurig.«

»Sing doch einmal die >Fahrt in's Heu<, Marie,« stieß sie der Vater an

-- »das hören sie gerne.«

Marie schüttelte leise mit dem Kopfe --

»Nu? -- wolln mer noch en Bischen?« frug der Bauer.

»Die Ballade, Vater!« flüsterte die Tochter -- während dieser die auf

das Knie gestellte Geige stimmte. --

»Ach, das langweilige Ding,« brummte der Alte, Marie trat aber einen

Schritt von ihm zurück, hüllte sich fester in ihr Tuch, und schien

entschlossen zu sein; das Publicum wurde dabei ungeduldig und Meier, der

wohl einsah, daß er sich fügen mußte, nahm die Violine in die Höh',

und stimmte nach kurzem Vorspiel eines jener reizenden schottischen

Volkslieder an, die erst nur einzeln zu uns herüber geklungen sind

und das Herz mit so süßer, schmerzlicher Wehmuth erfüllen. Die Tochter

lauschte den Tönen erst mehrere Secunden lang und ihre Hand folgte fast

unwillkührlich dem Tact des Liedes, bis sie endlich am Schlusse

des Vorspiels mit anfangs leiser, dann aber immer bewegterer und

schwellenderer Stimme einfiel:

Es steht am Meeresstrande

Eine stille bleiche Maid,

Barfuß im kalten Sande

Mit flatternd dünnem Kleid.

Und auf die schaumzersprühten

Und krausen Wogen aus

Streut sie zerpflückte Blüthen

Aus einem frischen Strauß.

Und wie mit den empfangenen

Die Welle naht und flieht,

Singt sie mit unbefangenen

Tönen ein leises Lied:

»Mein Lieb, in Meeresgründen,

Komme, o komm zu Licht,

Der Strauß hier mag Dir's künden,

_Ich_ bin's! -- Hörst Du mich nicht?

_Ich_ bin's, in Windeswehen,

In Sturmgeheul und Graus

Schaut ich, nach Dir zu sehen,

Mir bald die Augen aus.

Die Leute spotten meiner,

Ich sei im Geist verwirrt,

Weil ich hier harrend Deiner,

So lang' umhergeirrt.

Sie wissen's nicht, die Thoren,

Daß so, wie wir geliebt,

Und so, wie wir geschworen,

Es keine Trennung giebt.

So komm, laß mich nicht länger

Vom Frost durchschauert hier,

Wo's mich nur bang' und bänger

Hinunter zieht zu Dir.

O, höre Lieb mein Flehen,

Schon netzt die Fluth den Fuß,

Sende in Sturmeswehen

Treuer Liebe den Gruß!

Ha! -- klang nicht aus dem Grimme

Des Meers der theure Laut? --

Das -- das war seine Stimme!

Hier ist -- hier kommt die Braut!«

Am stillen öden Strande,

Vom Fluthenstrom umzischt,

Am Muschelkies und Sande

Bricht sich der Wellen Gischt.

Doch auf den schaumzersprühten,

Und krausen Wogen hin,

Treibt, zwischen Blum' und Blüthen

Die todte Sängerin!

Marie schwieg, als sie das Lied vollendet, und nahm den Blick nicht auf

von dem Boden, an dem er haftete. Einzelne der Zuhörer applaudirten, und

Hennig war von dem einfachen Liede so ergriffen worden, daß er fühlte,

wie ihm die großen hellen Thränen in die Augen traten -- er bückte

sich unter irgend einem Vorwande, sie heimlich weg zu wischen, denn er

schämte sich -- wußte er doch selbst nicht weshalb -- seiner Schwäche.

Aus der, vor dem Orchester stehenden Schaar von jungen Leuten bog sich

aber plötzlich unser alter Freund Strohwisch, der bis dahin mit seinen

papageigrünen Glacehandschuhen sehr zur Belustigung der überall in

den Obstbäumen hängenden Hornecker Jugend aus Leibeskräften applaudirt

hatte, so weit, als es ein dicht vor ihm stehender dicker Bauerbursche

gestattete, nach dem Mädchen vor und flüsterte:

»Bravi, bravi mein holdes Kind, -- ganz vortrefflich -- aber viel zu

traurig -- ich bin selbst humoristischer Schriftsteller und weiß den

Werth eines heiteren Liedes zu schätzen -- singen Sie uns einmal etwas

Lustiges -- bitte meine Holde, etwas Lustiges!«

»Ja wahrhaftig, was Lustiges!« stimmten eine Menge Ladenschwengel aus

der Stadt, mit rothen Gesichtern und noch viel rötheren Fäusten, ein --

»bitte Mamsell, was Lustiges!«

»Sehn Sie, mein Fräulein, einstimmig angenommen,« lächelte Feodor und

holte dabei ein Blatt Papier aus der Rocktasche -- »hier haben Sie etwas

Lustiges -- Melodie: >Ich bin der Doktor Eisenbart<, ein wunderhübscher

Text -- pikant witzig -- die Menge muß es bringen.«

»'Raus mit das Lustige!« rief der kleine Bauer, der dicht vor Strohwisch

stand, »'raus dermit, juchhe!« und den Hut schwang er dabei in der Luft,

sprang in die Höh und kam gerade wieder auf Feodors einem Hühnerauge

nieder, daß dieser laut aufschrie und mit dem emporzuckenden Knie dem

dicken Burschen dermaßen unter den letzten Rückenwirbel fuhr, daß er ihn

jählings bis dicht an das Orchestergeläude ansandte.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band. · 第 12 / 14 段