den Pastoren giebt aber unstreitig M. Gottlieb Schlegel's >Der
Chursächsische legale Schulmann<, der mit klaren dürren Worten als
Anleitung für die Schullehrer, wie sie sich zu ihren Vorgesetzten zu
verhalten haben, besonders die vorgenannten Stellen citirt und daraus
den, leider Gottes auch von unseren Gemeinden, und was noch schlimmer
ist, von uns selbst angenommenen Schluß zieht:
»»Hieraus ersieht man, in welches Verhältniß die Landesgesetze den
Schulmeister oder Küster gegen seinen Pfarrer gesetzt haben. Er
ist der _Diener_ des Pfarrers und hat ihn nicht blos als seinen
Vorgesetzten, sondern auch als seinen _Herrn_ anzusehn. Diese
Gesetze sind keineswegs antiquiret, wenngleich ein vernünftiger
Pfarrer seine Superiorität dem ihm untergebenen Schulmeister nicht,
wie in vorigen Zeiten, auf eine demüthigende Weise wird empfinden
lassen. Es sollen aber, heißt es in dem nur angeführten 37.
General-Artikel: Auch die Pfarrer ihre Glöckner, ferner nicht, denn
soviel ihr Kirchendienst belangt, mit Botenlaufen oder anderen, zu
ihrem Nutzen dringen oder beschweren, sondern sie ihren befohlenen
Dienst jederzeit unveränderlich abwarten lassen.««
»»Aus diesem Verhältnisse, in welchem der Schulmeister gegen seinen
Pfarrer steht, folget nun, daß er den Erinnerungen desselben, und
was ihm dieser im Kirchendienst befiehlt, gehorsamlich nachkommen,
die Lieder, die in der Kirche gesungen werden sollen, nicht etwa
durch einen Schulknaben, sondern in eigener Person abholen; nicht
eher, als er sich bei dem Pfarrer gemeldet, einlauten; ihn
bei Amtsverrichtungen begleiten, und wenn dergleichen bei den
eingepfarrten Dörfern vorfallen, den Priesterrock tragen[2], in
Abwesenheit des Pfarrers den Gottesdienst und was demselben anhängig
nach der ihm gegebenen Vorschrift besorgen; die eingegangenen
Missiven abschreiben; dieselben, insofern solche nicht durch eigene
Boten besorgt werden, weiter befördern; die Collectengelder, wenn es
nicht nach der Gewohnheit des Orts die Kirchväter thun, wie auch die
Berichte des Pfarrers in Kirchen- und Schulsachen dem Superintenden
einhändigen; daß er sich aber auch äußerlich gegen seinen Pfarrer
ehrerbietig beweisen, in dessen Gegenwart nicht den Hut aufbehalten,
nicht Taback rauchen soll, _denn welcher Herr würde seinem Diener so
etwas verstatten_? So darf er auch ohne Vorwissen des Pfarrers nicht
verreisen und über Nacht aus dem Hause bleiben. Da pflegen es nun
manche blos zu melden, daß sie da oder dorthin verreisen würden,
wenn etwa der Herr Pfarrer etwas zu bestellen hätte. Das ist
aber nicht genug, sondern sie müssen ihn um Erlaubniß bitten, und
zugleich anzeigen, was sie in ihrer Statt wegen der Schule und des
Kirchendienstes für Vorsehung getroffen haben u. s. w. u. s. w.««
[2]: Interessant ist die Note, die zu dieser Anforderung im »legalen
Schulmann« steht; ich will sie deshalb beifügen. Sie heißt:
»Ob er schuldig sei, dem Pfarrer, wenn er auf's Filial geht, den
Priesterrock zu tragen, kommt auf jeden Orts Observanz an. Ich will
den Fall setzen, es hätte der vorige Pfarrer zwei Priesterröcke,
einen in der Mutterkirche und den andern auf dem Filiale gehabt,
und Nachfolger wollte sich nur einen anschaffen und dem Schulmeister
zumuthen, denselben bei jeder Amtsverrichtung auf das Filial und
wieder nach Hause zu tragen, so würde Jener damit nicht fortkommen,
der Schulmeister würde dieses als eine _Neuerung_ ansehn
und berechtigt sein, diesfalls von dem Pfarrer eine billige
Ergötzlichkeit zu verlangen. Bei Pfarr-Vacanzen hingegen kann er
dergleichen von dem vicarirenden Prediger nicht fordern.«
»Ich habe Ihnen den langen und gewiß schon bekannten Satz noch einmal
vorgelesen, lieben Freunde, um Sie erneut darauf aufmerksam zu machen,
wie gerade die Glöckner- und Küsterdienste es sind, die den Schullehrer
zum eigentlichen Diener des Pastors machen, und den Schullehrerstand
überhaupt _entehren_. Meiner Ansicht nach muß es daher eine unserer
Hauptsorgen sein, von diesen befreit zu werden, und nicht darf uns
dabei die Furcht zurückschrecken, daß deshalb eine Verringerung unserer
Einnahme stattfinden würde. Das kann, darf und wird nicht geschehn und
die Ursachen dazu liegen klar genug auf der Hand.«
»Nimmt das deutsche Parlament, welches jetzt in Frankfurt vereinigt ist,
die Sache auf, oder wird die Ordnung dieser Angelegenheit selbst den
einzelnen Regierungen überwiesen, so werden diese, wenn wir Alle wie ein
Mann zusammenstehn, der Schule ihre Recht wiederfahren lassen _müssen_,
und sie von den Fesseln befreien, die sie jetzt drücken und entehren.
Dann aber, und bei einer ganz neuen Reorganisation, muß auch der Lehrer
so hingestellt werden, daß er mit seinen Einnahmen nicht mehr fast
ausschließlich auf ungewisse Einnahmen und Deputate hingewiesen ist,
und selbst von diesen nicht genug hat, sein Leben auf anständige Art zu
fristen. Wie kann er dem Unterricht seiner ihm anvertrauten Kinder mit
freiem fröhlichen Herzen sein ganze Zeit und Aufmerksamkeit widmen, wenn
es Nahrungssorgen sind, die ihn quälen, und ihn sich abhärmen lassen,
wie es um ihn und die Seinen morgen und übermorgen stehen werde? Das
alte fabrikmäßige >Stunde geben< könnte allerdings dabei fortbestehen,
aber was würde die Folge sein? Die Kinder würden fort erzogen werden,
wie sie bis jetzt erzogen sind und in Druck und Knechtheit aufwachsen,
die Freiheiten, die ihre Väter für sie errungen haben, würden sie nicht
begreifen, nicht zu würdigen verstehen, der günstige Zeitpunkt aber für
die Möglichkeit einer solchen Reorganisation wäre verflossen, und statt
des Segens künftiger Geschlechter, den wir _jetzt_ verdienen, wenn wir
uns um die Bildung des gemeinen Mannes, des Bauern, des arbeitenden
Theiles der deutschen Nation bemühen, erndeten wir ihren _Fluch_, mit
dem sie, lassen wir Alles ungenutzt vorübergehn, unserer Lethargie,
unsere Theilnahmlosigkeit, unsere unverzeihliche Verblendung, ja
Feigheit verdammen müßten.«
»Doch, ich habe Ihre Aufmerksamkeit wohl schon zu lange in Anspruch
genommen, und will jetzt nur noch kurz einen vermittelnden Vorschlag
erwähnen, den uns Herr Pastor Scheidler heut Nachmittag gemacht. Er
lautet dahin, daß er die Ansprüche anerkennt, welche die Lehrer haben,
sich aus ihrer eigenen Mitte ihre Vorgesetzten zu wählen, weil er es
aber für gut hält auch den geistlichen Stand dabei vertreten zu sehn,
und um besonders ein zu schroffes Entgegenstehn beider, der Schule
gegen die Kirche zu vermeiden, will er der nächstens zusammentretenden
Geistlichkeit den Vorschlag machen, freiwillig von ihren bisher
genossenen Vorrechten zu abstrahiren, und die hohe Staatsregierung, dann
aber mit den Lehrern, vereint, zu bitten, eine Schulcommission von fünf
Personen durch die Schullehrer selbst wählen zu lassen, von denen die
Majorität, also drei, _Schullehrer_, die andern zwei aber _Geistliche_
sein sollten. So sehr, wie ich aufrichtig gestehen will, mich dieser
Vorschlag im Anfang durch seine anscheinende Gerechtigkeit bestochen, so
muß ich mich meines Theils für jetzt _dagegen_ erklären, und bitte die
Versammlung, ihre Meinung darüber auszusprechen.«
Es entstand jetzt eine lebhafte Debatte über das eben Gehörte, das
zu viel Wahrheit enthielt, um es ganz ableugnen zu können, aber auch
zugleich der bis dahin so fest und gewaltig eingewurzelten Ehrfurcht
gegen ihre hohen Vorgesetzten so schnurstracks entgegenlief, um
nicht viel mehr Widerstand als Vertheidiger zu finden. Nur der letzte
Vorschlag wurde fast allgemein freudig begrüßt und besonders äußerten
die älteren Lehrer: es sei das ein neuer Beweis von des Herrn Pastors
Scheidler Humanität, der ihm nur zur Ehre gereichen, und von ihnen
mit verbindlichen und dankbaren Herzen aufgenommen werden müsse. Eine
Trennung der Kirche von der Schule sei überhaupt etwas unnatürliches --
es wäre als ob man das Kind von der Mutter reißen wollte und könne keine
segensreichen Folgen haben. Allerdings gestanden die Männer die schweren
bösen Uebelstände ein, die von dem Küster- und Glöcknerdienst herkämen,
gestanden ein, daß ihnen das dienstliche Verhältniß, in dem sie zu ihren
verschiedenen Pastoren stünden, oft, o wie oft, drückend geworden, und
mancher Mißbrauch auch, von Seiten der Geistlichkeit, vorgefallen wäre,
aber durfte man fürchten, daß dieß auch ferner geschehe; hatten nicht
die Zeitereignisse einen ganz gewaltigen Wechsel in den beiderseitigen
Stellungen hervorgebracht? Zeigten sich die Pastoren jetzt nicht
viel freundlicher und herablassender als je, und war es nicht
auch Schuldigkeit der Lehrer, die Hand zu ergreifen, die ihnen in
Freundschaft und Einigung entgegengestreckt wurde. Ja lag es nicht im
eigenen Vortheil des Lehrers das Verhältniß zwischen Pastor, Lehrer und
Gemeinde, wie es bisher bestanden, auch fortbestehen zu lassen? --
War es nicht der Pastor, der so oft, und besonders wenn er »mit dem
Schullehrer auf gutem Fuße stand« vor ihn gebrachte Klagen der Eltern
mit wenigen Worten beseitigte, die, wenn sie hätten sollen jedesmal an
die Schulinspektion gehn, gerade ihrer Unbedeutenheit wegen so fatal
und unangenehm gewesen wären? Ueberhaupt, was half ihnen eine Besserung
ihres Zustandes, wenn sie nachher mit denen in Unfrieden leben sollten,
auf die sie bis jetzt angewiesen gewesen, und konnte das nachher
überhaupt eine Besserung genannt werden? Nein -- dankbar wollten sie
nehmen was man ihnen böte, sich des Gegebenen dann freuen, und
mit frischen Kräften an ihr großes schönes Werk gehn, die Kinder
heranzuziehen zu guten Menschen und treuen Unterthanen.
Es lag etwas Rührendes in dieser Resignation der armen bedrückten Klasse
-- in der scheuen Ehrfurcht mit der sie von ihren Geistlichen sprachen,
die ihnen nur in den wenigsten Fällen mehr als eben Vorgesetzte gewesen.
Selbst Hennig, obgleich im Ganzen mit seinen Amtsbrüdern nicht ganz
einverstanden, fühlte sich davon ergriffen, und es entstand eine
ziemlich lange Pause, in der sich Jeder zu scheuen schien, das Wort zu
nehmen.
Ein bleicher hagerer Mann mit eingefallenen Wangen und hohl liegenden
aber feurigen Augen, dabei mit edlen lebendigen Zügen, kühn gewölbter
Stirn und freier Haltung, hatte bis jetzt an der entferntesten Ecke des
Tisches schweigend gesessen und den einzelnen Ansichten gelauscht. Oft
schien es auch als ob er, nur in seine eigene Gedanken vertieft, dem
Lauf der Debatte gar keine Aufmerksamkeit weiter schenke, der rasche
forschende Blick aber, der gleich darauf wieder, bei irgend einer, noch
nicht geäußerten Idee aus seinen düsteren Augen blitzte, mußte jede
solche Vermuthung bald verbannen und ein genauerer Beobachter hätte
sogar das rasche Athmen der Brust, die wechselnde Farbe seiner sonst
eigentlich fahlen Züge und die Unruhe, die in seinem ganzen Wesen lag,
bemerken können. Es war der Lehrer Kraft aus Bachstetten.
»Mitbrüder« sagte er endlich mit leiser, doch leicht verständlicher,
klangvoller Stimme -- »Ihr seid _gegen_ eine Trennung der Schule von
der Kirche, weil Ihr es für das Wohl der Schule besser haltet. Ihr seid
_für_ den, vom Pastor Scheidler vorgeschlagenen Schulvorstand, weil Ihr
meint, die Geistlichkeit meine es ehrlich mit Euch und wolle wirklich
den Fortschritt. Mitbrüder, ich bin ein alter Schulmeister, neun und
zwanzig Jahre esse ich das sauere Brod eines Dorflehrers -- neun und
zwanzig Jahre bin ich der Diener manches bald guten bald schlechten
Geistlichen gewesen und neun und zwanzig Jahre hindurch habe ich es
erprobt und als eine traurige Wahrheit befunden, daß der Geistliche
_stets_ mein Vorgesetzter, _nie_ aber mir das gewesen ist, was uns
Verstand und Ueberlegung sagen muß, daß er doch eigentlich sein sollte
-- der rathende Freund des Lehrers. Er mag noch so gütig gegen den
Schulmeister sein, stets wird er es ihn doch merken lassen, daß er
ihm sub-, nicht coordinirt ist und dieses Uebergewicht, das er
dadurch erhält, ist es gerade, was ich für das Gedeihen der Schule so
verderblich halte.«
»Das Kind soll vor seinem Lehrer Respekt haben, das kann aber nicht der
Fall sein, wenn es nicht ebenfalls sieht wie _der_ Mann, den es selber
achten soll, auch von anderen Menschen, besonders von _seinen_ Eltern
und Nachbarn geachtet wird. Geschieht das aber? -- Ich sage nein -- nein
und tausendmal nein. Es geschieht _nicht_ und wäre es auch nur vor allen
Dingen des leidigen todten Mammons wegen. Der Schullehrer bekommt 120
bis 200 Thlr. -- Sie Alle wissen wie selten mehr; beim Pastor gehört
eine Stelle von achthundert Thalern keineswegs zu den bedeutendsten und
schon das hebt ihn in den Augen des Bauern, der gewohnt ist, den Werth
des Menschen nach Pferden und Schaafen oder Ackern Land zu schätzen, um
gerade so viel, als seine Einnahme die des Schullehrers übersteigt. Das
hat aber auch Einfluß auf seine ganze Rede und Ausdrucksweise, denn es
fehlt ihm das feine Gefühl selber zu bestimmen, wo in einem Wort oder
Blick etwas kränkendes für den fein fühlenden Mann liegen könnte. Schon
die gewöhnliche Anrede giebt den Beweis: >Schullehrer< heißt's -- >wie
geht's Euch< -- der Pastor wird stets mit einem ehrerbietigen _Herr_
angesprochen. Kommen die Kinder zu Hause und klagen, daß ihnen der
Lehrer Unrecht gethan, so droht Vater oder Mutter mit dem Pastor, und
nicht selten geschieht es, daß dieser sogar dem schuldigen Theile noch
Recht, dem armen schutzlosen Schulmeister gegenüber, giebt. Ich will nur
ein Beispiel hier erzählen, und ganze _Bände_ ließen sich mit ähnlichen
ausfüllen.«
»Vor ungefähr zwölf Jahren war der jetzige Seminar-Direktor Gehler
Pastor in T-- und ein Freund von mir wurde Knabenlehrer und Cantor
daselbst. In der Zeit gab es in T-- eine wahre Brut von Jungen und es
war wirklich nöthig, Strenge zu üben, um nur das eingerissene Uebel erst
einmal zu dämmen, und bessere Sitte einzuführen. Dem Lehrer blieb denn
auch einst, nach der beispiellosesten Geduld kein anderes Mittel,
einen der schlimmsten Buben zur =raison= zu bringen, als körperliche
Züchtigung, und er mag ihm die wohl auch freigebig genug zugemessen
haben. Das geschah Früh. Nachmittags wird er zum Herrn Pfarrer gerufen
und findet dort Niemand Anderes als eben den gestraften Buben und seine
Mutter. Der Pfarrer hält nun, in Gegenwart dieser Beiden ein Verhör und
tadelt den Schulmeister, daß er den Knaben geschlagen habe. Dieser will
sich vertheidigen, der Herr Pfarrer hört aber nicht darauf, sondern holt
einen Apfel, giebt diesen mit Liebkosungen dem Knaben, _und bittet ihn,
es nicht übel zu nehmen_ -- ja der Lehrer mußte sogar noch, wollte er
seine Stelle nicht verlieren, versprechen nicht wieder zu prügeln. Und
das ist der nämliche Mann, der vor einigen Tagen bei einer Versammlung
von Geistlichen auftrat und zu behaupten wagte, die Lehrer seien noch
gar nicht reif zur Emancipation.«
»Wie muß dadurch bei den Schulkindern die Achtung vor dem Lehrer sinken
und ist es zu verwundern, daß dieser zuletzt selber mismuthig und
verdrossen wird, und anfängt zu verzweifeln, das schöne Ziel, nach dem
er im ersten Jugendfeuer und Eifer strebte, je zu erreichen?«
»Auch das trägt nicht dazu bei, den Schullehrer in der Achtung der
Kinder zu erhöhen, wenn der Pastor manchmal so recht unverhofft in die
Schulstube hineintritt, um, wie die Bauern sagen, den Lehrer einmal auf
einem faulen Pferde zu erwischen. Ja, nicht selten kommt es sogar vor,
daß er draußen erst eine Zeitlang vor der Thüre horcht, vielleicht in
der besten Meinung den Lehrer durch sein Erscheinen nicht außer Fassung
zu bringen -- denn es giebt noch Thoren genug unter uns, die ihn
wirklich fürchten -- vielleicht auch in schlechtester Meinung irgend
einen Haken an dem ihm Untergebenen zu finden, an dem er sein Müthchen
einmal kühlen, seine Autorität beweisen könne.«
»Doch das nicht allein, die ganze Stellung, die der Pfarrer hier dem
Schulmeister gegenüber einnimmt, muß dazu dienen, diesen in den Augen
der Gemeinde herabzuwürdigen, oder doch ihm den Lohn zu schmälern, den
er auch manchmal wieder in seinem Amte finden könnte -- wenn der Pfarrer
nicht wäre.«
>[3]Man bringt das Kind, den rohen Sohn der Natur, zur Schule; acht
volle Jahre hat der Lehrer an ihm sein mühevolles Tagewerk zu treiben;
er kann oft kaum sprechen und die einfachsten Begriffe sind ihm
fremd. _Der Pfarrer nimmt ihn auf_. Das Kind macht mehr oder mindere
Fortschritte. _Der Pfarrer beurtheilt dieselben, und versetzt es nach
den Prüfungen, zu Ostern oder Michaelis_. Es hat die Klasse durchlaufen:
_Der Pfarrer versetzt es in eine höhere_. Zöge es weg von seinem
bisherigen Schulorte, -- so schreibt der Lehrer allerdings das Zeugnis,
allein es mangelt noch an Legalität: _Der Pfarrer unterzeichnet es_.
Das Kind versäumt die Schule, der Lehrer schreibt die Versäumnißtabelle,
_der Pfarrer aber unterzeichnet sie_. Ostern und Michael nahen heran,
und mit ihnen die Prüfungen: _Der Pfarrer schreibt die Ordnung der
Gegenstände vor_. Die Prüfung fällt nun so oder so aus -- _der Pfarrer
lobt oder tadelt_, oft nach den momentanen Produktionen; oft das
Kind, das der schlechteste Schüler im ganzen Halbjahr war, mit Lob
überschüttend, oft den besten fleißigsten Schüler durch herben Tadel
zurückschreckend. Der Schulmann ist in seinem Amt -- _Der Pfarrer
inspicirt alle vierzehn Tage_ -- der alte Polizeistaat, der in jedem
Menschen einen treulosen erblickt, zeigt sich hier in seiner vollsten
Glorie. Der Lehrer will ein neues Schulbuch einführen, er hat's
geprüft, es ist ihm von Anderen empfohlen worden. _Der Pfarrer muß seine
Genehmigung dazu geben_, mag er auch noch so wenig davon verstehen. Das
Kind verläßt endlich die Schule. Acht Jahre sauren Schweißes hat es
dem Lehrer gekostet: _Der Pfarrer entläßt es_, nachdem der Lehrer
noch vorher das Wort väterlichen Ernstes an dasselbe gerichtet.
Glücklich der Lehrer, dem man es zugesteht, daß nicht der letzte
Confirmanden-Unterricht, sondern _sein_ treuer Fleiß es wesentlich
gefördert haben. Gab es ein Schulfest im Lauf des Jahres: _Der Pfarrer
hatte es zu genehmigen, denn ohne ihn vermag der Lehrer nichts_.<
[3]: Sächsische Schulzeitung.
»>Die Lehrer haben Nichts zu ordnen, zu verfügen, zu bestimmen, sie
haben immer ihre Stellung im Auge zu behalten!< sagte einst ein Ephorus
zum Director eines bedeutenden Lehrervereins und es ist bis jetzt leider
Gottes nur zu wahr gewesen. Auch die schmählichen geheimen Inspections-
und Revisionsberichte, Schulprotocolle und geheimen Conduitenlisten, die
der Pfarrer an das Consistorium einsendet, ohne daß dem Lehrer das Recht
zugestanden wird, zu erfahren was _gegen_ ihn gemeldet worden, damit
er sich vertheidigen oder rechtfertigen könne, sind ein _Fluch_ unseres
jetzigen Zustandes und müssen uns vor allen Dingen die Augen öffnen,
wie der Schulmeister zum Pfarrer eigentlich steht, und was wir von einem
Vorschlag wie Herr Pastor Scheidler ihn unserem alten Freunde Kleinholz
und Hennig gemacht hat, zu erwarten haben. Auch ich bin, wie Herr
Hennig, _gegen_ den Vorschlag -- die alte Ehrfurcht steckt noch zu viel
im Schulmeisterrocke -- er sieht in dem Pastor noch immer wirklich etwas
Besseres, als er selbst ist, und so rasch ist das auch nicht heraus
zu treiben. Bekämen wir also jetzt wirklich eine solche fünfköpfige
Schulinspection von drei Schullehrern und zwei Pastoren, wobei
sicherlich und mit Recht die ältesten Schullehrer zu solchem Ehrenamt
gewählt würden, so wäre es doch sonderbar, wenn unter den dreien sich
nicht _Einer_ fände, der von den beiden Pastoren zu ihren Beschlüssen
gewonnen werden könnte, und die Majorität wäre dann, aber mit noch weit
böseren Folgen als bisher, auf jener Seite, denn bis jetzt duldeten wir
nur, weil wir unterdrückt waren und nicht anders konnten; dann würden
wir aber gar kein _Recht_ mehr haben uns zu beklagen, denn es wäre
unsere freie Wahl gewesen, und ausgelacht würden wir noch über unsere
Thorheit.«
»Was dann noch den einen, vorher erwähnten Punkt betrifft, daß der
Pastor, wie das Verhältniß jetzt ist, oft vermittelnd zwischen den
Eltern der Kinder und dem Schullehrer auftritt, so gebe ich zu, daß
dadurch manche Streitigkeiten und für den Lehrer sonst vielleicht
unangenehme Folgen gehoben und beseitigt werden. Was aber, lieben
Freunde, ist denn die eigentliche Ursache eben dieses erwähnten
Uebelstandes? -- wahrlich nichts anderes, als auch gerade die
gedrückte, untergeordnete Stellung, in welcher der Lehrer in seinem
Dienstverhältniß zum Pastor unmittelbar der Gemeinde gegenüber steht.
Es würde keinem der Bauern einfallen, wegen wahren Erbärmlichkeiten
manchmal ihren Pastor zu verklagen, aber den Schulmeister -- ei
sapperment, dem soll's der Pastor einmal sagen, daß er gewagt hat zu
thun, als ob er der Herr in der Schule wäre. Was ist auch hiervon die
Folge? -- Die Kinder behalten -- wenn sie den wirklich je gehabt, keinen
Respect vor dem Schulmeister -- >er darf uns nichts thun, sonst sagt's
mein Vater dem Pastor -- und da kriegt er's.< Das wird der Trotzspruch
der Knaben und demüthigend allein ist das schon für den armen, überall
zurückgesetzten Lehrer, daß er durch ein solches Verklagen auch von
der Gemeinde den Grundsatz ausgeführt sieht -- der Schulmeister ist der
Untergebene des Geistlichen. Glaubt deshalb nicht, Freunde, daß dadurch
in Zukunft ein Zankapfel in den Kreis Eures stillen Wirkens geschleudert
würde, wenn der Pastor den Streit nicht mehr mit wenigen Worten
schlichten kann, sondern ihn an die Schulinspection verweist -- das sind
blinde Gespenster die Ihr dort seht, -- steht der Schullehrer mit dem
Pastor auf gleicher Stufe, d. h. genießt er erst einmal die Achtung, die
er verdient, dann wird es auch den Eltern gar nicht mehr einfallen ihn
für ein so unmündiges Subject zu halten, als das bis jetzt geschehen,
und es wird -- eine Lebensfrage für die Selbstständigkeit des Lehrers --
auch nicht mehr, wie das bisher bei solchen Gelegenheiten der Fall
war, in der Hand des Pastors und von seinen Launen abhängig liegen,
den Lehrer durch ein Wort, ja durch einen Blick der Verachtung oder
Geringschätzung bei den klagenden Eltern zu verdächtigen. -- Der
Geistliche wird die Klagenden nicht mehr an die Schulinspection weisen
können, weil es eben keine Klagenden mehr geben wird, ausgenommen es
wäre wirklich etwas Ernstes vorgefallen, und der Lehrer hätte sich einen
Fehler zu Schulden kommen lassen -- und dann ist die Schulinspection
auch gerade der Gerichtshof, wo die Klage angebracht werden _muß_, und
wohin sie gehört.«
»Also stehet fest zusammen, lieben Mitbrüder, und beweist einmal durch
festes, vereintes Auftreten, daß Ihr auch wirklich verdienet frei zu
sein. Die alten Vorrechte werden jetzt überall den bis dahin bevorzugten
Ständen genommen, laßt nicht die schlimmsten von allen, die der
Geistlichkeit, nach ihrem Willen den strebenden Geist der Völker zu
unterdrücken, auf Euch allein und geduldig lasten, und bedenket, daß Ihr
nicht nur für Euch, daß Ihr für _Deutschland_ arbeitet, für Deutschland
und seine heranwachsenden Generationen.«