war augenscheinlich fest entschlossen »was Lustiges« zu hören und da
auch der Wirth nicht weit von dem Orchesterplatz auf einen Stuhl
trat und mit den Armen nach dem Mädchen hinübertelegraphirte -- denn
überschreien ließ sich der Lärmen nicht, -- da drang auch Meier selber
in die Tochter und fuhr sie endlich, da sie sich immer noch weigerte,
mit rauher unfreundlicher, aber nichts destoweniger unterdrückter Stimme
heftig an:
»Donnerwetter, dumme Liese -- was stehst Du da und läßt den Kopf hängen
wie eine geknickte Levkoye -- siehst Du nicht was der Wirth da drüben
herüber winkte? Willst Du etwa, daß wir heut Abend hungrig zu Bett gehn
sollen? Dunkel wirds auch schon -- das fehlte noch, daß _Du_ Dich an zu
zieren fingest -- da -- hier ist der Wisch, Du wirst's wohl eben noch
lesen können, - na -- wird's?« -- Und ein häßlicher Fluch entfuhr seinen
Lippen und färbte die Wangen des bleichen Kindes mit höherer Röthe. Der
Alte hatte aber indessen die Geige genommen, das Lied präludirt und
der Gesang des Mädchens fiel in die absichtlich schrill und komisch
gehaltenen Töne des Instruments mit einem Wohllaut ein, der die Worte
des faden Liedes Lügen strafte, und von ihren Lippen klang, als ob es
wäre auf einer Orgel gespielt worden.
Eine ganze Menge Verse mußte das arme Kind der rohen Zuhörerschaar
vorsingen, und nach jedem Refrain jauchzten und jubelten sie, und
zugleich stellte sich bei ihr selber der alte fatale Husten wieder ein
und gab dem Fleck auf ihren Wangen eine eigene fliegende Röthe. Endlich
war das Lied beendet, rauschender Applaus schallte ihr von allen Seiten
entgegen, und mit ängstlicher Verbeugung, das Tuch noch fester um sich
herziehend, stieg sie die schmalen Stufen herunter, um das Papier dem
Eigenthümer wieder zurück zu geben.
Freund Strohwisch stand aber noch immer in wüthenden Applaus versenkt,
seinen linken Glacehandschuh hatte er schon im wahren Sinn des Worts
geopfert, denn das papageigrüne Leder war, wie ob solcher Behandlung
verzweifelt, auseinandergefahren.
»Bravi, bravi -- excellentissime!« schrie er dabei kirschroth vor Freude
und sein Hut, der ihm grad oben auf dem kurzen struppigen Haar saß, zog
sich durch eine eigene Bewegung der Stirnmuskeln, bis fast dicht auf die
buschigen Brauen hernieder, so daß seine Augen unter dem Rande wie
eine Schildkröte, die sich eben in ihr Schild zurückgezogen hat,
hervorsahen. --
»Hier mein Herr!« flüsterte Marie und reichte ihm den zerknitterten
Zettel. --
»Ah -- vortrefflich -- vortrefflich -- außgeßeignet« -- rief rasch, und
sich galant gegen das arme Kind verbeugend, der Ritter im afrikanischen
Burnus -- »Sie haben wirklich entschiedenes Talent zum Heiteren, mein
Fräulein -- erlauben Sie, daß ich vielleicht --«
Unter der Hand glitt sie ihm fort und zwischen den Männern hin dem Hause
zu, in dessen jetzt schon dunklen Räumen sie verschwand, und Hennig,
der, seit er zu dem Stand getreten war, lautlos den Tönen des fremden
Mädchens gelauscht hatte, wandte sich langsam nach seinem Gefährten um
und verließ mit diesem die Menge.
»Das arme Kind« brach Kraft endlich das Schweigen -- »scheint auch
bessere Tage gesehen zu haben -- es ist gar hartes und saueres Brod den
Leuten etwas vorzusingen und zu spielen, wenn's Einem gleich gar
nicht wie singen und spielen um's Herz ist -- wenn mich das ungewisse
Abendlicht nicht getäuscht hat, so ist die Arme auch noch dazu krank,
oder wenigstens schwach und leidend, was für eine gottvolle Stimme
sie hat; o wie müßte die singen können, wenn's ihr so recht aus voller
jubelnder Brust herausquölle und nicht -- durch ein kaltes, todtes
Maschinen- und Räderwerk herausgetrieben würde.«
»Kraft« sagte Hennig und legte seine Hand auf dessen Arm -- »ich kann
Ihnen gar nicht sagen, wie mich das letzte Lied ergriffen hat.«
»Das _letzte_? Das fade humoristisch sein sollende Ding?« sagte der alte
Schulmeister erstaunt.
»Ergriffen« fuhr Hennig fort »weil ich mich dabei des Gedankens nicht
erwehren konnte, es sei so, als ob man eine Leiche schlage.«
»Das soll in Rußland noch manchmal vorkommen, wenn der zur Knute
Verurtheilte unter den Streichen stirbt und die ihm zugetheilte
Quantität doch empfangen muß« erwiederte Jener zusammenschaudernd --
»brrrr, mir läufts eiskalt dabei über den Rücken hinunter -- das ist ja
ein fürchterlicher Vergleich!«
»Das arme Mädchen sollte etwas >Lustiges< singen, weil der langweilige
Gesell vor ihr wahrscheinlich eins seiner eigenen Produkte, oder irgend
etwas Aehnliches vorgetragen wünschte, und wenn ihr auch das Herz vor
innerem Weh zu brechen drohte, die Lippen mußten dem wässrigen Liede
Worte geben. -- Heiliger Gott, ich fühle ordentlich, wie ihr das in die
Seele schnitt.«
»Auch mir fiel der ernste Ausdruck des Mädchens bei dem Liede auf« sagte
Kraft, »aber ich schrieb ihn mehr der gleichgültigen Gewohnheit des
täglich Vorkommenden zu. -- Doch -- alle Wetter -- was giebt es da? --
-- Wahrhaftig, des Doctor Levi Stimme, der wahrscheinlich wieder eine
seiner Philippiken gegen Gott und die Welt vom Stapel laufen läßt?«
»Der Doctor scheint es allerdings zu sein« rief Hennig -- »hier muß aber
etwas Ernstes vorgefallen sein -- das Volk ist so aufgeregt, wie ich es
noch nie gesehen.«
Die Männer schritten rasch einem dichten Menschenknäul näher, der durch
immer neu hinzuströmende Massen mit jedem Augenblick mehr anzuschwellen
schien. Aus diesem aber drang ihnen bald in verworrenen Stimmen der Ruf
entgegen -- »_Das Ministerium hat abgedankt_« und Einer jauchzte es dem
anderen zu, Einer nahm von den Lippen des Anderen die willkommene Kunde;
denn was die Herzen der Jugend mit lauter jubelnder Siegeslust erfüllte,
das fachte selbst in den Herzen der älteren Männer freudige, kaum
geträumte Hoffnungen an. Es war für sie, für ihr Land das erste Zeichen
der siegreichen Revolution und mit dem Sturz der verhaßten glaubten sie
nun auch eine bessere Zeit erwarten zu dürfen.
Ein Mann aber vor allen Uebrigen schien förmlich außer sich vor lauter
Jubel und Siegeslust, und das war der Doctor Levi. -- Vor dem Tanzsaal,
in der zweiten Abtheilung des Gartens, hatte er sich in die auszweigende
Gabel eines knorrigen Apfelbaums geschwungen, und mit seiner
weitgellenden, dünnen, lispelnden Stimme, welche von der
telegraphenartigen Bewegung der Arme würdig accompagnirt wurde,
schleuderte er seine Ideenfülle in die, über solchen Eifer fast noch
mehr als über die Nachricht erstaunte Schaar der Bauern hinaus. Ueber
die erduldete Schmach sprach er, die bis jetzt den Namen Deutschlands
geschändet hätte, über die kommende Größe Deutschlands jubelte er, über
seine Einigkeit und seinen Sieg, über den Phönix, der aus der lodernden
Gluth der Knechtschaft erstanden sei, und sich nun in erneuter
Jugendschöne dem freien reinen Aether entgegenschwingen werde.
Die Bauern verstanden keinen Satz davon, aber die Worte Sieg,
Knechtschaft, erduldete Schmach etc. etc. gaben ihnen einen ungefähren
Begriff von dem, was eigentlich gemeint sei, und ein lautes donnerndes
Hurrah -- sie hatten sich lange nicht so herzhaft schreien hören --
füllte jede Pause, in der der kleine hitzige Mann für einen Moment
rasten mußte, um nur wieder Athem zu schöpfen und frische Kräfte zu
sammeln.
Von dem Lärmen angelockt, strömten immer mehr Männer und auch Frauen
aus dem Dorfe herbei und die Versammlung wuchs so von Minute zu Minute.
Unterdessen geschah aber in Horneck selber etwas, das seiner Bewohner
Interesse noch fast mehr in Anspruch nahm als selbst die Ministerkrisis,
da es den Leuten gewissermaßen vor der eigenen Thüre passirte, und sie
selber mithandelnde Personen oder doch Zuschauer sein konnten. Dazu
muß ich aber etwas weiter ausholen und will deshalb ein anderes Kapitel
beginnen.
Zwölftes Kapitel.
Die Gutsherrschaft.
Die Kirche war eben ausgelauten und die frommen Leute, die den
Nachmittagsgottesdienst beigewohnt, gingen raschen Schrittes zu Hause
und freuten sich den ganzen Weg auf die braune Kaffeekanne, die, wie sie
recht gut wußten, jetzt in der verschlossenen Röhre stand und zischte
und brodelte. Die fröhliche Knabenschaar sprang jauchzend über
den grünen Plan und neckte und tollte in muthwilligem sprudelnden
Jugendmuthe, während die Mädchen, verschämt unter sich kichernd und
lachend, zwei und zwei gar züchtig den Steg hielten, und sich erst
da trennten, wo die Pfade links und rechts und gerade aus nach den
verschiedenen Theilen des Dorfes hinunter führten.
Auch Fritz, des Jägers Sohn, schritt raschen Schrittes zwischen ihnen
hin, aber nicht aus der Kirche kam er, denn die Doppelflinte hing ihm
auf der Schulter, und auch nicht freundlich, wie er sonst gewohnt,
nickte er herüber und hinüber, sondern mürrisch und augenscheinlich
mit recht finsteren, ärgerlichen Gedanken beschäftigt, eilte er, ohne
aufzusehn von seinem Pfad, oder das herzliche und oft gerufene »Gott
griß Uech« auch nur einmal anders als mit stummem Kopfnicken zu
beantworten, rasch den steilen Seitenpfad zum Gut hinunter, über den
Hof hin und stand bald darauf im Vorsaal des hohen höchst elegant
eingerichteten Gebäudes, das der Eigenthümer des Rittergutes im
Sommer regelmäßig, manchmal aber auch sogar den ganzen Winter hindurch
bewohnte.
»Ist Herr von Gaulitz zu Hause,« frug er hier einen grämlichen
Bedienten, der mit einem ganzen Arm voll Teller gerade aus der Stube
kam.
»Bei Tische,« lautete die lakonische, mürrisch genug gegebene Antwort
des Alten, der, ohne den »Grünrock«, wie er ihn unten in der Küche
titulirte, weiter eines Blickes zu würdigen, langsam und gravitätisch
durch die andere Thüre verschwand.
»Das fehlte auch noch,« murmelte Fritz, ging zum Fenster, setzte sich
dort auf den Sims und stellte, den Kopf müde an den eingeklappten Laden
stützend, die Flinte zwischen seine Knie, wo er sie bequem mit der Hand
halten konnte. Der Bediente kam indeß wieder zurück, ging in die Stube,
kam nach etwa einer halben Stunde zum zweiten Male heraus und blieb
jetzt, nachdem er durch kurze Seitenblicke vergebens gesucht hatte,
die Aufmerksamkeit des jungen, geduldig harrenden, aber ganz mit seinen
Gedanken beschäftigten Jägersmannes auf sich zu lenken, dicht vor diesem
stehen und sagte mit scharfer, näselnder Stimme und mit recht hämischem
Tone:
»Der junge Herr hat wohl gar nichts weiter zu thun?«
»Nein,« erwiederte trocken dieser, ohne seine Stellung im Mindesten zu
verändern, oder auch nur den Kopf nach dem Frager herumzudrehn.
»Hm -- verdammt kurz angebunden,« knurrte der Bediente und maß den
Jäger mit tückischem Blicke -- »hat wohl heute einmal gefällig Nichts zu
betteln von der gnädigen Herrschaft.«
Fritz antwortete Nichts, nur die Finger seiner einen Hand umklammerten
den Flintenlauf etwas fester, während er mit der anderen einen raschen
Marsch auf dem Fensterbrete trommelte.
»Hat sich auch die Stiefeln wieder nicht abgetreten, der Mosje,« fuhr
der Alte, augenscheinlich eine Ursache zum Streit suchend, fort, »und
schmiert die fettige Mütze an der weiß und sauber lackirten Wand herum
-- wir sind hier nicht in der Schenke.«
»Wären wir's,« fuhr aber jetzt der heute überdies nicht gut gelaunte
Jäger auf, dem die Geduld doch endlich riß -- »so solltest Du sehen,
Molch Du, wie ich Dir das ungewaschene Schandmaul stopfte.«
»Alle Wetter!« rief der greise Bediente, vor diesem unerwarteten Angriff
zurückprallend.
»Was giebt's da wieder?« sagte aber in diesem Augenblicke die Stimme des
Gutsbesitzers und Oberpostdirectors von Gaulitz, »könnt Ihr denn nicht
die paar Minuten, die Ihr hier zusammenkommt, in Ruh' und Frieden
verbringen? -- Komm herein, Fritz, und Du Peter bekümmerst Dich um Deine
Teller und Schüsseln und treibst Dich künftig nicht auf dem Gange hier
herum, wenn Du anderweit zu thun hast.«
Er trat rasch in das Zimmer zurück und der Jägerbursche, der seine
Flinte vorher in die Fensterecke gelehnt hatte, folgte ihm dort hinein
und blieb auf der Schwelle stehen.
»Laß mir den Alten in Ruh',« redete ihn hier, gleich beim Eintritt,
der gestrenge Herr von Gaulitz an -- »Du hast fortwährend an ihm
herumzuhäkeln.«
»Halten zu Gnaden,« platzte Fritz heraus -- »der alte Schuft peinigt
mich, wo er mich sieht, bis auf's Blut, weil ich seinen Sohn Karl bei
Schulmeisters --«
»Ich verbitte mir in meiner Gegenwart alle Schimpfworte,« sagte der
Herr scharf und streng, »und Ruhe jetzt -- ich habe nicht Deine Anklagen
hören, sondern Dir nur die Wiederholung der Excesse verbieten wollen.
Ich habe Dich wegen zweierlei rufen lassen.«
»Eure Gnaden zu Befehl,« sagte der Jäger, der nur mit Mühe den gewaltsam
aufdrängenden Unmuth verbiß.
»Zuerst,« fuhr der Oberpostdirector fort, »hat der Herr Pastor Scheidler
heute erst und zwar wiederholt Klage über Dich geführt, daß Du die
Kirche nicht allein regelmäßig versäumst, sondern Deine Frechheit
sogar noch so weit treibst, mit der Flinte auf dem Rücken unter seinen
Fenstern vorüber zu gehen.«
»Herr Oberpostdirector.«
»Ruhe jetzt -- ich will Dich nicht erst darauf aufmerksam machen, wie es
schon um Deiner Seelen Heil willen nothwendig wäre, daß Du die Predigt
anhörtest und in Dein sündhaftes Herz aufnähmest -- Dein Schulmeister
hätte Dich das schon von Kindheit auf lehren müssen, wenn der
Religionsunterricht nicht gerade durch die Lehrer auf wahrhaft traurige
Weise vernachlässigt würde. Nur ermahnt möchte ich Dich hiermit haben,
in Gottes und Christi Namen, seinem Rufe zu folgen -- meide die Schenke
und andere böse Gelüste, die der Versucher Dir entgegen halten könnte
und blicke hinauf zum Herrn, der da ist die Liebe und die Herrlichkeit
-- Amen!«
Der Jäger erwiederte kein Wort und sah nur still und finster vor sich
nieder, Herr von Gaulitz aber ging mit andächtig gefalteten Händen ein
paar Mal im Zimmer auf und ab, blieb dann plötzlich vor Fritz Holke
stehen, sah ihm fest in's Gesicht und fuhr fort:
»Das Andere, wegen dessen ich Dich zu sprechen verlangte, ist die
Wilddieberei -- der junge Poller hat heute Morgen ein krankes und ein
verendetes Reh im Walde gefunden und ist zwei fremden Burschen mit
Büchsen begegnet, die sich, wie er mich versichert, nicht einmal sehr
vor ihm gescheut hätten, sondern so ruhig ihre Straße gegangen wären,
als ob sie auf den gesetzlichsten Wegen wandelten. Das muß mir anders
werden, Fritz, oder Ihr, Dein Vater und Du und ich, wir bleiben keine
guten Freunde.«
»Halten zu Gnaden, Herr Oberpostdirector,« sagte Fritz jetzt, als der
gestrenge Herr schwieg und finster nach ihm hinüberschaute -- »die
Wilddieberei im Holze _ist_ schlimm, und der Vater und ich wissen das
alle Beide gut genug, wir liegen aber auch Tag und Nacht im Holze und an
den Holzrändern herum und thun unser Bestes, dem Uebel zu steuern. Ganz
es zu heben ist aber uns zweien nicht möglich, das Revier ist zu groß,
und die Rausche, die es noch dazu in zwei Theile schneidet, macht es
manchmal zur Unmöglichkeit, an allen bedrohten Stellen zugleich zu sein.
Wären es übrigens ordentliche Wilddiebe, die regelmäßig hinausgehen und
ihr Reh todtschießen, so bliebe das immer schlimm genug, sie thäten
aber nicht so großen Schaden und ließen sich auch endlich ausspüren und
aufheben, oder doch wenigstens verscheuchen, so aber laufen die Bauern
selber mit alten Schrot- und Communalflinten, in die sie klares Zeug
laden, draußen herum, knallen auf Alles, was ihnen vorkommt und flicken
Rikke und Kalb an, daß es später im Walde elendiglich verkommen muß.
Schneidet man dann einmal so einem Burschen den Weg ab und kann er
zuletzt gar nicht mehr fort, so wirft er seine alte Flinte, die des
Aufhebens gewöhnlich nicht werth ist, in den nächsten Busch und leugnet
nun Stein und Bein, selbst einen Schuß gehört zu haben; er ist meistens
auch auf seinem eigenen Grund und Boden, und weiß recht gut, daß sich
solcher Art nichts gegen ihn ausrichten läßt.«
»Das ist ja eine recht erfreuliche Botschaft,« sagte der
Oberpostdirector mürrisch -- »da halte ich zwei ausgelernte Jäger, einen
alten und einen jungen auf meinem Gute, und muß nun hören, daß die mir
ganz aufrichtig und ungenirt melden, die Wilddieberei nehme so überhand,
daß es _ihnen_ selbst zu arg würde. Ei zum -- mit Verlaub, mein Bursche,
_ich_ soll wohl hinausgehen und Euch die Wilddiebe forttreiben, damit
Ihr bequemer schlafen könnt.«
»Bitt' um Verzeihung, Herr von Gaulitz,« erwiederte Fritz, »das Holz
hat fünf Stunden im Umfang und die Rausche nöthigt schon, daß Einer
gewöhnlich an jedem Ufer bleiben muß. Eure Gnaden wissen dabei recht
gut, wie es die Holzdiebe schon einmal im vorigen Jahre meinem Vater
gemacht haben, den sie, weil er allein zwischen sie kam, an einen Baum
banden, und die ganze Nacht in der Kälte stehen ließen. In diesem Jahre
aber, und nach den Vorfällen in Berlin und Wien, ist mit den Leuten noch
weit weniger auszukommen als früher. Heute Morgen traf ich zum Beispiel
unten in der Rauschenmühle ein paar Bauern, die mir ganz rund heraus
erklärten: die Leute aus der Stadt, die sie zu Abgeordneten wählen
wollten, hätten sie versichert, auf ihren eigenen Feldern und in ihren
eigenen Gehölzen seien sie nicht allein berechtigt zu jagen, sondern es
würde auch in kürzester Zeit ein Gesetz herauskommen, das es ihnen in
Wirklichkeit zuspräche, und nächstens gingen sie daher selbst in's Holz
und schössen todt, was ihnen in den Weg käme. Ich möchte nun gleich bei
Eure Gnaden anfragen, wie ich mich in einem solchen Falle zu verhalten
habe, und ob es da doch nicht besser wäre, wenn wir noch ein paar Mann
zum Forstschutz herbekämen.«
»Forstschutz? -- Das fehlte mir auch noch,« rief der Oberpostdirector,
der indessen seinen Geschwindmarsch auf und ab ununterbrochen
fortgesetzt hatte, und nun jetzt vor dem Jägersmanne mit finsteren
Blicken stehen blieb -- »noch mehr Faulenzer ernähren, um die anderen in
ihrem Müßiggange zu bestärken, nicht wahr? -- Nein, dafür giebt's andere
Mittel, wer sich auf meinem Reviere blicken und beim Wilddieben ertappen
läßt, dem schießt Du eine Ladung Schrot auf den Pelz. Zum Henker, man
muß der Canaille nur einmal zeigen, daß man Ernst macht. Das verwünschte
Nachgeben hat schon viel zu viel Unheil angerichtet. Uebrigens habe ich
von unserem Ministerium die Nachricht, daß es nach Sockwitz, wo sich
erst neulich bedauerliche Zeichen von Anarchie kund gethan, eine
Compagnie von der Linie verlegen wolle; das wird die Kerle schon Jesum
Christum erkennen lassen.«
»Euer Gnaden,« warf hier der Jäger ein, und spielte verlegen mit dem
Genickfängergriffe, der ihm am Gürtel stak -- »es ist das mit dem
Schießen so eine eigene Sache; todt kann man doch die Menschen eines
gestohlenen Hasens oder Rehes wegen nicht gut schießen, und krank? --
Flick' ich einem Bauer die Beine mit No. fünf oder sechs an, so vergißt
er mir das in seinem ganzen Leben nicht und -- würde das Alles wahr, was
jetzt die Leute -- selbst der Diaconus und der Doctor -- von Frankfurt
reden, dann bekämen sie sogar das _Recht_ dazu, und nachher könnte unser
Einer gar sehen, wo er bliebe, wenn er das ganze Dorf zum Feinde hätte.«
»Nun jetzt hab ich's satt!« rief eben der Gutsherr, der mit immer
wachsendem Staunen und Zorn eine solche Neuerungsrede von den Lippen
seines Untergebenen gehört hatte -- »Was untersteht Er sich! -- Er will
hier als Jäger dem wilddiebischen Gesindel wohl auch gar noch die Brücke
treten? -- und was den Diaconus und den Doctor betrifft, so werd' ich
mich nach denen näher erkundigen. Potz Donner und Blitzen, das hat mir
noch gefehlt.«
»Aber Euer Gnaden, so war es doch gar nicht gemeint, ich wollte ja
nur --«
»Nun ich will Dir's wünschen, daß ich Dich falsch verstanden habe.
Jetzt fort, wo Du hingehörst, und daß Ihr mir bald Meldung von einem
eingefangenen oder bestraften Wilddiebe macht, oder -- ich mache Euch
für das verlorene Wild verantwortlich. Wo steckt Dein Vater heute?«
»Er ist heute über der Rausche drüben, die Vorbereitung zur Auction der
Stockklaftern und Haufen zu treffen, die wir von den, für die Eisenbahn
gelieferten Stämmen übrig behalten haben.«
»Aha -- also nicht geschont -- nur einmal _Einem_ der Bande die Jacke
recht tüchtig voll geschossen, und die Uebrigen lassen sich das schon
eine Warnung sein -- _ich_ vertret' es.«
Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und der alte Bediente trat
herein.
»Mein Karl ist draußen, Euer Gnaden, er hätte etwas zu melden.«
»Ich empfehle mich, Euer Gnaden« sagte Fritz, und wollte sich entfernen.
»Soll herein kommen -- halt, noch Eins, Holke, wie ist denn das gestern
Abend mit dem Flüchtling abgelaufen? -- Habt Ihr keine Spur wieder von
ihm gefunden?«
»Nicht das Mindeste, bis zu Pastors Obstgarten hatten wir ihn getrieben,
denn als wir später die Hunde hinein brachten, wurden die laut, und
es ließ sich nicht verkennen, daß etwas darin gewesen war; er muß aber
zurückgewechselt sein, denn die ausgestellten Posten haben gar Nichts
von ihm gesehen. Uebrigens soll er die jungen Damen, wie ich ganz
bestimmt weiß, gar nicht angefallen, sondern nur angeredet haben;
Fräulein Sophie Scheidler hat das selbst gesagt.«
Die Thür ging auf, und Karl Poller, der Sohn des alten Bedienten, ein
bleicher, hagerer junger Mensch mit grünen Augen und dünnen, fast weißen
Haaren, trat mit einer tiefen Verbeugung ein, und blieb dann, die Mütze
in der Hand drehend, auf der Schwelle neben Fritz Holke stehen. Er that,
als wenn er den Jägerburschen gar nicht sähe.
»Nun, Karl, wie ist's? -- richtige Fährte?«
»Alles in Ordnung,« grinzte, mit widerlichem Lachen der Angeredete, »der
Fuchs steckt richtig im Loch drinnen, ich hab' ihn nicht allein gehört,
sondern sogar mit leibhaftigen Augen gesehen.«
»Wahrhaftig? -- gut! -- herrlich! -- dann dürfen wir aber ja keine Zeit
verlieren, ihn abzufangen -- ruf' mir den Gerichtsschreiber herauf,
Karl, rasch -- er soll im grünen Zimmer auf mich warten --«
»Sehr wohl, Euer Gnaden,« erwiederte der Bursche, und schwenkte mit
rascher Bereitwilligkeit rechts um, blieb jedoch noch einmal stehen und
sagte zögernd --
»Bis Dunkelwerden möchten wir aber doch wohl damit warten -- ich weiß
nicht, die Bauern haben in letzter Zeit ganz andere Reden geführt wie
früher.«
»Von denen haben wir Nichts zu fürchten,« lachte der Gutsherr höhnisch,
»die hat mir der Pastor so unter der Fuchtel, daß sie sich hüten werden,
ein Wort in meine Gerichtsbarkeit hinein zu werfen, doch es mag sein,
also nach Dunkelwerden. Allons, marsch!«
Der Bleiche glitt wie ein Ohrwurm zur Thür hinaus, Fritz aber, der
zuerst bei dem tölpischen Jagdvergleich desselben verächtlich die Nase
gerümpft hatte, konnte doch nicht umhin, der späteren Verhandlung,
die jedenfalls irgend ein wichtiges Ereigniß betraf, aufmerksamer zu
horchen. Herr von Gaulitz ließ ihn jedoch nicht lange über das, was er
bis dahin nur zu errathen gesucht hatte, in Zweifel.
»Siehst Du?« -- sagte er, als sich die Thür hinter dem Burschen schloß
-- »die haben bessere Nasen, als Ihr Jäger mit allen Euren Treibern --
die wissen, wo der Flüchtige zu Bau gegangen ist!«
»Wer? -- Der, den wir aus dem Walde getrieben?« rief Fritz erstaunt.
»Allerdings, und heute Abend soll er ein sichereres Quartier haben, als
sein jetziges ist. Du aber, Fritz, magst ebenfalls in der Nähe bleiben,
bis sie den Gefangenen eingebracht haben; nicht etwa, daß ich glaubte er
würde sich zur Wehr setzen, oder daß ich irgend eine andere Gewaltthat
befürchtete, aber -- es ist doch besser. Nach Dunkelwerden sollen
sie ihn bringen, und jetzt geh einmal indessen hinauf zum Pastor, und
bestell' dort, ich ließe ihn bitten, zum Kaffee herunter zu kommen,
seine Tochter, die heute bei uns gegessen hat, bleibt auch noch unten --
ich hätte etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen.«
»Sehr wohl, Euer Gnaden --«
»Also Holke!«
»Zu Befehl, Euer Gnaden!«
»Haltet mir die Bauern unter; find ich oder Jemand Anderes wieder ein
angeschossenes oder verendetes Stück im Walde, ohne daß der Thäter, wenn
nicht bestraft, doch angezeigt wäre, so könnt Ihr Euch Beide freuen --
Du und Dein Vater --«
Der Jäger erwiederte Nichts weiter darauf, sondern verbeugte sich nur,
und verließ das Zimmer.