»Ja ja,« sagte er, während er die vorher aufgesetzte Brille wieder

abnahm, und neben das Papier legte -- »das klingt nicht übel, und ich

kann mir denken, wie es durch sein bestechendes Aeußere junge Leute

wie Sie sind, lieber Hennig, mit fortreißen mag. Glauben Sie denn aber

wirklich, daß _uns Geistlichen_ etwas daran gelegen wäre, die Schule mit

der Kirche eng verbunden zu halten, wenn wir es nicht der guten Sache

wegen thäten? Glauben Sie wirklich, daß die Schule _ohne_ die Kirche

fort bestehen kann? -- Sehen Sie, lieber Hennig,« fuhr er fort, ohne dem

jungen Manne Zeit zu einer Antwort zu lassen: »Das sind eben _Fragen_,

die dem Publicum hier vorgelegt werden -- ich will nicht sagen, _um_ es

irre zu machen, aber doch etwa mit demselben Erfolge; Deutschland kann

allerdings nicht ohne freie Volksschule -- _frei_ werden, wenn Sie es

denn einmal so nennen wollen, das deutsche Volk eben so wenig >stark und

einig< ohne freie Volksbildung sein, und ebenso gehört eine gediegene

Volkserziehung dazu, die Völker der Gaben werth zu machen, die sie bis

jetzt von ihren gnädigen Herren und Fürsten erhalten haben. Diese drei

Fragen will ich Ihnen also von Herzen gern, und ganz in Ihrem, wie in

des Schreibers Sinn, mit _nein_ beantworten, nun aber beweisen Sie

mir einmal, daß wir _keine_ freie Volksschule haben; daß unsere freie

Volksbildung _gehemmt_ sei, und daß uns nicht Alles freistehe, was wir

als vernünftige Menschen thun wollen und können, das Volk gediegener zu

bilden? -- Hab' ich z. B. Ihrem von Ihnen selbst entworfenen Schulplane

je etwas in den Weg gelegt? Hab' ich mich hineingemengt, was Sie den

Kindern in Geschichte und Geographie, in freien Ausarbeitungen und

Verstandesübungen lehrten? -- nie -- nur das für den jungen Geist

Gefährliche half ich aussondern, und das Erz reinigte ich mit Ihnen von

den Schlacken; unsere Schule _ist_ frei, denn daß der Geistliche als der

Vorstand derselben dasteht, scheint mir, als Einwirkung auf die Sache

selbst, nur von geringer Bedeutung. Uebrigens, und um Ihnen zu beweisen

daß ich Verbesserungen wie sie wirklich das Wohl der Schule befördern

können, keineswegs feindlich gesinnt bin, habe ich sogar selber

schon darauf gedacht eine Aenderung in diesem, wie Sie sagen für

den Schullehrerstand drückenden Verhältniß herbeizuführen und den

sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen -- doch davon

später ein mehres. Für jetzt, mein guter Hennig, erlauben Sie mir, auch

Ihnen ein paar Fragen vorzulegen, die _nicht_ in dieser _Aufmunterung_,

wie der Artikel ja wohl überschrieben ist, stehn, vorausgesetzt, daß Sie

eine Trennung der Kirche von der Schule wünschen. Diese Fragen sind:

»Möchten Sie den _Religionsunterricht_ der Kinder verlieren? und ist

dieser nicht gerade das, was das kindliche Herz so innig an den Lehrer

fesselt? -- ist er nicht gerade die Mittheilung jenes geheimnißvollen

göttlichen Waltens -- der Erschluß, möchte ich sagen, eines bis dahin in

des Kindes Brust noch ungeahnten Gefühls, der es mit scheuer liebender

Ehrfurcht zu dem Lehrer hinzieht? Und das wollten Sie muthwillig, für

das todte nichtssagende Wort >Freiheit der Schule,< aufgeben? -- ich

glaube kaum; wenn die Lehrer untereinander die Sache nur erst einmal

ordentlich überdacht haben werden -- kommt jedenfalls ein anderes

Resultat heraus, als das bisherige. Noch liegen wir im fröhlichen

Jubelrausch der so unverhofft gewonnenen Errungenschaften -- aber es ist

eben auch nur ein Rausch, der bald verfliegen und die, die ihm fröhnten,

nüchtern und mit Reue über ihr thörichtes unbedachtes Streben zurück

lassen wird.«

»Aber das ist noch nicht Alles -- ich habe das nur vorher erwähnt,

was des _Lehrers_, des wahren guten und treuen Lehrers Seele am ersten

rühren und bestechen muß -- die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler;

nun kommt das noch, was leider mit seinem Geiste Hand in Hand gehn muß,

und eine Zurücksetzung eben so wenig verträgt, wie dieser, da es sonst

zu störend auf ihn zurückwirken würde -- und das ist der _Körper_ -- das

leibliche Wohl des Schullehrers.«

Der Diaconus trommelte schärfer auf der Scheibe und Hennig, der

während der letzten Worten den Kopf gesenkt und das zurückerhaltene

Zeitungsblatt fester und fester zusammengedreht hatte, sah jetzt

wieder zu seinem Vorgesetzten auf, als ob er gespannt dessen weitere

Auseinandersetzung erwarte.

»Daran haben Sie noch nicht gedacht, nicht wahr?« schmunzelte der

Pastor, dem die Bewegung des jungen Mannes nicht entgangen war; »ja

lieber Hennig, wenn sich die Schule von der Kirche absolut trennen

_will_, und unsere hohe Staatsregierung natürlich ihre Einwilligung dazu

giebt, was übrigens kaum zu erwarten steht und Gott verhüten möge, dann

bleibt der Schullehrer auch natürlich nur auf seine _Schuleinnahme_

angewiesen, und Alles was er bis jetzt an Glöckner-, Küster- und

Cantor-Accidenzien eingenommen, fällt, wie sich das von selbst versteht,

weg. Es wird nämlich wohl kein Schulmeister so thöricht sein, seinen

vollen Gehalt für Läuten, Orgelspielen etc. etc. nach wie vor zu

verlangen, da ja das Dorf dann noch besonders einen anderen Mann zu

halten und zu bezahlen gezwungen wäre -- und _doppelt_ zahlen die

Bauern _Nichts_, ich dächte das bedürfte, Ihnen Beiden gegenüber, keiner

weiteren Bestätigung. Nun berechnen Sie sich selbst was Ihnen alles,

wenn Sie sich wirklich in den Fall einer Trennung setzten --«

»Bester Herr Pastor.«

»Ich nehme ja nur den möglichen -- für jetzt _erdachten_ Fall, guter

Kleinholz -- was Ihnen Alles, sage ich abginge an Ihrem jetzt schon

nichts weniger als brillanten Gehalt -- Sie würden vielleicht nicht

einmal im Stande sein zu _leben_ und glauben Sie, daß Sie einem besseren

Loos entgegengingen, wenn Sie von den Bauern allein abhängig in Ihrer

Besoldung wären?«

»Sehn Sie, meine Freunde, jede Sache hat, wie ich Ihnen das auch

eigentlich gar nicht mehr zu sagen brauche, ihre zwei Seiten -- eine

gute und eine böse -- und es ist nicht allein nothwendig, nein es ist

auch unsere Pflicht, die Schattenseiten dessen, was einst einen so

wichtigen Theil unseres Lebens ausmachen soll, zu beleuchten, um

sie entweder vorher kennen zu lernen oder -- wenn wir sie für gar zu

schwierig halten, zu vermeiden.«

»Damit habe ich Ihnen Beiden übrigens keineswegs alle die

Unannehmlichkeiten aufgezählt, die eine Trennung der Schule und Kirche

für den Lehrer haben müßte; nein, das lag auch gar nicht in meiner

Absicht, denn Sie können sich wohl denken, daß es mir, des Nutzens

wegen, den es mir bringt, ziemlich gleichgültig sein kann, ob ich

Schulvorstand bin oder nicht; es ist das ein Amt, was mir _viel_

Zeit raubt und gar Nichts einbringt, aber, da wir doch einmal gerade

daraufkamen, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen wenigstens meine

Ansichten darüber mitzutheilen -- überlegen Sie sich die Sache nur

selbst und prüfen Sie -- Ihr gesunder Geist wird Sie dann schon das

richtige _wählen_ lassen.«

»Doch, was eigentlich die Hauptsache dessen war, worüber ich mit Ihnen

zu sprechen wünschte, -- Sie haben wohl heute hier in Horneck eine Art

Conferenz der benachbarten Lehrer?«

»Allerdings«, sagte Hennig, »ich glaube sogar, daß sie schon

größtentheils eingetroffen sein müssen, wenn sie nach dem

Mittagsgottesdienst von zu Hause weggegangen sind.«

»Horneck liegt so von all den umliegenden Dörfern in der Mitte«

entschuldigte Kleinholz die Versammlung.

»Ei ja wohl, ich finde das ganz natürlich« fiel rasch und beistimmend

der Pastor ihm in's Wort, »es ist mir aber lieb, daß es sich so

getroffen hat, und ich vorher noch im Stande war, Ihnen etwas

mitzutheilen, was jedenfalls von Interesse für Sie und Ihre Freunde

sein wird. Es ist nämlich keinem Zweifel mehr unterworfen, denn meine

Berichte aus der Residenz sind ziemlich zuverlässig, daß die Minister

einer Trennung der Kirche von der Schule vollkommen entgegen sind,

wenigstens werden sie nie die Zustimmung der ersten Kammer dazu

bekommen, wir Geistlichen selbst sehen aber ein, daß eine Reform in den

jetzigen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade unumgänglich nöthig, doch

jedenfalls nicht ganz unzweckmäßig wäre, wir finden es sogar billig, daß

den Schullehrern auch das Recht zustehn müßte, ihre Schulen selbst

und durch aus ihrer eigenen Mitte gewählte und sachverständige Männer

revidiren zu lassen.«

Der Diaconus wandte sich erstaunt nach dem Pastor um, und auch Hennig

horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem Zugeständniß, das er

nie erwartet hatte von des Geistlichen eigenen Lippen zu hören.

»Um also Allem und Jedem zu genügen, was nur vernünftigen Menschen, die

nicht gerade das Unmögliche, und mit dem Kopf absolut gegen die Wand

rennen wollen, auch vernünftiger Weise verlangen können, geht mein

Plan dahin, daß künftig der Schulvorstand aus _fünf_ Mitgliedern oder

Theilhabern bestehe, von denen _drei_, also die Majorität _Schullehrer_

-- _zwei_ aber, und zwar die Minderheit, _Geistliche_ sein müssen, wobei

zugleich sonst jeder dazu gewählt werden kann, der den Betheiligten,

also dem Schullehrerstande überhaupt, am meisten zusagt. Ist das

geschehen, so denk' ich können Sie versichert sein, daß keine Klagen

weiter über Uebergriffe der Pastoren vorfallen können, die Majorität

des Schulvorstandes, also die Lehrer hätten sich das nur sonst

selbst zuzuschreiben. Dieß ist also ein Gegenstand, der Ihre größte

Aufmerksamkeit verdient, und es wäre mir sogar lieb, mein guter Herr

Hennig, wenn Sie es heute Nachmittag in Ihrer Versammlung zur Sprache

bringen wollten. Mit einigen meiner Amtsbrüder hab' ich darüber

schon verkehrt, werde auch ebenfalls der nächstens zusammentretenden

Geistlichkeit den Vorschlag machen, und bin ihrer Einwilligung ziemlich

gewiß. Es wäre vielleicht auch nicht unpassend, wenn wir Alle zusammen,

Lehrer und Geistliche eine gemeinschaftliche Bittschrift hierüber an ein

hohes Ministerium aufsetzten und übergäben, damit dieses sich von

der wahren Stimmung im Lande überzeugen und danach handeln und

wirken könnte. Ich glaube bestimmt, daß Ihre Collegen ein solches

Entgegenkommen von unserer Seite freudig begrüßen werden, und wie

segensreich das dann auf die uns anvertraute Jugend zurückwirken muß,

wenn wir, die wir für die Bildung des Geistes und der Seele vereinigt

dastehen, auch vereinigt und freundschaftlich handeln, brauche ich Ihnen

doch wahrlich nicht erst weiter auseinanderzusetzen.«

»Jetzt also, mein lieber Kleinholz, will ich Sie Beide Ihren Freunden

nicht länger entziehen; morgen vielleicht, oder wenn Sie die Sache näher

besprochen und überlegt haben, reden wir weiter darüber!«

Die beiden Schullehrer erhoben sich bei diesen Worten von ihren Sitzen,

empfahlen sich dem Pastor, der ihnen freundlich und mit einigen gütigen

Abschiedsworten die Hände drückte, und verließen das Zimmer. Der

Diaconus wollte sie begleiten; diesen aber hielt der Pastor noch zurück

und Hennig und Kleinholz schritten allein und schweigend, Jeder mit

seinen Gedanken über das eben Gehörte beschäftigt, in die Schulwohnung

langsam hinüber.

Zehntes Kapitel.

Die Schulmeister.

Zu Hause fanden die beiden Männer schon die Botschaft ihrer Collegen,

die voraus in die Schenke gegangen waren, und sie bitten ließen, so bald

als möglich nachzukommen. Der Pastor hatte sie gar so lange aufgehalten,

und ungesäumt folgten sie dem Rufe; Papa Kleinholz, dem übrigens seines

Hülfslehrers Keckheit beim Herrn Pastor fast den Athem versetzt hatte,

benutzte den kurzen Weg von der Schule in die Schenke hinunter, um ihn

darüber zur Rede zu stellen, und zu bitten, doch nur um des Himmels

Willen zu bedenken, in welche Verlegenheiten er sich dadurch bringen,

und was für Folgen so etwas für ihn und seine künftige Laufbahn haben

könne.

Hennig antwortete all' diesen Vorstellungen aber nur höchst einsylbig,

oft zerstreut; des Pastors Worte hatten einen wilden Sturm feindlicher

Gefühle in seiner Brust erweckt, und Pflicht und Liebe schlugen in

dem armen Herzen ihre erste, aber deshalb gewiß nicht minder heftige

Schlacht. Schweigend schritt er an seines Vorgesetzten Seite dem

verabredeten Berathungsplatze zu und unschlüssig kämpfte er mit sich,

was er in dieser Sachlage thun, wie er handeln und auftreten solle.

In der Schenke zu Horneck hatten sich indessen zahlreiche Gäste

eingefunden; der Wirth verstand selber die kunstgerechte Bereitung der

edlen Gerste und braute ein ganz vorzügliches Bier, und der Horneck'sche

Kartoffelkuchen war weit und breit berühmt; kein Wunder denn, daß das

warme Frühlingswetter, das dem Mai selbst an Milde und Lieblichkeit

nichts nachgab, eine Menge Hungriger und Durstiger herbeigezogen hatte,

die nun im Garten oder in dem neuen, Veranda ähnlichen Ausbau des Hauses

saßen, und den einzelnen Melodien des »Orchesters« lauschten.

Kleinholz und Hennig hielten sich jedoch nicht zwischen den Gästen

auf, nur herüber und hinüber grüßten sie, wo sie vielleicht einen

alten Bekannten sitzen sahen, drängten sich durch die zahlreich in der

Hausflur und dem Billardzimmer nach dem Garten vielfach hin und her

Wandernden, und stiegen zu einem kleinen stillen Hinterstübchen hinauf,

das ihrer Conferenz von dem Wirthe eingeräumt worden.

Hier von dem Lärm und der Musik unten nicht gestört, da seine Fenster

nicht nach dem Garten, sondern nach dem Dorfe aussahen, saßen um einen

langen, in die Mitte gerückten Tisch die Schullehrer der benachbarten

Ortschaften, und waren, allem Anschein nach, schon recht tief und eifrig

in die Debatte hinein gerathen. Bei der Neuankommenden Eintritt wurde

diese nun allerdings auf kurze Zeit unterbrochen, doch nur so lange,

als es bedurfte, eine Bank, da es heute bei dem Andrange von Gästen an

Stühlen fehlte, zum Tisch zu rücken, auf der dann Kleinholz und Hennig

zusammen Platz nahmen.

Bis das Mädchen wiederkam, welches den Schullehrern bei ihrer Ankunft

ein Glas Bier oder ein Schnäpschen besorgt hatte, schoben ihnen die

Nachbarn ihre eigenen Gläser näher, und der Präsident, ein alter

würdiger Schullehrer von Kosholz, der die Verhandlungen leitete,

wiederholte nochmals mit kurzen Worten den schon besprochenen Gegenstand

der Debatte -- die Trennung der Schule von der Kirche, _für_ die sich

zwei, _gegen_ die sich aber schon vier Stimmen erhoben hatten. Er setzte

auseinander, wie nöthig es sei, daß sie sich über diesen Gegenstand, der

in gar kurzer Zeit alle ihre Energie in Anspruch nehmen müsse, vorher

klar und bewußt würden, daß jeder selber darüber ein Urtheil bekäme und

nicht blos, entweder von seinen Vorgesetzten auf der einen, oder auch

von leichtsinnigen, neuerungssüchtigen Menschen, die nur immer Freude

am Niederreißen und nimmer am Aufbau fänden, auf der anderen Seite

getäuscht und irre geleitet würden.

»Meine lieben Amtsbrüder,« nahm da Vater Kleinholz, von seinem Sitze

aufstehend, mit zitternder Stimme das Wort, »ich bin kein Redner, und

das, was ich auf den Herzen habe, kann ich nur mit kurzen und nicht

zierlich gestellten Worten herausbringen, aber es kommt auch dafür

gerade _vom_ Herzen, und ich möchte es Ihnen ebenfalls an die Herzen

legen. Ich bin _gegen_ eine Trennung der Schule von der Kirche, und

zwar aus recht vielen und wichtigen Gründen. Wir kommen Beide eben, Herr

Hennig und ich, vom Herrn Pastor Scheidler, der mir stets, mit _sehr_

wenigen Ausnahmen, ein freundlicher Vorgesetzter gewesen ist, und ich

glaube, wir können uns mit dem, was er, als Geistlicher, uns selber

vorschlägt, recht gut begnügen. Ich bin gegen eine Trennung der Kirche

und Schule, weil es mir in der Seele weh thun würde, wenn wir mit dem

Religionsunterricht auch das süße Einverständniß verlören, was wir

jetzt, durch diesen, über den Geist der Kinder gewinnen; ich bin aber

auch gegen die Trennung, weil sie für uns unmöglich ist, weil der

Schulmeister ohne die verschiedenen Einnahmen, die ihm sein Kirchner-,

Glöckner- und Cantordienst abwirft, möglicher Weise gar nicht mehr

existiren könnte. Ich habe jetzt mit meiner Familie etwa 100 Thaler

jährlich, und der Herr weiß es, oft genug esse ich in Sorgen mein

Brod, und grüble und grüble, wie ich es nur anzufangen habe, einfach

auszukommen. -- Das Jahr ist lang -- die Kinder wollen das _ganze_ Jahr

essen und gekleidet sein, und 100 Thaler sind eine entsetzlich kleine

Summe für eine so gewaltig lange Zeit. Wären wir im Stande, uns ohne

jene außer der Schule liegende Einnahme zu behelfen? -- _nein_, das

wären wir nicht, wir gingen der Noth und dem fürchterlichsten Elend

entgegen, und wollen wir also den Nutzen nicht aufgeben, den wir

durch jene Arbeiten genießen, so dürfen wir uns auch der Mühe und den

Unbequemlichkeiten nicht entziehen, die daraus hervorgehen. Meine

Stimme ist deshalb _gegen_ eine Trennung, und ich hoffe, auch Ihr lieben

Freunde werdet zuletzt einsehen, daß sie uns und der Schule nur

zum Nachtheil gereichen, keineswegs aber eine gehoffte Besserung

herbeiführen würde.«

Vater Kleinholz setzte sich wieder nieder, und von mehreren Seiten

standen die Redner auf, die alle, wie der vorhergehende Sprecher,

gegen eine Trennung waren, Viele beriefen sich dabei auf ihre eigenen

Geistlichen, die mit ihnen ausführlich über die Sache gesprochen, Alle

aber waren darin einig, daß das Aufgeben des Religionsunterrichtes ein

Verlust für den Lehrer sein würde, den gar kein errungener Vortheil

wieder aufwiegen oder ausgleichen könne.

»Mitbrüder und liebe Genossen,« sagte da endlich Hennig, der bis

jetzt noch kein Wort in die Debatte gesprochen und manchmal fast

augenscheinlich mit sich gekämpft hatte, jetzt aber plötzlich zu einem

festen bestimmten Entschluß gekommen zu sein schien. »Ich bin zwar noch

jung, viel jünger, als Manche hier, die in ihrem Ehrenamte ergrauten,

aber desto weniger bin ich auch vielleicht mit den alten Gewohnheiten

verwachsen, die es nachher so viel Mühe kostet, wieder abzuschütteln.

Ich fühle eben so gut, wie Sie, daß wir dem Religionsunterrichte der

Kinder nicht entsagen dürfen, der Lehrer würde durch den Verlust dieses

Zweiges zu einer bloßen künstlichen Maschine, die den Kindern nur das

Ein mal Eins und das Geheimniß der Buchstabenstellung einbläut. Herr

Pastor Scheidler hat uns Beiden zwar heute Nachmittag gesagt, daß wir

ihn wirklich einbüßen müßten, wenn wir uns von der Kirche losrissen,

aber es ist das doch auch nur die Meinung eines einzelnen Mannes, noch

dazu eines bei der Sache interessirten, die wahrlich nicht maßgebend für

uns sein darf.«

»Aber bester Herr Hennig,« sagte Kleinholz erschreckt.

»Er mag es,« fuhr Hennig fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,

»vielleicht recht gut mit uns Schullehrern meinen, ich will das gar

nicht bezweifeln und -- wäre der letzte der ihn kränken möchte, aber ich

glaube, er sieht die Sache mit zu schwarzen Farben, und ich will Euch

deshalb _meine_ Ansicht darüber mittheilen. Wer hat uns denn schon

eigentlich verbürgt, daß wir, bei einer Trennung der Schule von der

Kirche, auch nothwendiger Weise den Religionsunterricht verlieren

_müßten_? Wer hat uns das bis jetzt gesagt, als nur allein die

Geistlichen selber, und sind wir denn so gewiß, daß das nicht hier und

da, und im Anfang vielleicht, auch größtentheils deshalb mit geschehen

ist, um uns in unserem Streben irre zu machen, oder davon abzubringen?

Der Religionsunterricht ist eben ein _Unterricht_ und gehört zur

Schule und so wenig wie er in den Schulen der großen Städte fehlt,

die gleichfalls schon der keineswegs für den Lehrer ehrenvollen

Beaufsichtigung der Geistlichen entzogen sind, eben so wenig wird er

in den Landschulen fehlen dürfen und wirklich fehlen. Selbst hier liegt

übrigens ein Ausweg für uns ganz klar und leicht zu Tage; wir wollen

uns ja gar nicht losreißen von der Kirche und dieser feindlich

gegenüberstehen, im Gegentheil; das Wirken der Schule und Kirche ist ein

so gleiches -- oder sollte doch wenigstens ein so gleiches sein -- daß

ein förmliches Losreißen keinem zum Vortheil, Beiden aber vielleicht

zum großen Nachtheil werden könnte; stehen Kirche und Schule aber neben

einander, und glaubt der Staat, daß es nothwendig für die religiöse

Erziehung der Kinder sei, den Pastor, wie bisher, Theil am

Religionsunterrichte nehmen zu lassen, ei dann schadet das auch nichts,

und gewährt uns höchstens eine wenn auch kleine Erleichterung unserer

schweren Pflichten; an uns ist es nachher noch immer, den Stundenplan

zu machen, in unsere Hand gegeben auch außer den vom Prediger ertheilten

Lectionen durch moralische Belehrung den vollen Einfluß auf das

kindliche Herz zu behalten, dessen wir uns bis jetzt erfreut haben. Ich

meinestheils würde darin sogar einen neu errungenen Vortheil sehen, wenn

wir der wirklichen Dogmen enthoben würden, und es dem Pastor überlassen

könnten, diese zu lehren und -- zu vertreten. -- Der Lehrer mag dann

sehen, ob er im Stande ist, auch ohne die Bibel den Glauben an Gott in

des Kindes Brust zu festigen und die herrliche Natur wird ihm das

Buch sein, in dem er auf jedem Blatt, wohin er sich auch wendet, die

heiligste Bestätigung seiner Lehre findet. Laßt es denn einen Wetteifer

werden, lieben Brüder, in einem ehrenvollen und selbst für die Kinder

segensreichen Kampfe, in dem Ihr noch dazu so unendlich im Vortheil

seid, denn der Geistliche wird, wie bisher, die jungen Gemüther in

scheuer Ehrfurcht vor dem kaum geahnten Thron eines _allmächtigen_

Gottes stehen lassen, während Ihr Euere Schutzbefohlenen mit lächelndem

Angesicht in die unmittelbare Nähe des _Alliebenden_ führt.«

»Aber selbst das ist noch keine nöthige Folge einer Trennung der Schule

von der Kirche, denn war der Schullehrer bis jetzt noch befähigt genug,

den Religionsunterricht zu ertheilen, so sehe ich nicht ein, weshalb

das später nicht eben so gut der Fall sein soll. Die _Aufsicht_, die der

Pastor darüber gehalten, fiele allerdings weg, aber es müßte uns erst

bewiesen werden, daß die nöthig gewesen ist, und daß sie auch wirklich

der Erziehung der Kinder genützt, nicht _geschadet_ habe.«

»Was nun die Kirchner- und Glöcknerdienste betrifft, so ist der

Gehalt, den wir für diese, wie das Orgelspielen bekommen, allerdings

beträchtlich genug, um ihren Verlust Leuten fühlbar zu machen, die nicht

einen Thaler von ihrem Gehalte einbüßen dürfen, wenn sie nicht Mangel

und Noth leiden sollen. Aber auch das, glaube ich, beruht nur auf einer

thörichten Angst von unserer Seite, der wir uns um Gotteswillen nicht

weiter hingeben dürfen. Es wird Niemanden von uns einfallen, sein

_ehrenvolles_ Cantoramt, das Spielen der Orgel, aufgeben zu wollen, denn

dort ist der Schullehrer schon deshalb auf seinem Platze, weil es in

die Ausübung des von ihm gelehrten Gesangunterrichts fällt, und er die

Kinder auf der Orgel unter seiner unmittelbaren Leitung behält. Die

Gemeinde hat aber auch in ihrem Bezirke keinen andern, der es versteht,

und einen besondern Organisten zu halten, kann ihr schon der zu hohen

Kosten wegen, welche die gänzliche Unterhaltung eines solchen Mannes

mit sich bringen müßte, gar nicht einfallen. Der andere Dienst aber, der

Glöckner- und Küsterdienst, _muß_ wegfallen, denn er gerade ist es, der

das Amt des Schullehrers bis jetzt _entwürdigt_ und diesen zum directen

Diener des Pastors gemacht hat.«

»Hier in den alten General-Artikeln, von denen es eine Schmach und

Schande ist, daß sie, die 1580 entworfen wurden, 1848 fast noch ohne

Veränderung in Geltung sind, heißt es ausdrücklich:

»»Auch ein jeder Pfarrer, in deme seinem Glöckner zu befehlen und zu

gebieten hat -- er ihm auch hierinnen billigen Gehorsam zu leisten

schuldig und nicht widerstreben soll.««

»Ferner sollen sie nach Vorschrift eben dieser General-Artikel tit.

XXXVIII:

»»Auf die Pfarrer in allen Kirchenämtern bei den Predigten, Taufen,

Sakramentreichen und Besuchung der Kranken warten, und deswegen ohne

ihr Wissen und Willen nicht ausreisen, damit sie ihrer gewiß sind.««

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band. · 第 10 / 14 段