Wenn auch Hennig besonders darauf sah, daß die Stube fortwährend

gelüftet wurde, und Lieschen das Ganze so reinlich hielt, wie es nur

möglicher Weise gehalten werden konnte, der eigenthümliche Dunst, der

zuerst von den feuchten Dielen ausging, und dann überhaupt auch

einer Schulstube immer eigen ist, konnte durch alle Vorkehrungen und

Anstrengungen nicht abgehalten, oder wenn er sich gebildet hatte --

entfernt werden -- die Brust vermochte in der schweren Atmosphäre nicht

frei zu athmen, und nur die Gewohnheit war im Stande, eine Existenz an

solchem Orte einigermaßen erträglich zu machen.

Die Ecke hinter dem Ofen diente der ganzen Familie, wie auch dem

Hülfslehrer, der in seinem Schlafkäfterchen keinen Raum hatte, einen

Arbeitstisch aufzustellen, zum gewöhnlichen Aufenthalte, und nur wenn

Hennig etwas recht Nothwendiges zu arbeiten hatte, was eben unten nicht

möglich war, dann ging er hinüber zum Diaconus, der ihm das erlaubt

hatte, und benutzte dessen freundlich sonniges Stübchen.

Daß aber die arme Schulmeisters Familie unter solchen Verhältnissen von

einer bequemen und nur einigermaßen freundlichen Wohnlichkeit absehen

mußte, versteht sich von selbst. Die sämmtlichen Möbeln, die sie hier

möglicher Weise aufstellen konnten, bestanden in einer großen Kommode,

die zugleich zum Bücherschrank und zur Speisekammer diente, in drei

Holzstühlen, einem festen Tisch von Eichenholz und einem in der Ecke

befestigten abgerundeten Bret, auf dem eine grüne Glasflasche mit

hineingestecktem halb niedergebrannten Talglicht und ein irdener

Wasserkrug standen. In diesem engen Raume, der von der allgemeinen

Schulstube gerade auf dieselbe Art geschieden war, wie man wüste

Territorien und Länder von einander scheidet -- durch eine gedachte

Linie -- lebte Vater Kleinholz mit sieben lebendigen, regen, muntern und

durch Lieschen's aufopfernden und nimmer rastenden Fleiß auch reinlich

gehaltenen Kindern. Seine zweite Frau, die Mutter seiner Kinder, hatte

er vor wenigen Sommern zu Grabe getragen.

Vater Kleinholz _lebte_ dort, sagte ich, d. h. er existirte -- aber

wie? -- Auf welche Art wurde ein Leben erhalten, das von einer ganzen

Gemeinde bestimmt war, die Jugend zu braven, wackeren und tüchtigen

Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden?

Ursprünglich war der ganze Gehalt, den der Mann für seine Leistungen

als _Schulmeister_, _Organist_, _Kirchner_ oder _Küstner_ und _Glöckner_

bezog, Einhundert und funfzig Thaler gewesen -- und es ist das nicht

etwa eine der _schlechtesten_ Stellen unseres Vaterlandes, denn sie

gehen bis zu hundert und zwanzig Thaler jährlich, ja wohl noch tiefer

hinunter. Papa Kleinholz gehörte aber zu den wenigen Menschen, die außer

dem Nothwendigsten, keine Bedürfnisse kennen. Mit wenig Kenntnissen

allerdings ausgestattet, machte er aber auch dafür wenig Ansprüche,

schien zufrieden, wenn er so viel hatte, wie der geringste Tagelöhner

zum Leben brauchte (und auf mehr konnte er mit seiner großen Kinderzahl

auch kaum rechnen) und that seine Pflicht, so viel das in seinen Kräften

stand und mit so freudigem Eifer wie nur irgend ein anderer Schulmeister

im weiten Lande. Die Kinderzahl im Dorfe nahm aber in demselben

Verhältnisse fast zu, als seine Kräfte abnahmen, es wurde deshalb

nöthig, ihm wenigstens einen Hülfslehrer zu geben, und zu der Zeit und

gleich nach seiner Frau Tod war Hennig hierher berufen worden.

Die Stelle selbst trug jedoch nur 150 Thaler, die Regierung legt in

solchem Falle Nichts hinzu, die Gemeinde kann es nicht, und das, was

der _ganzen Gemeinde als unmöglich zugestanden wird_ -- _muß der arme

Schullehrer mit seiner großen Familie und seinen 150 Thalern allein

bestreiten_. Papa Kleinholz hatte an den Hülfslehrer Hennig 40 Thaler

abzugeben und ihn in Kost und Logis zu nehmen.

Von dieser Zeit an begann eine schwere sorgenvolle Zeit für den armen

alten Mann, und sie wäre wohl noch viel schwerer und sorgenvoller

geworden, hätte er an Hennig nicht einen so wackeren und gutmüthigen

Gehülfen gefunden, der wirklich Alles that, was in seinen Kräften

stand (wenn das auch noch so wenig sein mochte) ihm seine trübe Lage zu

erleichtern. Der Druck des ihm vorgesetzten Geistlichen lag damals auch

sehr gewichtig auf dem armen, so schon genug geplagten Greis, das aber

empfand er weit weniger als vielleicht mancher Andere an seiner Stelle.

Aufgewachsen im alten Zwang und an die fast knechtische Ehrfurcht

gegen den geistlichen Vorgesetzten gewöhnt, fühlte er nicht das oft

Demüthigende und Unwürdige einer solchen Behandlung und freute sich nur,

wenn ihm einmal ein wohlgefälliges Lächeln, ein Wort der Zufriedenheit

-- und wie selten wurde das dem armen alten Manne -- für unausgesetztes

Mühen und Leiden lohnte.

Nur das eine machte ihm manchmal Sorge und trübte den sonst so klaren

Blick, wenn er in die Zukunft hinüberschauen wollte -- der Gedanke an

seinen Tod, und was dann aus den Seinen werden sollte, oder -- das noch

fast Schlimmere -- wenn er die Zeit überleben würde, in der er wirken

und schaffen konnte, und nun -- emeritirt, das heißt mit _einem Drittel_

seines jetzigen Gehaltes, also mit funfzig Thalern jährlich -- in

Ruhestand versetzt worden wäre -- Funfzig Thaler und sieben Kinder --

selbst der alte geduldige Mann schüttelte bei dem Gedanken den Kopf und

es kam ihm dann manchmal vor, als ob sein Stand doch ein recht schwerer

und keineswegs hinlänglich und ausreichend belohnender sei. Doch

vertraute er auch in der Hinsicht wieder vollkommen auf eben seinen

Vorgesetzten, denn Pastor Scheidler hatte ihn mehr als einmal und zwar

unaufgefordert versichert, er würde später, wenn er, der Schulmeister,

einmal nicht mehr so recht ordentlich fort könnte, Alles thun, was in

seinen Kräften stehe, ihn zu unterstützen -- und was stand nicht Alles

in den Kräften eines so einflußreichen Mannes -- oho, für Papa Kleinholz

war hinreichend gesorgt, der brauchte sich keinen unnöthigen und

unzeitigen Kummer zu machen.

Diese stille, anspruchslose hoffende Zufriedenheit sprach sich denn

auch nicht allein in seinem Wesen und Charakter, sondern auch in seiner

ganzen sonstigen Umgebung vollkommen und deutlich aus. Selbst das

kleine Winkelchen, was ihm in der dunstigen Schulstube zum eigenen

Aufenthaltsort gelassen worden, war mit den wenigen Mitteln, die ihm zu

Gebote standen, ausgestattet, ja ausgeschmückt. Auf der breitbauchigen

Kommode -- wahrscheinlich einem alten Erbstück vergangener Zeiten

-- stand in der Mitte ein großer Pokal aus gegossenem Glas, ein

Hochzeitsgeschenk seiner Gemeinde; daneben lehnten in zwei langen

Biergläsern (von denen das eine aber gesprungen und mit Bindfaden wieder

gebunden war) zwei lange braunfedrige Schilfblüthenbüschel und über dem

Ganzen hing ein breiter Kranz von gelben und rothen Strohblumen, mit

einem großen weißen K in seiner Mitte.

Ein kleiner Spiegel in roth lackirtem Rahmen, der die ihm anvertrauten

Gesichter auf das Scheußlichste entstellt zurückgab, vollendete den

ganzen Zierrath des sonst in jeder Beziehung ungemüthlichen Raumes, und

selbst der morsche, mit zerrissenem Lederwerk überzogene alterschwache

_Sorgen_stuhl des Papa Kleinholz vermochte nur wenig dazu beizutragen,

diesem Orte auch das Aussehn zu geben, als ob er wirklich dazu bestimmt

sei, einem Manne zur bleibenden Stätte zu dienen, von dem man als Lehrer

jedenfalls Bildung erwarten und verlangen konnte.

Papa Kleinholz saß in diesem Sorgenstuhle -- neben ihm auf dem schmalen

Tische dampfte seine zweite Tasse Kaffee, in den er heute, als an einem

Sonntage, von dem wirthschaftlichen Lieschen auch Sahne bekommen hatte

(welcher Luxusartikel sich übrigens keineswegs auf den übrigen Theil

der Familie mit ausdehnte) und sein Blick hing sinnend und ernst an dem

verblichenen, wohl schon Jahre alten Kranz, der sicherlich irgend einen

der wenigen und bescheidenen Freudentage in sein Gedächtniß zurückrief,

die eine _frühere_ Zeit für ihn gehabt, denn jetzt, armer alter Mann,

wo Du eigentlich den Lohn Deines jahrelangen Mühen und Fleißes erndten

solltest, jetzt lag das Leben trüb und traurig vor Dir und seine Rosen

blühten nur in der Vergangenheit.

Der Hülfslehrer Hennig stand mit Lieschen an dem einen Fenster, das auf

den schmalen betretenen Pfad nach der Pfarrwohnung hinaussah, und das

stets muntere lebensfrohe Mädchen -- lebensfroh in ihrer freudigen

Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft -- war emsig

bemüht, dem, besonders seit einigen Tagen auffällig ernsten und fast

schwermüthigen jungen Mann etwas aufzuheitern und womöglich auch die

Ursache seines Trübsinns nicht erst zu erfahren -- nein, die wußte sie,

wie wir früher gesehen haben, schon lange -- nur von seinen eigenen

Lippen und mit seinen eigenen Worten zu hören.

Hennig blieb aber still und schweigsam, antwortete ihr auf ihre Fragen

nur einsylbig und schien überhaupt viel lieber seinem eigenen Nachdenken

überlassen zu bleiben, als diesem, und damit auch vielleicht den

zugleich heraufbeschworenen Bildern und Phantasien entzogen zu werden.

Er hielt ein Zeitungsblatt, das er vorher gar aufmerksam wohl drei bis

vier Mal durchgelesen, in der Hand.

Die Kinder spielten draußen auf dem sonnigen Plane, bauten (denn Herr

Hennig hatte ihnen das in den letzten Stunden ausführlich erklärt

und beschrieben, wie es jetzt in den großen Hauptstädten Deutschlands

hergegangen sei) aus Trögen, Bänken, Sägeböcken und Bretstücken

Barrikaden und Festungen und stürmten diese, wenn kaum errichtet, nach

Herzenslust.

Da klopfte es an die Thür der Schulstube, und auf das rasche »Herein«

öffnete sie Pastors Köchin, die gerade aus der Küche vom Aufwasch zu

kommen und in größter Eile zu sein schien, nur eben weit genug, um in

ihrer derben, aber nichtsdestoweniger freundlichen Art hereinrufen zu

können:

»Gott griß Uech mitenanger -- der Schulmeester sulle doch mit 'em Herrn

Hennig uffn Ogenblick nach'm Herrn Pastor 'riber kommen, er hätte emm

was ze sagen.«

Und ohne weitere Antwort abzuwarten, und überzeugt, daß sich die

Erfüllung der Aufforderung ganz von selbst verstände, drückte Rieke die

Thür wieder in's Schloß, und lief spornstreichs zu Hause zurück, um

dort mit ihrer Arbeit bei Zeiten fertig zu werden, und heute Abend den

angekündigten Tanz ja nicht zu versäumen.

»Zum Herrn Pastor?« sagte Kleinholz und setzte verwundert die Kanne

nieder, die er eben gehoben hatte, seine dritte und letzte Tasse

einzuschenken -- »ich denke, der ist in die Stadt gefahren, wozu hätte

ich denn sonst heute Nachmittag in der Kirche lesen müssen?«

»Der Herr Pastor wird wohl den Nachmittag ein Bischen geschlafen haben,«

sagte da Lieschen -- »Carl warf sich die Nacht so im Bette herum, und

wie ich aufstand, sah ich drüben in der Pfarre noch Licht -- der Strahl

fällt hinüber auf das gegenüber liegende Scheunendach und man konnte

es von oben aus deutlich erkennen -- wahrscheinlich ist er spät

aufgeblieben, um seine Predigt zu studieren.«

»Was werden wir denn da nur sollen?« sagte Papa Kleinholz, und stand

etwas ängstlich von seinem Stuhle auf, »ich weiß doch nicht, daß etwas

vorgefallen wäre.«

»Aber, lieber Vater, so trink doch nur erst deinen Kaffee,« bat

Lieschen, »er wird Dir ja ganz kalt bis Du wieder herüber kommst, und

gewärmt schmeckt er doch auch nicht.«

»Nein, der Herr Pastor wartet,« sagte der alte Mann, und schaute sich

nach seinem Hute um; »er ist so, wenn auch ohne meine Schuld, böse auf

mich.«

»Trinken Sie nur erst Ihren Kaffee, Herr Kleinholz,« bat ihn jetzt aber

auch Hennig, »ich gehe keinen Schritt eher aus der Stube -- der Pastor

_mag_ warten.«

»Ja aber Kinder,« bat der Greis -- »ich weiß doch nicht --«

»Ungehorsam wird nicht geduldet,« lachte Lieschen, faßte den Vater an

den Schultern und zog den nur noch schwach Widerstrebenden langsam in

seinen Stuhl zurück.

»Wenn ich nur wüßte, was er von uns will,« sagte der alte Mann, nachdem

er den heißen Trank mit größtem Eifer eine Weile geblasen hatte, bis ihm

selbst die Pfeife darüber ausgegangen war -- »Sonntag Nachmittag -- das

ist doch etwas ganz Außergewöhnliches -- und wir alle Beide.«

»Machen Sie sich keine Sorge, guter Herr Kleinholz,« lächelte Hennig,

als er das ängstliche Gesicht selbst des armen Lieschen bemerkte, das

durch des Vaters Angst angesteckt schon nichts Geringeres befürchtete,

als eine strenge Strafpredigt, weil ihr Fritz heute auf die Jagd

gegangen. Daß ihr Vater und der Hülfslehrer deshalb gar nicht

verantwortlich sein könnten, fiel dem armen Kinde nicht einmal ein, es

war das Einzige auf der weiten Gotteswelt, was ihr Gewissen drückte, und

all' ihre Angst und Sorge um den armen Jungen, ihren Fritz, der ja

doch wohl nur geglaubt hatte, seine Schuldigkeit zu thun, lag in dem

ängstlich scheuen Blick, den sie auf den Hülfslehrer wandte, als ob sie

von dem ihrem Vater an Kenntnissen weit überlegenen jungen Manne, der

überdieß in der Residenz erzogen und ein »Städter« war, Trost und Hülfe

erwarte.

Doch auch dieser stand jetzt, den Ellbogen gegen die Wand, und die Stirn

in seine Hand gestützt, am Fenster, und schaute in trübem Sinnen über

das kleine Gärtchen hinaus nach dem fernen Schwarzholz hinüber; ja

selbst die Kinder hatten aufgehört zu spielen, als sie Pastors Köchin in

die Schulstube gehen sahen, und eine so gedrückte, ängstliche Stimmung

herrschte plötzlich in dem noch vor wenig Augenblicken so freundlich

stillen Raum, daß sich auch Lieschen nicht mehr widersetzte, als der

Vater noch im Aufstehen seine Tasse leerte, die Kanne zurückschob und

nach seinem Hute griff.

»Kommen Sie, Hennig, wir wollen doch sehen, was der Herr Pastor von uns

will!«

»Ich kann mir's etwa denken,« erwiederte Hennig, während er seinem

Beispiel folgte, und langsam zur Thüre schritt.

»Denken?« frug Lieschen schnell, wurde aber plötzlich feuerroth und

schwieg, Hennig, der ihr Erröthen jedoch nicht bemerkte, sagte halb

lachend:

»Eine Ermahnung wird's sein, uns, als würdige _Diener der Kirche_, von

der politischen Bewegung der Gegenwart fern zu halten -- nicht daran zu

denken, uns von unserer Mutter -- der Kirche nämlich -- los zu sagen,

wie das gottlose Menschen in der Welt draußen gethan, und, wie bisher,

liebe _folgsame, geduldige Schaafe_ zu sein -- unter unserem Hirten, dem

Herrn -- das wird's sein, was er uns zu sagen wünscht.«

»Ja aber solche Sachen wollen wir gar nicht«, lächelte Papa Kleinholz

schon bei dem Gedanken an einen derartigen Frevel -- »Du lieber Gott,

wir sind hier zufrieden, wenn _uns_ die Menschen nur in Ruhe lassen, wir

selber wollen gern nicht mit Ihnen anbinden, nicht wahr, Hennig?«

»Was hülfe es uns auch, -- was hülf' es dem Einzelnen?« sagte Hennig mit

tiefem schmerzlichen Seufzer, »die Stimme eines armen Dorfschulmeisters

würde verhallen, wie eine Stimme in der Wüste, und -- wer weiß, ob unser

Loos nicht nachher noch am Ende gar ein schlimmeres, gedrückteres würde,

-- aber kommen Sie, kommen Sie, -- wir werden ja hören.«

Die Männer schritten rasch der Pfarrerwohnung zu, Lieschen aber trat

an's Fenster, von wo sie den Weg dorthin überschauen konnte, und so

lange sie im Stande war, ihnen mit den Augen zu folgen, geschah das, als

sie aber um die Kirche herumgebogen waren, schlich sie wieder zurück zu

ihrem Nähplätzchen, wo der Holunder schon seine frischen Blätter gegen

die Scheiben drückte, stützte da das kleine Köpfchen in die Hand, und

sann und sann, und ward endlich sogar unwillig über sich selbst, daß sie

gar nicht heraus bekommen konnte, weshalb sie eigentlich heute nur so

traurig und betrübt wäre.

* * * * *

In des Pfarrers Studierstübchen, wo indessen die Papiere und Bücher

wieder mit manchem schweren Seufzer, und mancher leise, ganz

leise geflüsterten, aber deshalb nicht weniger herzlich gemeinten

Verwünschung, geordnet waren, saß in der einen Ecke des Sophas der Herr

Pastor _Scheidler_, in der anderen, aber wie aus ehrerbietiger Scheu

auf der kleinsten, unbedeutendsten Ecke, die sein Gewicht kaum noch zu

tragen im Stande war, Papa _Kleinholz_, der Schulmeister. Vor dem Tisch

dagegen, auf hingerücktem Stuhl, Hennig, und am Fenster lehnte, ein Buch

durchblätternd, ohne dem Inhalt jedoch viel Aufmerksamkeit zu schenken,

der Diaconus.

»Lieber Schulmeister,« sagte endlich der Pastor, nachdem die ersten

höflichen Begrüßungen und Gesundheitsfragen vorüber waren, und er den

Männern jedem eine Cigarre angeboten hatte, die sich der Diaconus gleich

am Feuerzeug anbrannte, während sie die beiden Schullehrer unangezündet

in der Hand behielten -- »ich hab Sie blos rufen lassen, um einmal ein

paar Worte mit Ihnen und Herrn Hennig über die Tagesfragen, die uns denn

doch immer dringender an's Herz gelegt werden, zu sprechen. Sie haben

sicherlich schon über das neue Verhältniß nachgedacht, lieber Kleinholz,

das mein' ich, was da entstehen wird, wenn man Kirche und Schule von

einandergerissen hat, wie es die Neuerer so gerne heut' zu Tage wollen,

und wie selbst in letzterer Zeit in Ihrem eigenen Stande -- ich will nur

Kell in Leipzig nennen -- Stimmen laut geworden sind, die ihrer Collegen

Herzen für diese angebliche Freiheit zu entflammen suchen -- Sie haben

sicherlich, sag' ich, schon darüber nachgedacht?«

»Ich? -- Bitt' um Verzeihung, noch im Leben nicht,« rief Vater Kleinholz

so rasch, und in so augenscheinlicher Verlegenheit, daß sich der

Diaconus, ein Lächeln auf den Lippen, ab und dem Fenster zuwandte, und

Hennig blutroth -- aus Scham für seinen alten Freund -- wurde.

»Das wäre in der That viel,« lächelte freundlich, die Hände dabei

gefaltet, und die beiden Daumen fest gegeneinander gestemmt, der Pastor

-- »sehr viel, und ein seltenes Beispiel für unsere aufgeregte Zeit;

-- aber _Sie_ doch wohl dagegen desto mehr, Herr Hennig,« und sein

forschender Blick haftete, unter den kurzen borstigen Brauen vor, scharf

und beobachtend auf dem Hülfslehrer.

»Allerdings Herr Pastor, kann ich nicht läugnen, daß mich die Sache,

besonders in den letzten Tagen viel beschäftigt hat«, sagte Hennig, und

rückte dabei auf dem Stuhl immer noch etwas verlegen hin und her.

»Sind Sie von selbst darauf gefallen?« frug der Pastor hingeworfen --

»Ja und -- nein« erwiederte Hennig -- »ja, denn schon seit längerer

Zeit, seit einem Jahr wohl -- eigentlich seit ich hier bin, hat mich

der Gedanke an eine mögliche Selbstständigkeit der Lehrer erfüllt; ich

dachte mir immer ein Lehrer sei doch eben -- _neben_ dem Geistlichen --

das Höchste auf der weiten Gotteswelt, denn durch ihn, durch sein Herz,

durch seinen Geist sollte die heranwachsende Generation, von der der

Staat, die Welt einst Segen oder Fluch zu erndten habe, gebildet werden;

in seiner Hand liegt, ich möchte sagen, fast das Schicksal der

jungen Erdenbürger, die er zu edlen Menschen heranziehen, oder --

vernachlässigen und dadurch verderben kann.«

»Ja ja, sehen Sie, mein junger Freund,« fiel ihm hier der Pastor,

wohlgefällig dabei mit dem Kopfe nickend, in's Wort, »sehen Sie, da

kommen wir gerade auf das Kapitel, auf das ich Sie eigentlich haben

wollte, _das_, wie Sie das ganz richtig, ganz vortrefflich schildern,

würde der eintretende Zustand der Schule, das Verhältniß des Lehrers zu

seinen Kindern sein, wenn die Schule getrennt von der Kirche da stände,

oder -- mit anderen Worten, der Oberaufsicht der Geistlichkeit, die eben

dieses Wirken überwacht, entzogen wäre, in den Händen jedes einzelnen

Lehrers würde dann, ich möchte sagen, das Schicksal einer ganzen

Gemeinde liegen, und Väter und Mütter dürften keine Nacht ruhig

schlafen, aus Furcht, der Lehrer, der jetzt keinem Menschen weiter

Rechenschaft schulde, verderbe in der Schule ihr einziges Kind, und

schicke es nachher, verwahrlost an Leib und Seele ihnen wieder zu

Hause.«

Der Diaconus trommelte an der Fensterscheibe und sah hinaus.

»Ich weiß doch nicht,« fuhr Hennig, durch die Sache selbst etwas wärmer

werdend, fort, »ich weiß doch nicht, ob gerade die Oberaufsicht des

Geistlichen das zu verhindern im Stande ist; ja, ob es in unseren

jetzigen Verhältnissen nicht den Lehrer gerade eher einschläfert, und

gleichgültiger gegen seine Erziehungsresultate macht, als es der Fall

wäre, wenn auf ihm allein die Verantwortung läge, er allein aber auch

die _Ehre_ davon hätte. Jetzt nimmt der Geistliche die Kinder in die

Schule auf, und entläßt sie wieder, die Censur kommt ebenfalls vom

Geistlichen, der auch die Oberaufsicht der Klassen führt, und von dem

Kinde natürlich mit weit höherer Ehrfurcht betrachtet wird, als selbst

sein Lehrer, und ich muß aufrichtig gestehen, daß in meiner Brust selber

oft die Frage aufgestiegen ist -- müssen bei dem Kinde nicht Zweifel

entstehen, _wem_ es eigentlich seinen Unterricht zu verdanken habe,

und kann es dann _die_ herzliche Dankbarkeit gegen seinen _wirklichen_

Lehrer bewahren, die diesen doch allein in der weiten Gotteswelt, für

all' die Noth und Sorge, für all' die Entbehrungen und Aufopferung die

ein armer Dorfschullehrer gezwungen ist zu tragen, entschädigen kann?«

»Hm -- hm, mein guter Herr Hennig,« sagte kopfschüttelnd und mit einem

eigenen Ausdruck in den Zügen, der Pastor, »Sie scheinen mir da die

neuen Ideen schon ganz tüchtig eingesogen zu haben -- die Saat ist bei

Ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen, darf man fragen, was den ersten

Anlaß dazu gegeben hat?«

Zu jeder anderen Zeit würde Hennig, der doch noch einen tiefgewurzelten

Respect vor seinem geistlichen Vorgesetzten im Herzen trug, scheu vor

dem fast strengen Blicke des frommen Mannes zurückgebebt sein, und dann

hätte ihm auch nicht die Todesangst entgehen können, die bei solchen

frevelnden Worten in den stieren, bleichen Zügen des alten Schulmeisters

lag, denn der alte Mann saß auf seiner äußersten Sophakante gerade

so, als ob es rothglühendes Eisen, und nicht weichgepolsterte

Pferdehaarkissen gewesen wären, die er unter sich fühlte. Hennigs

Gedanken schienen aber mit seinen letzten Worten auch einen ganz anderen

Flug genommen zu haben -- starr und nachdenkend schaute er, weder die

drohenden Anzeigen in des Pastors, noch die flehenden in seines Seniors

Angesicht bemerkend, vor sich nieder, und wurde erst durch die directe

Frage des ersteren wieder zu sich selbst gebracht. Rasch richtete er

sich empor und sagte, an Papa Kleinholz vorbei nach dem Diaconus, der

noch immer am Fenster stand und hinaussah, deutend:

»Den _ersten_ Anlaß gaben Gespräche mit meinem Freunde --«

»Mit _mir_?« rief der alte Schulmeister, und sprang über das

Fürchterliche solcher Beschuldigung entsetzt, von seinem Sitze auf.

»Mit Herrn Brauer,« fuhr Hennig, den Greis beschwichtigend, fort, »den

zweiten, _stärkeren_ aber erst in der That heute Morgen, und zwar durch

einen Artikel der letzten Nummer der sächsischen Schulzeitung von J.

Melde geschrieben, und _Aufmunterung_ betitelt.«

»Sie haben die Zeitung bei sich?« frug der Pastor mit wieder ganz

freundlichem aufmunternden Lächeln, das nur dem alten Kleinholz

unheimlich vorkam, weil er allein von allen Uebrigen den vorigen

Zornesblick aus den nämlichen Augen blitzend, gesehen hatte.

Hennig holte als Antwort das Papier aus der Tasche, und überreichte es

dem Pastor, dieser schlug es auf; ein mit Bleistift bezeichneter Satz

fiel ihm vor allen Dingen in die Augen, und er las:

»Kann Deutschland frei werden, ohne eine freie Volksschule? Kann das

deutsche Volk stark und einig werden ohne eine freie Volksbildung?

Können sich die freien Institutionen, welche unsere freisinnigen Fürsten

gaben, dauernd erhalten, ohne eine gediegenere Volksbildung? Das sind

Fragen, die insonderheit den deutschen Lehrerstand erfüllen sollen.«

»Die Volksbildung kann und darf nicht mehr einseitig und klerikal

betrieben, die Lehrer können und dürfen nicht mehr wie Kinder

bevormundet und bemaßregelt werden. Die Schule soll und darf nicht

mehr als Magd betrachtet und behandelt werden; soll anders der große,

himmelanstrebende Bau der deutschen Volksfreiheit nicht wie ein Haus auf

Sand gebaut, zusammenstürzen.«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band. · 第 9 / 14 段