geschäftig gewesen, und so früh es auch noch an der Zeit sein mochte,
liefen doch die Kinder schon gewaschen und angezogen im Hause herum, in
der frisch gescheuerten Schulstube, denn diese diente der ganzen Familie
zum Aufenthalt, kräuselte sich der klare schneeige Sand, und auf dem
Tisch lag ein schloßenweißes Tuch mit dem schwarzen Brod, der kernigen
Butter und dem blinkenden Messer darauf, weil der Vater gern, ehe er in
die Kirche ging, einen Imbiß nahm. Niemand Anderes als Lieschen hatte
das Alles besorgt, jetzt aber schlüpfte das maifrische Kind selber zur
Thür hinaus, durch den Garten, und stand bald, von einem Fliederbusch
gedeckt in dem kleinen Pförtchen, das auf den in den Wald
vorbeilaufenden Pfad hinausführte. Einen grünen Rock hatte sie am
Fenster draußen vorbei gehen sehen, und aus dem Fliederbusch streckte
sich ihr jetzt mit herzlichem Gruß eine Hand entgegen, und eine
freundliche Stimme sagte:
»Guten Morgen, Lieschen, das ist brav von Dir, daß Du zum Morgengruß
heraus kömmst, wir sehen uns doch so selten, und es ist Einem den ganzen
Tag wohl, wenn man gleich in aller Frühe in ein so liebes Gesichtchen
geschaut hat.«
»Guten Morgen, Fritz,« lächelte seine Braut, »aber Du böser Mensch,
willst am heil'gen Sonntag, und mit der Flinte in den Wald? Ist das
auch recht? -- na, wenn Dich der Herr Pastor sähe, der würde ein schönes
Gesicht schneiden.«
»Er hat mich gesehen,« lachte der junge Jäger, »ich war erst beim
Gerichtsschreiber, wegen des Burschen, den wir gestern verfolgt haben,
und mußte nun den Kirchweg herauf. Gewöhnlich ist der Pastor nicht am
Fenster, heute aber stand es auf, und er daneben, mit einem Papier in
der Hand; er sah auch gerade nach mir herüber. Ei, was schiert das mich
-- sein Geschäft ist in der Kirche, meines im Walde, und wenn wir Beide
dem obliegen, kann sich keiner über den anderen beklagen.«
»Am Sonntage ist aber Deines auch in der Kirche,« sagte Lieschen; »wenn
nun Alle so denken wollten, da käme ja weiter kein Mensch zur Predigt,
als der Pastor und Schulmeister selber; das wär' eine schöne Kirche.«
Der Jäger lachte bei dem Gedanken, daß der Pastor einmal keinen weiteren
Zuhörer hätte, als den Schulmeister, sagte aber, schmeichelnd die Hand
streichelnd, die er noch immer in der seinen hielt:
»Laß gut sein, Lieschen, Du hast vielleicht Recht --«
»Nein, nicht vielleicht, ich --«
»Du hast _gewiß_ recht, aber sieh, heute geht's nicht anders; der
Strauchdieb, der wehrlose Frauen im Walde anfällt, muß jedenfalls wieder
zurückgewechselt sein, und da will ich nur einmal abspüren, wo er hinein
ist, denn in dem feuchten Graben kann man jede Fährte genau bestimmen.
Geschweißt hat er auch, vielleicht machen wir ihn noch aus, ehe er
weiteres Unheil anrichtet.«
»Du lieber Gott, sprichst Du doch da von einem Christenmenschen, als ob
es nur ein unvernünftiges wildes Thier wäre.«
»Ei was, ein Schuft, der Frauen anfällt --«
»Aber er _hat_ sie ja gar nicht angefallen -- Herr Hennig --«
»Er hat sie nicht angefallen? -- ist denn mein Vater nicht gerade dazu
gekommen, wie er des Pastors Tochter gefaßt hatte und plündern wollte?«
»Aber laß mich doch nur erst ausreden, Fritz --« rief Lieschen eifrig
-- »Herr Hennig ist ja auch dabei gewesen, und mit Sophiechen Scheidler
nachher nach Hause gegangen, und _die_ muß es denn doch wohl am Besten
wissen, ob sie angefallen ist oder nicht.«
»Man sollte es denken,« meinte der Jäger.
»Nun die also -- Herr Hennig hat uns die ganze Geschichte gestern Abend
bei Tische erzählt -- behauptet steif und fest, er hätte sie _nicht_
angefallen, sondern sei nur aus dem Walde auf sie zugetreten, um sie
wahrscheinlich nach irgend einem Weg zu fragen, vielleicht auch um
etwas anzusprechen, und da habe die Mamsell aus der Stadt gleich Zeter
geschrien, Dein Vater aber, der gerade dazu gekommen, Feuer gegeben, als
der Fremde, wohl über das Schreien erschreckt, eben in den Wald zurück
fliehen wollte.«
»Hm, das klingt freilich anders, als der Vater mir erzählt hat, der
meinte --«
»Dein Vater ist aber weit davon entfernt, und Sophiechen dicht dabei
gewesen,« vertheidigte das Mädchen ihren Schützling, »die muß es also
auch besser gesehen haben, und sie soll recht traurig gewesen sein,
daß der arme Mensch so ohne alles Verschulden, vielleicht ihretwegen
verwundet ist. Herrn Hennig war's eben so -- der hat selber den ganzen
Abend kein Wort weiter gesprochen, und wir mußten ihm das, was wir
überhaupt von ihm heraus haben wollten, Sylbe bei Sylbe vom Herzen
ziehen. -- Ich weiß aber wohl warum, so dumm ist unser eines auch
nicht.«
»Nun warum denn?« frug der Jäger erstaunt, »der Schulmeister hat doch
mit der ganzen Geschichte weiter Nichts zu thun gehabt, als daß er dem
Fräulein beigesprungen ist.«
»Ach bist Du blind,« seufzte mit komischem Mitleiden des Schulmeisters
Töchterlein, »Hennig ist bis über die Ohren in Pastors Sophie
_verliebt_, und geht nun so traurig herum, weil er die doch im ganzen
Leben nicht bekommen kann.«
»Nicht bekommen kann? nun das sehe ich denn doch nicht ein,« sagte der
Jäger, »wenn sie ihm wieder gut ist, was sollte sie da Beide hindern,
sich zu heirathen?«
»Ein Schulmeister eine Pastorstochter?« entgegnete ihm kopfschüttelnd
sein Bräutchen, »das mag wo anders Sitte sein, aber hier zu Lande im
Leben nicht. Ach du lieber Gott, _unser_ Herr Pastor seine Tochter einem
_Schulmeister_ zur Frau geben -- na, ich möchte dabei sein, wenn er um
sie anhielte.«
Der Jäger runzelte die Stirn und sagte finster:
»Ich möchte nur wissen, was ein Pastor denn so weit Besseres wäre, wie
ein Schulmeister, -- wenn Dein Vater uns Jungen nicht ordentlich erzogen
und belehrt hätte, da sähe es jetzt wild im Dorfe aus, und der Herr
Pastor könnte sich von der Kanzel herunter heiser schreien, es kehrte
sich kein Mensch an ihn und seine Predigt. Ich will Dir auch etwas
sagen, Lieschen, früher, wie wir uns noch nicht kannten, und wie mir der
Schulmeister weiter Nichts war, als >der Lehrer<, um den sich die Jungen
in späterer Zeit leider immer wenig genug kümmern, da war mir's auch
einerlei, was so _vom_, und wie _über_ den Schulmeister im Dorfe
gesprochen wurde; aber schon, wie ich anfing Dir gut zu sein, ehe Du
mich nur selber so recht freundlich angesehen hattest, ärgerte es
mich, wenn es hier und da bei Gelegenheiten hieß -- >es ist _nur_ der
Schulmeister<, oder >wenn's der Herr Pastor will, der Schulmeister muß
schon --<, der >_Herr_ Schulmeister< fiel keinem Menschen ein zu sagen.
Wie ich erst einmal auf der Spur war, kam ich auch bald weiter -- ich
dachte d'ran, wie wir Jungen es in der Schule gemacht, und was für
Schläge ich einmal zu Hause von meinem Vater bekommen, als ich gegen den
Schulmeister mit dem Pastor gedroht; jetzt erst sah ich, wie demüthig
der Schulmeister den Herrn Pastor immer grüßte, und wie freundlich
_herablassend_ dieser dankte. Ei zum Donnerwetter, was ist denn der
Pastor eigentlich besseres als der Schulmeister -- daß er den Leuten
etwa Sachen vorpredigt, von denen er eben auch nicht mehr weiß, wie wir
anderen Menschen?« --
»Fritz -- Fritz,« bat hier ernst das Mädchen, -- »greif mir meinen
_Glauben_ nicht an, über die Menschen magst Du sagen, was Du willst,
aber nicht über den.«
»Du hast recht, mein Herz,« sagte der junge Mann leicht besänftigt, »mir
that es nur weh, daß auch Ihr selber, Du sowohl, wie Dein alter Vater,
den Pastor ebenfalls für etwas Besonderes haltet, und Euch ordentlich
vor ihm fürchtet. Doch das muß anders werden; in der Stadt drinn, wo ich
vorgestern war, sprachen sie ganz offen davon, daß die Schule von
der Kirche getrennt werden, und die Geistlichkeit mit dem Lehramt
gleichgestellt werden sollte, nachher hört die Unterthänigkeit von
selber auf. Es ist auch gerade so mit der edlen Jägerei -- edel, lieber
Gott, der Revierjäger wird gewöhnlich von dem gnädigen Herrn wie der
Bediente behandelt, und Jäger sind wir fast gar nicht mehr, höchstens
noch Forstläufer, die nach den Holzschlägern und Holzdieben sehen, und
das Pflanzen der jungen Sprößlinge, wie die Auctionen der geschlagenen
Klaftern und Haufen besorgen müssen -- mir graust's vor dem Dienste.«
»Aber lieber Fritz,« sagte das Mädchen traurig, »jeder Stand hat doch
seine --«
»Lieschen -- Lieschen!« rief's in dem Augenblick aus dem Haus -- »wo
steckt denn das Blitzmädel wieder -- Lieschen!«
»Ich muß in die Kirche,« sagte Lieschen rasch -- »behüt' Dich Gott,
Fritz, und -- nicht wahr, wenn Du den armen Menschen im Walde triffst,
so thust Du ihm nichts? Er ist gewiß unschuldig und vielleicht gar
schwer verwundet.«
»Nummer 6.« lachte Fritz, »und auf 80 oder 90 Schritte, er wird's kaum
gespürt haben, -- adieu Lieschen, leb recht wohl, heut' Abend, wenn ich
darf, komm ich ein halb Stündchen herüber, am Sonntag leidt's schon.«
Ein herzlicher Händedruck, ein flüchtiger halbgestohlener Kuß, und der
junge Jägersmann schritt, zur unbändigen Freude seines Hundes, dem die
Zeit hier am Gartenzaune schon entsetzlich lang geworden war, rüstig den
Pfad entlang dem Holze zu; Lieschen aber schlüpfte rasch in's Haus, und
ging bald darauf, züchtig und ehrsam über den kleinen Plan hinüber und
in die große Kirchthür hinein, die ihrer Stube gerade gegenüber lag.
Der Vater war mit dem Hülfslehrer schon vorausgegangen, und die
feierlichen Klänge der Orgel grüßten sie, als sie in das kleine, mit
bunten Bildern, Ernte- und Todtenkränzen und grobgeschnitzten Statuen
von Märtyrern und frommen freigebigen Rittern geschmückte Heiligthum
trat.
* * * * *
Von dem Hügel aus, auf dem die Schenke stand, konnte man das ganze
Rauschenthal nach Westen zu übersehen, und ein lieblicher Anblick war
es, den die weite, fruchtbare, nur hie und da mit dunklen Waldschatten
durchzogene, und im fernsten Hintergrund von blauen Bergwänden begrenzte
Ebene dem Auge bot. Tief unten schäumte der Strom, aber nur da, wo er
sich, etwas weiter südlich, in leisem Bogen nach der Försterwohnung
hinüberzog, ließ sich ein kleiner Theil seines in der warmen Frühsonne
blinkenden Wassers erkennen, sonst deckte theils der baumbepflanzte
Hügel, theils die unten angebauten Häuser seine Fläche. Aber drüben,
am anderen Ufer, wechselte dafür der Farbenschmuck der frisch keimenden
Felder um so freundlicher und belebter; breite Rapsflächen stachen mit
ihrem saftigen Grün wohlthuend gegen das düstere Braun der Sturzäcker
ab, junger Kieferschlag umdämmerte weite langgedehnte Wiesengründe und
mehr nach Norden hinauf, gerade zwischen dem schwarzen Nadelholz des
diesseitigen, und dem noch unbelaubten Eichenhügel des jenseitigen Ufers
hin, blitzte ein klarer, weidenumschlossener Wasserspiegel, der große
herrschaftliche Fischteich des dicht benachbarten Gutes, wie eine
glänzende Perle aus ihrer matt smaragdenen Fassung, leuchtend hervor.
Oben um die Schenke herum war Alles still und wie ausgestorben; des
Pastors schwerstes Interdikt lag auf dem, der während der Kirche es
gewagt hätte die Schenke zu betreten und es schien ordentlich als ob
sich der Wirth selber scheute in seine eigene Stube hinein zu gehn, denn
er trieb sich faul und schläfrig unter der Linde auf dem freien Platz
vor seinem Haus herum, und schaute nur manchmal ungeduldig nach dem über
die Pfarrwohnung vorragenden Kirchthurm hinüber, ob die Zeit denn noch
nicht bald heranrücke, wo seine Gäste, aus der Kirche zurückgekehrt,
ihre nicht mehr als billige Station in der Schenke machten.
Seine Frau und Mutter, und Magd und Knecht, alle waren sie fort,
Gottes Wort zu hören und nur das eine gewährte ihm jetzt eine
wirklich vollkommene Beruhigung, daß er heute einmal ganz hinlängliche
Entschuldigung hatte _nicht_ auf seinem Stuhl gerade vor der Kanzel (er
war übrigens fest entschlossen _den_ Platz von Ostern an aufzugeben und
einen bescheidneren mehr seitwärts zu nehmen) zu sitzen und sich zwei
volle Stunden lang die größt möglichste Mühe zu geben munter zu bleiben.
Im Garten aber, der westlich vom Hause und durch breitbuschige
Hecken links von dem Dorfe und rechts von einem vorbeiführenden Wege
abgeschnitten lag, saß auf einem kleinen sonnigen Rasenfleck, das
Antlitz dem vor ihr ausgebreiteten lieblichen Thal zugewandt, die
Schulter gegen einen stämmigen Aepfelbaum gelehnt, die Hände im Schooß
gefaltet, den Kopf gesenkt, wie im Anschaun des Waldgrundes vertieft,
doch aber auch wieder mit einem Blick, der nur an leerer Luft zu haften
schien, Maria, die Tochter des alten Musikanten.
Lange hatte sie schweigend so dagelehnt, und wohl recht trübe traurige
Gedanken mochten es sein, die dem armen kranken Kinde durch Herz und
Seele zogen. Endlich strich sie sich mit der Hand, als ob sie dem
Schmerze wehren wolle, über die Augen, seufzte tief auf und pflückte,
wie um sich zu zerstreuen, ein paar neben ihr wachsende Veilchen ab.
Doch auch das war nicht im Stande ihre Aufmerksamkeit zu fesseln; die
Blüthen entfielen unbeachtet ihrer Hand, der Blick haftete wieder fest
und seelenlos am fernen Horizont und die Lippen öffneten sich endlich zu
einem leisen schwermüthigen Lied, das sie mit wunderbar klangvoller aber
nur halblauter Stimme sang und die beiden zarten Hände dabei fest und
krampfhaft auf dem Herzen faltete:
»So will ich denn nun von hinnen gehn,
Und will Dich auf immer verlassen;
Gebrochen hast Du mir Deinen Schwur
Ich sollte Dich eigentlich hassen.
Doch kann ich es nicht; Erinnerung bleibt
Von früheren lieberen Tagen,
Es war ja doch meine schönste Zeit
Als ich dich im Herzen getragen.
Ich sage _als_ -- ach Du lieber Gott
Ich thue das ja noch immer,
Und wenn ich Dir auch entsagen muß --
Vergessen kann ich Dich nimmer.«
»Na, laß du nur den Pastor über dich kommen« rief da plötzlich eine
rauhe mürrische Stimme hinter ihr -- »der würde Dir's Handwerk legen,
während der Kirche zu singen.«
»Singt er nicht auch in _seiner_ Kirche?« frug die Tochter, ohne ihre
Stellung zu verändern oder auch nur den Kopf empor zu heben, »warum ich
nicht in der _meinen_?«
»Nein« lachte der alte Mann und schaute mit einem halb verächtlichen,
halb spöttischen Blick nach der Kirche hinüber -- »Da thust Du denen
unrecht, wenn Du sagst sie _sängen_; ich bin einen Augenblick drin
gewesen, konnte aber _das_ Gebrüll keine zehn Minuten aushalten.
Herr, Du mein Gott und davon sind die Menschen erbaut, _das_ soll sie
_erheben_. Der Schulmeister spielte wunderschön die Orgel, das muß man
ihm lassen, aber von der Gemeinde schrie einer da und einer dort hinaus,
und wenn er gar einmal wie es ihm gerade in Fingern und Gefühl lag,
einen halben Takt länger Pause hielt, dann hätt'st Du das Nebenbei
schrein der Lümmel, das Kopfschütteln vom Pastor auf der Kanzel und das
Kichern und Lachen von den Jungen auf dem Chor hören und sehn sollen. --
Es war mir ordentlich wohl, wie ich wieder vor der Thür draußen stand.«
»Und was hast Du ausgerichtet?« frug ihn die Tochter.
»Ausgerichtet? -- ei, eine ganze Menge -- aber wie gewöhnlich nicht viel
Gutes -- wär's mit dem Morgenconcert heute etwas geworden, so hätten wir
gleich wieder auf eine Zeitlang zu leben; Du glaubst gar nicht wie sich
die Leute im Dorfe, besonders im Stadtviertel freuten, als ich es ihnen
sagte, und wie sie mir versprachen zu kommen. -- Daß es der Pastor
verbieten würde, daran dachte ich ja doch mit keiner Sylbe, aber mein
Seel, muß mich das Unglück auch gerade in dem Augenblick zum Apotheker
'nein führen, wie der Pastor drinne sitzt und eine Tasse Kaffee trinkt,
und kaum hört der von meiner Einladung, als er sich in die Brust wirft
und mir gerade zu erklärt aus einem Morgenconcert in _seinem_ Dorfe
könne _Sonntags_ unter keiner Bedingung etwas werden, das lenkte die
Kirchgänger nur von ihrer Andacht ab, oder verhinderte sie wohl gar
im Gotteshause zu erscheinen. Ich protestirte; sagte ihm daß ich schon
meine ganzen Einladungen gemacht hätte -- ja Du lieber Himmel, was
kehrte sich der Herr Pastor daran, ob ein so armer Lump von Musikant
noch einmal bis zehn Uhr Nachts, und mit leerem Magen im Dorf herum
laufen und das selbst wieder abbestellen und zerstören muß, was ihm
morgen doch wenigstens ein paar Groschen zu Brod gebracht hätte. Herr
Du mein Gott, s'ist doch gerade zum aus der Haut fahren, wenn sich jetzt
auch noch die Pastoren den Musikanten quer vor's Handwerk legen. -- Aber
zum Henker -- was ärgere ich mich denn auch eigentlich über den Quark
-- giebt's denn auf der Welt etwa ein vortrefflicheres Leben als das
unsere?
»Wo er naht, da tanzt man eben,
Durch das ganze Land,
Ist es nicht ein herrlich Leben
So ein Musikant?«
»Darum, sei's auch noch so schlimm hier,
Bleibt's der schönste Stand,
Und wenn's angeht, Mädchen, nimm Dir
Nur 'nen Musikant! -- Juchhe!«
»Und die andern Spielleute?« frug die Tochter leise.
»Die lachten als ich es ihnen sagte, und meinten, das hätten sie vorher
gewußt, da müßten sie ihr Prachtexemplar von einem Pastor nicht kennen.
Die haben aber gut lachen, die sitzen warm und sicher, und denen ists
einerlei, ob sie heute ein paar Groschen verdienen oder nicht -- bei mir
wird's aber zur Lebens- oder vielmehr zur Morgensfrage.«
Die Beiden schwiegen und starrten, Jedes in seine Gedanken vertieft,
in das schöne sonnige Thal hinaus, und das eigene Herz mußte Ihnen, im
Gegensatz zu all der Herrlichkeit, die sie umgab, wohl noch viel trüber
und trauriger erscheinen. Endlich flüsterte Marie, als ob sie sich
fürchte, die Frage laut zu thun --
»Und wie wird es hier mit uns? -- in der Schenke können wir doch nicht
bleiben, Du weißt was uns der Wirth gesagt hat?«
»Das hab' ich abgemacht.«
»Abgemacht?«
»Nun, nicht etwa mit baarem Gelde,« lachte der Musikant, »aber der Wirth
will uns Nichts abnehmen, wenn wir heute Nachmittag, nach der Kirche
heißt das, und sobald die Gäste heraufkommen, ein Stündchen musiciren.
Ich spiele und Du singst -- aber Marie -- Du hast die Nacht wieder recht
gehustet, wirst Du auch bei Stimme sein? -- es schadet Dir doch nicht?«
Das Mädchen lächelte wehmüthig und sagte leise, während es sich vom
Vater abwandte:
»Was soll _mir's_ schaden -- doch Vater --« fuhr sie, nach leichtem
Zögern und mit leiserer Stimme fort -- »weißt Du wem das Gut hier
gehört?«
Der Alte nickte nur einfach mit dem Kopf, und brummte endlich ein
mürrisches:
»Ja -- was solls?«
»So laß uns lieber fort von hier ziehn« -- bat die Tochter -- »ich
möchte nicht hier bleiben, wenn wir hoffen dürften, wo anders unser Brod
zu finden.«
»Wir _dürfen_ aber nicht hoffen, wo anders unser Brod zu finden,
_Mamsell_!« rief der Vater heftig und sah sie mit finsteren Blicken an.
»Zum Donnerwetter über das ewige Nasenrümpfen -- überall stehts der Dame
nicht an -- einmal ist ihr die Gesellschaft zu schlecht, einmal der Ort
selber nicht recht und bald dieß bald das nicht; zum Teufel, ich habe
das Herumziehn jetzt satt -- hier ist mir Hoffnung geboten, wenigstens
den Sommer hindurch aushalten zu können, und hier blieb ich, wenn selbst
zehn und zwanzig solche alte Halunken wie der Oberpostdirektor hier
lebten; der wird _uns_ schon aus dem Wege gehn, und wir brauchen ihn
ebenfalls nicht aufzusuchen.«
»Aber Vater!«
»HeiligesHimmelDonnerwetter jetzt halt das Maul!« zankte der rohe Alte
und streckte drohend den Arm gegen das Mädchen aus -- »komm' mir noch
einmal mit solch albernen Vorschlägen und sieh was ich thue. -- Unsinn
verdammter« brummte er dann, und wie sich selbst zu beschwichtigen,
hinter drein -- »jetzt wieder fort von hier zu gehen, wo's grade anfängt
gut zu werden -- na weiter fehlte mir gar Nichts. Die Aussichten sind
jetzt gerade vortrefflich. Erstlich hab' ich für uns, unten im Dorfe
d'rin, ein kleines Kämmerchen gemiethet, wovon wir den Zins wenigstens
nicht gleich zu zahlen brauchen, und dann ist heute Abend hier oben
Tanz, wobei ich, durch des alten Schulmeisters Verwendung, ebenfalls
mit angenommen bin; ein paar Groschen wirft's da doch immer ab, theuer
scheint's hier im Orte auch nicht zu sein, und da werden wir also wohl
auch nicht gleich verhungern.«
»Vater« sagte das Mädchen, das in tiefen Gedanken verloren eine lange
Weile schweigend vor sich nieder starrte, »Vater, hast Du Nichts
wieder von -- von dem Manne gehört, den sie gestern in den Wald hinein
verfolgten?«
»Ich! -- nein -- doch ja, beim Schulmeister sprachen sie noch gestern
Abend davon; der soll des Pastors Tochter und noch so eine andere
Mamsell angefallen, und der gerade dazu gekommene Jäger auf ihn
geschossen haben; nachher meinten sie, wär' er hier dem Dorfe zu
geflüchtet, sie sind aber von seiner Spur abgekommen. Soviel weiß ich,
erwischt ist er noch nicht -- aber weshalb fragst Du?«
»O um Nichts -- ich dachte nur gerade an ihn -- komm Vater, wir wollen
hier fortgehn, die Kirche ist aus, und die Leute kommen den Berg
herauf.«
Sie stand auf und schritt langsam, unter den Obstbäumen hin, den Garten
hinab, als ihr der Vater noch nachrief.
»Lauf aber nicht weit -- der Wirth hat uns auch heute Mittag einen
Teller warme Suppe versprochen -- das geht mit ein.«
Sie nickte nur schweigend, daß sie es gehört, und verschwand dann durch
die kleine Pforte, die hinaus auf den Hügel führte, der Musikant aber,
in den Gedanken an die Suppe vertieft, und nur einen sehnsüchtigen Blick
nach der Thurmuhr werfend, wie lange Zeit er bis zum Empfang derselben
noch etwa zu warten habe, schritt langsam am Wirthshaus vorbei in's Dorf
hinein, und summte dabei leise vor sich hin:
»Es strebt die Seele himmelwärts,
Hinauf, hinauf, zu höh'rer Sphäre,
O Gott, wie wollt' ich dichten, Herz --
Wenn ich nicht manchmal hungrig wäre!«
Neuntes Kapitel.
Die Schule.
Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber, Schulmeister Kleinholz hatte
an Pastors Statt Betstunde gehalten, die dafür bestimmte Abtheilung der
Schuljugend die Kirche ausgelauten, und aus dem »Stadtviertel« sowohl,
wie aus dem Orte selbst belebten, des reizenden Tages sich freuend,
Spaziergänger die Wege und Hänge, die nach dem Rauschenbett hinabliefen
und die reizende Aussicht über das frühlingslichte Thal gewährten. Nur
in der Schule saßen die Bewohner derselben noch in ihrer Sonntagsruhe um
den weißgescheuerten Tisch herum, auf dem die braunglänzende Kanne
mit den blaugeblümten Tassen und den blankgeputzten zinnernen Löffeln
prangte, und den nicht asiatischen, sondern mehr vaterländischen Duft
von gebrannten Möhren (die nichtsdestoweniger den fremdländischen
Namen Kaffee trugen) zur Decke emporqualmte, daß er in den freundlichen
Sonnenstrahlen, die schräg durch das geöffnete Fenster hereinfielen,
allerlei wunderlich phantastisch wechselnde Figuren und Gestalten
bildete.
Wenn aber selbst Bediente und Lakaien, ja sogar das Gesinde der Ritter-
und Bauergüter ihre eigene Stube haben, wo sie nach des Tages Last und
Arbeit zusammenkommen können und dem lästigen Gewirr enthoben sind, so
war der Schulmeister, den die Gemeinde von Horneck direct, das ganze
Land aber indirect einen Theil seiner heranwachsenden Bevölkerung
mit dem Theuersten, was er besitzt, mit Geist und Herz, vertraut und
übergeben hatte, kein solcher Raum angewiesen, in dem er wenigstens
menschlich existiren konnte.
_Der Schulmeister von Horneck war mit seiner ganzen Häuslichkeit einzig
und allein auf die allgemeine Schulstube beschränkt._
Außer dieser besaß er, zu seiner eigenen Verfügung gestellt, nur ein
kleines, kaum an Raum hinlängliches Käfterchen, wo er mit den Seinen,
mit all seinen Kindern schlafen konnte -- ein anderer, ebenfalls unter
das Dach gedrückter und noch viel kleinerer Raum konnte dem Hülfslehrer
angewiesen werden, und die dunstige Schulstube, die überdies so feucht
lag, daß _alle zwei Jahre neue Dielen gelegt werden mußten_,[1] war
Wohn-, Studier- und Kinderstube des armen Schulmeisterleins. Der Pastor
hatte hinlängliche Räumlichkeit, ja, _ihm_ ist sogar im Gesetz ein Platz
zur Studierstube ausdrücklich bestimmt; daß aber der Lehrer, der sich
doch auf seine Stunden ebenfalls, und eigentlich mehr noch vorbereiten
muß als der Pastor auf die allwöchentliche -- Gott weiß am Besten wie
oft schale und wässerige -- Predigt -- daß dieser, sage ich auch, ein
Zimmer haben sollte, in dem er ungestört von Kinderlärm existiren, wo
er die kurze Zeit wenigstens, während er keinen Unterricht giebt, eine
reine, gesunde Luft athmen müsse, um nicht erst körperlich und dadurch
endlich auch geistig zu Grunde zu gehen, das scheint den Herren bis
jetzt keineswegs eine dringende Nothwendigkeit gewesen zu sein. Ich weiß
allerdings recht gut, daß es in den _meisten_ Schulwohnungen wirklich
der Fall ist, aber nicht geringere Schmach trifft deshalb, wenn das auch
nur an einem einzigen Orte geduldet werden konnte, die, deren Aufsicht
dort die Bildung der Jugend anvertraut worden.
[1]: Diese Schilderung ist nicht übertrieben, denn noch _bis zu
diesem Augenblicke_ findet ganz das nämliche in dem Dorfe Roitzsch
bei Wurzen statt.