öffnete die Thüre wieder, um ihn auszugießen.
»Was war denn im Hause?« frug in dem Augenblicke unten vor der Thüre
eine Stimme die heraustretende Magd -- »wer schrie denn so -- ist der
Kerl etwa drinn?«
»Megte wissen wie,« lachte das Mädchen, »unser Frälen hat sich blos
an'en Kopp geschtußen -- na is die schreckhaft -- wenn iche jedesmal
kreischen wullte, wo ich wo anrenne, nachen's hätt' ich Arbet.«
Sophie, die oben mit klopfendem Herzen in der Thüre stand und den Worten
lauschte, konnte nichts weiter verstehen, denn die Redenden traten mehr
vor das Haus und gleich darauf wurde auch das Thor wieder geschlossen.
Sie drückte ihre eigene Thüre in's Schloß, schob den kleinen Riegel vor,
that ein paar Schritte gegen das Fenster und sagte hier mit leiser, aber
vor innerer Angst zitternder Stimme:
»Was um Gotteswillen hat Sie unglücklicher Mann in dies Haus getrieben
-- wie kamen Sie in dies Zimmer, und wer hat sie hereingelassen?«
»Der Zufall und mein gutes Glück ließen mich, unbemerkt von Anderen,
die rechte Thüre treffen,« sagte jetzt Wahlert, und trat, durch das
Gefährliche seiner Lage gezwungen, eine Nothlüge zu machen, leise auf
sie zu -- »aber Sie, mein Fräulein, Sie allein waren die Ursache, die
mich hierher geführt.«
»Ich? -- wie um Gottes Willen -- ich?«
»Gehetzt wie ein wildes Thier,« fuhr der Flüchtling mit leiser aber
bitterer Stimme fort, »bin ich seit heute Morgen durch Wald und Forst
gestreift, und weshalb -- weil ich ein freies Wort gesprochen, weil ich
dem Volke Glück und Freiheit geben wollte, und nicht darauf achtete,
ob ich dabei die Großen der Erde erzürnte. Aus jahrelangem Schlaf ist
Deutschland erwacht, die Fesseln der Tyrannei wirft es fort, und wären
wir ein einziges Volk, jetzt, jetzt blühte die Zeit, wo wir mit _einer_
Kraftanstrengung die Nacken heben, das Joch brechen könnten, aber
während sich in dem einen Staate, in der einen Stadt das Volk in keckem
Todesmuthe den Bayonetten entgegenwirft, sieht das Nachbarländchen
müßig zu, und wartet, bis auch an seine Grenze die Reihe kommt, und die
Fürstenknechte erst in dem einen Gebiete gesiegt haben, um nun auch in
dem anderen, falls es dann noch Lust verspüren sollte, sich wirklich
zu erheben, die Bande fester schürzen, die Knechtschaft unzerreißbarer
machen zu können. Ihr dann, die Ihr der Gewalt kühn die Stirne bietet,
werdet verfolgt, gefangen, und hält Euch erst einmal der Kerker
umschlossen, o Ihr Armen, dann, wehe, wehe Euch, Ihr seht das Licht
nicht wieder.«
»Aber mein Herr --«
»Verzeihung, Fräulein -- ich dachte an Deutschland -- nicht an mich --
so hören Sie denn. -- In eine fremde Gegend hierher geschleudert, wo mir
Weg und Steg fremd war, wußte ich nicht, an wen ich mich, von Verfolgern
umgeben, wenden könne, um die nächste Richtung nach der Grenze zu
erfahren -- jeder Mann, den ich anredete, konnte ein Feind sein. Da sah
ich von meinem Versteck aus Sie vorübergehen -- Ihr holdes Angesicht,
in dem kein Falsch lag, kein Verrath lauerte, gab mir Muth, ich trat
auf Sie zu, wollte mit wenigen Worten ihre Furcht über meinen Anblick
beschwichtigen, das Wort der Bitte dann an Sie richten, da -- ein
sicherer Schütze war es, der das Blei nach mir sandte -- doch vielleicht
war es gut -- es kürzt meine Leiden ab.«
»Großer Gott -- Sie sind verwundet?« rief Sophie rasch und erschreckt.
»Lassen Sie das --« sagte Wahlert mit leiser Stimme und ein Gedanke
an Rettung zuckte ihm durch das Hirn -- »mein Halstuch hat die Blutung
gestillt und ich finde vielleicht morgen Jemanden, der mir die Kugel
aus der Wunde zieht -- ich wollte -- ich wollte nur nicht der Gefahr
ausgesetzt sein, vielleicht -- vielleicht an Blutverlust im Walde liegen
zu bleiben -- ohne vorher wenigstens bei Ihnen rein dazustehen --
die andere Dame schien mich für einen Räuber zu halten, der hülflose
Frauen --«
»Heiland der Welt,« bat Sophie in Todesangst -- »wie können Sie glauben
-- ich war -- ich wußte --«
»Sophie!« rief in dem Augenblicke eine Stimme von der Treppe herauf --
»Sophie!«
Die Jungfrau eilte zitternden Schrittes zur Thüre, öffnete diese und
antwortete:
»Ja Mutter -- ich komme gleich.« --
»Nein, Kind, machst Du lange,« sagte die Stimme unten, »die Suppe wird
ja ganz kalt -- der Vater ist auch eben gekommen.«
»Ich komme den Augenblick, Mutter!«
Die Thüre unten ging wieder zu.
»Sie müssen fort -- gleich fort,« wandte sich jetzt das arme Mädchen
in Todesangst an den Fremden, »aber wohin wollen Sie fliehen, wohin
_können_ Sie, verwundet und ohne Beistand.«
»Wenn ein Wundarzt hier im Orte wäre, dem ich mich anvertrauen dürfte,«
flüsterte der Flüchtling, »es soll hier ein Doctor Levi in Horneck
wohnen.«
»Das war ein glücklicher Gedanke,« rief schnell Sophie, »auch ist
der seiner radicalen Gesinnungen wegen bekannt, und wird Sie nicht
verrathen!«
»Aber wie find' ich sein Haus -- wie verlass' ich diesen Ort, ich bin
ja wie ein Wolf, wie ein gehetztes Thier des Waldes umstellt -- doch was
thut's -- was schadet es, hab' ich mich doch jetzt wenigstens in _Ihren_
Augen gerechtfertigt -- halten _Sie_ mich doch nicht mehr für schlecht
-- was kümmert mich's da, wie die Welt von mir denkt, was die Welt jetzt
mit mir thut.«
»Bleiben Sie jetzt noch hier oben, bis wir gegessen haben,« sagte Sophie
rasch und entschlossen, »ich werde Gelegenheit finden, dem Doctor ein
paar Zeilen zu schreiben, später soll er Sie abholen; mit Hülfe von
meines Vaters Hut und Mantel wird das möglich sein. Wenn auch Wachen
ausstehen, kann man Sie nicht in _der_ Kleidung vermuthen. -- Heiliger
Gott, mein Vater kommt -- wenn er hier einträte. --«
Der schwere Schritt des Pastors wurde auf den knarrenden Stiegen laut --
im nächsten Augenblicke klopfte er an der Tochter Zimmer.
»Sophie,« sagte er dabei, »mach' rasch, daß du hinunter kommst. Die
Mutter wartet und wird schon ganz ungeduldig -- aber -- wie ist mir denn
-- hier -- hier ist ja gescheuert -- ich will doch nicht hoffen« -- er
eilte schnellen Schrittes nach seiner weit offen stehenden Stube hinter,
und die laut zürnende Stimme verrieth bald, _was_ er dort gefunden haben
mußte.
»Nein da hört Alles auf -- Sophie -- Frau -- nun das hat mir noch
gefehlt -- Sophie -- wo ist das Mädchen, Christel, Rose oder Grete, wie
heißt sie denn nur eigentlich -- Christel.«
»Halten Sie sich ruhig -- ich hole Sie bald ab,« flüsterte Sophie, schob
den Riegel zurück und glitt rasch aus dem Zimmer, das sie hinter sich
wieder verschloß.
»Aber Mütterchen, was giebt es denn nur?«
»Wer hat dem unglückseligen Geschöpf von einem Mädchen gesagt, daß es
meine Stube scheuern soll?« frug hier der gestrenge Herr Pastor und
stand, mit dem Lichte in der Hand, dem Hut auf dem Kopfe und den Mantel
noch umgehangen, auf der Schwelle seiner Stube -- »wer hat der Liese
oder Christel oder Grethe, wie sie heißt, aufgetragen, mich hier mit
meinen Papieren unter Wasser zu setzen?«
»Ih Du meine Güte, was giebt es denn da oben nur eigentlich, warum kommt
Ihr denn heute gar nicht zum Essen?« frug die Frau Pastorin, und ihr
Kopf erschien eben hoch genug, um durch das hölzerne Treppengitter
hin den Gang entlang sehen zu können. »Was hast Du denn, Scheidler? Du
machst ja einen entsetzlichen Spektakel?«
»Wer hat meine Stube scheuern lassen!« frug der Pastor hiergegen in
lakonischer Kürze -- »wer war der Unglückliche.«
»Deine Stube?« rief die Frau Pastorin erschreckt und kam rasch die
Treppe ganz herauf -- »ei Du lieber Gott, wenn man seine Augen doch auch
nicht allerwegen hat -- Rieke -- Rieke -- wo nur das Wettermädel wieder
steckt -- Sophie, ruf mir doch einmal die Rieke herauf, sie soll den
Augenblick herkommen.« Und mit den Worten nahm sie ihrem Gatten das
Licht aus der Hand, und hob dieses, die Stube betretend, aus der ihr ein
feuchter warmer Dunst entgegenquoll, hoch empor.
Allerdings hatte aber auch der Pastor Ursache, erzürnt zu sein, und
er wurde es erst noch, als er den vollen Umfang der angerichteten
Verwirrung vollkommen überschauen konnte.
Die ganze Stube war gescheuert, aber nicht allein die Stube, sondern
auch alles Holzwerk, es mochte nun Wasser vertragen oder nicht. Die
Bücherbreter standen abgeräumt und naß, und auf den Stühlen, auf
dem Ofen, auf Bett und Sopha lagen die Bücher, sorgfältig aber wild
zusammengeschichtet über einander. Ja selbst der einfache Schreibtisch
war der Scheuerwüthigen nicht entgangen, die Papiere, deren sie
doch allein Anschein nach nicht sämmtlich Herr werden konnte, staken
rücksichtslos in die oberen Fächer hineingestopft, oder flogen jetzt,
da in diesem Augenblicke das Mädchen gerade unten mit einer neuen Tracht
Wasser in's Haus kam, durch den Zug der geöffneten Thüre getrieben, von
Bett und Sopha aus zerstreut in der nassen Stube herum. Kein Blatt, kein
Buch, kein Stuhl lag oder stand an seinem alten gewohnten Platze, und
der Raum glich eher jedem andern Zimmer, als dem stillen Studierstübchen
eines fleißigen Pastors am Sonnabend Abend, wo er sich erst recht
sorgsam auf die morgen zu haltende Rede vorbereiten sollte.
Der Pastor schritt rasch auf seinen Schreibtisch zu, sah sich hier
mit ängstlich forschenden Blicken überall um, und wandte sich dann in
stummer sprachloser Verzweiflung gegen die Thüre, wo eben die zankende
Stimme seiner Frau laut und das bestürzte dummverdutzte rothbreite
Antlitz der Magd sichtbar wurde.
»Wo hat Sie die Papiere hingethan, die auf meinem Schreibtische lagen,
Christel? -- rede Sie, Sie unglückseliges Geschöpf!«
Die Magd sah, nicht wissend ob sie oder Jemand anderes mit dem
»Christel« gemeint sei, ängstlich von Einem zum Anderen, erwiederte aber
gar Nichts --
»Rieke heißt sie,« fiel die Frau Pastorin, gegen ihren Eheherrn gewandt,
ein, »wo hast Du die Papiere hingethan, Rieke, und wer hat Dir überhaupt
gesagt, daß Du hier im Zimmer scheuern solltest?«
»Härr Jeses,« klagte das Mädchen, »das muß mer nur wissen, aber de
Schtube sach so erschrecklich aus, un _der_ Schnupptaback drinne, un
_die_ Flecken un _die_ Papierschnitzeln --«
»Wo _sind_ die Papierschnitzeln, Grethe« -- rief jetzt der Pastor,
immer mehr sich ereifernd und vergebens bemüht, den Namen des heute
erst angezogenen Mädchens zu behalten, »wer hat Ihr gesagt, daß Sie Ihre
Fäuste an meine Papiere legen soll.«
»Nu, wo sollen se sin,« brummte die Magd, »ufgereimt han ich se, das
versteht sich doch? -- Die sin Se los -- de großen Stücken han ich
in den Korb da gästeckt, wu schonst mehr Papier dringe stock, und die
kleenen Schnitzelchen liegen im Ofen -- ich han's Feier mit angemacht,
daß es schnell dreige wären sülle.«
Der Pastor fuhr erschreckt nach dem Ofen, aber das Gräßliche war
wirklich schon geschehen, es glimmte dort von dünnen Holzscheiten
genährt ein kleines gemüthliches Feuer, und die leichte graue
Papierasche, die ihm entgegenflog, bestätigte jedes Wort, was das
Mädchen gesprochen.
»Die großen Stücken in den Papierkorb, und die Schnitzelchen in den
Ofen,« stöhnte der Pastor und faltete die Hände, »meine kostbaren Citate
und Bibelstellen, nach großen und kleinen Papierschnitzeln sortirt --
Herr vergieb mir meine Sünde, aber bei dieser Gelegenheit möchte ein
frommer Christ doch wahrhaftig aus der Haut fahren -- Miene, Miene, Sie
hat mir hier einen Streich gespielt, den ich Ihr im Leben nicht vergesse
-- und meine Predigt -- entsetzliche Person, meine Predigt; wenn Sie die
auch verbrannt hat, muß Sie mir wahrhaftig morgen, am Tage des Herrn,
wieder aus dem Hause.«
Der Pastor konnte schwer überredet werden, sein Suchen vor der Hand
aufzugeben, und erst zum Essen hinunter zu kommen, das verlassen und
einsam auf dem Tische stand. Glücklicher Weise fand er wenigstens den
größten Theil des Vermißten wieder, und die _weitere_ Nachforschung bis
nach dem Abendessen verschiebend, hing er Hut und Mantel, da in seiner
eigenen Stube kein Zoll breit Raum mehr war, auch nur einen Handschuh
abzulegen, draußen vor der Thür auf einen Stuhl von wo sie Sophie, als
die Eltern vor ihr her die Treppe hinunter gingen, rasch wegnahm,
in ihre Stube legte, die Thüre wieder verschloß, und dann, um keinen
weitern Verdacht zu erregen, mit zu Tische ging.
Das Abendgespräch bildete natürlich zuerst das eben angerichtete
Scheuerunglück und dann der Entflohene, von dem der Pastor gehört, wie
auch, daß er seine eigene Tochter angefallen habe. Diese Anklage des
»Unglücklichen« wies aber Sophie bestimmt ab; der Mann sei, wie
sie sagte, gerade auf sie zu aus dem Walde getreten, und habe sie
wahrscheinlich um etwas bitten wollen, als Anna Schütte, einen wilden
Angstschrei ausstoßend, davon gelaufen sei; der dazu kommende Jäger aber
wäre jedenfalls viel zu voreilig gewesen, gleich auf einen Menschen zu
schießen, von dem er noch nicht einmal wissen konnte, ob er schuldig
oder unschuldig sei.
Dagegen eiferte der Pastor, nannte den Entsprungenen einen »Wühler« und
»sehr gefährlichen Menschen«, der sich aber auch sonst noch habe viel
Schlechtes zu Schulden kommen lassen und schloß mit dem herzlichen
Wunsche, daß er seinem Schicksale nicht entgehen und wieder eingefangen
werden möge, ehe er etwa gar mehr Unheil anrichte, und andere Menschen
in's Verderben führe.
Sophie war von den Erlebnissen des Tages aufgeregt und erschöpft --
klagte über heftige Kopfschmerzen und Herzklopfen, und bat die Mutter,
Friederiken noch einmal nach dem Doctor hinein schicken zu dürfen, daß
er ihr ein Fläschchen von den Tropfen schicke, die ihr früher so gut
gethan.
»Ich möchte dem Mädchen aber wohl den Namen aufschreiben,« sagte sie,
als sie aufstand, es zu bestellen -- »wer weiß, was sie mir sonst
ausrichtet.«
»Gewiß, gewiß,« rief der Vater schnell, und zündete sich das Licht
wieder an, um die unselige Verwirrung seiner Papiere, so weit das
überhaupt noch möglich war, zu heben -- »und schreib's ihr ausführlich
auf, _der_ ist Alles zuzutrauen; unsere Anna Marie, die heute abzog,
hatte das Pulver auch nicht erfunden, aber so dumm, wie diese Hanne,
war sie denn doch wahrhaftig nicht -- daß sie mir nur nicht wieder über
meine Schwelle kommt, so viel sag' ich Euch.«
Und damit verließ er das Gemach und stieg langsam in sein Studierzimmer
hinauf.
Eine Viertelstunde später ging das Mädchen in das Dorf zum Doctor,
der eben aus der Schenke heim gekommen war. Von diesem erhielt sie ein
kleines Fläschchen, das sie auch glücklich zerbrach, ehe sie hundert
Schritte weit gegangen war. Unverdrossen kehrte sie aber wieder um, ließ
sich dasselbe noch einmal geben, und brachte es diesmal auch wirklich
bis vor die Pfarre, wo es jedoch das Schicksal des ersten theilte. Noch
einmal umkehren ging nicht an -- der Wächter im Dorfe tutete eben zehn,
und mit thränenden Augen und Todesangst ging sie zum »Frölen« hinein und
klagte ihr Unglück.
Es schadete Nichts, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber
warum ging das »Frölen« nur nicht zu Bette -- da wurde bei Rieken der
Kopfschmerz immer gleich wieder gut. -- Sophie wollte noch ein Bischen
auf dem Sopha sitzen bleiben, die Pferdehaarkissen kühlten ihre Schläfe
und thaten ihr wohl. --
»Nu Härr Jeses, do nähm ich mer doch was mit ze Bette,« meinte die Magd.
»Es ist schon gut, Rieke, geh' nur, ich komme auch gleich nach,« sagte
des Pastors zitterndes Töchterlein, und barg die fieberglühende Stirn an
dem kühlen Polster.
Halb elf Uhr war's und in der Pfarre wachten noch drei Menschen. Der
Eine saß zwischen wüsten Bücher- und Papierhaufen, die zu ordnen er
an diesem Abende in Verzweiflung aufgegeben, und studierte, von der
Außenwelt ganz abgeschlossen, an seiner morgenden, wenigstens
stückweis geretteten Predigt. Der Andere stand, die heiße Stirn an die
Fensterscheibe gepreßt, oben in der Jungfrau lauschigem Gemach, und
zählte in peinlicher Ungeduld die Viertelstunden, wie sie der düstere,
links über den Kirchhof hervorragende Thurm langsam und schläfrig zu ihm
herüber wimmerte -- schaute zu den Wolken auf, die rasch und geisterhaft
an den funkelnden Sternbildern vorüber glitten, und horchte mit
klopfendem Herzen dem leisesten Geräusch, das aus Garten oder Hofraum zu
ihm herauf tönte.
Der Dritte aber, die scheue, angstdurchschauerte bebende Jungfrau,
stand, die Hände krampfhaft auf den furchtsam wogenden Busen gefaltet,
im kalten Zuge der Hausflur, und harrte in athemloser Erwartung des
verlangten Zeichens.
Endlich -- endlich wurden draußen leise, vorsichtige Schritte hörbar --
dreimal klopfte es an -- tick, tick, tick -- tick, tick, tick -- tick,
tick, tick, und leise aber ohne Zögern erwiederte sie die Parole.
Kein Wort wurde gesprochen, rasch nur glitt sie die Treppe hinauf und
kehrte nach wenigen Secunden mit einer in einen Mantel gehüllten, den
Hut tief in die Augen gedrückten Gestalt wieder zurück.
»Hier, nehmen Sie, und Gott sei mit Ihnen,« flüsterte sie leise, und
drückte dem Flüchtenden die kleine Börse, all' ihr Erspartes, in die
Hand.
»Sophie,« sagte Wahlert, und eine eigene Rührung überkam sein sonst
sanften Regungen nicht leicht zugängliches Herz -- »ich weiß nicht --
darf ich --«
»Nehmen Sie, die Augenblicke sind kostbar -- es ist nur ein Darlehn, das
sie mir in glücklicher Zeit zurückerstatten können.«
»Du mitleidsvoller Engel, aber nicht kränken will ich Dich jetzt durch
kalte Weigerung -- Dank -- Dank, tausend Dank und -- Lebewohl --«
Leise umfaßte sein Arm die zitternde willenlose Gestalt -- er zog sie
an sich und ein langer, glühender Kuß brannte auf den bleichen, kalten,
unentweihten Lippen der Jungfrau.
Leise entzog sie sich endlich seiner Umarmung.
»Fort -- fort --« flüsterte sie -- »an jeden Augenblicke kann sich das
Verderben hängen.«
Rasch, doch geräuschlos schob sie den schweren Riegel zurück -- auch das
Schloß wich, und ächzend öffnete sich die Thür -- aber der Pastor oben
vernahm nicht den Laut, der zu jeder Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen hätte, tiefbrütend saß er über der schwülstigen Rede,
die morgen in vernichtender Kraft von der Kanzel hernieder donnern
sollte, und durch den Garten draußen, an der Hecke hin, den schmalen
Pfad hinunter auf dem breiten Weg, der in's Dorf führte, und in dieses
hinein, bis zu dem kleinen niedrigen, von breitästigen Kastanien
beschatteten Häuschen des Doctors schritten rasch und wortlos zwei
Männer und verschwanden bald in die, sich augenblicklich wieder hinter
ihnen schließende Thür.
In ihrem Kämmerchen aber, das holde thränenfeuchte Angesicht fest,
fest in die Kissen hineingeschmiegt, und die Brust nur von dem einen
Gedanken, dem einen Bewußtsein tiefen unsäglichen Schmerzes erfüllt, lag
die Jungfrau und weinte -- weinte, als ob ihr von diesem Augenblicke an
alle und jede Freude auf der weiten schönen Gotteswelt abgestorben und
gebrochen wäre.
Achtes Kapitel.
Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen.
Es war ein freundlicher sonntägiger Frühlingsmorgen, der zweite April im
Jahre unseres Herrn 1848, der Himmel spannte sich blau und sonnig über
die schöne, blüthengeschmückte Erde, der Wald lag schlummernd unter der
leichten, maigrünen Laubdecke, die Lerchen stiegen fröhlich wirbelnd
empor aus der schon wogenden Wintersaat, und der Storch stand langbeinig
und ernst oben auf dem Kirchendach, ließ sich nicht stören durch den
munteren Krähenschwarm, der oben um den Thurmgiebel krächzte, und
schaute gar bedächtig in das Dorf hinunter, als ob er selber neugierig
wäre zu sehen, wer heute bei dem herrlichen, köstlichen Wetter wohl in
die kalte, feuchte, dumpfige Kirche käme, um zu seinem Gott zu beten,
und es nicht vorzöge, draußen im Freien, in jeder Blüthenknospe, in
jedem zwitschernden, jubelnden Sänger des Waldes und Feldes seinen
Schöpfer und Erhalter, seinen liebenden, sorgenden, waltenden Vater zu
verehren.
Unten an den Glockensträngen hing eine Schaar jubelnder, ausgelassener
Schulkinder, und riß an den hanfenen Seilen, während droben der Klöppel
summend und dröhnend gegen seine metallene Hülle schlug, und manche
geschäftige Mädchenhand eilte das Mieder rascher zu schnüren, und die
bandgeschmückte Haube zu ordnen, manchen breitgeschweiften Hut in die
struppige Stirn seines Eigenthümers drückte und ihm das schwarzhäutige
Gebetbuch unter den Arm schob.
Und drüben, am dunkelgrünen Rande des Nadelholzes stand ein schlankes,
scheues Reh, und lauschte vorsichtig nach den wohl oft gehörten, aber
doch unbegriffenen Tönen hinüber; auch der Storch drehte manchmal den
Kopf dem summenden Laute zu, als wenn er sehen wollte, ob es der Klöppel
oben oder die wilde Jugend unten am ersten überdrüssig würde, und die
Lerche jubelte harmonisch in den Klang hinein und hob sich, wie von den
schwellenden Tönen getragen, höher und höher; die aber zitterten durch
die blaue, weißhauchige Luft, über die thauschweren Blüthen und Halme
hin, nach dem Wald hinüber, und dem hehrrauch gefülltem Thal; und in die
fernen Schlüchte und Gründe, in die Zweige und Büsche hinein, schmiegte
sich der Schall, und der Luftzug trug ihn fort, weiter, immer weiter
hin in dem Aethermeer, bis er in blauer Ferne über die Halden, über
die Hänge hin verschwamm, und Maiblumen und Veilchen nur noch wie
ahnungsvoll und grüßend hinüber nickten, und die perlenschweren Kelche
wiegten und schaukelten.
Fromme, oder wenigstens pünktliche Kirchengänger zogen die engen Pfade
entlang dem Gotteshause zu, rothe gesundwangige Mädchengesichter, die
Augen züchtig auf die blankgewichsten Schuhspitzen niedergesenkt,
und gebeugte Greise, die schon die Zeit berechneten, wo sie in ihrem
schmalen, letzten Haus den Pfad hinauf _getragen_ würden, den sie
jetzt noch alterschwach, aber nicht lebensmüde, -- denn der junge Lenz
pflanzte auch neue Hoffnung in ihre alten Herzen -- hinauf wandelten.
Warm und wohlthuend schien die schon hoch über dem fernen Wald stehende
Sonne in des Schulmeisters kleines, aber freundliches Gärtchen, das
von seines Töchterleins fleißiger Hand gepflegt, der lieben Blumen
und Blüthen gar viele und herrliche trieb; Frühtulpen und Narcissen,
Veilchen und Aurikeln, Maiglöckchen und Leberblümchen wetteiferten im
Farbenschmelz und süßem Duft, und Schulmeisters Töchterchen selber war
nicht die unbedeutendste Blume in ihrem lieben, freundlichen Garten.
Niemand wußte das übrigens besser, als Fritz Holke, des Jägers ältester
Sohn und Gehülfe, der erst kürzlich seinen Militairdienst beendet hatte,
und nun hoffen durfte, in späterer Zeit entweder in seines Vaters Stelle
bestätigt zu werden, oder doch irgend einen anderen Posten, der seinen
Mann ernährte, zu erhalten. Um aber auf alle Fälle gesichert zu sein,
glaubte er nichts Eiligeres zu thun zu haben, als sich nach einer
künftigen Hausfrau schon bei Zeiten umzusehen, und seinem Geschmack
machte es allerdings Ehre, daß er dazu Schulmeisters Lieschen gewählt.
-- Ein herzigeres Kind, eine bessere Tochter, ein rechtschaffeneres
Mädchen gab es nicht im weiten schönen Land, und was ihr Aussehen
betraf, so konnte sie mit den gesundheitfrischen Wangen und den
schelmischen Grübchen drinn, den treublauen Augen und der schlanken fast
zarten Gestalt, auch den Vergleich mit Mancher aushalten, die sich
sonst vielleicht weit schöner und besser dünkte, als eben »Schulmeisters
Lieschen.«