kopfschüttelnd, »'s Auskratzen ging wenigstens nachher noch so ziemlich
gut. Schweiß konnten wir auch nicht finden, aber mit meinem Fritz und
den Holzschlägern bin ich ihm nachher nach, und richtig kriegten wir
ihn auch wieder zu Gesicht, denn wir trieben das ganze Weidicht unten
ordentlich ab. Mein Fritz und ich, wir nahmen die Flügel und wie wir
oben an die Schwarzholzecke kamen, stellten wir Beide uns nach dem Dorf
zu vor, und ließen die Holzmacher links herauf schwenken. Der Kerl war
auch weiß es Gott im Treiben, und wollte, gleich wo's nachher nach dem
Fluß zu geht, wie ein alter Fuchs durch die Treiber brechen. Das wäre
ihm auch, da sie doch wenigstens funfzig Schritt auseinander gehn
mußten, beinah gelungen, denn das Unglück wollt' es, daß er gerade
zwischen dem alten lahmen Gottlieb und Richters Jungen hinein kam, die
ihn alle Beide nicht wieder eingeholt hätten. Gerade da aber, wo er
durchbrechen wollte, war ein offener Haidefleck -- der Streifen Feld da
oben, Wagner, wo wir vor zwei Jahren die jungen Kiefern steckten --
und wie er eben über den hinspringen will, läuft der alte Gottlieb mit
seinem Stock auf ihn an und schreit ihm zu, er soll sich ergeben. Hol'
mich der Teufel, wie der den Stock auf sich gerichtet sieht, wobei er
wahrscheinlich auch schon an das Blei dachte, das er bei sich trug,
stieß er einen lauten Schrei aus, und sprang wie ein Donnerwetter in die
dichten Büsche zurück.«
»Und was ist nachher aus ihm geworden?«
»Der Teufel weiß es« brummte der Jäger, »er ging wieder nach vorn,
und wenn er nicht nachher doch noch einen Rückwechsel gefunden hat, so
bleibt weiter gar nichts anderes möglich als daß er durch das Ufer des
trockenen Baches, gerade unter den Dornen hin in das Dorf gekrochen
ist.«
»In das Dorf?« riefen der Verwalter und Gerichtsschreiber, die jetzt
ebenfalls an des Jägers Tisch getreten waren, »das kann ja doch gar
nicht sein; der Graben oder was es ist, läuft gerade in Pastors Garten
aus, und er wird sich doch wahrlich nicht, wenn einmal verfolgt, aus dem
ihm allein noch Sicherheit bietenden Wald, mitten zwischen seine Feinde
wagen?«
Der Doctor sagte kein Wort mehr, ging aber eine ganze Weile, und zwar im
tiefsten Nachdenken, im Zimmer auf und ab, bis er wieder in die Nähe des
Jägers kam; dort blieb er stehn, wandte sich noch einmal an diesen und
frug ihn:
»Und Ihr glaubt wirklich, daß er durch den Graben nach dem Dorfe zu
entkommen wäre?«
»Ich weiß wenigstens nicht wie er sonst durchgeschlüpft sein könnte,«
meinte der Jäger, »ohne daß ihn Einer von uns auch nur gesehn, oder in
dem Laube gehört hätte. Der Wald ist dort viel zu licht, als daß Einer,
erst dort hinein getrieben, lange Verstecken spielen dürfte.«
»Könnte er aber nicht in einen Baum geklettert sein?« frug der
Doctor noch einmal, im letzten verzweifelten Versuch, auch nur an die
Möglichkeit einer anderen Flucht glauben zu dürfen, aber der Forstmann
schnitt ihm auch diese Hoffnung ab.
»Oh was,« brummte er, »in die Rauschenecke hatten wir ihn hinein, soviel
ist gewiß, und dort waren wir ihm, wenn's auch da wirklich Bäume gäbe,
in die man sich verstecken könnte, viel zu dicht auf den Hacken, als daß
er an so etwas hätte denken dürfen. Der ist im Dorf, und wenn er's hier
nicht ganz schlau anfängt, so kriegen wir ihn doch noch, denn ich habe
unten am Garten sowohl da, wo's nach der Straße niedergeht, wie oben
nach dem Wald zurück, und an dem Weg in's Dorf hinein meine Wachen
ausgestellt, die keine Katze, vielweniger einen so baumlangen Kerl
durchlassen.«
»Hm, hm --« murmelte der kleine Mann vor sich hin, und drängte sich,
ohne etwas weiter darauf zu erwiedern, der Thüre zu. Am Schenkstand
bezahlte er seine Zeche und verschwand gleich darauf, die einbrechenden
90,000 Freischaarer und die rothe Republik gänzlich der Gnade und
Ungnade der Zurückbleibenden überlassend, aus der Wirthschaftsstube.
Auch das fremde Mädchen verließ das Zimmer, schritt aus dem Haus bis
unter die große Linde, setzte sich auf die dort angebrachte hölzerne
Bank, in den Schatten des gewaltigen Baumes, barg das bleiche Antlitz
zwischen den dünnen abgemagerten Fingern, und schluchzte leise und
heftig.
Die Sterne blitzten und funkelten aus dem dunkeln, von keinem
Mondenstrahl erhellten Himmel nieder, durch die breitästigen Wipfel
der Linden rauschte und brauste der kühlfeuchte Nachtwind; im Dorfe
herrschte Todtenstille, nur manchmal tönte das Bellen eines treuen
Wachthundes aus Hof oder Garten her, oder der Schritt der jetzt einzeln
aus der Schenke Heimkehrenden schallte hohl von dem harten Boden wieder.
Auch die Lichter der verschiedenen Wohnungen waren fast alle verlöscht,
nur in der Pastorwohnung, das Haus ließ sich deutlich erkennen, denn
dicht dabei stieg der dunkle kahle Thurm starr und schroff empor,
brannte noch in einem der oberen Fenster ein einsames Lämpchen.
»Marie!« rief die Stimme des alten Musikus von der Thüre der Schenke
aus -- »Marie -- wo zum Donnerwetter steckt mir die Dirne nun wieder --
_Marie!_ will ich doch verdammt sein, wenn mir die nicht noch die Galle
an den Hals ärgert. Ei so geh' zum Teufel« brummte er noch eine Weile,
als er vergebens gehorcht und gewartet hatte, denn die dunkle
Gestalt unter der Linde rührte und regte sich nicht -- »wenn sie Dich
ausschließen, magst Du sehn wie du in's Haus kommst.«
Und schimpfend warf er die schwere Thüre in's Schloß.
Hell und freundlich schienen die liebenden funkelnden Sterne auf die
stille Erde nieder; in den Zweigen und Aesten des alten Baumes rauschte
und flüsterte es geheimnißvoll und das Käuzchen, das mit geräuschlosem
Flügelschlag über die Häuser strich, setzte sich auf das nächste Dach
und rief sein wehmüthiges unheimliches »Komm mit -- komm mit.« --
Unbeweglich aber lehnte an dem knorrig rauhen Stamm das einsame Mädchen,
fest und schweigend hafteten an den fernen glänzenden Himmelskörpern
ihre feuchten Blicke, und erst als vom düsteren Thurm drüben die Glocke
Mitternacht schlug, schlich sie durch die Thüre, die ihr der Vater
offen gelassen zu ihrem kalten harten Lager hinauf, unter das Dach der
Schenke.
Siebentes Kapitel.
Die Pfarre.
Als Fräulein Anna Schütte sah, wie der Fremde nach Sophiens Arme griff,
und sich nur einen Augenblick unbeachtet wußte, ja auch schon dann
vielleicht, als sie den ersten panischen Schrecken überwunden hatte,
daß ein wild aussehender Mensch aus dem stillen Holz, wie ein Blitz aus
heiterem, sonnenklaren Himmel auf sie herniederfahren konnte, floh sie
in flüchtigen Sätzen die Straße entlang, und erfüllte mit ihrem Geschrei
den friedlichen Waldesdom. Selbst der Heher schwieg, bestürzt vor
den gellenden Tönen, und dachte erst später daran, sie wie das übrige
Vogelgeschrei, mit spottendem Flügelschlag nachzuäffen; die übrigen
Waldvögel aber mieden scheu den Platz, wo ihrer Ansicht nach, etwas
Entsetzliches passirt sein mußte. Sie wäre auch sehr wahrscheinlich
eben in solcher Art bis in das Dorf hineingerannt, hätte sie nicht
glücklicher Weise gerade am Ausgange des Waldes einen Ackerknecht
getroffen, dem sie ohne weiteres um den Hals flog, und nun hier so zu
weinen und jammern anfing und solche gräßliche Geschichten von Mördern
und Räubern erzählte, die dicht hinter ihr wären, daß es dem armen
Teufel selber ganz angst und bange wurde, und er nicht recht wußte, was
er am Meisten zu fürchten habe, die nahenden Räuber, oder den
Zustand der fremden Dame, der ihm schon anfing mehr als bedenklich zu
erscheinen.
Der Bursche war übrigens unter solchen Umständen eben so wenig von
der Stelle zu bringen; denn im Walde hatte er nach der erhaltenen
Beschreibung gar Nichts weiter zu suchen, und zu Hause, von woher er
erst kam, wollte er auch nicht gleich wieder. Fräulein Schütte schien
jedoch ebenfalls nun, da sie zum Glück einen Beschützer gefunden, fest
entschlossen, keinen Schritt weiter allein zu thun, und so trafen sie
noch Hennig und Sophie, als sie aus dem Walde auf das freie Feld traten.
Sophien schien es lieb zu sein, die Freundin noch hier zu finden, sie
eilte gleich auf sie zu, ergriff ihren Arm, und versprach ihr, sie zu
Hause zu geleiten, bat sie aber auch zugleich, von dem Vorgefallenen im
Dorfe Nichts zu erzählen, da solche Sachen immer gleich verschlimmert
und dem »armen Flüchtling,« der sie im Walde angeredet, vielleicht gar
wieder die entsetzlichsten Absichten untergelegt würden.
Davon wollte nun freilich Fräulein Schütte im Anfang Nichts hören, ließ
sich jedoch zuletzt überreden, und bat nur Sophien, als sie endlich zu
Hause angelangt war, wenigstens so lange bei ihr zu bleiben, bis die
Mutter, die irgend einen Besuch gemacht hatte, zurückkehre, »denn wenn
sie jetzt, und mit Dunkelwerden allein im Zimmer sitzen solle, fürchte
sie sich zu Tode.«
Das sagte ihr Sophie gern zu, denn sie selbst mochte nicht gerade
jetzt gleich, und in der Aufregung, in der sie sich befand, nach Hause
zurückkehren.
An dem nämlichen Abend beendete, ungestört und nicht behindert durch
Singen oder Rufen, Feodor Strohwisch ein humoristisches Gedicht, --
es war früher einmal ein altes Liebesgedicht gewesen, das er in süßer
schwärmerischer Stunde gemacht, und er hatte es heute zu einem launig
politischen Epos umgeändert -- es blieb nichts zu wünschen übrig,
viermal hinter einander las er es sich mit immer wachsendem Beifall
selbst laut vor, und sprang endlich in aller Freude auf, schritt rasch
zu dem ihn erstaunt anschauenden Haubenkopfe hin, streichelte ihm
die zinnoberrothen Backen, und nannte ihn »sein liebes, frommes,
schweigsames Mädchen.«
* * * * *
In der Dämmerung war es indessen, daß durch den kleinen Obstgarten, der
dicht hinter der Pfarrerwohnung lag, und hier zugleich die Grenze des
Dorfes nach dem Walde zu bildete, eine menschliche Gestalt aus dichtem
Gestrüpp und Dornenwerk hervorkroch, und an der Hecke hin und von dieser
gedeckt der kleinen hölzernen Thüre zu schlich, die hinaus auf einen
schmalen Pfad führte, der den steilen, mit Obstbäumen bepflanzten Hügel
hinab, und durch das Dorf, dem Flusse zu lief. Dort aber kaum angelangt
und schon mit der Hand auf dem Thürdrücker, zuckte er plötzlich von
jähem Schreck berührt, zusammen, denn dicht über sich, so nahe, daß er
den Sprecher hätte mit der Hand erreichen können, hörte er eine Stimme,
die ihm nur zu deutlich die Gefahr verrieth, in der er sich befand.
»Du, Kahle«, sagte Einer der dort Stehenden, »der kann hier gar nich
'nein sin, sonst werd' er ja doch nicht in den Diarndern stecken bleiben
-- der is widder in's Hulz zurück, un mer stehn hier umsunst, un han
Maulaffen feel.«
»Schweig still,« brummte der Andere dagegen mit unwilliger, aber leiser
und unterdrückter Stimme, -- »in den Graben is er nein, un wär't Ihr mir
gefulgt, so hätten mer'n jetzt; nu aber kennen mer de halbe Nacht
hier schtehn, un erwischen en doch nich. Na, Fritze muß gleich mit den
Angeren kummen, un nachher laassen mer den Hund nein -- _der_ find't
en!«
»Wenn er aber nu drüben 'nausfährt?« frug die andere Stimme besorgt.
»Haste keene Angst nich,« sagte Kahle mit leisem, heiserem Lachen,
»davor is gesurgt, 'raus kommt er hier nich, wenn er nich beim Paster
nein fährt, und da is de Thire verschlossen. Doch bis jetzt ruhig -- 's
is wohl noch hälle, in den Bischern drinn kennte er aber doch so nahe
'ran kriechen, daß er Eenen heren kennte, und nachens wärsch Essig.«
Der Flüchtling lag zitternd unter die Hecke gedrückt, und schaute
verzweifelnd nach einem Ausweg auf Rettung umher. Kam die gedrohte
Verstärkung mit dem Hunde, so war er verloren, und hier, von allen
Seiten umstellt, -- es blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Pfarre,
dort hinein mußte er.
Ein dichter Holunderbusch, der schon fast vollständig seine Blätter
getrieben hatte, machte es ihm möglich, unentdeckt wieder die Mitte
des Gartens zu gewinnen, und von hier aus kroch er in einer Vertiefung,
einer Art trockenem Graben, der dazu diente, das an der Hausthür
ausgegossene schmutzige Wasser, wie auch den vom Dache niederträufenden
Regen in die Schlucht hinab zu führen, bis dicht zum Haus hinan.
Vorsichtig hob er sich empor und ergriff die Klinke. -- Die Dämmerung
wurde glücklicher Weise immer dichter, und gerade dieser Theil des
Hauses lag in tiefem Schatten. -- Aber wehe. -- Die Thür war wirklich
verschlossen, und den Berg herauf -- er horchte mit klopfendem Herzen
den nahenden Tönen -- kamen Menschen, und Hundegebell tönte dazwischen.
»Tod und Teufel!« murmelte er vor sich hin, »und so unbewaffnet
diesen Bauerlümmeln in die Hände zu fallen -- versuche ich's aber
durchzubrechen nach dem Walde hin, so schießen sie mir wie einem tollen
Hunde auf den Leib, -- trag' ich denn nicht selbst jetzt die Schrote
von dem Schuft in der Haut, und hat nicht nachher schon wieder Einer der
blutdürstigen Hallunken auf mich angelegt? Und geradezu herausgehen und
mich ergeben? -- das wäre ein verdammt gewagtes Ding -- weiß der Böse,
wie auch all' die Sachen so ganz auf einmal gegen mich aufgetaucht
sind. Ja, wäre mit dem Volke hier etwas zu machen, da ließe sich der
Geschichte leicht eine andere Wendung --«
Er erschrak, denn dicht neben ihm wurden inwendig im Pastorshause
Schritte laut, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und Wahlert behielt
nur noch eben genug Zeit, hinter ein paar, dort gerade neben der Thür
lehnende Breter zu treten, als sich diese öffnete, und die Magd mit
einem großen Kübel voll Wasser heraustrat, etwa zwanzig Schritte weit
nach dem Graben zu ging, in welchem er eben heraufgekrochen, und das
Wasser dort hinein ausgoß. Eine solche Gelegenheit kam nicht wieder,
Wahlert glitt unter den Bretern hin, in's Haus hinein, und die
knarrenden Stufen hinauf in den ersten Stock. Hier sah er noch eine
kleine Treppe, über deren dritter Stufe ebenfalls eine kleine Thür
befindlich war -- jedenfalls ging die auf den Boden, sie war auf, und er
sprang hinein.
»Alle Wetter,« murmelte er aber, und prallte daraus zurück -- »das ist
ja ein Zimmer --« durch den matten Lichtstrahl, der noch durch's Fenster
fiel, konnte er den weißen Ueberzug eines Bettes und über den einen
Stuhl hängende Frauenkleider erkennen.
Er wollte das Gemach rasch wieder schließen, und sein Heil wo anders
suchen, da hörte er auf der Treppe Schritte, der Strahl eines Lichtes
fiel herauf, und es blieb ihm nun gar keine andere Wahl, als geradezu
wieder zurück zu springen, und die Thüre hinter sich zu zu ziehen;
er mußte auf günstigeren Zeitpunkt warten, ein sichereres Versteck zu
suchen.
Es war die Magd, die mit einem großen Kübel Wasser in den Händen, und
das Licht in den einen Finger geklemmt, die Treppe langsam heraufstieg.
Vor der Kammer, in welcher Wahlert stak, blieb sie stehen, hob den Kübel
auf die Stufen, schob ihn dicht an die Thür, stellte das Licht daneben,
und ging dann wieder hinunter, noch mehr Apparate zu ihrem Scheuerfeste
zu holen.
Wahlert versuchte jetzt, die Thür wieder zu öffnen, um über den Gang
hinüber wo möglich die Bodentreppe auszuspähen, aber -- fest und
unweichbar stand das schwere Wassergefäß davor, nicht einmal einen Zoll
breit konnte er seinen Kerker lüften, und sollte er Gewalt brauchen?
-- Das ging auch nicht, dann warf er den bis zum Rand gefüllten
Kübel gerade zu die Stufen hinab, und das Gepolter, und die in's Haus
niederströmende Flut mußte ihm die Verfolger auf den Hals hetzen. Er
behielt aber auch nicht einmal lange Zeit zum Ueberlegen, das Mädchen
kam bald wieder zurück, und blieb nun oben auf dem Gange, den sie gleich
darauf mit Scheuerbesen und Tüchern wacker in Angriff nahm.
Wie sollte das enden, wer wohnte überhaupt in dem Zimmer? Wahlert warf
sich, den Kopf sinnend in die hohle Hand gestützt, auf einen der ihm
nächsten Stühle, und überdachte seine Lage -- die Möglichkeit seines
Entkommens, -- bedachte die Gefahr, der er ausgesetzt war, wenn er
wirklich gerade jetzt, wo noch den Gerichten, wenigstens hier im
Lande, nicht alle Macht genommen worden, in ihre Hände fiele. Auch die
Erlebnisse ging er in seinem stillen Brüten durch.
Den, nach ihm ausgesandten Häschern glücklich entgangen, stand ihm jetzt
die Welt offen -- er konnte fliehen, konnte vielleicht die französische
Grenze erreichen -- aber was sollte er nachher dort? -- Womit seine
Existenz sichern, was überhaupt dort wirken, schaffen, nützen? -- Nein,
hier in Deutschland lag sein Ziel -- Deutschland forderte von ihm seine
Thätigkeit.
Das alte System, was sich lange Jahre hindurch, den Völkern zum Trotz
und Hohn auf ihrem Nacken behauptet, war durch die jetzige Revolution
nicht gestürzt, nein, nur kaum erst erschüttert worden, und nun galt es,
daß die Männer der Freiheit Hand an's Werk legten, das schmachvolle
Joch gänzlich darnieder zu schmettern und den neuen Tempel der
Volkssouveränetät in herrlicher Schöne aus seinen Trümmern emporsteigen
zu lassen. Und war _er_ nicht vor tausend Anderen der Mann, der im
heiligen Kampf vorangehen mußte, den Unschlüssigen? War ihm nicht die
Gabe der Rede verliehen? Hatte er nicht seit dem 18. März schon zweimal
das Volk zu wildem stürmischen Enthusiasmus erregt, und war es beide
Male etwa nicht den »Bayonetten« gelungen, die überreif aufschwellende
Knospe der Freiheit zurück zu halten und zu bewältigen? Fluch der alten
Disciplin, die dem Soldaten noch wie Blei in den Gliedern lag, und ihn
nicht wollte begreifen lassen, wie auch er ja nur eines Bürgers Sohn
selbst wieder zum Bürger würde, wenn er den Rock auszöge, der ihm im
Kampfe gegen seine Brüder nicht mehr ehre, sondern schände.
Der Zeitpunkt war jetzt erschienen, wo die letzte Hand an das große Werk
gelegt werden mußte, wenn es nicht -- wie das Jahr 1830 geschehen
war, als ein bloßes Possenspiel endigen sollte -- der Zeitpunkt war
erschienen, wo es galt, das ganze ungeheure Gewicht der Volksherrschaft
den Privilegien der Fürsten und des Adels gegenüber in die Schaale zu
werfen, und Fluch dem _knechtischen_ Volke dann, wenn es nicht _mit_ ihm
jubelte, daß der Schrei -- ein Todesröcheln der Tyrannei -- durch alle
deutschen Gauen drang -- »es lebe die deutsche Republik!«
Doch hier mußte er erst einen Halt unter dem Volke gewinnen, die Masse
war noch zu roh, und ein energisches Auftreten von ihrer Seite, ohne
vorherige wirkliche Veranlassung kaum zu hoffen -- was konnte aber von
_hier_ aus auch geschehen, sie zu begeistern? -- Gar Nichts, in
die Residenz zurück mußte er vor allen Dingen, die Katastrophe des
gewaltigen Werkes selber mit zu leiten, und nur ein Mann lebte hier im
Orte, der ihm dazu behülflich sein konnte -- der Doctor Levi, ein
alter Bekannter von ihm, und ein Charakter, der ihm zum Werkzeug dienen
konnte, seine _edleren_ Pläne auszuführen. -- Wie aber war er im
Stande, dessen Haus erstlich heraus zu bekommen, und wenn das wirklich
geschehen, es unentdeckt zu erreichen? -- Wo wohnte der Doctor, und
befand er sich gegenwärtig wirklich in Horneck? -- Tod und Teufel! --
der Gedanke war Wermuth und Galle in die kühne Seele dessen, der sich
hier für die Freiheit eben des Volkes aufopferte, das ihn wie einen
Verbrecher verfolgte, wo er sich nur öffentlich zeigte, mit Kerker und
Eisen bedrohte, und wie auf ein wildes reißendes Thier nach ihm schoß.
Aber fort mit dem Gedanken, das Volk war nicht schlecht, nur ein
Schleier lag noch vor seinen Augen, und mit der Bürgerkrone würde es
den bald lohnen, der ihm die Sehkraft wieder gab, und die Waffe in die
riesenhafte Rechte drückte.
In wilden, wechselnden Bildern zuckten ihm die Gedanken und Pläne rasch
und bunt durch das Hirn, bald aber wurde er wieder, und auf eben nicht
tröstliche Weise zur trüben, trostlosen Gegenwart zurückgerissen. Das
Mädchen draußen auf dem Gange rückte ihr Scheuerfaß und er fuhr rasch
und lauschend von seinem Stuhl empor -- noch aber hatte er Nichts zu
fürchten -- sie war nur zu einem andern Platz gegangen, und begann hier
gleich wieder von Neuem.
»Wenn ich nur das Haus dieses Doctor Levi wüßte,« murmelte der Gefangene
für sich hin, »was für Folgen aber selbst die einfachste, an einen
fremden Menschen gerichtete Frage für mich haben kann, ist mir heute
bewiesen worden. -- Wie das eine liebe Kind erschrak -- -- daß der
Teufel den Jäger hole.« Vorsichtig ließ er sich wieder auf den eben
verlassenen Stuhl nieder, und fuhr eben so leise fort -- »ich hätte
mir's übrigens denken können, daß so schüchterne Dinger Zeter schreien
würden, wenn ihnen ein solches dornzerrissenes wild aussehendes Subjekt
wie ich jetzt bin, vor die Augen träte; -- ich bin, beim Himmel, in
einer verzweifelten Lage.«
Ein neues Geräusch vor der Thür mahnte ihn, auf seiner Hut zu sein --
der Kübel wurde bewegt. -- Er legte das Ohr an das Schlüsselloch -- Gott
sei Dank, endlich nahm die verwünschte Magd den Kübel von der Thür und
trug ihn -- ja, sie ging damit fort, er konnte es deutlich an ihrem
Gange hören -- den Corridor hinunter. Jetzt war ihm auch die Möglichkeit
gegeben, diesen gefährlichen Aufenthaltsort zu verlassen, wo er jeden
Augenblick entdeckt werden konnte. Nur so lange mußte er warten, bis
draußen die verschiedenen Ingredienzien fort und, allem Vermuthen nach,
in eine der entfernteren Stuben transportirt waren.
Aber auch draußen vor dem Fenster wurde es laut -- das mußten seine
Verfolger sein -- ob er es wagte, sich dorthin zu schleichen? -- ei,
wenn er leise ging, konnte ihn unten, falls wirklich Jemand darunter
wohnte, doch Niemand hören: auf den Zehen schlich er deshalb bis an das
Fenster und schaute aus der dunkeln Stube heraus vorsichtig hinter den
Gardinen vor in den Hof hinab, wo, wie er noch recht deutlich erkennen
konnte, eine Anzahl von Männern versammelt stand und eifrig mit einander
sprachen. Um aber zu hören, über was sie sich unterhielten, hätte er das
Fenster öffnen müssen, und das durfte er nicht wagen. Er preßte das Ohr
an die Scheibe, aber nur unverständliche Sylben waren es, die zu ihm
herauf tönten. Er suchte die Gestalten zu erkennen -- Einige trugen
Flinten oder Stöcke, er vermochte nicht deutlich zu sehen was --
wahrscheinlich das erstere -- man deutete auf die Pfarrwohnung -- er
konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, leise, leise schob
er den vorgedrehten Fensterriegel zurück und suchte nun den Flügel so
geräuschlos als nur möglich zu öffnen; glücklicher Weise knarrte
das Holz auch nicht im mindesten; alt und vom Zahn der Zeit schon
angegriffen, bewegte es sich weich und ohne Laut aus seinen Fugen und
es gelang ihm, das Fenster gerade genug zu öffnen, um Alles zu hören und
doch von unten aus nicht gesehen zu werden.
Da wurden plötzlich Stimmen auf dem Vorsaal laut -- eine Hand lag auf
der Klinke -- Wahlert's Herz schlug wie ein Hammerwerk in der Brust,
nicht einmal Zeit blieb ihm, das Fenster wieder zu schließen, nur
eindrücken konnte er es und dann zurück in die dunkle Ecke neben die
Gardinen springen, als sich die Thüre öffnete und eine weibliche Gestalt
eintrat. Sie blieb aber auf der Schwelle stehen, legte Hut und Mantel
ab, und wollte eben wieder zurücktreten, als der Luftzug auf's Neue den
Flügel aufstieß und sie sich rasch danach umwandte.
»Ueber die Mädchen,« murmelte sie, als sie die Thür hinter sich schloß
und der Stelle, wo Wahlert fest in dem engen Winkel geschmiegt stand,
zuschritt, »ausdrücklich habe ich hier noch heute Morgen gesagt, mein
Fenster ja fest zuzumachen, aber Gott bewahre, da ist doch eine wie die
-- _ha!_«
Ein laut gellender Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, denn
während sie mit der Linken das Fenster schloß, wollte sie mit der
Rechten die vorgefallene Gardine zurückschieben, und ihre Hand kam
dabei mit der hier versteckten Gestalt des Flüchtlings, die dabei
unwillkürlich zusammenzuckte, in Berührung.
»Um Gotteswillen, mein Fräulein, verrathen Sie mich nicht,« rief aber
Wahlert, der bei dem helleren Lichte des Fensters das Antlitz der jungen
Dame erkannt hatte, und nun wohl vermuthen konnte, wen er vor sich
hatte, schnell entschlossen -- »ein Wort von ihren Lippen und ich bin
ein Kind des Todes!«
»Härr Jäses, Frälen, was geiht's denn do?« rief die Magd in dem
Augenblicke draußen auf dem Gange, und kam rasch herbeigeschlurrt --
»was hewe Se denn?«
»Ihretwegen bin ich hier und _Sie_ wollen mich dem Henker überliefern?«
flüsterte noch einmal der Entdeckte -- »mein Leben liegt in Ihrer Hand.«
Sophie sammelte sich mit krampfhafter Anstrengung und schritt auf die
Thüre zu, in der jetzt eben die Magd, glücklicher Weise ohne Licht,
erschien.
»Ich habe Dich doch gebeten, das Fenster nicht aufzulassen,« sagte sie,
ihr entgegentretend.
»Aber Frälen, ich hob' es weeß der Himmel zugadriaht -- was hatten Se
denn nuar?«
»Das Fenster stand auf, und wie ich es schließen wollte, stieß ich mich
in's Auge -- es that weh -- ich habe wohl geschrien?«
»Als wenn Se am Spieße stiaken,« lachte das Mädchen, »Härr Jeses, ich
dachte der Deibel wär' lus -- wullen Se Licht hawe?«
»Nein, ich danke Dir, ich komme gleich hinunter; essen sie schon?«
»Se sitzen gerade drim herim, der Härr Pastor is aber noch nich heeme.«