Annegrethe, ein derbes dralles Mädchen von achtzehn oder neunzehn

Jahren, das, aber nicht nach der Horneck'schen Mode, sondern wie die

Dienstleute in der Stadt gekleidet, eben hinter dem Schenkstande

die halbgeleerten Glasflaschen (deren Etiketten bezeichneten, ob sie

Doppelkümmel, Anis, Pomeranzen oder Kirsch in den flachen Bäuchen

trugen) wieder aus großen steinernen Krügen vollfüllte, sagte, indem

sie gerade die letzte Flasche mit einem wollenen Tuche abwischte und auf

ihren Platz zurückstellte:

»Ei versteht sich, Frau Base, werde doch das beste Zimmer im Hause nicht

vergessen; gelüftet habe ich's den ganzen Nachmittag, die Tische sind

spiegelblank und von der Erde könnte man zur Nacht essen -- wenn kein

Sand d'rauf läge.«

»Hot denn die Butenfrau de Zeidungen schonst gebracht; ich habe kenen

Zippel von 'er gesiehn.«

»Schon vor einer Viertelstunde.«

»Un die Sammeln?« -- frug die Frau rasch und wie erschreckt.

»Alles richtig besorgt,« lachte Annegrethe, »auch Cigarren hab' ich vom

Kaufmann mitbringen lassen, und ein Dutzend thönerne Pfeifen.«

»Bist en braves Madel,« sagte die Frau und setzte sich behaglich in ihre

Ecke hinter den Ofen, wo ein kleines Tischchen mit ihrer Kaffeetasse

stand; in der Röhre oben, dicht daneben brodelte der Kaffee, und dicht

in der That mußte das Gedränge und laut der Ruf nach Bedienung in der

Schenkstube werden, ehe »Mutter Läsig,« oder die »Mutter,« wie sie ihre

Gäste kurzweg nannten, ihr heimliches Plätzchen verließ, um es mit dem

geschäftigeren, ruhelosen in der Küche zu vertauschen.

Es dauerte denn auch gar nicht lange, so füllte sich das ziemlich

geräumige Zimmer mit Gästen; hier und da über den offenen Platz herüber

schlenderte eine lange, mit schwarzem Schafspelz umhüllte, oben in eine

weiße Zipfelmütze auslaufende Gestalt, den Hügel herauf, und aus der

Seitengasse, die zwischen Obstgärten und Häuslerwohnungen hin nach dem

anderen Theile des Dorfes führte; von überall her kamen die Durstigen,

den Sonnabend Abend, wie das von jeher Sitte in Horneck gewesen, in

gemüthlicher Gesellschaft zu verbringen, und einmal wieder zu hören,

»wie's draußen in der Welt eigentlich stehe.«

Auch das »grüne Zimmer« (was aber eigentlich gelb war und nur noch aus

früherer Zeit, wo es vielleicht einmal grün gewesen, den Namen trug)

füllte sich nach und nach; um die verschiedenen Lichter herum drängten

sich neugierige kurzsichtige Gäste und suchten, bald mit bald ohne

Brille, dem die Augen schmerzenden Druck Inhalt und Sinn abzugewinnen,

bis der Diaconus endlich kam, der am Montag, Mittwoch und Sonnabend, und

schon seit Anfang vorigen Monats, wo es auch erst angefangen hatte in

Deutschland interessant zu werden, die Zeitungen, oder wenigstens das

Wichtigste daraus, vorlas und das Gelesene dann erklärte.

Die Landleute hörten aufmerksam zu, tranken ihr Bier dabei, und

schauten, das Kinn auf die beiden Fäuste oder in die aufgestemmten Arme

gestützt, dem Diaconus in das wohl etwas bleiche aber ausdrucksvolle

Gesicht, wie er ihnen die einzelnen Artikel vortrug, und hie und da bei

etwas schwer verständlichen Stellen, eine Erklärung beifügte, die es

auch den minder Begabten möglich machte, zu begreifen, was eigentlich

die verschiedenen Artikel für eine Bedeutung hätten, und in welcher

engen Verbindung die an allen Orten zugleich auftauchenden Unruhen zu

einander ständen.

Er hatte ihnen auf solche Art über das Vorparlament in Frankfurt,

das eben jetzt zusammentrat, über den Aufstand in Italien, denn die

Oestreicher waren gerade aus Mailand verjagt, über die Verhältnisse in

Oesterreich, und besonders in Wien selbst, wie über den dänischen Krieg,

mitgetheilt, und ging dann auf die ihnen näher liegenden Gegenstände,

jetzige Einberufung der beurlaubten Soldaten, die inneren Zustände des

Landes u. s. w., über, wo dann das Gespräch allgemeiner wurde, und die

Zeitung auch bei manchen Artikeln von Hand zu Hand ging.

Weniger geregelt war das Gespräch in der Neben- oder großen Gaststube,

wo sich die Gäste nicht, wie im »grünen Zimmer«, um einen großen Tisch

versammelten und dadurch die Unterhaltung zu einer gemeinschaftlichen

machten, sondern, an verschiedenen Tafeln und Spieltischen vertheilt,

auch ihre Sonderinteressen verfochten, oder gar nur, in die

Kartenblätter vertieft, Acht gaben auf Eicheln und Schellen, auf Grün

und Roth. Im Allgemeinen war es aber auch selbst hier die Politik, um

die sich das Gespräch drehte, und sogar vom Schafskopf oder Scat aus

mischte sich hier und da, wenn der Streit gar zu heftig wurde, ein

»Passender« mit ein und warf, den scheuen Seitenblick freilich immer

noch auf das indeß ununterbrochen vorwärts gehende Spiel gerichtet, sein

Wort mit ein, in Debatte oder Grundspruch.

»Ja, hier steht's in der Zeitung aus Franken,« sagte da mit lispelnder

aber scharf gellender Stimme ein kleines hageres Männchen. Pockennarben,

röthliche Haare und etwas stark gekrümmte Nase waren die Kennzeichen des

sogenannten Doctor Levi, der hier nur nach Horneck gekommen schien, um

sich nach Frankfurt in das Parlament wählen zu lassen, und schon seit

mehreren Wochen das allerdings etwas undankbare Geschäft übernommen

hatte, die Bauern dieses und der benachbarten Orte aus ihrer politischen

Lethargie aufzurütteln, und seinen Ansichten befreundet zu machen. So

lange er in Horneck blieb, miethete er gewöhnlich ein kleines Häuschen,

das mitten im Dorfe unbewohnt lag, und beschäftigte sich dann auch wohl

mit etwas Chirurgie, Aderlassen, Schröpfen u. s. w. Zog er jedoch

mit diesem manches böse Blut ab, so schuf er das, und in gewiß viel

reichlicherem Maße auch auf der anderen Seite wieder, und die

ruhigeren Bauern und Ansässigen des Dorfes schüttelten oft über seine

aufrührerischen Reden den Kopf, während ihm dagegen die Jugend mit

desto größerem Eifer anhing und besonders sämmtliche Lehrlinge und

Ackerknechte des Dorfes für ihn schwärmten. Wer hätte ihnen auch

das Alles versprochen, was ihnen Doctor Levi versprach, wer hätte

so unermüdlich über ihre Herrschaften herziehen und sie unaufhörlich

versichern mögen, daß der vierte Stand, der Stand der Arbeiter, gerade

der sei, der obenan stehen müsse, und ohne den die anderen Stände gar

nicht existiren könnten, der aber auch deshalb nur recht zusammenhalten,

die Männer wählen, die es gut mit ihm meinten, und dann sehen solle, was

er für Wunder wirken und wie er seine Stellung gestalten könne.

»Hören Sie nur, meine Herren,« lispelte der Doctor weiter, als er sah,

daß einige die Köpfe nach ihm umwandten:

»Von den Gutsherrschaften haben sich diejenigen, deren Eigenthum bei

dem ersten Aufstand, woran allerdings auch _ansässige_ Bauern Theil

genommen hatten, verschont geblieben, mit ihren Grundholden auf

gütliche Weise verständigt, und die Regierung von Oberfranken hatte,

um diese Vermittlung zu Stande zu bringen, einen eigenen Commissar

auf den Schauplatz der Unruhen abgeordnet. Auch anderwärts in

Franken haben viele Gutsbesitzer ihren Grundholden freiwillig

bedeutende Zugeständnisse gemacht.«

»Seht Ihr, die Sache wird Ernst, und in Franken wissen die Bauern

schon, was sie wollen; die Süddeutschen sind uns überdies um ein halbes

Jahrhundert voraus, und wenn es in Deutschland noch einmal Licht werden

solle, so stecken sie dort die Laternen an.«

»Ja, daß uns nachher das Haus lichterloh über den Kopf in Flammen

stehe,« brummte der Müller, der neben dem einen Spieltische saß, und

bis jetzt dem Gang des Spieles augenscheinlich sehr eifrig gefolgt war;

»solcher Aufruhr thut kein gut; denn wenn er noch allein bei den Bauern,

das heißt bei denen bliebe, die wirklich ein Besitzthum haben, ja dann

ließe man es sich gefallen, aber die, die _gar_ nichts haben, die reißen

nachher gerade das Maul am weitesten auf und sind vorne weg. Natürlich,

_die_ Menschen können Nichts bei der Sache verlieren; geht Alles, wie

es gewohnt war, seinen stillen Gang ruhig fort, so bleiben sie Lumpe wie

vorher, geht aber im Gegentheil Alles drunter und drüber, wird die ganze

Einrichtung auf den Kopf gestellt, ei dann schließen sie sich mit dem

größten Vergnügen dem an, _ihnen_ fällt Nichts aus der Tasche und es

müßte doch sonderbar zugehen, wenn sie von dem, was Anderen herausfiele,

nicht später was zu fischen fänden. Das kennt man schon.«

»O ja, o ja,« lachte der kleine Doctor, »versteht sich -- wer soll denn

aber auch sonst die Revolution machen; die, die was haben, sitzen gern

still und halten beide Fäuste auf die vollgestopften Taschen, die aber,

die Nichts haben, das sind die Menschen, die sich am freiesten bewegen,

die unparteiisch auf den Standpunkt des Besitzes hinüberblicken können.«

Ein großer Theil der Zuhörer lachte, dadurch wurde der kleine Mann aber

erst recht böse gemacht, sah sich einen Augenblick im Kreise um und rief

dann:

»Lacht nur, grinst nur und zieht die Mäuler von einem Ohre bis zum

andern, und wenn Ihr's nicht anders haben _wollt_, so bleibt meinetwegen

hier hinter Eueren Oefen sitzen, und wartet, bis sie Euch das, was die

Anderen jetzt _fordern_, auf dem Präsentirteller bringen und Euch um

Gotteswillen bitten, es doch nur anzunehmen.«

»Oho,« fiel ihm hier einer der Bauern in die Rede, »so schlimm is es

ooch noch niche -- mer wissen wuhl, was mer wolle, un ufgäsetzt is es

ooch schonst; 's hat nur de rächte Gischtalt noch niche, es fehlt em

noch de Fassong. Den Pastor han mer freilich drim gebeten, er sillts uns

mache, der will aber net, do hat's der Diaconus ibernommen; des is en

ganzer Kerl.«

»Ja, de Jagd misse mer frei han,« fiel hier ein Anderer vom Spieltisch

aus in's Wort, »der Hos', der mer mei Kraut frißt, dem schlag' ich de

Flinten uffen Kopp, daß er's bese Elend kreiht!« und die hoch gehobene

Karte kam mit den Knöcheln schallend auf den Tisch nieder.

»Un die Ablösung misse mer ooch han,« sagte der erste wieder -- »oh,

'ssein ä ganze menge Sachen, denn i zohl kei Hundekorn mehr, und schick'

keine Hihner un Eier un Kapauner und Gänse uf's Gut; wenn se Kapauner

fressen wolln, megn se se ooch selwer ziehen un stoppen.«

»Recht so,« fiel hier der Doctor ein, »das klingt schon ein Bischen

besser, aber nach Frankfurt müßt Ihr dann auch solche Leute wählen, die

wissen, was Euch fehlt und die Haare auf den Zähnen haben, und daß die

gestrengen Herren nachher schon einwilligen werden, ich dächte,

dafür bürgte uns die neueste Erfahrung. Ihr habt doch gehört, daß von

Frankreich herüber 90,000 Mann im Anmarsch sind, um hier in Deutschland

die Republik zu proclamiren?«

»Ne, keen Wort,« riefen Viele und wandten sich neugierig zu ihm hin.

»Was?« lachte der Doctor, »davon wißt Ihr noch Nichts? potz Schulmeister

und Diaconusse, wozu habt Ihr denn da die Woche dreimal Euere geheimen

Vorlesungen, wenn Ihr die Hauptsache nicht erfahrt? Aber das ist

natürlich, daß es der _Geistlichkeit_ nicht gerade gelegen kommt, wenn

es den _Beichtkindern_ klar wird, wo Barthel eigentlich den Most holt.«

»Aber Doctor, warum geht Ihr denn nicht mit hinein in's grüne Zimmer,«

mischte sich hier der Wirth hinter den Schenktisch in's Gespräch, »da

drinn wird ja die ganze Geschichte verhandelt.«

»Zu den Reactionairen!« brummte entrüstet der Mann des Blutes, »nein,

wir haben uns auf den Barrikaden unsere Freiheit erkämpft, und die

wollen wir schützen im freien Vereinsrecht, wie in der freien Presse,

derlei Umtriebe aber, wie sie schon anfangen im Lande ihr giftiges Netz

auszuspannen, sollten Männer, die sich dessen, was ihnen gebührt, bewußt

sind, gar nicht dulden. Wenn es auf mich ankäme, sprengten wir die ganze

Gesellschaft dadrinn auseinander.«

»Von wegen dem freien Vereinsrechte!« lachte der Wirth.

»Unsinn!« rief Levi ärgerlich, »wenn das Volk souverain ist, braucht es

die Verräther im eigenen Hause wenigstens nicht zu dulden. Ihr würdet es

Euch ebenfalls nicht gefallen lassen, wenn sich Jemand in Euerer Stube

hinsetzte und Pläne machte, Euch aus Euerem rechtmäßigen Hause zu

verjagen.«

»Ne« sagte der Wirth, »und bei mir ist das Volk nicht einmal souverain.«

Ein paar von den Bauern lachten, ehe aber der Doctor etwas darauf

erwiedern konnte, ging die Thür des grünen Zimmers auf, und die

Lesegäste, die jetzt die wichtigsten Tagesneuigkeiten gehört hatten,

kamen heraus in das große Wirthszimmer, um sich dort gemüthlicher

bewegen, und das Gehörte noch etwas freier besprechen zu können.

Die ebengeführte Unterhaltung wurde dadurch auf kurze Zeit unterbrochen,

und auch der »Doctor« hatte sich zu einem der Tische zurückgezogen, wo

er sein Glas Bier, mit einem Gläschen Pfeffermünze daneben, stehn hatte,

als einer der Bauern, neben den sich der Diaconus eben gesetzt, diesen

bat, er möchte doch einmal in »das Gedruckte« hinein sehn, ob etwas

von den 90,000 Mann darin stände, die von Frankreich aus zu uns herüber

kommen sollten.

»Neunzig Tausend Mann,« lachte der Diaconus, »wer hat denn das wieder

ausgesprengt? Ueber dem Rhein drüben sollen sich, wie die Zeitung sagt,

einzelne unordentliche Banden herumtreiben, aber von 90,000 Mann ist

keine Rede.«

»Keine Rede?« knurrte der Doctor aus seiner Ecke vor, »warum denn nicht?

-- man will es dem Volke hier nur noch verheimlichen, damit es nicht

aufsteht, sich mit den, bis jetzt in Frankreich verbannten und

nun herüber strömenden Brüdern vereinigt, und seinen bisherigen

Unterdrückern mit Gewalt den Daumen auf's Auge setzt.«

»Mein guter Herr Doctor« erwiederte ihm freundlich der Diaconus, »aus

fremden Lande blüht uns keine Hülfe, und von dorther dürfen wir nicht

auf Beistand hoffen oder rechnen. In uns selbst muß die Kraft, muß

die Hülfe liegen, und wenn wir nicht im Stande sind sie aus uns selbst

heraus zu schaffen, dann sieht es auch mit unserer Freiheit traurig aus.

Gott wolle uns vor einem Zustand bewahren, den uns fremde Schaaren und

wenn sie sich selbst _Arbeiter_ nennten, brächten; nur im Stande wären

sie einzureißen, und nicht Raum noch Athem bliebe zum Wiederaufbau.«

»Wiederaufbau, Wiederaufbau -- das ist so das rechte Wort,« brummte der

Doctor, und stieß heftig das Glas vor sich auf den Tisch, »_erst_ muß

eingerissen werden, ehe man aufbauen kann, denn von vorne anfangen

können wir die Geschichte nicht; hab ich recht oder unrecht?«

»Ne, das hat seene Richtigkeet« sagte da der Schmid, der auch mit aus

der grünen Stube herausgekommen war, »wenn mer hier ene angere Schenke

herbauen wüllen, so missen mer die erscht nieder reißen.«

»Na, das sieht ja ein Kind ein« triumphirte der Doctor.

»Aber bedenkt Leute,« nahm der Diaconus wieder das Wort, »daß sich

Einreißen und Aufbau auch nach äußeren Umständen richten muß.«

»Wie so?« frag Einer der Bauern.

»Wir wollen einmal hier bei der Schenke stehn bleiben,« erklärte Jener,

sich in den einfachen Sinn seiner Umgebung schickend, »wenn wir die

Schenke hier einreißen, um eine andere zu bauen, so ist das leicht, die

steht frei und hat einen gehörigen Raum vor sich, um das alte Gerumpel

abzuwerfen und den neuen Steinen und Balken Raum zu geben, und so war es

auch mit Amerika, als sich jenes Land seine Freiheit erkämpfte, dort war

Raum genug den alten Schutt abzufahren, und das neue Gebäude stieg rasch

und schön empor. Wie wäre es aber, wenn Ihr drüben des Wagners Haus

abbrechen und ein anderes dafür hinstellen wolltet? Ging das so ohne

Weiteres? Wohin sollte er mit dem Schutt? Die Nachbarn würden sich

bedanken, den solange in ihre Gärten zu nehmen; auf die Straße vor

dem Haus dürft Ihr ihn auch nicht werfen, reißt Ihr also Vor- und

Hintergebäude gleich zusammen ein, so sitzt Ihr nachher mitten im

Gemenge drin, und kein Baumeister kann Euch mehr helfen, denn Ihr

habt dem, indem Ihr seine freien Bewegungen hemmtet, selbst die Hände

gebunden.«

»Das ist aber mit unseren Verhältnissen ganz anders,« fiel hier der

Doctor ärgerlich ein.

»Allerdings« lächelte der Diaconus, »aber nur noch viel schlimmer, denn

wenn diese jungen Leute, die jetzt überall auftauchen und von Umsturz

des Bestehenden und Reorganisation ganzer Länder sprechen, erst einmal

den Zügel in Händen hätten, wer wäre dann im Stande, ein solches Gewirr

von Völkerstämmen und Nationalitäten zu vereinigen und in Ordnung zu

halten? Wer sollte so rasch die Grenzlinie ziehn zwischen Anarchie und

Volksherrschaften, und jene im Zaum halten, ohne von dem Volke selbst

als Reactionair verschrien zu werden?«

»Das muß die Regierung thun!« sagte der Doctor ernsthaft.

»Ei was streiten wir uns denn dorum« fiel hier der Schmid dem Doctor

in's Wort, »wenn jetzt die Franzosen kummen, da werd' sich die Sache

schonst finden. So'ne neinzig Tausend Mann sin ooch keen Hund.«

»Da Ihr denn einmal bei den 90,000 bleibt« meinte der Diaconus, »so

ist's vielleicht besser, ich lese den darauf Bezug habenden Artikel

gleich vor; es ist eine Bekanntmachung, die das Generalcommando der

Rheinprovinz erlassen hat, und lautet:

>Nach von mehrern Seiten bei der Militairbehörde eingegangenen

zuverlässigen Nachrichten, sind von der französischen Grenze her

Einfälle bewaffneter _ungeregelter ungeordneter Arbeiterschaaren_ in

die Rheinprovinz beabsichtigt. Um diesen zu begegnen ist die Aufstellung

eines Corps gegen die Schaar erforderlich. Dazu ist, außer den Truppen

in Trier -- etc. etc.<«

»Da haben Sie die ganze Geschichte; das sind Ihre 90,000 Mann gegen die,

nur der Vorsorge wegen, ein paar Regimenter ausgeschickt werden.«

»So?« rief der kleine Mann höhnisch und hatte indessen schon, während

Jener las, ein anderes, zerknittertes Zeitungsblatt aus der Tasche

geholt -- »so? da haben Sie wohl die Allgemeine oder die Kindermuhme?

Das glaub ich, daß die solche Opiate zu verabreichen suchen -- aber da

ist hier ein anderes Blatt >Die rothe Fahne!<, an dem wir Mitarbeiter

wie Pelz und E. O. Weller haben, das sagt Ihnen anderes, was Sie wissen

sollen -- Hier hören Sie:

>Bürger! Die Zeit der Rache ist gekommen -- die Ketten, die Euch

so lange in Euer klirrendes Elend geschlagen, stürzen von Euren

erstarkenden Gliedern. -- Der Tag der Vergeltung ist erschienen,

die Throne zittern und das souveraine Volk steht jauchzend auf und

vernichtet die Tyrannen. Bürger -- schaart Euch um die rothe Fahne der

Freiheit -- aus dem Westen, aus dem göttlich freien Lande der Republik

reicht uns ein freies Volk die entfesselte Rechte -- 90,000 Mann< --

hören Sie das, Herr Diaconus -- >90,000 Mann überschreiten in diesen

Tagen den Rhein -- 90,000 Mann fliegen Euch mit triumphirendem

Siegesschrei an das Bruderherz. Oeffnet Eure Arme sie zu empfangen und

reicht Euch dann die Hände zum fröhlichen Spiel. Unsere Schwerte

sollen die Schläger und Kronen die Bälle sein, mit denen wir die Zeit

verkürzen, bis wir des Spaßes müde sind, und den Plunder bei Seite

werfen. Es lebe die Republik!<«

»Und das steht gedruckt?« sagte der Gerichtsschreiber erstaunt und

drängte sich durch die Bauern, die den kleinen Mann umstanden.

»Das steht gedruckt« lachte dieser triumphirend, »und Einer unserer

thätigsten Kämpfer der Freiheit, unser =Dr.= Wahlert, durchstreift

schon seit vierzehn Tagen das Land im fröhlichen Pilgerzug, die Guten zu

sammeln und zum festen Werke zu einigen.«

Neben dem Ofen saß eine eng in sich zusammengekauerte Frauengestalt, die

bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Gespräch gezeigt hatte,

nur daß sie manchmal, wenn Einer oder der Andere der Männer sprach, den

matten Blick zu ihm hob, dann aber gleich wieder in ihre alte Stellung

zurückfiel. Jetzt bei dem letztgenannten Namen aber, zuckte sie rasch

und heftig empor, und schaute, während der folgenden Unterredung bald

die sich dabei Betheiligenden, bald die Umstehenden, scheu und ängstlich

an.

»Wahlert?« sagte der Diaconus, »ist, wie ich heute als ganz gewiß

gehört habe, in der Stadt wegen offenen Aufruhrs und überwiesenen

verbrecherischen Verkehrs mit den Feinden des Vaterlandes verhaftet

und eingezogen worden; man spricht davon, daß er das Zuchthaus besuchen

würde.«

»Hahaha« lachte der kleine Doctor, »die Nürnberger hängen keinen, sie

hätten ihn denn erst; eben habe ich Briefe mit der Botenfrau aus der

Stadt bekommen, daß Wahlert heute allerdings sollte verhaftet werden.

Er erhielt aber vorher einen Wink, entzog sich der Ausführung durch die

Flucht und ist, wenn auch verfolgt, doch noch nicht eingefangen; die

nach ihm ausgesandten Polizeiknechte sind wenigstens unverrichteter

Sache zurückgekehrt.«

Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und der alte Jäger trat, einen

kurzen Gruß links und rechts hinübernickend, in die Stube.

»Annegrethe, mein Bier,« sagte er, während er sich auf seinen

gewöhnlichen Platz zwischen dem Fenster und dem Schenkstand niederließ

-- »aber ein wenig warm.«

»Weiß es Herr Förster,« rief das flinke Mädchen, und füllte das

hochaufschäumende Glas aus dem schon vorher, in Erwartung des Kommenden,

warm gestellten Blechmaaß, drängte sich dann damit, zwischen der jetzt

aufgerichtet neben dem Ofen stehenden Frau -- unserer Bekannten von

dem nämlichen Morgen her, und dem auch eben erst gekommenen Röhrmeister

durch, und stellte das Glas, mit einem freundlichen Knix vor den

mürrisch herumschauenden Jäger hin.

Die Unterhaltung war durch den Eintritt der Beiden, nach denen sich die

Meisten umschauten, einen Augenblick in's Stocken gerathen.

Der Röhrmeister, der die letzten Worte des kleinen Doctors noch gehört

hatte, trat jetzt weiter vor und rief, sich an diesen wendend:

»Hört einmal Doctorchen, wie sieht denn der Bursche aus, von dem Ihr da

sprecht -- trägt er etwa einen kleinen schwarzen Schnurrbart und hat er

eine Narbe über's Gesicht herüber?«

»Die hat er,« sagte der Doctor schnell, »habt Ihr Wahlert gesehen?«

»Dann ist es derselbe, den sie heute Morgen hier bis in die Haidekiefern

gehetzt haben,« fuhr der Röhrmeister fort, »ich kam gerade aus der Stadt

und sprach auch nachher einen von den Holzschlägern, an dem er dicht

vorbeigesprungen war.«

»Hier bis Horneck?« frug der Doctor schnell.

»Ja hier gleich bis oben in den Wald, wo das kleine Weidenbüschchen

steht.«

»_Wie_ heißt der Bursche?« mischte sich jetzt der Jäger in's Gespräch,

und stand von seinem Platze auf, um besser nach dem Sprechenden

hinübersehn zu können.

»Wahlert, =Dr.= Wahlert!« lautete die Antwort.

»Und einen Schnurrbart hat er?«

»Ja, und dunkle Haare, wie eine hohe, stattliche Figur; wer ihn einmal

gesehn hat, vergißt ihn nicht so leicht wieder.«

»Nun ich denke, er wird sich meiner auch wohl etwa vierzehn Tage

erinnern,« lachte der Jäger und nahm seinen Platz wieder ein.

»Was? -- wie so? -- Ihr habt ihn gesehen? -- wo ist er jetzt? --

haben sie ihn wieder?« So etwa lauteten die Fragen, die nun in rascher

Reihenfolge an den Jäger gerichtet wurden, und dieser sah sich plötzlich

als den Mittelpunkt aller der neugierig ihm zugewandten Gesichter.

»Weil ich ihm die Hinterläufe mit Schrot gespickt habe« lachte der

Alte; »zwar nur Nr. 6 aber doch gerade hinreichend für einen derartigen

kleinen Denkzettel.«

»Aber wo? -- weshalb -- wie kam das -- wenn denn?« fiel hier das Chor

wieder ein.

»Wo? wann? Im Holz drin, heut' Nachmittag, und weshalb? -- ei weil er

ein paar Frauenzimmer angefallen hatte wie ein Straßenräuber und sie

schon plündern wollte als ich und der Schulmeister, der Hülfslehrer mein

ich, gerade noch zur rechten Zeit und zum Schuß kamen.«

»Aber wo ist er jetzt? ist er gefährlich verwundet?« sagte der Doctor

rasch und erschreckt.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band. · 第 5 / 14 段