»Wilddiebe? nein bei Gott, der Name ist noch viel zu ehrlich, und klingt
zu rechtschaffen für solch nichtsnützige miserable Bande. Ich habe auch
gewilddiebt zu meiner Zeit, und ich kenne ganz respektabele Leute, die
ebenfalls Wilddiebe sind -- wenn ich auch nicht etwa den Schuften das
Wort reden will, die heimlicher Weise und bei Nacht und Nebel auf's
Revier kommen, und Einem die paar Rehe, die noch dastehen, über den
Haufen legen, daß man nicht einmal Schießgeld davon bekommt, die aber,
die solch ein armes Geschöpf und zu solcher Zeit mit dünnem lumpigen
Hühnerschrot waidewund schießen, oder vielmehr bloß im Wald herum liegen
und nach allem plaffen, was rauch ist, und bei denen es nachher heißt,
>krieg ich's so ist's gut; und krieg ich's nicht, so hab' ich nichts
verloren,< das ist eine gottverfluchte Mörderbande, die man bei den
Beinen aufhängen sollte, daß sie nur einmal erfährt, wie es thut, wenn
man rothes warmes Blut im Herzen hat.«
»Es scheint als ob das ungesetzliche Schießen jetzt überhaupt hier
Ueberhand nehme« sagte Hennig; »die Leute benutzen die im
Lande herrschende Aufregung und denken gerade in dieser Zeit am
allerleichtesten ungestraft davon zu kommen.«
»Ungestraft? -- nun ich wünsche mir nur, daß ich einen von den
vermaledeiten Aasjägern einmal zum Schuß bekomme, ob der nachher davon
reden wird, daß er _ungestraft_ im Frühjahr eine Rikke angeflickt hätte,
daß das arme Geschöpf helle Tage lang mit dem zerschossenen Kalb im
Walde herumächzen muß.«
»Wenn die Leute aber nun das _Recht_ dazu bekommen, Förster?« frug der
Schullehrer -- »wir leben jetzt in einer gewaltigen Zeit, wo der lang
Unterdrückte endlich das Haupt erhebt und zu fühlen anfängt, daß er auch
ein Mensch ist wie der, der ihm bis dahin die Ferse im eigenen Nacken
gehalten; ja wenn sie sich das _Recht_ wirklich _nehmen_, auf ihrem
eigenen Lande jagen zu dürfen, was, ihnen zu verwehren auch, meiner
Ansicht nach, eine reine Ungerechtigkeit ist, wie dann? wie wirds
nachher mit der Jagd aussehen?«
»Unsinn!« knurrte der alte Jäger und schlug sich rasch wieder Feuer an,
was er, während der Schulmeister mit dem eben Gesagten eine Masse höchst
fataler Bilder vor ihm heraufbeschworen, indessen eingestellt hatte --
»Unsinn -- fragt doch lieber wie's im Monde aussehn wird, wenn die Erde
einmal aus Versehen zusammenfällt. Ein _Recht_, hochbeschlagene arme
Geschöpfe Gottes krank zu schießen? Ein _Mord_ bliebe das, ob die
verdammten Tintenklekser in der Stadt auch ganze Schreibstuben voll
Bände und Akten darüber schmierten. -- Und dann das Schießen nachher;
ei wenn sie Jedem verstatteten auf seinem eigenen Grund und Boden zu
schießen -- hahahaha -- dann möchts nachher schön im Lande aussehen. Wer
sollte denn da noch riskiren auf die Landstraße, oder überhaupt in den
Busch zu gehn? Wäre man wohl seines Lebens sicher, und könnte einem
nicht hinter jeder Hecke so ein blinder Bauer eine Ladung Schrot in den
Pelz schicken? Und was würde nachher aus dem Wild, wer sollte denn da
schonen, heh, wenn man Nichts wie Grenze hat; und ein Huhn ließe sich ja
fast gar nicht mehr auf eignem Lande schießen, das wäre immer und ewig
über anderer Leute Feld. Auch -- Unsinn, ich habe wohl davon gehört, daß
sie in Berlin und Wien, oder wie die Städte heißen, Revolution gemacht
und das unterste zu oberst gekehrt haben sollen, und daß jetzt besonders
der Bauer und Handwerkerstand an die Reihe kommt, sein Fett oben
abzuschöpfen, aber die _Jagd_ frei, ne Schulmeister, da haben sie Euch
was aufgebunden, damit wird's Nichts -- _hoffentlich_ Nichts, so lange
wenigstens diese alten Knochen noch im Walde herumlaufen. Wenn _die_
erst einmal unter der Erde liegen -- nun dann meinetwegen, dann mag mein
Fritz sehen wie er anders durch die Welt kömmt, mit der Jagd ist's
ja auch ohnedieß schon, selbst wenn sie _keine_ Jagdfreiheit geben,
vorbei.«
Der alte Mann war ganz schwermüthig geworden, und zog, finster dabei
vor sich nieder schauend, die dichten blauen Wolken aus dem kleinen
unbeschlagenen Maserkopf.
»Und was wollt Ihr mit dem Reh da jetzt anfangen?« frug Hennig, als
der Jäger endlich mit einem plötzlichen Ruck seinen Genickfänger in
die Scheide zurückstieß, die Jagdtasche umwarf, die Mütze fester in
die Stirn drückte, und nach der neben ihm lehnenden Doppelflinte griff,
»werden sie's hier nicht stehlen?«
»Ich werd's ihnen vertreiben;« brummte der Alte, »nein wahrlich,
_anvertrauen_ möcht ich's der Bande keinen Augenblick, denn die Schufte
wissen gar prächtig, daß ein Rehrücken gut schmeckt, und daß es sich
wohl der Mühe lohnte ihn nach Hause zu tragen; aber mein Fritz ist schon
nach den Holzschlägern gegangen, die unten im >Buchentrog< die Stöcke
ausroden, einer von denen mag das Reh in's >Stadtviertel< tragen, dort
wollten sie gern Wild haben, die wissen's auch nicht besser, und ich
bin froh wenn ich von dem armen Ding da gar nichts weiter mehr zu sehn
bekomme.«
»So geht Ihr also jetzt mit mir nach Horneck zurück?« frug Hennig. --
»Habe Nichts dawider« lautete die Antwort »mit meiner Runde bin ich
durch, und -- zu schießen giebts auch Nichts mehr im Wald heute, da mag
ich eben so gut heimtraben.«
Und damit warf er noch einen halb mitleidigen, halb mürrischen Blick auf
das zerwirkte Reh zurück, hing sich die Flinte über die Schulter, und
schritt rasch, und von Hennig gefolgt, auf dem schmalen Fußwege hin, der
sie der breiteren Straße zuführte. Noch waren sie nicht lange gegangen,
als sie diese auch erreichten, und nun langsamer, um die milde Luft
besser genießen zu können, die ihnen warm und labend aus Süden her
entgegenströmte, ihren Weg dem noch etwa eine gute Stunde entfernten
Horneck zu fortsetzten.
»Wie still das hier zwischen den Bäumen,« sagte Hennig endlich, als sie
eine ganze Zeit lang schweigend neben einander hingeschritten waren; »es
rührt und regt sich Nichts, und wenn nicht manchmal ein Holzhehr oder
eine alte Krähe ihre rauhen Laute durch den Wald schickten, so sollte
man glauben, der ganze Forst sei ausgestorben. Ich weiß, früher, als ich
noch in der Stadt auf der Schule war, da glaubte ich immer, wo Wald
sei, da müsse es auch Hirsche und wilde Thiere geben, und in dem kleinen
Hölzchen dicht an der Stadt, durch das wir Sonntags Nachmittags immer
nach Weinhausen zu spazieren gingen, sah ich mich, sobald wir in den
dunkeln Schatten traten, eben so regelmäßig nach irgend einer reißenden
Bestie um, und war dann sehr bestürzt, wenn ich >nicht einmal einen
Hirsch< zu sehen bekam.«
»Die Zeiten sind vorbei,« sagte der Jäger traurig, und mit einem tiefen
Seufzer, »ja vor zwanzig und fünf und zwanzig Jahren, wo Schwarz- und
Edelwild hier in jeder Schlucht seine Fährten eindrückte, wo in der
Brunftzeit die alten Zwölf- und Sechzehenender wie besessen herumliefen,
und ich schon in meinem sechzehnten Jahre mit eigener Hand drei
Hauptschweine erschossen hatte, ja da war es noch eine Freude, ein
Waidmann zu sein, damals war der Jägerstand auch noch geehrt, und mit
Horn, mit Meute und Büchse zog man zur fröhlichen Lust in den Wald.
Jetzt -- ist der Name _Jäger_ fast nur noch zum Hohne geworden; eine
Flinte auf der Schulter und Blei darin, gerade stark genug, Sperlinge zu
schießen, hat man weiter auf der Gotteswelt Nichts zu thun, als auf die
Holzschläger zu passen, und den Holzdieben allenfalls aufzulauern; vor
Wilddieben braucht man sich beinah nicht einmal mehr zu fürchten, denn
die Zeit ist gar nicht mehr fern, wo man Hirsche auf der Messe, und
Rebhühner zahm in Käfichen zeigen wird.«
Sie hatten jetzt gerade eine der Waldhöhen erreicht, von der sie die
Aussicht in eine flache, mit Laubholz bewachsene Abdachung bekamen;
auffallend war hier eine niedere breitastige Zwergbuche, die mit sehr
starkem Stamme, die Wurzeln fast ganz entblößt von Erdreich, gerade
inmitten der Senkung stand, und die knorrigen, aber dafür desto
kräftigeren Zweige links und rechts so weit ausstreckte, daß sie den
Abhang an beiden Seiten berührte. Hier blieb der Jäger stehen, nahm die
Flinte herunter, stützte sich darauf, und schaute eine ganze lange Weile
nach der »Delle« hinein, die sich, bald nachher rechts abbiegend, der
Rausche zuzog, in die sie, etwas weiter unten, ebenfalls eine Quelle
hineinsandte.
Hennig schaute aufmerksam nach derselben Richtung hin, weil er glaubte,
der alte Mann bemerke dort irgend ein Stück Wild oder sonst etwas
Auffallendes; es ließ sich aber Nichts erkennen, nur die verwachsene
Buche streckte die wunderlich geformten Arme wie zornig und trotzig
gegen die schlank und stolz auf sie herabschauenden Tannen und Fichten
aus.
»Was giebt es denn, was habt Ihr hier: war dort etwas?« frug der Lehrer.
»Ja, -- Ihr habt Recht, dort _war_ wirklich etwas,« erwiederte ihm
rasch, und sich wieder zum Gehen wendend, der Forstmann, -- »aber jetzt
ist's vorbei. -- Drei und vierzig Jahre sind's nun her, daß ich gerade
an der Buche meinen ersten Hirsch schoß -- und was für einen capitalen
Burschen. Der Schuß war auch die Ursache, daß ich meine Alte, die jetzt
lange unter der kühlen Erde schlummert, bekam, denn der Oberförster
freute sich unmenschlich über das prachtvolle Geweih, ein ungerader
Zweiundzwanzig-Ender. Donnerwetter, das war ein Hirsch, und ich sehe ihn
jetzt noch, wie er nach dem Schusse einem Ungewitter gleich durch die
Büsche und Zweige rasselte.«
»Ihr hattet Euch an ihn hinangeschlichen,« ermunterte ihn der Lehrer,
dem es mehr Freude machte, den alten Mann erzählen zu hören, als daß er
sich selbst groß für die Jagd interessirt hätte.
»Hinangeschlichen?« wiederholte der Alte, in der Erinnerung an den
schönen Jagdzug schwelgend, »ei ich war damals ein junger gewandter
Bursch, aber das Menschenkind hätt' ich sehen mögen, das sich an
den alten schlauen Gesellen hätte hinanschleichen mögen; ob der sich
gewitzigt zeigte? Das erste, was man von ihm stets zu sehen bekam, war
der weiße Spiegel. Nein, Schulmeisterchen, selbst der Oberförster mußte
wohl schon mehr als zwanzig Mal dem Stück Wild zu Gefallen gegangen
sein, ohne es auch nur ein einziges Mal _ordentlich_ zum Schuß zu
bekommen, denn grad hinaufblaffen, wenn sich was Rothes in den Büschen
zeigt, wie es die sogenannten _Jäger_ in jetziger Zeit machen, das
wollte er auch nicht. Mich wurmte aber die Geschichte, ich konnte nicht
schlafen mehr, denn im Wachen wie im Traume sah ich den Hirsch, der mir
immer bald auf die eine, bald auf die andere Art entging. Zu der Zeit
war ich auch des Revierjägers Tochter gut, der Vater wollte aber von
einer Heirath Nichts hören, und meinte nur einmal, aber natürlich auch
bloß im Spaß, ich sollte erst versuchen, ob ich nicht den starken Hirsch
umlegen könnte, nachher wollten wir wieder davon sprechen.«
»Jetzt war's nun gar mit mir aus, sobald ich mich niederlegte, und die
Augen zumachte, stand er vor mir, und äugte nach mir herüber, und dann
hatt' ich nie die Büchse geladen, oder konnte die Kugel nicht in den
Lauf kriegen, oder das Pflaster hing mit anderen zusammen, oder der
Ladestock saß fest, kurz, es haperte beim Laden, und legte ich endlich
an, und drückte ab, so konnte ich mich fest darauf verlassen, daß mir
das Pulver von der Pfanne brannte, und der Hirsch stolz und ruhig davon
zog. Ich härmte mich so ab, daß ich ganz mager und elend wurde; das
Essen und Trinken schmeckte mir sogar nicht mehr, und ich beschloß
endlich, es koste was es wolle, und sollte ich acht Tage nicht mehr zu
Hause kommen, den Hirsch zu schießen.«
»So lange war ich ihm übrigens in den Fährten herumgekrochen, daß ich
endlich ziemlich genau wußte, wie und zu welcher Tages- und Nachtzeit er
auf den verschiedenen Stellen herüber und hinüberwechselte. So hatte ich
auch erspürt, daß er unten an der Schlucht gerade etwa hundert Schritte
weiter oben, als wo sich der Bach über die Steine hinweg jäh in die
Rausche stürzte, jede Nacht über den Bach hinüber wechselte, und am
Bergeshang langsam hinschritt. Das Holz war aber dort viel zu dicht
und schattig, um mir auch nur ein erträgliches Büchsenlicht zu gönnen,
trotzdem beschloß ich, wenigstens einen Versuch zu machen, und ging
eines Abends, es war im August, und eine wundervolle mondhelle Nacht,
hier auf der Bergkuppe hin, wo damals noch nicht einmal ein Fußpfad,
vielweniger ein Fahrweg hinlief, bis ich gerade an die Schlucht kam,
an der wir da oben stehen blieben. In dieser wollte ich mich
hinunterpürschen, denn weiter unten, wo der Mond gerade durch das lichte
Stangenholz schien, war es eher möglich, daß ich Licht genug auf's Korn
bekam, um eines sichern Schusse gewiß zu sein. Langsam und geräuschlos
schlich ich dann mich auf dem moosigen Boden bis gerade an jene alte
Buche hin, die damals schon eben so stark und knorrig da stand, wie an
dem heutigen Tag, und wollte just um sie herumbiegen, als ich -- Hennig
ich schwörs Euch zu, das Blut kocht mir noch heute in den Adern, wenn
ich an den Augenblick zurückdenke, -- langsame, schwere aber gemessene
Tritte höre. Das Herz fing mir an zu schlagen, als ob's ihm zu eng
in der Brust würde, und es sich aus Leibeskräften hinaus in's Freie
arbeiten wollte, und ich bekam das wirkliche reguläre Hirschfieber
dermaßen, daß mir alle Glieder am Leibe flogen und zitterten.
So stand ich wohl zwei volle Minuten und horchte, konnte aber gar Nichts
mehr hören, denn meine eigenen Knochen schlugen so an einander, bis ich
auf einmal in dem matten Mondenscheine, und kaum zwanzig Schritte von
mir entfernt, die Büsche sich bewegen sah, und heraustrat -- will ich
mein Leben trocken Brod und Salz essen, wenn's nicht wahr ist -- eben
der Zwei und zwanzig-Ender, und stellte sich breit und schußgerecht, und
so ruhig vor mich hin, als ob ich gar nicht in der Welt wäre, oder nur
ein Blasrohr statt einer guten, scharfgeladenen Kugelbüchse in der Hand
hielte.«
»Natürlich hatte ich das Rohr schon unwillkührlich und fast in demselben
Augenblicke gehoben, wo ich die ersten Schritten im vorjährigen gelben
Laub vernahm, aber hin und her flog die Mündung über die helle, vom
Mondeslicht beschienene Gestalt, nicht möglich war es mir, den Lauf auch
nur eine Secunde lang ruhig zu halten. -- Ich mußte wieder absetzen,
denn ich fühlte, ich hätte jedenfalls vorbei geschossen. Der Hirsch aber
windete hoch gegen den Luftzug hin, der glücklicher Weise gerade aus der
Schlucht heranwehte, streckte dann ganz behaglich erst den rechten, und
dann den linken Hinterlauf, neigte ein paar mal den schönen Kopf, als ob
er mir ordentlich zeigen wollte, >sieh einmal, was für ein Geweih,
was für Stangen ich habe!< und zog dann ganz vertraut, kaum funfzehn
Schritte entfernt vor mir vorüber.«
»Jetzt aber hielt ich's auch nicht länger aus; hinter der Buche suchte
ich mir an einer Stelle des lichten Firmamentes das Korn, kam mit dem
Lauf der Büchse rasch herunter, und drückte in demselben Augenblicke
ab, als der Hirsch, der vielleicht einen Schein von dem im Mondenlicht
blitzenden Rohr erhalten, scheu und schreckend den Kopf emporwarf. Gott
sei Dank, _der_ Schuß versagte _nicht_, wie er mir hundertmal im Traume
versagt hatte, und gleich nach dem Knall der Büchse brach der gewaltige
Platzhirsch wie ein Ungewitter durch die dünnen Stangen, und rasselte
die Schlucht hinunter, daß es eine Lust und Wonne war.«
»Aber Ihr kriegtet ihn?«
»Ich denke,« lachte der alte Jäger, und bließ dichte freudige Wolken aus
dem kurzen Pfeifenstummel; »keine hundert funfzig Schritt war er mehr
gegangen, und ich brauchte auch nicht einmal nach dem Anschuß zu suchen,
einen Spektakel machte er, wie er so in den Stangen lag, und verendend
mit den Läufen um sich herhieb, daß man's auf eine halbe Stunde weit
hätte hören können. Nun wie gesagt, an dem Abend -- alle Hagel!«
unterbrach er sich plötzlich, und deutete nach vorn, denn die Biegung
der Straße hatte sie gerade zu Zeugen einer eben so merkwürdigen, als
ihre Gegenwart anscheinend erfordernden Scene gemacht.
In kaum hundert Schritten Entfernung nämlich, und mitten auf dem, hier
gerade von dichten Büschen eng umschlossenen Fahrwege, stand eine
Gruppe von drei Menschen, bei deren Anblick Hennig das Blut in den
Adern stockte. Es waren zwei Damen, und vor ihnen, den Rücken den beiden
Männern zugedreht, die Rechte auf einen starken Knittel gestützt, die
Linke -- aus welchem Grunde, konnten sie von dort nicht erkennen --
gegen die Frauen ausgestreckt, ein etwas abenteuerlich aussehender Mann.
Da stieß die eine Dame plötzlich einen gellenden Schrei aus, und der
Hülfslehrer, der in der ersten Ueberraschung wie an seine Stelle gebannt
gewesen war, flog jetzt mit dem angstvollen, aber doch nur halblauten
Ruf »Sophie!« und rasend schnellen Sätzen dem Orte zu, an dem der Fremde
eben im Begriff schien, der Pastors Tochter Arm zu ergreifen, während
Fräulein Schütte, ihre bisherige Begleiterin, mit wildem Hülfgekreische
dem Dorfe zustob.
Auch der Jäger suchte jetzt so schnell als möglich an den Burschen, der,
wie er nicht anders glauben konnte, wehrlose Frauenzimmer auf offener
Straße anfiel, hinan zu kommen, und riß dabei die Flinte von der
Schulter und in Anschlag. Hatte aber der Fremde Hennigs Ausruf, oder
die lauten Schritte gehört, er wandte den Kopf, und erkannte kaum die
herabstürmenden Männer, als er auch schon, nur noch einen Blick auf das
zitternde Mädchen werfend, blitzesschnell zur Seite und in die nächsten
Büsche sprang. In dem Moment blitzte es aus des Jägers Rohr, und während
der Schuß noch durch die Waldeswipfel dröhnte, fing auch der junge Mann
schon die, durch Angst und Aufregung betäubt niedersinkende Jungfrau in
seinen Armen auf.
»Mamsell!« schrie jetzt der Jäger hinter der, in wilder Angst
ausstreichenden Dame her, deren Eile der Schuß noch beflügelt zu haben
schien -- »Mam--_sell_! -- _wir_ sind's ja!« -- doch umsonst, ihr
eigenes Schreien ließ sie auch schon nicht das des anderen hören,
und sie war bald in den Windungen des Pfades den Blicken der Männer
entschwunden.
»Ei so lauf Du und der Henker« brummte der alte Waidmann ärgerlich
hinter ihr drein, »Donnerwetter, hat das Frauenzimmer eine Courage; na,
das sollte _meine_ Tochter sein.«
Hennig befand sich aber indessen in Todesangst, denn noch immer gab die
bleiche Jungfrau in seinen Armen kein Zeichen des Lebens von sich, und
lag starr und regungslos auf seinem Knie; er rieb ihr die Schläfe und
das Innere der Hand, und die Stirn und den Arm -- Alles umsonst, es war,
als ob er eine Todte umschlossen hielt. --
»Förster, um Gotteswillen helft mir hier!« rief er endlich, und schaute
sich in aller Herzensangst nach diesem um, »was sucht Ihr denn dort? --
laßt das doch sein, und steht mir hier bei.«
»Hm,« brummte der Alte, der indessen, ohne sich um die Ohnmächtige
weiter zu bekümmern, die Büsche und das Gras, wo der Flüchtige
hineingesprungen war, sehr sorgfältig und aufmerksam betrachtet hatte,
-- »ich habe nur einmal nach dem Anschuß gesehen, aber keine Spur von
Schweiß -- doch das schadet Nichts,« fuhr er, sich aufrichtend und zu
der Ohnmächtigen tretend fort: »weiter hin werden wir's schon finden,
denn einen Keulenschuß hat er, darauf wollte ich wetten -- 's war zwar
achtzig oder neunzig Schritt und dünner Schnepfenschrot, so weit trägt
meine alte Caroline aber doch noch, und das weiß ich -- ah -- sehen Sie,
die Mamsell kommt schon wieder zu sich -- hier, reiben Sie ihr einmal
den Rum in die Schläfe, das wird ihr gut thun -- nichts besser wie Rum
bei Ohnmachten, -- wenn man besonders noch einen richtigen Schluck davon
nehmen kann.«
Das junge Mädchen erholte sich aber wirklich rasch wieder, athmete ein
paar Mal recht schwer und tief, und schlug dann die Augen auf. Zuerst
sah sie sich ganz erstaunt, ja fast erschreckt um -- augenscheinlich
hatte sie das ganze Vorhergegangene vergessen, und die Sinne mußten sich
erst wieder zu ihrer vollen Thätigkeit sammeln, dann aber mochte ihr
doch wohl wieder einfallen, wie sie in diese Lage gekommen, denn
ein leichtes Roth färbte ihre bleichen Wangen, und sich rasch, aber
unbefangen emporrichtend, sagte sie, während sie dem jungen, wie mit
Purpur übergossenen Lehrer die Hand reichte:
»Ich danke Ihnen, lieber Hennig!«
»Der Schuft wollte Hand an Sie legen!« sagte der Jäger, »Gott soll
mich holen, wenn das nicht bald noch über den grünen Klee geht, das
verfluchte Wildschützenzeug nimmt ja bald Alles an, was Beine hat.«
»Es war kein Wilddieb,« sagte Sophie, und blickte wie scheu nach den
Büschen hinüber, so daß der alte Jäger bei dem Gedanken lächelte, sie
könne glauben, _der_ käme noch einmal dahin zurück, wo _er_ stände --
»er sah wild, verstört und bleich aus -- ich weiß nicht einmal, ob er
-- ob er uns um etwas ansprechen wollte -- nur als Anna Schütte so wild
aufschrie, ergriff er meinen Arm -- was er wollte, weiß ich nicht --
aber so viel erinnere ich mich, sein Rock war von Dornen zerrissen, auch
sein Gesicht blutig, und er -- er glich eher einem unglücklichen, als
einem bösen Menschen.«
»Alle Wetter noch einmal!« sagte da der Jäger, »das wird der Kerl
gewesen sein, den die Polizeidiener aus der Stadt heute Morgen gehetzt
haben; ein paar Holzschläger von mir haben oben an der Waldecke
gestanden, und sich die ganze Geschichte mit angesehen, -- der ist vom
Felde 'rein in die Haidekiefern gefahren, in den jungen Schlag, und wird
sich nun wahrscheinlich im Walde herumtreiben. Warte Canaille, solches
Wild könnten wir hier gerade brauchen, weiter fehlte uns gar Nichts.
Hören Sie Hennig, Sie gehen ja doch wohl mit dem Fräulein zu Hause.«
»Ich glaube kaum, daß ich noch etwas zu fürchten habe,« sagte Sophie.
»Nein, das glaub' ich auch nicht,« lachte der Jäger, der an seine
Schrote dachte, »das bleibt sich aber gleich, allein können Sie doch
nicht nach Hause zurückkehren, ich aber will gleich mit meinem Fritz und
den Holzschlägern den Wald hier einmal absuchen, wahrscheinlich ist er
nach dem Weidicht hinunter, in die dicken Büsche, und wenn er da drinn
steckt, da finden wir ihn vielleicht, oder treiben ihn jedenfalls in's
Dorf.«
Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, warf der Alte das Gewehr, das
er indessen wieder geladen hatte, über die Schulter, und schritt rasch
den Weg, den er vorher mit Hennig gekommen, zurück. Dieser aber, der
sah, wie erschöpft die Jungfrau durch den vorigen Schreck sein mußte,
denn sie hielt sich selbst jetzt noch an einer kleinen Buche, neben
der sie stand, aufrecht, bot ihr seinen Arm. Sophie zögerte einen
Augenblick, nahm ihn dann, und schweigend schritten die beiden dem noch
ziemlich entfernten Dorfe zu.
Sechstes Kapitel.
Die Hornecker Schenke.
Es war Abend; aus dem Feld herein zog pfeifend der Knecht mit den
Pferden, und der Gänsejunge trieb ebenfalls seine schnatternde Heerde
den heimischen Ställen zu; auf dem Plane vor der Schenke hatte sich eine
Schaar wilder Jungen und Mädchen eingefunden, die um die Linden herum
und über die steinernen Bänke hin sprangen und jauchzten und tanzten und
Haschens spielten, und sich in ihrer lauten herzlichen Lust wenig daran
kehrten, daß der Thau schon feucht niederfiel auf die dampfende Erde
und nebliche Dünste aus der Niederung herauf nach den Gipfeln der Berge
stiegen.
Die Botenfrau, die aus der Stadt kam, keuchte mit dem schwer beladenen
Korbe den steilen Hang hinauf, der wohl zwanzig Ellen hoch gerade hinter
der Schenke herabführte, und hier und da blitzte schon zwischen den
knorrigen Zweigen der Aepfel- und Pflaumenbäume hindurch ein einsam
schimmerndes Licht hervor, und der Wanderer, der vorüberging, sah, wie
da drinnen um die großen, mit frommem Spruch verzierten Schüsseln, nach
ächt patriarchalischer Sitte, der Bauer mit seinen Knechten und Mägden
saß, und Löffel nach Löffel aus der dampfenden Suppe herausholte.
Ein ganz besonders reges Leben herrschte aber in der Schenke selbst,
denn da wurden Tische und Stühle gerückt und abgestäubt, Flaschen
herbeigeschafft und Gläser parat gestellt. Dort in die Ecke kamen
drei Tische für die Spielenden, zwei Lichter auf jeden, an die
entgegengesetzten Ecken der buntbeklebte Papptrichter mit den
geschnittenen Kartenfidibus auf den einen Leuchter. Auch die
Markenteller mit den Spielmarken bekamen ihren Platz und die Spucknäpfe
wurden zurecht gerückt, der sauber gescheuerten Stube zu Liebe.
»So,« sagte die dicke Wirthin, als sie auf den runden Drath, der am
Fensterknopfe hing, frische Bretzeln gereiht, und den rostigen wieder
an den alten Platz gehangen hatte, »so, itzt kennen se vor mir kummen,
Annegrethe, hast de denn aber ooch des grine Zimmer in Ordnung gebracht?
-- Blitzmädel, Du weeßt doch, das der Herr Diaconus pinktlich is, un es
die Bauern ooch schonst immer nich erwarten kennen.«