Unter den verschiedenen Familien, die ebenfalls und zwar schon Ende

März ihre Sommerwohnungen in Horneck bezogen, befand sich auch eine alte

Kommerzienräthin Schütte mit ihrer Tochter, die besonders freundlichen

Umgang mit Pastors gesucht und gefunden hatte. Anna Schütte, ihre etwa

vierundzwanzigjährige Tochter, war besonders die Liebenswürdigkeit

selber; der Frau Pastorin hielt sie das Garn und half ihr mit nach den

Kühen sehen, setzte sich zu ihr, und erzählte ihr tausend und

tausend Geschichten, alle natürlich auf den Buchstaben wahr, aus dem

Residenzleben (und wer hätte das nicht besser gekannt, als Anna Schütte,

deren ganzes Leben _in_ der Residenz eine ununterbrochene Kaffeevisite

bildete) lobte ihre vortreffliche Butter und den delikaten Käse,

versicherte selbst, in Itzingen keinen so guten Kaffee getrunken zu

haben, und die Kinder -- nein _die_ Kinder, so 'was Herziges existirte

auf der weiten Gotteswelt nicht mehr, mein himmlisches Louischen,

meine Göttermimmi, mein Götterkind, mein Seelenplätzchen, mein

Engelsgesichtchen -- und wie gelehrig die »lieben herzigen Dinger«

waren. Lieder lernten sie singen, merkwürdig schnell brachte sie die

Melodie zum »Graf von Luxemburg« dem fünfjährigen Mädchen in drei

gewöhnlichen Unterrichtsstunden bei, und zu Gesichterschneiden

u. s. w. zeigten die lieben Dinger eine für ihr Alter ungewöhnliche

Geschicklichkeit. Besonders in einer Sache wußte sie die »herzigen

Kinder« zu wirklicher Vollkommenheit zu bringen, und diese war, daß

sie den Namen irgend einer Person über die Straße hinüber, oder Etagen

herauf oder hinunter, mit unverwüstlicher Geduld anriefen. Stand z. B.

ihr Vater über dem Weg drüben und sprach mit Jemandem, so mußten die

Kleinen rufen Va--ter, und die letzte Sylbe immer eine Quinte höher als

die erste -- Va--ter -- Va--ter, bis der Vater, oder wer es nur war, der

zu solchem Anruf als Opfer ausersehen worden, in voller Verzweiflung,

denn seinem Schicksal entging er nicht, Folge leistete.

Daß das unartig oder unschicklich sei, konnte man den Kindern ebenfalls

nicht gut sagen, denn Fräulein Schütte hatte es sie ja gelehrt, und die

kleinen Dinger trugen ihr jedes Wort zu, was gesprochen wurde.

Fräulein Schütte hatte aber noch eine andere Eigenschaft -- sie _sang_,

und zwar fast stets -- auch bei nicht außergewöhnlichen Gelegenheiten

-- =fortissimo=, als ob sie auf einer sehr großen Bühne stände und

contractlich verpflichtet wäre, bis in die entferntesten Räume der

Galerien verständlich hineinzuschreien. Allerdings klang ihre

Stimme, bei leisem Gesange, keineswegs unangenehm, bei solchen

Kraftanstrengungen wurden die Töne aber scharf und -- etwas

Entsetzliches bei jedem Gesange -- _unrein_.

In diesem Frühjahr war auch ein junger Mann aus der Residenz ganz allein

hier in Horneck eingetroffen, den man früher dort noch nicht gesehen.

Es war ein »Schriftsteller«, wie er sich selber nannte, und ein

»sunderbares Gestell!« wie ihn die Landleute titulirten. Was er

eigentlich in Horneck wolle oder treibe, wußte man nicht, seiner Aussage

nach, wünschte er »eine _Arbeit_ zu beenden«, die Bauern schüttelten

aber dazu den Kopf und sagten, »wenn der eine _Arbeit fertig_ machen

wolle, so müsse er auch erst dazu anfangen, jetzt sei er aber schon

vierzehn Tage im Orte, und habe nicht d'ran gegedacht, zu arbeiten,

sondern nur in einem fort geschrieben.«

Dieser Literat, Strohwisch mit Namen, wohnte in demselben Hause mit

der Commerzienräthin Schütte, und zwar unten Parterre. Anstatt aber mit

denen, die gleich ihm hier an »ferne Küste« verschlagen worden, in recht

freundschaftlichem Verhältnisse zu stehen, schien er wunderbarer Weise

und ohne etwa vorhergegangenen Streit, auf sehr gespanntem Fuße mit

den Damen zu leben, ja selber eine Art Ingrimm gegen sie im Herzen

zu tragen. Konnte das verschmähte Liebe sein? »Pastors Sophie«, ein

liebenswürdiges junges Mädchen von 19 Jahren, hatte ihn deshalb im

Anfang stark im Verdacht -- heißt das _ihn_ -- denn wenn auch Anna die

Kinderschuhe schon lange ausgetreten haben mochte, wäre sie doch noch

immer zu hübsch für den wirklich häßlichen Fremden gewesen.

Um aber auch unseren jungen Schriftsteller mit wenigen Worten bei

dem Leser einzuführen, wird es vielleicht gut sein, ihn kurz und

oberflächlich, das heißt sein eigenes liebenswürdiges Aeußeres, zu

schildern und abzuconterfeien.

Feodor Strohwisch war ein Mann nahe an sechs Fuß hoch, mit starkem

grobknochigen Gestell, sehr hervorstehenden Backenknochen und etwas

stumpfer Nase, die Stirne dabei niedrig und eher eingedrückt als

vorstehend, die Lippen aufgeworfen, der Teint braun, das Haar struppig

braun und ganz kurz, =à la malcontent=, abgeschnitten, die Augen groß

und stier, auch die Gehörsorgane sehr »ausgearbeitet«, einen schmalen

dunklen Schnurrbart von der Mitte des Nasenknorpels hoch an der

Oberlippe bis zu den Mundwinkeln niederlaufend, kurz ein Gesicht, wie es

Jedermann, wenn es ihm in New-Orleans oder Rio de Janeiro begegnete,

für einem Mulatten gehörig, oder doch von Negerrace abstammend, halten

würde. Dennoch wäre diese merkwürdige Menschengestalt in der gewöhnlich

schlichten Modetracht vielleicht unbemerkt vorübergegangen; aber nein,

daran lag dem Eigenthümer des Angesichts nichts; er wollte gesehen, und

mit dem Sehen auch -- bewundert sein. Ein fast weißer, roth gefütterter

Burnus floß, afrikanisch gearbeitet, um seine Glieder, großcarrirte

Unflüsterbare deckten die langen Unflüsterbaren, an den Stiefeln

klirrten ein paar mächtige Sporen, und die Hand trug malerisch eine

fischbeinerne Reitgerte mit elfenbeinernem Griff, der einen Fuß und ein

zartgebogenes Mädchenknie bildete, was er auf der Straße stets

sinnend und schwärmerisch an die dicken Lippen drückte. Papageigrüne

Glacéhandschuh vollendeten die Toilette des »Gelehrten«. Feodor

Strohwisch war auch musikalisch, spielte gar nicht übel Pianoforte, und

schwärmte oft bis tief in die Nacht hinein, wenn -- ihn Anna Schütte

nicht daran verhinderte -- doch davon später.

Feodor saß unten im Parterre in seinem Zimmerchen und schrieb; er mußte

augenscheinlich Gedichte machen, denn er kaute sehr viel dabei an den

Federn herum, sah manchmal ganz vergnügt vor sich hin, schrieb vier

Zeilen, strich drei davon wieder aus, und fing dann mit denselben

Experimenten von vorne an. Das Singen aber schien ihn auch nicht

zu stören, es hatte wenigstens keinen äußerlichen Einfluß auf seine

Bewegungen, und seine Arbeit hatte ihren Fortgang, nur wenn ein falscher

Ton kam, fuhr er wie Einer in die Höhe, der plötzlich und unerwartet mit

einer Stecknadel gestochen wird, schüttelte dann mit dem Kopfe, biß wie

verzweifelt in die Feder hinein, daß die hätte laut aufschreien mögen,

und fuhr wieder in seiner Beschäftigung fort.

Anders war es mit dem über die Straße Rufen des Fräuleins -- _das_

brachte ihn in der That oft der Verzweiflung nahe, und wenn die hohe

Quinte auf der letzten Sylbe manchmal unverdrossen zehn, zwanzig Mal

hintereinander durch das Haus schallte, begann er nicht selten die

wunderbarsten Experimente, um seinem inneren Grimme Luft zu machen. Wie

das aber geschah, werden wir im weiteren Fortgange der Erzählung sehen.

Da glitt plötzlich eine schlanke Mädchengestalt dicht an seinem Fenster

vorüber, blitzesschnell fuhr er mit dem Kopfe nach und hinaus, doch

-- schon zu spät, die Gestalt war in das Haus geschlüpft und Feodor

Strohwisch zog sein tief gerunzeltes Haupt wieder unverrichteter Sache

zurück. Wenige Minuten später aber klopfte es oben bei Schütte's an

und Anna flog mit einem lautschmetternden »Sie ist's -- sie ist's,

die Flagge der Liebe soll wehen!« das den Dichter unten um so mehr

zur Verzweiflung brachte, da _er_ nicht einmal wußte, wer es war, der

Freundin, »Pastors Sophiechen«, entgegen.

»Ei du holder süßer Engel, das ist ja prächtig, daß Du mich heute

besuchst,« rief sie nach der ersten Begrüßung, »ich habe schon gar nicht

gewußt, womit ich den verzweifelt langen Nachmittag heute hinbringen

würde; nun bleibst Du ein bischen bei mir und da plaudern --«

»Nein, liebe Anna,« fiel ihr hier lächelnd Fräulein Scheidler in die

Rede, »der Nachmittag ist so herrlich, daß wir, so gut es mir bei Euch

gefällt, unmöglich hier im engen Stübchen bleiben dürfen; deshalb komm'

ich, Dich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen.«

»Aber wohin, Soph'chen,« frug Anna, und ließ schon im Geist ihre

Garderobe an sich vorbei defiliren, um die »Eingeborenen« wieder mit

einer neuen Toilette in staunende Bewunderung zu versetzen; »wohin,

unten am Fluß hin und her? Da wohnt ja Niemand, wie drüben über der

Rausche etwa Försters.«

»Du närrisches Kind,« lachte das holde Mädchen, »wenn wir blos spazieren

gehen wollen, kann es uns auch einerlein sein, ob da Jemand wohnt oder

nicht; doch am Flusse sind wir schon so oft gewesen, und ich dächte

deshalb, wir wollten heute einmal auf der Straße nach Sockwitz zu

durch den Fichtenwald gehen. Du sollst nur einmal dort die herrlichen

wunderschönen Bäume sehen, es ist ein reizender Spaziergang. Nur das

einzige Unangenehme hat es, daß wir, von hier aus, hin und zurück durch

das ganze Dorf der Länge nach durchmüssen, sonst --«

Anna's Zweifel schwanden mit einem Male.

»Das schadet Nichts,« sagte sie rasch, »es ist jetzt trocken und am

Sonnabend Nachmittag besonders werden auch nicht die vielen fatalen

Düngerwagen hinaus auf's Feld gefahren; ist Dir's also recht, so brechen

wir gleich auf, und an mir soll es dann auch nicht liegen, wenn

wir lange aufgehalten werden; -- ich will mir nur ein anderes Kleid

überwerfen.« --

»Ein anderes Kleid?« frug Sophie erstaunt, »aber warum denn das, um

draußen im Wald spazieren zu gehen? Liebes Kind, Du bist für das

Dorf viel zu hübsch angezogen, _das_ Kleid, versichere ich Dich, ist

vollkommen gut genug!«

»Ach bewahre,« lachte Anna naiv, »sieh nur, hier unten hat es ja gar

einen kleinen Riß, wo ich neulich einmal an einem von den häßlichen

Dingern mit Holzzacken, die an den Häusern aufgerichtet sind, hängen

geblieben bin -- laß mich nur, ich bin den Augenblick fertig --

Friederi--_keh_ -- Friederi--_keh_!« Die hohe Quinte lag wieder auf der

letzten Sylbe und der Ton schallte durch das ganze Haus.

»Was soll denn das Mädchen?« frug Sophie, »ich kann Dir ja wohl helfen

das Kleid anziehen, wenn es denn einmal sein muß -- was hast Du denn?«

»Laß mich nur,« sagte Fräulein Schütte, »weiß der liebe Himmel, wo das

Mädchen wieder steckt, immer ist sie nicht da, wenn sie gebraucht wird,

und schwatzen thut das Geschöpf, ich sage Dir, Sophie, das ist zum

Verzweifeln; der Mund steht ihr nicht einen Augenblick stille. Nein,

was man für eine Noth mit den Dienstleuten hat.« Sie trat an's offene

Fenster und sah hinaus.

»Ja,« lachte Sophie, »das läßt sich nun nicht ändern und muß ertragen

werden; uns ist es kaum besser gegangen, auch wir haben erst heute

unser Mädchen abziehen lassen, und wissen nun noch nicht einmal, wie die

einschlägt, die heute bei uns angezogen.«

»Das bleibt sich Alles gleich,« sagte Fräulein Schütte, »_einen_ Satan

schickt man fort und einen _andern_ kriegt man wieder. Aber ich sehe

unsere Friederike auch gar nicht auf der Straße, die muß dort um die

Ecke gegangen sein -- Friederi--_keh_! -- Friederi--_keh_!«

Feodor Strohwisch unten that einen herzhaften Biß in die Feder, sprang

von seinem Stuhle auf und lief wie ein Besessener in dem engen Zimmer

auf und ab. Wunderbare Gesticulationen machte er dabei, und Einer, der

ihn nicht näher kannte, wäre, wenn er das hätte unbemerkt beobachten

können, sicher auf die sonderbarsten Gedanken gekommen.

In seinem Arbeitszimmer nämlich, und dicht neben dem Ofen, auf einem

niederen braunlackirten Eckschranke, stand ein, wahrscheinlich der

Wirthin gehörender alter hölzerner Haubenkopf, mit sehr roth gemalten

Wangen und sehr dicht anliegenden Locken; einem ganz von Stecknadeln

durchlöcherten Scheitel, ein paar dünnen, fest zusammengekniffenen

ziegelfarbigen Lippen und sehr großen stieren blauen Augen, denen ein

paar hochgestrichene rabenschwarze Brauen einen ganz eigenthümlichen

Ausdruck gaben. Es sah fortwährend so aus, als ob der obere Theil des

Gesichts ununterbrochen über irgend etwas auf das Aeußerste erstaunt

wäre, und der untere Theil sich das unter keiner Bedingung wolle merken

lassen.

Dieser Kopf nun war der Gegenstand, mit dem Feodor Strohwisch bei

solchen Gelegenheiten, und zwar auf das lebhafteste verkehrte. Zuerst

warf er dem Kopfe nur ein paar wüthende Blicke zu, die dieser auf das

erstaunteste erwiederte, schoß dann noch einmal durch's Zimmer, und als

die Friederi--_keh_ von oben noch immer nicht kam, und der entsetzliche

Ruf mit einer fabelhaften Geduld und Ausdauer hernieder schallte, da

blieb er endlich vor dem Kopfe stehen, streckte ihm die eine geballte

Faust entgegen und sagte mit dumpfer drohender Stimme:

»Fräulein Schütte, ich bin auch nur ein sterblicher sündhafter Mensch,

und meine Geduld ist, wenn auch von Gummi elasticum, doch deshalb

nichtsdestoweniger zerreißbar; ich hoffe, daß Sie jetzt --«

»Friederi--_keh_!«

Feodor sah in grimmer Wuth zu dem Kopfe auf; es war fast, als ob er eine

Gewaltthat beabsichtige, so dunkel und drohend glühten seine Augen.

»Fräulein Schütte,« begann er noch einmal, »wenn Sie glauben, daß ich

bei _solchem_ Lärm, der Einem wie glühende Schwerter durch Leib und

Seele dringt, humoristische Gedichte machen kann, so erlauben Sie

mir nur, ihnen die Bemerkung zu Füßen zu legen, daß das eine reine

Unmöglichkeit ist: ich kann viel ertragen, ich _habe_ schon viel

ertragen, Fräulein Schütte, aber ich verbitte mir von jetzt an alle

dergleichen Barbarismen. Schon das _Friederike_, mit ihrer lauten

gellenden Stimme gerufen, ist grausam, das _keh_ aber hinten dran, mit

der hohen Quinte, ist kannibalisch. Ich sage Ihnen --«

»Friederi--_keh_! Friederi--_keh_!«

Das war zu viel, Feodor Strohwisch schoß, wie aus einer Pistole

geschossen, auf den Kopf los, ergriff ihn mit der Linken an dem langen

dünnen Halse, und legte ihm die breite Rechte fest und entschlossen

auf den Mund. Der Ausdruck des Gesichts, dessen untere Parthien so

zugehalten wurden, daß nur der vollständig erstaunte obere Theil

desselben sichtbar blieb, nahm einen wahrhaft beunruhigenden Charakter

an, der Gereizte blieb aber unerbittlich und sagte nun nach wohl

minutenlanger Pause, in der übrigens der Ruf nicht wiederholt wurde:

»Sehen Sie, mein Fräulein, sehen Sie? -- Sie haben es nicht anders haben

wollen, Sie haben mich förmlich zu Zwangsmaßregeln genöthigt; ich bitte

Sie inständigst, ich bitte Sie um ihrer selbst willen, uns Beiden das

nächste Mal solche unangenehme Auftritte zu ersparen.«

Und damit schob er den Kopf auf seine Stelle zurück, ging wieder an

sein Schreibpult und war bald auf's Neue vollkommen in sein Sinnen und

Grübeln vertieft. Aber auch Fräulein Schütte hatte die Genugthuung,

daß ihre Friederi_keh_ endlich, nach so unermüdlicher Anstrengung der

Lungen, erschien, das gewünschte Kleid wurde gebracht und angezogen,

saß ausgezeichnet, und Arm in Arm wandelten die beiden Freundinnen bald

darauf den Berg hinauf, an der Pfarre und Schenke, die Sonnabends und

Sonntags besonders stark besucht war, vorüber, folgten dabei immer nur

dem ziemlich breiten und mit gelbem Kies beworfenen Fuhrweg, der bis zu

den letzten Häusern des Dorfes sich erstreckte, und betraten nicht

lange nachher den herrlichen grünen Wald, in welchem sich die Straße,

allerdings immer schmäler werdend, hinschlängelte, bis sie zuletzt zu

einem gewöhnlichen Holzfuhrweg wurde, der durch lange schmale Streifen

Gras und alte, lange nicht aufgefrischte Wagenspuren verrieth, wie

selten er befahren, wie wenig er überhaupt benutzt wurde, indem der

Hauptweg nach Sockwitz schon früher rechts abzweigte, und in die große,

im zweiten Kapitel erwähnte Chaussee auslief.

Fünftes Kapitel.

Der alte Jäger.

Indessen war Hennig, aus dessen innerstem Herzensschacht das Gespräch

mit dem Diaconus wohl auch manch trüben Gedanken zu Tage gefördert haben

mochte, ebenfalls aus dem Dorf heraus und durch den Wald geschlendert.

Ihn trieb es, allein zu sein, denn das was _ihm_ auf dem Herzen lag war

zu schwer, zu freudlos als daß er es mit dem armen Mann, der schon für

sich ein so tüchtiges Bündel zu tragen hatte, hätte theilen mögen.

Es wurde Mittag, und er wußte, daß sie daheim auf ihn mit dem Essen

warteten, aber er konnte sich jetzt nicht gleich wieder unter Menschen

setzen, jetzt nicht gleich wieder über alltägliche Dinge plaudern oder

»wichtige Schulberichte« mit anhören, wo ihm das ganze Leben so schal

und nichtig vorkam, daß er sich ordentlich nach freier Luft und nach

stillen grünen Waldesbäumen sehnte. Denen konnte er sein Leid klagen,

ohne von ihnen verhöhnt zu werden, ja die nickten wohl auch mitleidig

dazu mit dem Kopfe und schienen in ihrem stillen geheimnißvollen

Rauschen mit ihm trauern, mit ihm zu dulden.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als er erst wieder an die Rückkehr

dachte; lange schon hatte er den Fuhrweg verlassen und die Biegung einer

Waldwiese beibehalten, die sich wohl eine gute Stunde Weges lang am

Bergeshang hinzog und erst oben wieder durch einen schmalen Fußpfad

mit der Straße zusammen hing, die auch die beiden Mädchen eingeschlagen

hatten, und die sonst nur gewöhnlich benutzt wurde, um die oben auf dem

Bergeskamm gehauenen Stämme hinunter nach der Thalmühle zu schaffen.

Anstatt aber gleich den kleineren Pfad einzuschlagen, wandte er sich

ein wenig links drei hohen Eichen zu, die hier stolz aufragend über

die niederen düsteren Fichtenstämme emporschauten. Dort quoll aus dem

weichen lauschigen Moos ein klarer Quell hervor, und rieselte mit leisem

Murmeln durch die weiche, torfige Rasendecke hin in das Thal hinab, wo

er sich -- anstatt bedächtig, wie es der größere und verständigere Bach

that, an der Abdachung hin zu gleiten und unten, in der weidenumgürteten

Schlucht langsam in die Rausche hinaus zu treten -- in tollem Muthwillen

ordentlich die steilsten und schroffsten Felsenhänge aufzusuchen schien

und in jähen kecken Sprüngen, über moosigen Stein und starre Lehmbank

weg, wild und sprudelnd und weißen Schaum jubelnd um sich her sprühend,

in den unten froh vorbeibrausenden Fluß sprang.

Diese Quelle suchte Hennig auf, denn ihn dürstete, als er aber den Fuß

der Eichen erreichte, sah er, wie sich dort eine menschliche Gestalt

bewegte; gleich darauf schlug ein Hund an und er erkannte näher tretend,

den alten Jäger Holke, der hier beschäftigt war, ein anscheinend erst

verendetes Reh aufzubrechen. Sobald der aber die Schritte hinter sich

und das Bellen des Hundes hörte, hatte er, rasch auffahrend, nach der

Flinte gegriffen, jetzt jedoch, als er sah wer es war, lehnte er diese

wieder an den Baum, und fuhr, sich nur halb nach Hennig umwendend, in

seiner Arbeit fort.

»Halloh Schulmeister« rief er dabei und stieß, um den Schlund des Rehes

einzuknüpfen, den Genickfänger neben sich in eine der moosbewachsenen

Eichenwurzeln -- »was zum Blitz und Hagel treibt Euch denn zur Schulzeit

mitten in den Wald hinein? es ist Euch doch nicht irgend ein Junge

entlaufen, den Ihr wieder suchen wollt? Das ist schwere Arbeit ohne

Spurschnee!«

»Guten Tag, Förster« sagte Hennig und ließ sich langsam zwischen diesem

und der Quelle, aber dicht neben der letzteren nieder; er war durch das

lange einsame Umherstreifen wieder ruhig, ja fast heiter geworden, und

freute sich den alten Mann hier gefunden zu haben, den sie alle im Dorfe

lieb hatten und der, wenn auch ein Bischen derb, ja oftmals grob in

seinem Wesen, doch treu und aufrichtig war, und Niemandem etwas in den

Weg legte oder zu Leide that -- »man sieht es daß Ihr schon lange aus

der Schule seid, Ihr müßtet sonst wissen, daß die Sonnabende frei sind,

und an ihnen keine Schule gehalten wird.«

»Das ist eine neuere Mode,« brummte der Alte, »zu meiner Zeit waren nur

die Nachmittage frei, in den Vormittagen quälten sich aber die Lehrer

auch ein Bischen mit den Bälgern, und ließen sie nicht den ganzen lieben

ausgeschlagenen Tag den Eltern über dem Hals.«

»Die paar Vormittagsstunden« erwiederte ihm lächelnd der Lehrer, »die

wir am Sonnabend Morgen gewinnen, geben wir reichlich in der Woche zu,

wo wir mehr Unterrichtsstunden halten, als uns das Gesetz eigentlich für

den ganzen Zeitraum der Woche vorschreibt. -- Doch wenn habt Ihr denn

das Reh geschossen, es scheint noch ganz frisch und es hat doch, seitdem

ich hier in der Nähe bin, nicht ein einziges Mal geknallt.«

»Werd' es wohl mit Baumwolle oder Hanfleinen geschossen haben,« brummte

der Jäger -- »das knallt nicht und macht auch keinen Rauch -- ist eine

kostbare Erfindung -- ich wollte daß die verdammten Stubenhocker in der

Stadt, die derlei Geschichten ausbrüten, sich und ihren nichtswürdigen

Krimskram bis in die Mitte nächster Woche hineinsprengten, nachher würde

die liebe Seele wohl einmal auf eine Weile Ruhe haben.«

»Halloh Förster, Ihr seid ja entsetzlich böse und brummig heute, was ist

denn vorgefallen? -- wieder einmal Streit mit dem Pastor gehabt? --«

»Der Pastor soll zu -- Grase gehn, wie's mir d'ran liegt«, knurrte der

Jäger, »hab' ihn Gott sei Dank seit acht Tagen gar nicht zu Gesicht

gekriegt. So lange wir so weit auseinander wohnen, sind wir uns auch

recht herzlich grün; hm --«

»Ihr seid merkwürdig übler Laune heute« sagte Hennig und richtete sich

von der Quelle, an der er eben getrunken wieder auf -- »ist denn irgend

etwas geschehn, was Euch geärgert hat?«

»Aergern?« wiederholte der Jäger und drückte mit geschickter und starker

Hand die feste Klinge in das Schloß des Rehes, »da soll sich auch Einer

nicht dabei ärgern, wenn er in _der_ Jahreszeit eine Rikke aufbrechen

muß, die ein paar Wochen später das schönste junge Kalb in den Wald

gesetzt hätte, das einmal tüchtiges Gehörn getragen. Geärgert? -- Das

Herz im Leibe drehte sich Einem bei solcher Arbeit um, und man möchte

sich wahrhaftig lieber wünschen unter Kannibalen, als unter einer

solchen verdammten Aasjägerrace zu leben, die das Kind im Mutterleibe

nicht verschonen. Wer in der Jahreszeit nach einer Rikke schießen kann,

der schlägt auch seinen eigenen Bruder um acht alte Groschen todt.«

»Also Ihr habt das Reh _nicht_ geschossen?« frug Hennig, der wenig oder

gar Nichts von der Jagd verstand, ruhig.

»Wer? -- ich?« -- schrie der alte Mann, und warf dem Lehrer einen

ingrimmig wilden Blick zu, sich plötzlich aber besinnend, daß der da,

der eben _die_ Frage an ihn gerichtet, seinem eigenen Ausdruck nach »ein

Stück Wild kaum von einer Windmühle zu unterscheiden vermochte,« warf

er seufzend das Gescheide mit dem jungen Kalbe bei Seite, hob das jetzt

fertig ausgeworfene Reh an die Quelle, wo er es mit dem klaren Wasser

derselben rein auswusch, und sagte dann, nachher seine eigenen Hände und

den Genickfänger ebenfalls darin abspülend.

»Man darf's Euch nicht so übel nehmen, Ihr verstehts nicht besser. Das

laßt Euch aber gesagt sein, und es wäre gut Ihr prügeltet das jetzt

schon Eueren Jungen ein, wenn's die Flegel auch später wieder vergessen

-- daß es Sünde und Mord ist überhaupt eine Rikke, besonders aber noch

dazu im Frühjahr, zu schießen. Verstanden?«

»Eine Rikke ist das Weibchen vom Rehbock?« frug der Schulmeister den

Jäger.

»Ja!« sagte der Forstmann, und warf einen halb spöttischen, halb

mürrischen Blick nach dem Frager -- »die Sie'n.«

»Aber wer hat denn die Rikke geschossen?« fuhr Jener, sich überall

umschauend, fort, »sind etwa Wilddiebe hier im Holz?«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band. · 第 3 / 14 段