Hennig sah ihn verwundert an, schüttelte aber dann mit einem halb

gezwungenen Lächeln den Kopf und sagte leise:

»Ihr Geistlichen solltet gerade am wenigsten klagen! Ihr spielt hier,

und besonders auf dem Lande, immer die erste Rolle, habt Euer gutes

Auskommen und geltet bei den Bauern als was ganz Besonderes. Dazu haltet

ihr Sonntags einfach Euere Predigt und geht dann die übrige Zeit

blos mit feierlichem Ernst in den Zügen im Dorfe herum -- es ist 'was

Erhebliches, so ein Geistlicher zu sein.«

»Und gerade bei Ihrem Scherz haben sie den wunden Fleck getroffen,«

sagte der Diaconus und strich sich mit der Hand ein paar Mal über die

Stirn, als ob er Bahn machen wollte den freien Gedanken, die jetzt

von Unmuth und Trübsinn umnachtet und verdüstert wurden, »Ihr haltet

Sonntags die Predigt und geht dann die übrige Zeit blos mit feierlichem

Ernst in den Zügen im Dorfe herum. Ja, ja, in dem feierlichen Ernst

liegt Alles, was ich nur gegen Ihr Lob und Preisen erwidern könnte.«

»In dem feierlichen Ernst?« sagte der Hülfslehrer erstaunt, »nun ich

dächte doch, das wäre die geringste Unbequemlichkeit, die eine Stellung

mit sich bringen könnte.«

»Sehen Sie, Hennig,« fuhr Brauer, ohne des Freundes Einwurf zu beachten,

fort und legte ihm die linke Hand leise auf den Arm, »der >feierliche

Ernst<, von dem Sie sprachen, und den das Landvolk auch im Allgemeinen

von einem Geistlichen erwartet, ja fordert, das ist die _Heuchelei_ des

Standes, die mir in der letzten Zeit und seit ich darüber zum klaren

Bewußtsein gekommen, am Leben nagt und meinen Frohsinn zerstört, die

Heuchelei sich zu geben, wie man nicht ist. Und nicht blos im Dorfe und

außer der Kirche, das ließe sich ertragen -- wenn es mir auch früher ein

bischen schwer angekommen ist, nur weil ich ein Geistlicher war, Tanz

und Jugendlust entsagen zu müssen, jetzt denk' ich überdies nicht mehr

daran -- nein, auf der Kanzel oben, da wo ich manchmal so recht aus dem

Herzen heraus den Leuten sagen möchte, wie _ich_ mir den lieben Gott

denke, wie _ich_ das Leben und Wesen der Religion empfinde, begreife,

fühle, da, da müßt' ich mit dem >feierlichen Ernst< zu Dogmen schwören,

die ich im Herzen für Unsinn halten muß, von ewigen Strafen sprechen,

wo mir die Brust von ewiger Liebe voll ist, muß Jesus Christus zu einem

Gott _erniedrigen_, während er als Mensch so hoch, so unerreichbar

stände. Und der Firlefanz dann, der unseren Stand umgiebt, der

Priesterrock, die Krause, der bunte Fastnachtstant auf dem Altar, o

Hennig, ich schwör' es Ihnen zu, ich komm' mir immer, wenn ich von

dem verzerrten Bild des Gekreuzigten, und von all' den Quälereien der

Märtyrer und Heiligen, mit ihren Sinnbildern, den Ochsen und Eseln,

umgeben stehe, wie ein Indischer Bramine, Buddhapriester, oder sonst ein

fremdländisches Ungethüm vor, und muß mich manchmal ordentlich umsehen,

ob es denn auch wirklich wahr ist, daß ich als Christ in der >allein

selig machenden Religion< einen solchen Rang bekleide, wie der Bramine

und Feuerpriester, wie der Bonze und Fetischmacher, und daß nur der

einzige Unterschied in dem Fleckchen Erde liegt, auf das uns das

Schicksal gerade zufällig hingeschleudert hat.«

»Nun bitt' ich Sie um Gottes Willen,« rief Hennig verwundert, »was fällt

Ihnen denn auf einmal ein? Sie wollen doch nicht etwa unsere christliche

Religion mit dem wilden Heidenthum der Brama- und Buddha-Anbeter, oder

wie die langarmigen Götzen alle heißen, vergleichen? na, wenn _das_ der

Pastor hörte, das Bischen Strafpredigt!«

»Ich weiß es« sagte der Diaconus mürrisch, »und das gerade macht mich

so erbittert, daß ich hier etwas gegen meine Ueberzeugung für das

vorzüglichste ausgeben soll, was, wenn wir das Nämliche nur mit anderem

Namen belegen, und in ein anderes Land versetzen, von uns verlacht und

verachtet wird. Unsere Religion ist schön und herrlich, Christi Lehre

in ihrer Einfachheit und Größe unübertroffen in der Geschichte, aber

weshalb dürfen wir sie dem Volk nun nicht so rein und herrlich geben,

wie wir sie von _ihm_ empfangen? warum muß sie erst noch, mit alle

dem, was spätere Schreiber und Pfaffen dazugethan, unkenntlich und

ungenießbar gemacht werden? Die Schriftgelehrten sagen: was thut das,

der Kern ist die Hauptsache, der ist gut und vortrefflich, an den wollen

wir uns halten, und das was Schaale ist, weiß man zu sondern; ja, aber

der gemeine Mann nimmt die Schaale für den Kern; ihm ist der Firlefanz

so lange vorgehalten, bis er ihn für die Hauptsache, und das Andere

Alles für Nebensache hält. Ein Löffel Cichorie kann, meinem Geschmack

nach, den besten Kaffee ungenießbar machen, und hat man nun gar einen

ganzen Topf voll Cichorie, und nur ein paar ächte Bohnen darin, so

gehört ein Kenner dazu, das herauszufinden. Der Bauer sieht auch die

Kirche in der That mehr als etwas Aeußeres an, und wie sollte er anders,

da er von Jugend auf darauf hingewiesen wurde. Er geht nicht hinein,

weil ihn Herz und Seele hineinzieht, weil er eben nicht draußen bleiben

kann, wie es mich in die Natur, unter Gottes freien, herrlichen Tempel

zieht, sondern, weil er sich vor dem Pastor fürchtet, und seinen Namen

nicht gern, käme er nach längerer Zeit einmal wieder, von der Kanzel

herunter hören möchte. Auch die Gewohnheit trägt viel dazu bei; er sitzt

gern am Sonntag Morgen, wo er zu Hause doch nichts anderes anfangen

könnte, auf seinem Platz im >Gotteshaus,< aber nicht aufmerksam und

gespannt den Worten lauschend -- dem Sinn der Predigt folgend, sondern

mehr in einer Art Halbschlaf, mit nur theilweis hinlänglich wachem

Bewußtsein, um einzelne Worte und Sätze zu verstehen. Nur dann, wenn

der Pastor von der Kanzel herab über irgend einen Mißbrauch, oder noch

lieber über eine bestimmte, ja am liebsten namhaft gemachte Person, die

er nur nicht selbst sein darf, loszieht, nimmt er die schlaffen Sinne

zusammen, und schon der Beifall, den er solcher Predigt spendet, wenn er

zu Hause kommt, beweist, in welchem Geist er das Ganze aufgefaßt. >Der

hat's en aber heute mal gesagt< spricht er, und freut sich dabei über

seinen Pastor, wie er so tüchtige >Haare auf den Zähnen< hätte.«

»Aber weshalb sind Sie dann, und wenn Sie _so_ denken, überhaupt

Geistlicher geworden?« frug ihn Hennig erstaunt.

»Weshalb?« sagte Brauer, »dieselbe Frage könnte ich Ihnen zurückgeben,

denn glauben _Sie_ das Alles selber, was Sie Ihrem Amtseid nach

gezwungen sind, den Kindern im Religionsunterricht zu lehren? -- nein,

aber Sie wissen auch, wie wir im Anfang und von Jugend auf erzogen

werden, und wie sich unser Leben fast stets so, daß unser freier Wille

nur dem Namen nach dabei in's Spiel kommt, gestaltet und heranbildet.

Schon mit der Taufe, unserer ersten Aufnahme in den Bund der Christen,

fangen wir an; das schreiende Kind wird mit lauwarmem Wasser begossen,

und seine Pathen bestätigen in seinem Namen, wohl häufig selbst

ungläubig, den >festen Glauben< des neuen Erdenbürgers. Das aber geht

noch an; es ist eine symbolische Handlung, und manche Leute hängen am

Formellen; aber nun ist der Junge vierzehn Jahr alt, also in den besten

Flegeljahren, hat von einem selbstständigen Gedanken noch keine Idee,

plappert nach, was ihm vorgebetet wird, und legt nun auf einmal, mit

dem _ersten_ Eid, den er leistet, und _wie_ oft ein Meineid, sein

Glaubensbekenntniß ab. Welche Erinnerung bleibt ihm in späteren Jahren

von dieser so feierlich gehaltenen Handlung? -- daß er sich da zum

ersten Mal höchst unbehaglich in einem langschössigen schwarzen Frack

gefühlt, und ungeheure Angst gehabt habe, die Oblate bliebe ihm auf

der Zunge sitzen -- weiter Nichts. Entschließt sich nun der Knabe, nach

allen diesen Vorbereitungen dazu, Theologie zu studieren, so begreift er

gewöhnlich erst dann so recht aus innerster Tiefe heraus, welchen Stand

er gewählt -- wenn es _zu spät_ ist. Schritt nach Schritt wird er seinem

neuen Berufe näher gezogen, das zweite Examen befestigt ihn endlich

unwiderruflich darin, und wenn er sich auch mit Sophismen beschwichtigen

und einschläfern will, der Geist in ihm wacht doch und ist lebendig, und

raunt ihm Tag und Nacht in's Ohr: einen Priester der Wahrheit willst

Du Dich nennen, und zweifelst selber an den Worten, die dir die todte

Schrift auf die Lippen legt. --

Aber fort mit den Gedanken, sie quälen uns umsonst, und die Sache bleibt

doch wie vorher, die Ketten, die unser Leben fest und unerbittlich

umschlossen halten.«

»Sie mögen bei Manchen recht haben« sagte Hennig, und schien ebenfalls

plötzlich weit ernster geworden zu sein, -- »das hat dann freilich Jeder

mit seinem Gewissen auszumachen, was aber das äußere Leben betrifft,

so sind die Geistlichen doch unbedingt vor uns Lehrern auf das

ungerechteste bevorzugt. Sie bilden auf dem Lande die alleinige

Aristokratie, und werden von den Bauern geachtet und geehrt; wie aber

steht dies dagegen mit dem Schulmeister? -- so ein armes Thier von

Dorfschul--«

Ein lautes Pochen am Hausthor unterbrach ihn hier, und der Diaconus, der

eben aufgestanden, und ein paar Mal im Zimmer auf und abgegangen war,

öffnete seine Thür, ging die Treppe hinab, und schob den Riegel zurück,

der den Eingang verschlossen hielt.

»Is der Herr Paster uaben?« frug ihn hier eine vierschrötige

Bauerngestalt, die einen derben, etwa elfjährigen Jungen an der Hand,

gerade vor dem Eingange stand. Der Mann sah böse und gereizt aus, die

Pelzmütze stak ihm seitwärts auf dem struppigen blonden Haar, und mit

der linken, breiten, sehnigen Faust hielt er fest des Jungen rechten Arm

gepackt, der seinerseits ebenfalls dickverweinten Angesichts und Trotz

und Angst in den schmutzig geschwollenen Zügen, mit dem anderen freien

Ellbogen die Spuren der letzten Thränen zu verwischen suchte.

»Der Herr Pastor studiert« sagte der Diaconus ruhig, »Ihr wißt wohl, es

ist heute Sonnabend, und da läßt er sich nicht gern stören.«

»Ich muß ihn aber emol sprächen« beharrte der Unabweisbare -- »'sis von

wägen mein Jungen do, den hat mir der Schulmaistr verschlahn.«

»Der Schulmeister?«

»Jo, der Ole -- blitzeblau is der Junge auf'm >Setz Dich druff,< un der

Rücken hat Striemen, wie meine Finger dick; soll mich der Böse bei Nacht

besuche, wenn ich mer mein Jungen verschlahn lasse, wenn er keene Schuld

nich hat.«

»Keine Schuld? aber woher wißt Ihr das schon? wird der Schulmeister ein

Kind unverdient strafen? Vater Kleinholz ist doch sonst nicht so hart

und grausam.«

»Ah was, grausam hin un her!« knurrte der gekränkte Vater, »mein Junge

hot mer de ganze Geschichte verzählt, und gor nix hot er gethan, sein

Hingermann is es gewäsen, der hot die ganze Suppe verdient, denn des is

dem Klausmichel sein Crischan, das Raupenluder, un den hab' ich schon

lange uff'm Striche.«

»Aber lieber Freund --«

»Ah, papperlapapp, mit dem Pastor will ich räden, wu is er, der hot noch

Zeit gening zum Studieren!« und ohne eine weitere Antwort oder Erlaubniß

abzuwarten, schleppte er seinen Jungen, der sich übrigens bei der ganzen

Sache nicht wohl zu befinden schien, die Treppe hinauf, bis vor des

Pastors Zimmer, klopfte hier rasch an, und trat, ohne selbst das

gewöhnliche »Herein« abzuwarten, zu ihm ein.

Der Diaconus ging in seine eigene kleine Stube zurück, wo der

Hülfslehrer noch sinnend auf dem Sopha saß, und die beiden hörten jetzt,

wie der Bauer mit lauter ärgerlicher Stimme wahrscheinlich das ihm, in

seinem Sohne widerfahrene Unrecht dem Pastor klagte.

»Hat denn Kleinholz Meinhardts Gottlieb so geschlagen?« frug der

Diaconus den Hülfslehrer endlich, als auch jetzt des Jungen winselnde

Stimme, sicherlich erst auf gestrenge Aufforderung, laut wurde, »er soll

dicke Striemen haben.«

»Der Meinhardt ist ein böser, durchtriebener Bube« sagte mürrisch der

Hülfslehrer, »hätte _ich_ hier zu befehlen, die Range bekäme täglich

dreimal Schläge, und das derbe, sonst wird aus dem nichts. Der alte

Kleinholz hat aber die Kräfte kaum mehr, Striemen zu schlagen. Wenn er

den Bengel übrigens doch gezüchtigt, so muß das schon gestern Nachmittag

geschehen sein, denn heute Morgen ist er auf sein Feld hinaus, und ich

begreife dann nicht, weshalb der Mann nicht gleich auf frischer That

herüber kam.«

Des Pastors Thür ging drüben auf, und Sr. Ehrwürden rief heraus:

»Herr Diaconus -- Herr Diaconus!«

»Herr Pastor?« sagte der Gerufene, und trat in die Thür.

»Bitte, bestellen Sie doch einmal, daß der Schulmeister herübergerufen

werde -- er soll aber den Augenblick kommen! Hören Sie?«

Der Diaconus, gerade nicht in der Laune sehr bereitwillig zu sein,

brummte eine Art Antwort, schickte unten aus dem Haus das Mädchen nach

der Schule hinüber, und kehrte in sein Zimmer zurück, der Hülfslehrer

hatte dieses aber indessen verlassen, und war in das Dorf hinunter

gegangen.

Etwa zehn Minuten mochten so verflossen sein, als der langsame Schritt

des alten Keilholz auf der Treppe gehört wurde, und dieser gleich darauf

leise und ehrfurchtsvoll an die Thüre des Herrn Pastors anklopfte.

Drinnen die Leute waren aber im eifrigen Gespräch, und hörten nicht, wie

der ängstliche Finger des Greises die Thüre berührte, dem geistlichen

Herrn mochte aber indessen die Zeit zu lange dauern, der Bauer mit

seinem Salbader hatte ihn so zu höchst unwillkommener Stunde in seinem

Studium gestört, und rasch und ungeduldig, riß er die Thüre plötzlich

auf, so daß er im nächsten Augenblick vor der eben zum Klopfen wieder

niedergebeugten und jetzt ängstlich zurückfahrenden Gestalt des greisen

Schullehrers stand.

»Halloh Herr, _horchen_ Sie?« frug er scharf und überrascht.

»Bitte -- bitte tau -- tausendmal um Verzeihung,« stotterte, blutroth

vor Schaam über die ungerechte Beschuldigung, der also Angeredete --

»ich hatte schon zweimal angeklopft, aber der Herr Pastor --«

»Schon gut, Schulmeister,« fiel ihm der Seelsorger mit Autorität in's

Wort, »kommt einmal auf ein paar Minuten herein -- bringt nur Euren Hut

mit -- Schulmeister --« und er zog dabei die Thür hinter dem, durch

die ernste Anrede etwas erschreckten kleinen Mann zu. -- »Schulmeister,

Meinhardt hier beklagt sich, daß Ihr seinen Jungen so unbarmherzig

geschlagen haben sollt.«

»Die Striamen werd mer der Junge vier Wochen mit 'rim tragen,« fiel ihm

der Bauer heftig in die Rede --

»Herr Pastor« sagte aber Kleinholz, der jetzt wohl merkte, um was es

sich handele, »der Gottlieb hat eine kleine Strafe verdient gehabt, und

meine Hand ist nicht mehr so schwer, daß sie einem Kinde Schaden zufügen

könnte; von Striemen kann da wohl keine Rede sein.«

»Keine Rede sein?« rief der Bauer, »Gottlieb, gleich noch emol mit der

Jacke ringer -- keene Striemen nich -- so? -- ei da --«

Der erzürnte Vater legte schon selbst mit Hand an, die geläugnete

Thatsache durch das =corpus delicti=, den geprügelten Körpertheil, zu

Tage zu fördern, der Pastor unterbrach ihn aber darin, faßte ihn am

Arme, und bat ihn, die Sache ruhen zu lassen, und jetzt still nach Hause

zu gehen, er wolle schon mit dem Schulmeister sprechen, »_es solle nicht

wieder geschehen!_«

Der Bauer wollte noch Einiges bemerken, kam aber nicht mehr zu Wort,

und verließ bald darauf, den verdrossenen Jungen, wie bei der Ankunft,

hinter sich herschleppend, das Zimmer. Draußen aber blieb er stehen, und

die Unterredung im Innern wurde, wenigstens von der einen Seite, so laut

geführt, daß er deutlich jedes Wort verstehen konnte.

»Schulmeister, Ihr dürft mir die Kinder nicht so mishandeln!« sagte die

gereizte Stimme des geistlichen Herrn, »es sind schon mehrfach Klagen

eingelaufen, und _ich_ habe denn doch wahrhaftig keine Zeit, mich mit

solchen Sachen fortwährend aufzuhalten; die halbe Nacht sitz' ich

und arbeite, und muß mich jetzt wegen Euch und Eures unverzeihlichen

Betragens wegen, mitten aus meinen Studien herausreißen.«

Es entstand hier eine kleine Pause, und wahrscheinlich erwiederte der

Schulmeister etwas, denn der Pastor fiel gleich darauf, und mit fast

noch größerer Hitze wieder ein:

»Schulmeister, macht mit Leugnen Euer Vergehen nicht noch schlimmer;

ich habe den Rücken des Jungen selbst gesehen, und von drei leichten

Streichen kriegt so ein derber Bengel nicht fünf oder sechs Schwielen

über die Schultern -- schon gut, schon gut, ich habe mehr zu thun,

als mich mit Euch hier herum zu streiten -- ich bin fest überzeugt,

es geschieht mir nicht wieder, oder -- ich müßte mich genöthigt sehen,

ernstere Maaßregeln zu ergreifen -- guten Morgen, Schulmeister, guten

Morgen, die Sache ist für heute abgemacht.«

Das Geräusch drinn in der Stube ließ darauf schließen, daß die

Unterredung beendet sei, und der Bauer, der doch nicht gern beim Horchen

ertappt werden wollte, zog sich rasch nach der Treppe zurück, war aber

nicht im Stande sie zu erreichen, ehe Kleinholz heraustrat. Dieser

begriff leicht, daß der Mann alles in des Pastors Zimmer Verhandelte,

gehört haben mußte, und ein tiefes Roth färbte für einen Augenblick

seine Wangen, aber er sagte Nichts, und wollte grüßend an dem Bauer

vorüber gehen, Meinhardt gab ihm fast unwillkührlich Raum, als er aber

dicht bei ihm war, und er das bleiche abgemagerte Gesicht, und die

_Schaamröthe_ auf den fahlen Zügen sah, da fing er selbst an, sich bis

in die Seele hinein zu schämen.

Er nahm den Schulmeister, trotz dem daß sich dieser leise dem Griffe zu

entziehen suchte, fest bei der Hand, führte ihn die Treppe hinunter,

und blieb dort einen Augenblick, wie um einen Anfang verlegen stehen.

Endlich, da er das, was ihm eigentlich auf dem Herzen lag, gar nicht

recht ausdrücken und zu Tage bringen konnte, ja vielleicht auch fühlte,

daß mit Worten, die ihm selten zu Gebote standen, unverhältnißmäßig

schwieriger sein würde, als durch die That selber, drehte er sich

urplötzlich, und um diesem, ihm fatal werdenden Zustand ein Ende zu

machen, nach seinem Jungen um, gab dem auf's Aeußerste Erstaunten links

und rechts ein paar tüchtige Ohrfeigen, daß der sich schreiend und

zurückprallend mit beiden Händen den mißhandelten Schädel hielt, und

rief, indem er noch zum dritten Mal ausholte, was Gottlieb aber gar

nicht abzuwarten gedachte, hinter dem jetzt sporenstreichs dem Thor

zuspringenden Jungen her:

»Da, Du Kriate Du, Du bist auch su en nixnutziger Bengel, där seinen

Lehrer de Galle in eine furt im Ufruhr hält -- kumm mer wieder mit

Striamen uf'm Hintern haim, un ich mach' der de Quärstriche driber, daß

der der >Setz Dich druff< wie'n Damenbrät aussähn sull.«

Jetzt, wo seiner Ansicht nach der Schulmeister eine glänzende

Genugthuung erhalten hatte, wandte er sich noch einmal zu diesem,

drückte ihm die Hand und sagte lächelnd:

»Där märkt sich's, Schulmeister -- Dunnerwätter! was mer seine Noth mit

den Kingern hat.«

Und damit schlug er sich den Hut fest in die Stirn, und verließ mit

vieler Selbstzufriedenheit rasch, -- wenn auch nicht so rasch wie sein

ihm vorangegangener Sohn -- die Pfarre.

Viertes Kapitel.

Parterre und erste Etage.

In Horneck, und zwar im westlichen Theile des kleinen Fleckens, gerade

da, wo Försters Fähre von jenseits landete, und dicht an die malerischen

Ufer der toll vorbeisprudelnden Rausche stoßend, stand eine Reihe

städtisch aussehender Häuser, die auch größtentheils durch Bewohner der

nicht fernen Residenz angelegt worden waren, und den des Stadtlebens

Müden im Sommer zum Lieblingsaufenthalt dienten. In diesem Jahre waren

sie denn auch wieder, und zwar außergewöhnlich früh, aus der Stadt hier

eingetroffen, und hatten die so lang vernachlässigten Wohnungen bezogen;

aber nicht das Frühjahr mochte die Ursache sein, obgleich dieses

ebenfalls gar ungewöhnlich zeitig seine lieben duftenden Boten gesandt

und den Wald mit Grün geschmückt, nicht die warmen Südwinde mochten

die Schuld tragen, obgleich sie wie Sommerhauch durch die moosigen

Schluchten und Thalgründe strichen, nicht der enteiste Strom schien die

Stadtleute hervorgelockt zu haben, aus ihren engen düsteren Straßen,

wenn auch er gleich so munter und lebensfroh unter den saftgrünen

Weidenruthen und zwischen dem aufkeimenden Wiesensammet, ja von mancher

stillen Waldblume geküßt und gegrüßt, vorüber tanzte, sondern die rauhe

unruhige Zeit war es, die auf Sturmesfittigen über dem verschlafenen,

schlafsüchtigen Deutschland die Lärmglocke erdröhnen machte, daß im

Norden und Süden, im Osten und Westen, die Völker zu gleicher Zeit aus

dem Traume auffuhren, und nun erstaunt, überrascht erkannten, wie hoch

die Sonne stehe, wie lange sie im Schlummer gelegen hätten, und -- wie

stark, wie furchtbar stark sie selber seien.

Auch in der Residenz hatte nämlich _der_ Schall seinen Wiederklang

gefunden, und das sonst so gemüthliche, vergnügungssüchtige Völkchen

derselben verließ Bälle und Theater; in unzähligen Vereinen traten

donnernde Sprecher auf und hielten stundenlange unverständliche Reden,

die so einer endlosen Wüste glichen, daß das Volk, wenn es nur

ein einziges Mal zu einer Oase, das heißt, zu einem einigermaßen

verständlichen Satz kam, rauschend applaudirte; andere sprangen dann

hinter ihnen mit Feuereifer auf die Tribüne, die Schlagwörter des Tages

folgten in rascher Reihenfolge, stürmischer Jubelruf begleitete fast

jeden einzelnen Satz, das Wort »Freiheit« wurde zu einer Geißel gedreht,

mit der man die »Reactionaire« blutig peitschte, das souveraine Volk

schrie jeden mißliebigen Redner von dem Rednerstand hinunter,

und heitere Katzenmusiken mit obligater Fensterscheibenbegleitung

beschlossen dann gewöhnlich die freudig erregten Versammlungen. Um aber

auch den ruhigeren oder vielmehr gleichgültigeren Bürgern, die trotz

aller Aufmunterungen an solchen Vereinen nicht Theil nehmen wollten,

oder gar, was noch weit schlimmer war, anderen, natürlich reactionair

gesinnten Vereinen angehörten, eine ihnen höchst zuträgliche Bewegung zu

verschaffen, oder auch zu bewirken, daß sie die so wichtigen Tagesfragen

ordentlich bedächten, schlug man gewöhnlich, wenn die Männer der

Freiheit um 10 Uhr zu Hause gegangen waren, Generalmarsch, und ließ

dann die übrigen bis um ½1 Uhr Nachts die Vorgänge des Tages auf dem

Marktplatz besprechen.

Sehr Vielen behagte eine solche abwechselnde und gewiß interessante

Lebensweise, Andere aber sehnten sich auch wieder nach thatenloser

Ruhe, nahmen es übel, daß sie, wenn sie sich kaum um zehn Uhr Abends

niedergelegt, gleich wieder von einem Höllenlärm begrüßt wurden, von dem

sie nie wußten, ob er ihnen, oder dem Nachbar galt (was sich übrigens

auch gleich blieb, da immer Einer wie der Andere denselben Antheil

empfing) und verließen, sobald die warme Frühlingsluft Blumen und

Gräser aus der starren Erde lockte, die Stadt mit ihrem regen, ruhelosen

Treiben.

Dieser Theil nun von Horneck, der sich sowohl an Eleganz der Wohnungen,

als auch an Reinlichkeit vor dem übrigen Dorfe sehr vortheilhaft

auszeichnete, wurde übrigens nicht von allen Bewohnern mit günstigen

Augen angesehen, obgleich gerade die Besitzer desselben viel dazu

beigetragen hatten, den Wohlstand des kleinen Ortes zu verbessern.

Die »Stadtleute«, wie dessen Insassen in Horneck hießen, galten für

entsetzlich »stolz« und die Dorfmädchen steckten immer die Köpfe

zusammen und kicherten nach Herzenslust, wenn die »Stadtmamsells« in

vollem Glanze durch die Kirchgasse strichen und mit den »Schleppen« den

Fußweg »sauber fegten«.

Die Stadtleute kümmerten sich aber ihrerseits wenig um die »guten

Bauern«, mit welchem Namen sie alle Landbewohner, trotz des gewaltigen

Unterschiedes, den dieselben in solcher Benennung machen, belegten;

erfreuten sich an der reizenden Umgegend, an der Lage des ganzen kleinen

Ortes, an dem düstern Nadelholze und dem rauschenden Strome, an den

wellenförmigen Feldern und »weichen Grasplätzen«, wie sie die Wiesen

nannten, an den blökenden Heerden und dem melodischen Getön der

Schafglocken, am Springen der Ziegen und dem komischen Gange und

Schritten der bedeutenden Gänseheerden, kurz, von Allem was sie umgab,

betrachteten sie nur die »Bauern« eben als eine nothwendige Zugabe zu

diesem allen, um die landwirthschaftlichen »lebenden Bilder« in Gang

zu halten, und verkehrten nicht weiter mit ihnen, als sie nothgedrungen

mußten.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Erster Band. · 第 2 / 14 段