Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der
Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und
Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an
nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns
gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns
gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns
verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer
Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze,
jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie
ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es
verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten
mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen
Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die
Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten
so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen
Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so
gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel
besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten
anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht
soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines
schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und
Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre
eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im
folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den
unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die
Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen
Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes
System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in
Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen
Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem
gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder
so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen
lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß
Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt
keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen
ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn
überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den
Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß
darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht
von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen
sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an
seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen
seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der
Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das
wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle
jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner
Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst
zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen
persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und
keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen
werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit
mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich
andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind,
wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei,
allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und
folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß,
daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen
Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär,
den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten
gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu
Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person
da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist
dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und
Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen
werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie
sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß
gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es
sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine
Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur
ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand
Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen
Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die
Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so
unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie
in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie
auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen,
daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem
aber -- und dies dürfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit
ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der
Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung
verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu
einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an
der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache,
deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen,
trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die
zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir
doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache
heißt der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater
seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz
mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit
einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem
das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große
Leistung vollbringen.
Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann,
außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis,
sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies
die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung
beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist
etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er
zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür.
Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch
wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich
den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch
solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen
Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen
einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über
diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die
Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich
in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen
die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen
und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den
Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung
die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen
Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten
und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei
Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen
an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu
säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine
phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt
selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der
Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das
heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und
solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst
eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und
gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst
die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die
Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat
in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein
phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen
Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die
ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht
liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache
ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne
ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser
diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den
Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und
Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes
entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die
Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel
die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes
Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die
Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem
völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser
Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise
und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über
sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung
davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt.
Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen
Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle
Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne
behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und
da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie
sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht
etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja
schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine
ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz
anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung
nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er
ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich
in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die
Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung
von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat,
von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht
auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche
Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in
anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm
fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten
Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist --
dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während
ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder
einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur
solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste
geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu
prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen
würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache,
der sich ein jeder zu rühmen wagt, -- das ist das Gefühl für sittlichen
Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf
ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so
bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es
der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz
und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für
diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land
verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten,
warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie
ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die
lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen
werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in
dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der
Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß
das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur
durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen
mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei
der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit
dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl.
Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle
Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten
ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe
ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit
auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen
Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer
Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser
das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch
nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses
Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den
Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die
Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein
Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen
Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes,
angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen
Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten
herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im
Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen
und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe
stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten:
nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied
wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten
Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden
Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie
sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten
können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst
zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach
geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja
nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen,
zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten.
Kurz -- machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie
werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie
auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen
können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen
Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes
werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die
alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente
überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut
über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die
Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen,
sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat.
Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische
Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den
verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen
Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder
Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, -- wirklich und
wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen
Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie
lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch
allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll,
diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien
noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen
Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr
gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's
überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels
gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein.
Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem
Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben
heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu
leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die
eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken
hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem
Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet
vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand,
andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter
dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa
gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem
Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken
darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die
Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer
mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle
privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal.
Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre
Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt
wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und
weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen
der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche
ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden
können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen
Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute
sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und
Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten
Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis
in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann,
selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und
ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für
unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen
wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer
Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals
verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein
Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs
Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine
Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd
verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich
menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten
Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich
schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche
beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor
das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie
es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen,
kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den
Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das bürgerliche Gesetz die
Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie
ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem
bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die
wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der
Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben
muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich
angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht
werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten
Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen
erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit
hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und
schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen,
Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand
Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten,
Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder
Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den
Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch
sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner
Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er
die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und
die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen
auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine
mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen
den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich
schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser
komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen,
muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit
beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der
Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der
Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute
ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er
kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und
zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen -- aber nicht etwa
durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die
weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal
miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben
werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die
einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was
ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet?
Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt
den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher
sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie
eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den
Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu
allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem
schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst
im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie würden sich wohl die Dinge
gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft
gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die
höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten
würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was
die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein
gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin
ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und
mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen
also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie
daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs
angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es
verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und
Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet
wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln,
alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen
Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche
zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur
provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere
Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und
Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem
Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor
nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten
Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß
die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen
Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so
lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise
abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken
vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen
gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete,
vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk
dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen
Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes
ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und
Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die
Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien
will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht,
jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen
Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt
wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich
ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht
einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch
stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der
Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte
Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn
im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und
sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es
nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm
gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend.
Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt
niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß
ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher
sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen
möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden
alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und
wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt
willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des
Abschieds von meinen Freunden -- der schönste Augenblick; jeder meiner
Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und
seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der
letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon
überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt
haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden.
Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit
fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen
noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen,
nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu
wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht
beschäftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu
lieben, und nicht danach, daß andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen
Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit
vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in
meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche
Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse
eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas
Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder
Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe
keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem
Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter
merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den
über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so
endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen
geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott
selbst darbringt.
1845.
XXIX
Wessen Los auf Erden das beste ist
Aus einem Briefe an U--
Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das
schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich
noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor;
jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich
beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem
ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem
fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür
zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist,
gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem
Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar
ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der
redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste
Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden
eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaßen_ in
Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt:
»_Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_«, aber wenn ich mir diese
Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen
Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich
weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn
ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche
teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: »welche von ihnen
möchtest du wählen?« Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde:
»die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.« Ich glaube, man
kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen,
die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen
Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen!
1845.
XXX
Ein Geleitspruch
Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort
erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß.
Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen
anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen
zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich
niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es
wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und
Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß
mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen
wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute
auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles
noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen,
die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die
selbst der Verachtung wert sind -- ich weiß wohl, daß ist alles sehr
bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein
Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle,
die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag
dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter
ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du
wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere
Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und
schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die
nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst
[d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] -- die den Mut haben, ein
so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen
Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht
mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht,
sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße
Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben
könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen
Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren
Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr
zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen
warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann
alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch
stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit
wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen
werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets
daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und
Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu
schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher dürfen wir keinen
Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier
gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren
drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf
stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von
oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste
von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden,
sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa
einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum
Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen
Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es
nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen,
wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem
Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für
unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen
aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich
rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir,
mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!
XXXI
Wesen und Eigenart der russischen Poesie
Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr
viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust
des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl
dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe
zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige
Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben,
sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt.
Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem
ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein
Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den
Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen
Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze
Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine
empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch
aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach,
so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu
dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu
erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung,
nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den
Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu
erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und
urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber
nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere
wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren
Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen
bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem
Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch
nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht
durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in
unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich
war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der
Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie
nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und
ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel
größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich
bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer
Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates,
die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm
den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen
Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was
sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte.
Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk,
und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze
Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl
verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht
trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem
Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das
Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner
das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen
Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu
kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße
Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und
zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig
auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und
mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von
den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die
geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen --
schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der
Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in
Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt,
wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von
ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver
eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur
Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein
Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung.
Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich
ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter
kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer
Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der
Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht
wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das
Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das
sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große
Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem
Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach
dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und
es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue
lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen,
von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.
Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer
Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen
Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die
Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs
Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und
Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen,
ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine
künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer
Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben
hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen
Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen
wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die
Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen über Gottes
Größe_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und
die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher
Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: _Über den Nutzen
des Glases._ Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und
das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht,
erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen
Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt
versetzen. Man hat das Gefühl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu
bedienen --
Der Götterjüngling David leicht
Der Harfe heil'ge Saiten meistert
Und aus Jesaias Mund begeistert
Ein Psalm empor zum Himmel steigt.
Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern,
wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner
grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als
wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht
mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters,
aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den
Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er
seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der
Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen
Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie
ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen
Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt
daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist,
daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber
wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu
einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht
einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern
sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm
nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint
ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen
Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien
abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist
gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen
sollen.
Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste,
Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine
Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die
Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer
gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung
getragen wurden. Höchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an
einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war
ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die
andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden
Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres
zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der
Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie
gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als
Dershawin seine ersten Lieder dichtete.
In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der
vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf
allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen
Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der
inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich
beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und
Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter
Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie
alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten
Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen
allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes,
wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit
gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und
Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden
Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender
kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung,
den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow
völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine
Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gänzlich der
Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für
unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei
ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse
des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden
sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft:
sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die
Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz
des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem,
selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine
wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch
Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht,
woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang
unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine
dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere
Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines
alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die
armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre
Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend
Jahre alt werden, entzünden? -- was es auch sein mag: dieser
Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine
Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an
seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer,
aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese
ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier
unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke
er uns mit tausend Augen an. Man überlese den »_Wasserfall_«: man hat
den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig
dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen
alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine
höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die
Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen
mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines
fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger
des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und
Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind
königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat
jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn
am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten
starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit,
sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er
nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur
erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen
Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet
ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden
zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus,
die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen
Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung
wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der
Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter
erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern
fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam
in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade
dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum
Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört,
über das Meer rast:
Wild springt er auf die Wellen los,
Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen,
Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß
Des Hades mit gesträubten Haaren,
Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.
Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu
wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen:
das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem
grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der
erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles
monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer
Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so
sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer
Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein
anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen,
sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem
großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe
den Tod wie einen Gast erwartet
und sinnend sich den Schnurrbart streicht.
Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie
die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen
des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt
hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes
Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! Man muß jedoch sagen, daß sowohl
diese wie alle andern gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere
Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses annehmen, sowie
ihn die Inspiration verläßt: Alles gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache,
Stil, alles knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers gleicht
einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner
unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern
Selbstbeherrschung predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, hat
sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und mit der ganzen Kraft
seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen müssen, um das
aussprechen zu können, was sich der Seele des Dichters von selbst
entringen müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen gewußt, es
würde keinen größeren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber
gleicht er nur einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar
niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird
lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrücken
fortzueilen suchen.
Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon
hatte sich alles um ihn verändert: das Zeitalter Katharinas, die
königlichen Feldherren, der höfische Luxus und das ganze höfische Leben
waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war
angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen
sich mehr in sich selbst zurück und wetteiferten, aus dem Gefühl heraus,
daß sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen
und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen
galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer
den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang
die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung
unseres sicheren dichterischen Gefühls sei jedoch an dieser Stelle
erwähnt, daß uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient
hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nächsten
stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der
gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie er. Die russische
Sprache erhielt plötzlich eine gewisse Freiheit und die Fähigkeit, mit
angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen -- eine
Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur
die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie.
_Dmitriew_ bewies überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und
Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos
überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und
Lomonossows üblich geworden war. Aber die Oberflächlichkeit der Epoche
vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie
blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man konnte sie
bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon
sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu
tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu
machen und zu beweisen, daß er über jeden Gegenstand etwas zu sagen
habe. Die letzten Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden
Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus der Kirche in
den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ ließ den Duft eines
wahrhaft beseelten Gefühls und eine eigenartige anthologische Anmut
verspüren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel
an sein Landhaus Obuchowka:
Mein liebes Häuschen, strohgedecket,
Ist nicht zu groß, noch ist's zu klein,
Der Freund wird stets willkommen sein
Und selbst den armen Bettler schrecket
Kein Türschloß fort, will er hinein.
Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines
oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre
Empfänglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europäischer
Bildung geweckt, und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen
nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und für ihre Entwicklung
nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der
deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. Eine
unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, wunderbare
unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt,
Träume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten
pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man hätte eine
solche Poesie für die Laune eines Schulbuben halten können, wenn nicht
jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wäre, durch das die
unsterbliche nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde
gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige Dichtung von
dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief plötzlich in
ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns
nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte
erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren
Kristall seines Wesens gezeigt hätte, das uns weit verständlicher war,
als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die stärkste
Individualität in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fügung des
Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst
unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele
gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen
himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief.
Dieser Lockung folgend, stürzte er sich auf alles Unerklärliche und
Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die
eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles dieser Art
entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste
davon sind Übersetzungen. Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die
Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft
belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des Russischen mächtig
sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien,
während seine Übersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man
weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen
Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine eigene Persönlichkeit
auf, während sie bei Shukowski stärker hervortritt als bei irgendeinem
unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen,
so werden wir finden, daß das eine von _Schiller_, ein anderes von
_Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_
entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort
getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist
durchaus erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine
Gelegenheit, sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte
nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann
fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern
ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht
zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben
Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch möglich war, daß seine
eigene Persönlichkeit all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen
konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. Es
gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein
getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit bilden könnte. Man muß
auch sagen, daß sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine so
starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu
entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an
übersinnliche Kräfte, die den Menschen überall schützend umschweben.
Wenn man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, für das
Dershawin die Worte gefunden hat:
»Dem Schutz des Himmels übergeben
Ward deines Lebens Sicherheit
Und Legionen Engel schweben
Ob deinem Haupte hilfsbereit.«
Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, wie ein
ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses
ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren
geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus
nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform,
die damit etwas Leichtes und Unkörperliches wie eine Vision erhielt. Mit
diesen Übersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er
neue Formen und Metren, die dann später auch von allen andern russischen
Dichtern angewandt wurden. Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor
allem ein schöpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an
schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. Im Beginn seiner
Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivität:
_Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer
slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns weit verwandter
als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafür, daß sie zu einer
Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen
mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schöpfung
Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den
diese Trägheit des Verstandes zurückzuführen ist: es ist seine
Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste
festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem fertigen Werk
liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der
Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zürnte ihm sehr, daß er
keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk
so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung für Kritik
und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen
hervor, die seine eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert
von einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht eher von
ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes,
verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne
zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und
die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit
hervorzaubert, wer in seinem »Bericht über den Mond« die magische Pracht
der Mondnächte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend
und anschaulich zu schildern vermochte: der mußte natürlich im hohen
Maße die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine »Slawin« mit ihren
Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andächtige
träumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein
warmes und erwärmendes Licht um sich, das den Leser mit einer
unbegreiflichen Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich
und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschließen.
In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer
Entwicklung ein. In dem Maße, als sich die in einem leuchtenden Dämmer
verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen
Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, begann er,
den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster und Phantome der
deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Träumerei machte
einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die
»Undine«, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche
Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm
nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner
vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine
kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine
Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des
Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das
Ätherische, Unbestimmte, das er früher besaß: er schreitet kräftiger und
sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu
vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster
Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem
Erfülltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer
so erleuchteten und hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk
sicherlich die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums in
einer vertrauten und heimischen Beleuchtung näherbringen müssen -- eine
Leistung, die weit höher zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und
die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. Shukowski
verhält sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern
Handwerksmeistern: das heißt wie ein Meister, der sich nur mit der
letzten Verarbeitung des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine
Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu fördern: er hat dem
Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen
Glanze erstrahlen läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. Ein
solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem
vielleicht nur darum eine geniale Empfänglichkeit verliehen ward, um all
dem, was die andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht
verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen.
Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand,
während er noch bemüht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und
Greifbaren zu befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte zu
erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewußten
Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln,
indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen
Körperlichkeit verspüren ließ. Während jener sich ganz in den ihm selbst
noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in
der üppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und
das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten und
Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust
des Genusses aufzulösen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu
bedienen, »des Denkens und des Dichtens Wollust«. Es schien, als ob eine
innere Kraft im Schoße unserer Poesie diesen Dichter erschaffen hätte,
um sie von einer allzuweit gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns
der eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger brächte, während
der andere unser Ohr mit den süßen Tönen des Südens labte, indem er uns
die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften
Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst der Vers, der eine
gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast
skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem
klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern
des Südens entgegentönt.
Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene
Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien
bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan.
Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität des ersten und ohne
die schwellend-üppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein
Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem
russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam
mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrängt. Durch
eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn
sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anführen. Der Kasbek,
einer der höchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf
den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in
der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter hätte bei
dieser Gelegenheit viele Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin
aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender
unerwarteter Apostrophe:
Ersehntes fernes Friedensreich!
Könnt ich zu deiner Gnadenstelle
Mich aus der Schluchten Haft befrein
Und in der ätherlichten Zelle
Allzeit dem Schöpfer nahe sein!
(Fiedler.)
Das und nur das durfte ein Russe sagen, während ein Franzose, ein
Engländer oder ein Deutscher einen langen Bericht über ihre Empfindungen
gegeben hätten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam
in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig
beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges oder Übertriebenes zu sagen,
da er in beiden Fällen die Banalität scheute.
Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das
Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der
ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen
und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den Wolken thronenden
Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der
elenden Hütte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und
Trepak; -- überall und allerorten: wird ihm der Ball, die Hütte, die
Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf
alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den höchsten und
erhabensten Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher
Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt,
reagiert er mit der gleichen Stärke wie auf jeden Vorgang der äußeren
und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen
Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Größten schlägt er
elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes
Schöpfungen lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen,
die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß er dabei an eine Anwendung auf
das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen
Bedürfnisses denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte,
und reicht keinen von denen, die taub für die Poesie sind, eine Leiter,
die dorthin führt. Er kümmerte sich um niemand, es gab für ihn nur einen
Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: »Schaut hin, wie
herrlich ist doch Gottes Schöpfung!«, und sich dann sogleich, ohne noch
etwas hinzuzufügen, dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals
auszurufen: »Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schöpfung!« Was daher
an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch
der Gefühle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von
sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden
fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente
-- Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender
Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete
Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich
vereinigen.
Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen
von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines
erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte
seine Poesie? Was für eine neue Richtung, welche neue Wendung hat
Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen
sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen
oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf dieses Zeitalter ausgeübt?
Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine
Persönlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner
Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten
Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und
was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt
geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist,
und sonst nichts -- _was der Dichter ist_, sofern man ihn nicht als
Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhältnisse aber auch
nicht als Produkt seines eigenen persönlichen Charakters, d. h. als
Mensch betrachtet, sondern unabhängig von allen diesen Faktoren in
Betracht zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer Seelenanatom
der Sache auf den Grund gehen und sich darüber klar werden wollte, was
der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte
feinnervige Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig
einsam bleibt, und bei keinem Verständnis findet -- damit es ihm dann an
nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Züge vereint finden würde.
Puschkin war der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so
fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die
bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen
Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor.
Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine
kindliche Seele, die stets von den höchsten und letzten Idealen träumte,
sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß sie in
dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest,
nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels
begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen
körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll des Dichters
über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe,
dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze
Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in
diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit zu so deutlichem
Ausdruck, eine Persönlichkeit, die eine echt deutsche Würde atmet und
nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und
Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski,
Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Physionomie.
Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für
Züge herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? Man
versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt
seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt
gegenübersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo
findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke
sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der
Dichtung. Nun denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, das
euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter
selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und
warum hat er das nicht getan? -- Das ist eine andre Frage. Er selbst
beantwortet sie mit den Versen:
Nicht unser Teil ist das Getümmel
Des Pöbels Hast und Waffenklang,
Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
(Eliasberg.)
Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen
vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in
Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm
heilig -- wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt dies
Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes und Übereiltes aus
seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe
ungezügelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch
ist alles darin -- seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen
verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im
Busen des Dichters zu Asche verbrennen mußte, damit diese Wohlgerüche
aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in
seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer
Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, wie er an diesen
leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks
anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend
ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in
sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu
entscheiden, welche Elegie die vorzüglichste ist -- sie gleichen alle
den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der König Salomo mit den
jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und
alle gleich schön sind.
Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die unsere moderne
Gesellschaft interessieren und die für sie von Bedeutung sind, wenn er
für jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles
ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher
Weise anzog? Er wollte in seinem »Onegin« den modernen Menschen
darstellen und ein modernes Problem lösen -- allein er vermochte es
nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst
an ihre Stelle und fühlte sich in ihrer Person auf's tiefste von allem
ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung
heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und
malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behält man wiederum
nichts zurück als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert
und für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten Schöpfungen: »_Boris
Godunow_« und die Dichtung »Poltawa« sind gleichfalls treue Spiegelungen
der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu
seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen
Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwählte, man hat
auch nicht das Gefühl, daß er eine besondere Sympathie für einen der
hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den
Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt hätte, die so meisterhaft und so
künstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die
Verwunderung über diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu,
sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch andere Menschen über sie
staunen und sich über sie wundern sollten.
Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm
dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschöpfliche
Thema unzähliger dramatischer Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee
ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert
darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses
Verführers und die Schwäche des Weibes mit einer unerhörten
Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewöhnlicher
Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf
den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei
Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, mit welcher
Treffsicherheit sie erfaßt und trotz der Unbestimmtheit und
Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften
Ganzen zusammengefaßt ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die
Idee nahe, im gleichen Versmaß und im Geiste Dantes die kindlichen
Anfänge seines dichterischen Schaffens während seines Aufenthalts in
Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die
Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen
darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten
geflüchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und
Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine
lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das beweist wieder,
wie früh schon diese große Feinfühligkeit und diese Fähigkeit, auf alle
Dinge der Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.
Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein
Gehör. Man spürt förmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der
Zeiten und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er
ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der
freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den
Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der
versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte des Bauern -- so ist er
jeder Zoll ein Russe; alle Züge unseres Wesens finden sich bei ihm
vertreten, und das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein
einziges mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes Adjektivum
zusammengefaßt.
Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, und er hätte
sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet,
wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm
Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die
schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben
erzählen wollte, beschäftigte ihn während dieser Zeit unablässig. Er
schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken
zu lassen, um sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er
befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, daß man an
seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute
sich darüber und schrieb dann die »_Hauptmannstochter_«, sicherlich das
beste Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der
»Hauptmannstochter« erscheinen alle unsere Romane und Erzählungen wie
fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben
hier eine solche Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie
gekünstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns
hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der
Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit
ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die
schlichte Größe dieser einfachen Leute, -- das alles ist nicht nur
lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so
muß es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des
Dichters, uns selbst, unser Ich -- aus uns herauszuheben und uns unser
Selbst in geläuterter veredelter Gestalt zurückzugeben. In Puschkin
deutete alles darauf hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein
Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die
wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: »Die
Handschrift des Dorfes Gorochino« und »Der Mohr des Zaren«, sowie der
mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman »Dubrowski«.
Während der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen
gelernt, und er sprach so gescheit und so klug über alle Dinge, daß man
jedes Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren mindestens
so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwürdiger war, das
war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich
ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet hätte. Die Anklänge
daran kann man in einem, erst nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht
vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus einer
dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener
Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes reifte in diesem Menschen
heran, was Rußland zum Heil und Segen hätte gereichen können. -- Aber in
dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und von überall her Kräfte
zu großen Taten sammelte, dachte er um so weniger darüber nach, wie er
mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein
plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann
im ganzen Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren
hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war
äußerst geringfügig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner
dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch
an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst
gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde,
da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die
Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht
das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die
Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und
ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Süßliches an.
Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel
fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst
Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten wie die Lichter. Ein
ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: _Delwig_, dieser
Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier
förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit
einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise schlürfte, wie ein
Weinkenner seine Blume genießt und seinen Duft einsaugt. _Koslow_, eine
harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer zu Herzen
gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser
Ohr klangen. _Baratynski_, ein Dichter von strenger, fast finsterer
Eigenart, der schon früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben
nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer
Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre äußere Formung
bemühte, noch ehe sie in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und
noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so
alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese
Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu
erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen
Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen
duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch daraus
machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen könnten.
Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und
einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht hätten
leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer Regungen fähig
gewesen wären, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins hätten
entzünden können. Selbst ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß
ihre Leier um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, _Gneditsch_, der
Nachdichter der _Psalmen_, _Th. Glinka_, der Freischärler und Dichter
_Dawydow_ und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in
der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von
seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu Poeten, die gar nicht für
den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs
geringere Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften und
Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen
vollbrachten, so z. B. _Wenewitinow_, der uns so früh entrissen wurde,
oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine
herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht völlig
enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar für
manche gefährlich geworden, besonders für Baratynski und für noch einen
Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch
gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck für ihre noch
gänzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre
Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen
waren, die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; sie hätten
lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine
Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle völlig im Bann dieser
unerhört künstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer
Schöpfungen, deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne Gesellschaft
und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle
Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren
vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und
deklamierte Puschkins Verse.
Nicht unser Teil ist das Getümmel,
Des Pöbels Hast und Waffenklang.
Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt _Jasykow_ eine ganz
besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der
Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie
wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, eine helle
jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Stärke und Vollendung bei
einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es
ist kein Zufall, daß er den Namen _Jasykow_ (Herr der Zunge) trug: er
ist Herr über seine Zunge, wie ein Araber über sein wildes Roß, und es
ist fast so, als brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er
mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem
Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er
führt sie stets zu Ende und rundet sie ab, daß man von Staunen und
Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen
mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller
Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er
berührt, sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische.
Man denke zum Beispiel an sein Gedicht »Der Fluß«:
Die Hüllen fort. Mit frischem Mut
Streckt sich die Hand zu kräft'gen Schlägen,
Und nun hinab. Und aus der Flut
Sprüht auf ein Diamantenregen.
Wie sind so stark, so frisch und kühl
Die Elemente, die mich wiegen.
Welch süßes, seliges Gefühl.
Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!
Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu
ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen
Kreis und
Durch den Ring nach seinem Ziele
Saust der Nagel -- er erklingt,
Bis bei heitrem Scherz und Spiele
Mild der Frühlingstag versinkt.
Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt -- das Meer, ein Sturm,
Festgelage und klingende Becher, ein brüderliches Bündnis voller
Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die
Bereitschaft, jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen -- dies alles
findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhörter Kraft.
Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin
ärgerlich: Warum hat er das Buch: _Gedichte von Jasykow_ genannt, er
hätte es einfach _Rausch!_ betiteln sollen. Ein Mensch von
durchschnittsmäßiger Kraft wird nie etwas Ähnliches zustande bringen;
dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich noch
lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow
gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals
sah ich zum erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie
zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: »Als rauher
Slawe kannt ich keine Tränen, doch ich verstehe sie.«) Ich erinnere mich
auch, welche Strophen ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden
ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet, das man bereits für
schwach und kraftlos erklärt hatte, und in denen er ausruft
Hört ihr die Trompete schmettern?
Auf, der Feind ruft, Vaterland!
Denk wie du beim Kriegeswettern
Stets dem Gegner hieltest stand.
Laß zum blut'gen Kampf sich rüsten
Deine Recken, mutig, frei.
Ruf aus Steppen sie und Wüsten,
Von den Flüssen, von den Küsten,
Aus dem fernsten Land herbei.
Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat der Aufopferung
dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt
mit allen ihren Schätzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind,
den Flammen geweiht wird.