ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für
einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet
ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist,
überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht,
wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor
Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange,
bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser
Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe
und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die
heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich
sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem
ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich
angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing,
immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen
anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig
sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten
direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird
sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit
deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle
derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei
Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese
Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie
eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um
so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt,
mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur
mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten
auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn
persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines
Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine
eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten
zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie
unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so
hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger
anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K.
predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er
sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet
er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt,
wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich
dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und
Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in
der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie
machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die
Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im
Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal
vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S**
selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so
daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß
geschehen war.]
Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird
das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß
du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein
Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da
annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers
widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat
beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine
Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten
Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das
gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das
stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du
bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet
hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein
Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst,
ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann
allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften
Lebenswandel zum Vorbild dienen können -- das ist kein unnützes Werk,
sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.
1846.
XXIII
Der Historienmaler Iwanow
An M. Ju. Weligurski
Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal
dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle
waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu
unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte
sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden,
[damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe -- ich meine dies
ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man
nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um
Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat.
Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und
alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows
könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht
hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung
des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon
bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige
Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine
beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat,
er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie
ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu
einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu
fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er
strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er
will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben
außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] -- um
eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er,
der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher
noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu
verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er
sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie
wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt
hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und
alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden.
Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man
hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und
noch immer ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf
endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der Künstler auch nicht einen
einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem
Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man eine
ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß die ungewöhnliche
Größe des Bildes, dem kein zweites an Flächenumfang gleichkommt (das
Bild ist größer als die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich
viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln,
die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor
allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort
-- jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf
einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein fleißiger Arbeiter
sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so daß er kaum noch
wußte, ob es in der Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit --
wie töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die,
die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schämen,
wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war.
Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der eigenste, innerste,
geistige Lebenszweck des Künstlers -- eine Erscheinung, wie sie in der
Welt nur äußerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien
Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der
über allen Menschen steht. Es war offenbar höhere Bestimmung, daß sich
an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Künstlers sowohl nach der
Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die
Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung entgegenführen, vollziehen
sollte. Schon der Gegenstand des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst
bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf
gewählt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und
die bisher noch von keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister
einer der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen
Epochen behandelt worden ist, nämlich -- das erste Erscheinen Christi
vor dem Volke. Das Bild stellt die Wüste am Ufer des Jordans dar. Im
Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, der vor
versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen
hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die
damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits
ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind,
ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch
die künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, während er
mit seiner Verrichtung beschäftigt ist und verschiedene Körperbewegungen
ausführt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er
ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die
verschiedensten Gefühle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits
vollkommen überzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt
schon, andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung
gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, daß die harte
Rinde der Gefühllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten
ist. Und während nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen
ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen
ward, in der Ferne -- und das ist der eigentliche Höhepunkt des Bildes.
Der Künstler hat den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit
dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: »_Siehe, das
ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt._« Die ganze Menge aber hält,
ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den geheftet,
und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu
dem früheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden
ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck
widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, die ganz vorne stehen,
leuchten von einem wunderbaren Licht, während die andern noch bemüht
sind, in den Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht
begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der Welt auf sich nehmen
kann, und während die Dritten zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten
sie sagen: »Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!« Er aber
schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrückt
langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu.
Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen
Prozeß _der Bekehrung des Menschen zu Christus_ darzustellen! Es gibt
Menschen, die davon überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles
erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch,
eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den
himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles
leicht erreichbar sei, wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und
die Akademie besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, was er
selbst _gefühlt_ und wovon er sich im Geiste eine vollständige Idee
gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches
Gemälde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für
ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. Die gesamte
materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise
Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster
Vollendung durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen
Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der
jüdische Typus überall festgehalten. Man erkennt sofort an den
Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist
ausdrücklich zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische
Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung
der Farben, der menschlichen Gewänder und die wohlüberlegte Art, wie sie
den menschlichen Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, bezieht,
ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß jede Falte die
Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken muß. Endlich ist auch die
landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig
achtet, die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so
ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten,
staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden
Pontinischen Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht,
zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, die sich in
Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes
Baumblatt studiert, kurz -- er hat alles getan, was er tun konnte, und
alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. Wie aber
sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie ein Künstler ein Modell
finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafür finden, was die Hauptsache,
die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie konnte er den
Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit
zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe?
Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken
erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt
und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine
Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war
bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die
hohen Gemütsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen
gegangen, um die Menschen während des Gebets zu beobachten, und mußte
schließlich erkennen, daß dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmächtig,
daß es ungenügend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem,
was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der
Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so
langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu
Christus nicht im Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie
gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig zu
Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er
hat stille Tränen vergossen und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft
verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, und in
einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, daß er zu
langsam arbeite, und ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er
möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den
Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu
Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die
Kraft verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch der
Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert dastünde,
und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persönlich
kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei
träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht
durch Hunger und dadurch, daß man ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen
könne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen
sagten: »Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas für sich, in der
Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann
brauchte er nicht vor Hunger zu sterben.« So konnten die Leute reden,
ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu
einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon
nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen,
daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr
fähig, sich auf andere Gegenstände zu richten, so sehr er sich auch dazu
zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues
Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern
lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen,
nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der
Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden
sagen: »Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum
hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann hätte man ihm
sofort Geld geschickt? Das wäre schön, wenn's so wäre. Es soll doch
einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens
gegeben hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu werden vermag,
was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen,
die aus sehr natürlichen Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß
es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie
unendlich weit über das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer
heutigen modesüchtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: »Ich will ein
Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich
jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch
manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mögt die ganze Zeit über, während
der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu
meinem Lebensunterhalt verschaffen?« Dann würden sich wahrscheinlich
viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen würden, und glauben Sie
etwa, daß es einen so törichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben
würde? Aber selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit der
Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: »durch höhere Eingebung
ward mir eine Idee zuteil, die mich unablässig verfolgt -- ich will die
Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich
fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm
bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst
vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem
Lebensunterhalt und um arbeiten zu können, brauche.« Ja, hätten wir ihm
nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: »Was ist denn das für ein
törichtes Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt denn das
zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die Seele ist etwas für sich und
ein Gemälde ist auch eine Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine
Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch
auch alle wahrhafte Christen.«] So hätten wir alle zu Iwanow gesprochen,
und jeder von uns hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese
schwierigen Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter gewesen,
die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glühenderer
Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu
Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner
von den modernen profanen Künstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre
Tränen die Gefühle zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes
Nachdenken und bloße Überlegung zu erringen suchte, so wäre er nie
imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand
bereits den Grund gelegt hat, und er hätte sowohl sich wie die andern
betrogen trotz seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben
Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen inneren
Übergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsprozeß in
dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen
mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir
selbst erfahren. Meine Werke hängen in ganz wunderbarer Weise mit meinem
Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs
Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu schaffen. Die ganze
Arbeit fand in mir und für mich selbst statt. Und doch -- vergessen Sie
dies nicht -- und doch lebte ich damals, ausschließlich von den
Einkünften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wußte, daß ich
Not litt, und doch waren alle überzeugt, daß dies seinen Grund
ausschließlich in meinem Eigensinn hat, daß ich mich nur hinzusetzen und
irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu
verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu
schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernünftigen Menschen
folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für eine
Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, daß mich mein Kopf
schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige
Seiten voll, zerriß sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten
einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht
genug war, so daß ich mich zu Bett legen mußte. Dazu kamen noch
allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, daß es
mir völlig unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt
über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; dies alles brachte mich so
herunter, daß ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses
passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem
noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden
Menschen hatte. Auch war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr,
nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern
sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde
damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam.
Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in seiner
unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heißen Streben beseelt
war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren
hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine
Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug,
diese Hilfe richtete mich plötzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick
sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu den
Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen,
kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten
sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich
der Liebe derer würdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich
ihnen sagen: »Vergeßt es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr
auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre«]. In solch eine Lage
kommt man mitunter. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu
dieser Zeit oft den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele
konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an Unternehmungen
beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der
Allgemeinheit planten. Meine Einwände, ich könne nicht schreiben und ich
dürfe nicht für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für eine
Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im Ausland lebte, wurde auf
ein sybaritisches Bedürfnis zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu
genießen. Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden
klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine Krankheit eine
zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedürfnis war, gerade weil ich
nicht in ein falsches Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine
Unannehmlichkeiten bereiten wollte -- selbst dies vermochte ich ihnen
nicht klarzumachen!
Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam
geworden, daß ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und
verständlicher Weise hätte mitteilen können. Wenn ich mich bemühte,
einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, so
stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich den Menschen, zu denen ich
sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich
bereute bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig
zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt Situationen von solcher
Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen
lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst
sieht, wie er lebendig begraben wird -- und nicht einmal einen Finger
rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch lebt. Nein, Gott bewahre
uns vor dem bloßen Versuch, im Moment eines solchen inneren
Übergangszustandes einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein
sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, daß
viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht
gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran:
ich selbst hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen
wäre.
Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und
aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört
gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen
die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der
Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein
dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben,
das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde
Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und
Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode
schuld wäre. Nur _ein_ Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften
Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser
Mensch wäre -- ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden,
habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht
klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt
schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu
bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich
habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie
auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige
Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch
eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und
daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem
ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht
mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an,
den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es
sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des
Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben
kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten
Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde
wird vollendet werden [-- dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa
gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde
eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen
selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm
die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung
und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies
Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre
nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen
Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören
dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie
Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an
Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow,
daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache
Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer
acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei
einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen
feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen
ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt
erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei
Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören
muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte
ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis
für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst
eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich
feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr
Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß
die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil
wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren
Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr
ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn
die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle
anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß
er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte.
Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen.
Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen
Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als
irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser
darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein
Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur
Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen
er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen
Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch
behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation
hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld
dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist,
auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der
Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not
vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der
mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt
hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie
dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann
man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von
dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie
billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden,
besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut
ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und
man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben.
Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern
zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja
selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt,
daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem
allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen
wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen.
Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist,
weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts
tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er
führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie
Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt
verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden
Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein
Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von
sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und
Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann
sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die
Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und
anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne
uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er
nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension
bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus
und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es
gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der
Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen
hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten,
und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für
keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.
1846.
XXIV
Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei
den heutigen Zuständen in Rußland sein kann
Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig
auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich
entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig,
sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide
auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner
Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender
als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken
meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche
des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten,
und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen
kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr
über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter
einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für
diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet,
um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu
wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er
Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger
werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen
besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs
glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im
Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre
guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und
der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter
ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und
Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstärke_.
Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und
Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich
auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig:
_bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort.
Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem
Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir
selbst zusammen und stärke mich!« Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang
so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und
zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf
Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre
Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern
machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den
gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre
Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie
bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben
müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr
ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur
Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung,
Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres
Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite
Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt
des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause
leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen,
den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf
diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen
müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide
brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie
zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr
Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben,
die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel,
einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn
er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente
Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben
für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese
sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für
sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über
jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie
eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen
während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten
sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so
sehr zum Kaufe reizen sollte -- dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können
Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und
gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß
Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und
daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede
andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten
Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die
Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch
nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält.
Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers
und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen,
daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie
dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen.
Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre
Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie
sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen
dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal
vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre
Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen
aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf
daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle
Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu
denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen
übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der
Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden,
werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich
plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen,
wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt
sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen,
sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise
unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen,
und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben
werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde
und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie
erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten
Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne
alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen
vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das
Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie
werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen
werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen
fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der
allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal
der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal
Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes
Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die
Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen
Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und
vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen,
um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und
damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im
Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu
erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.
Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze.
Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der
ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen --
dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist
dies: daß in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschütterlich
werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere.
Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden
Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten
sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung,
setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie
nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann,
sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur
Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz
der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß -- [sein
eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf
seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum
geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich
ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt
ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst
behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu
kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder
in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung
wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich
viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen
haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles,
was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und
lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für
den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber
unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht,
Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an
jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese
Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne
eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres
alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im
folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und
werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im
Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein
können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst
nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden
Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden.
Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt
habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er
möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst
festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den
Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige
jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles
Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und
Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre
Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer
meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz
Rußland kennt, folgendermaßen definiert: »Die Freiheit besteht nicht
darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin,
daß man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag.« Und er hat recht wie die
Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch
starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken.
So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so
seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne
befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.
1845.
XXV
Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
Aus einem Briefe an M.
Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen
Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann
aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch
wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein
hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen.
Richten -- das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres
gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht,
ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar
die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen,
wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie
keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie
das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit
oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern
vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und
was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie
nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen.
Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und
entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das
Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches
Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem
Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von
Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit
es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht
und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer
Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem
Rechte: hierbei müssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der
_recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß
er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen
Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor
Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil
er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten
hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er
Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie
eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt,
sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das
Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und
bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden,
werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott
wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen,
vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und
wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich
mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die
einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes,
die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit
besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie
fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege
könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von
allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke
entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und
daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein
unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm
erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht
übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch
befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren
Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir
uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von
der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer
recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere
Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen
Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und
dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung »Die
Hauptmannstochter« ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um
den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade
wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei
folgende Instruktion mitgab: »Untersuche, wer recht und wer unrecht hat,
und bestrafe alle beide.«
1845.
XXVI
Rußlands Schrecken und Grauen
An die Gräfin ***
Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben
haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn
gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen,
Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen
Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur
keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem
gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in
Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu
veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen
andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die
gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie
mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit.
Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne
Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist
verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden
nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin
aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch
schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort
noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht
auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines
oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem
fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den
Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter
Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische
Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und
wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in
jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in
solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen
und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf,
solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten
Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so
entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt
überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird
ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die
alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen.
In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl
hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese
Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren
Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: »Alle lassen den Mut sinken wie
in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals« treffen in der Tat das
Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine
eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen
Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein
jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: »_sauve
qui peut_«. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein.
Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und
zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um
eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff
besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen
irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von
uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich
selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates
weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein
jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den
himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst
steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt
klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies
kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst
auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem,
sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches
wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere
Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die
Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen,
sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so
erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat.
Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung
beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer
Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir müssen immer im Auge
behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und
daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es
uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele
retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf
richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich
verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor
seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die
_ägyptische Finsternis_, die uns König Salomon so gewaltig geschildert
hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und
unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte.
Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von
allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche
klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen
unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine
furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen,
alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und
dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern
sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten
im Licht und im Tage.
Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber
und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer
Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können,
wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze.
Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum
erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst
halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott,
vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren
willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher,
zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes
Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener
schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem
Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu
ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was
glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt
sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein
Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten
vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was
in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was
aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht
ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine
Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der
Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei
vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem
einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference
gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten
Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des
Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden
sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg,
sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen
Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute
nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu
unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts
sei es gesagt, daß die Zahl solcher _Frauen_ größer ist als die der
Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach
meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu
beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel
mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft
(Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher
Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner
Seele erfüllt haben) -- Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen
Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht
nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die,
von denen Sie etwas gehört haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und
jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung.
Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren
hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren
schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen
Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer
Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von
einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von
der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie
geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine
so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen,
wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der
Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und
das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von
jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der
festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so
klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name
der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von
sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu
vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit
habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei
keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen
Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß
und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der
Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes.
Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen,
die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder
erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und
gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig
geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere
Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken
und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und
Unruhe versetzen.
1846.
XXVII
An einen kurzsichtigen Freund
Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet
und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben.
Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott
gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot,
sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu
stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern
nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht
Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.]
Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht
zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche
Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück
Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das
er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der
Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum
tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch,
dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt
hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig
entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand
fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch
nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den
Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden
Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief
schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen
Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen,
obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte
tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man
Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten
Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel
Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren
Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber
worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest,
aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit
allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der
dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand
und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen
gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du
wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu
besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die
Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe
du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man
heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten
kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr
Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet,
in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen
solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart
besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von
dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat
die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde
ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der
Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch
jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du
glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und
Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand
gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum
bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze
glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder
verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu
vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren,
Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen
arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen
haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem
Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden,
und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre
großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer
Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas
_Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von
Taten übereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom
Angesicht der Erde hinweggeweht werden. »Du bist stolz,« sage ich dir,
und muß es dir immer wieder sagen: »du bist stolz.« Wache über dich und
rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich
zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen
bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu
werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt
nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind
noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen.
Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von
einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge
dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche
Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden
möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft,
so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit
einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit
entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie
sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine
Ohrfeige zu empfangen.
1844.
XXVIII
An einen hochgestellten Mann
Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet,
und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den
Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines
Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt überall notwendig.
Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist
jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt
überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen
der gegenwärtigen Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu
entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und
welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, der kein Christ ist, ist
heutzutage alles schwierig; für einen solchen dagegen, der Christus in
all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineinträgt,
ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie schon im vollen Sinne
des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein.
Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf
Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. Sie denken nicht
mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und
eine historische Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben
bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch
befinden muß, der heute Rußland von Nutzen sein will. Was also brauchen
Sie zu fürchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor
etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß man überall als Christ
handeln muß. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in
allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen -- so sehen Sie
sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam um. Ihre christliche
Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung
bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. Sie werden keinen
alten Offizier an sich vorüber gehen lassen, ohne ihn über seine
persönlichen Zusammenstöße mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie
wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des
Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre
Taten und Erlebnisse während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen
lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso
wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie
brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden,
werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe
daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für
den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen
brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu
handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden,
so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. Ihre christliche
Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen,
werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle
handeln würden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von
wem er auch kommen möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger
Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen auch einem
einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke
werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß es ja
nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der
Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz,
Sie werden jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener
Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug
raten, denn Sie werden alle anhören. Sie werden nicht einmal imstande
sein, unvernünftig zu handeln, denn unvernünftige Handlungen entspringen
nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, aber die christliche
Demut wird Sie überall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der
sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine
Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze
Sache zu kennen und voller Hast und Übereilung zur Tat drängen, während
doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen
glauben, uns die gute Hälfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein,
Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also
brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten?
Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin irgendwo in Rußland
Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche
Weisheit erleuchten. Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst schwierig
ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, -- weit schwieriger als
jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel
Mißbräuche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so
überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft
übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage eine besondere Art
ungesetzlicher Geschäftspraxis unter Umgehung der Gesetze üblich
geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft
hat, so daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich
die Dinge, über die andere oberflächlich hinwegsehen, ohne etwas Böses
zu ahnen, bloß aufmerksam anschaut, so muß auch dem gescheitesten
Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln
verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in
solchen Fällen lehren, nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge
zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein.
Sie wissen, wie vielen fremden Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage
ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken,
und daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, die die
wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach
allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem häuslichen und in ihrem
Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren
Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel
bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen
alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt
etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden Sie alles
erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals
erfahren würde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer
ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor
Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte Beamte nur
ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, daß sich die Schuld
heutzutage auf alle verteilt, daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen
kann, wer mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, die
unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde
werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedächtiger sein, als Sie es
jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des
Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß _sie_ der Schlüssel
zu allem ist. _Die Seele_ muß man heute kennen lernen, immer wieder die
Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann
nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner
eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem
Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn
sie alle seine geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben
wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um Übles zu
tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird
es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich
selbst auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor sich
selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine ganz andere Wendung
nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die
andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn
so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, daß er plötzlich Mut und
Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie
erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein
kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als Generalgouverneur wird etwas
gänzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der
Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr
viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lästern),
bestand meiner Ansicht nach gerade darin, daß Sie das Wesen Ihres Berufs
nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur
für den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen
Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohltätiger Einfluß nur bei
einem längeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz spürbar
werden kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen
definiert: »Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich
auf der Durchreise befindet.« Diese Definition ist genauer und
entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses
Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein
dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um
den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den
Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu
setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in
Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind und unter der
Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Anstoß zu
geben, durch seine unumschränkte Macht die schwierige Situation vieler
Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu
erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas
Eigenes einzuführen, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die
bereits vorgeschrieben und ein für allemal gezogen sind, in eine
schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der höchsten
Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und
bereits eingeführt ist, haben Sie mit der mühevollen Pflicht des
Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt
zurechtfinden und mit ihm fertig werden muß und der alle kleinen
Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den
Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs
gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres höchsten
Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung für eine lebenslängliche
gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen ein
Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein
edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wären, was Sie
jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten Sie
für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brücken und allerhand
Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan
haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu
ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung
seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den
Landstraßen wie aus allen anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die
wir heute so eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch
notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich nicht um das Wesen
einer Sache, sondern um etwas bemühte, was nur eine Folge der
eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewöhnlich des
russischen Sprichworts zu bedienen: »Wenn nur erst der Zuber da ist, an
den Schweinen wird es nicht fehlen.« Die Brücken, die Wege und all diese
Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst
Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat
man sich viel um sie bemüht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch
die Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst:
Privatleute haben sie erbaut ohne jede Unterstützung der Regierung, und
jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich
schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so
schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese
Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten
ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für einen Wert, daß
heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafür zu einem Trödelmarkt
wird und daß die Zahl der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In
Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von selbst entstanden und
zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa
nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich
gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert hätten. »Denket zuerst
daran,« sagt der Heiland, »alles andere wird euch von selbst zufallen.«
Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich
auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung über Ihre
Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele Mißbräuche ausgerottet und
sehr viel wahrhaft edle und vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe
davon gehört, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt
haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht
gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit nur provisorischer Art ist und daß
Sie nicht nur dafür hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange
Sie da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem Scheiden alles
in bester Ordnung sei. Sie hätten sich fortwährend vorstellen sollen,
daß Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfähigen Nachfolger
besetzt werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung nicht nur
nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird,
und daher hätten Sie von vornherein daran denken müssen, etwas so
Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen
und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand mehr imstande
wäre, umzustoßen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie hätten die
Axt an die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die Stämme und
Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls
geben sollen, daß die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet
und daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr zu stehen, um sie
zu beaufsichtigen, und hierdurch erst hätten Sie sich ein ewiges Denkmal
Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz
anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses Amt nicht gering
achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein
Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit wie in
unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen
heutzutage niemand fähig ist außer dem Generalgouverneur.
Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in ihre gesetzlichen
Grenzen zurückzuführen und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die
sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist
keineswegs unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und Ämter der
Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken
getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen
der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in
ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der Übrigen allzusehr erweitert
worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer
großen Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft
verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fühlbar gemacht, daß
gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die
Kompetenzen viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit zu groß
war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, daß
einem die Hände gebunden waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es ist
jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das
Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, weil die Beamten
selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie
übernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau in der
Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder
weniger Rücksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das
eigentliche Urbild, das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein
entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und
sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die man bloß sich selbst
wiederzugeben brauchte, gänzlich aufgehoben oder doch von Grund aus
umgestaltet. Das aber kann nur von dem höchsten und souveränen
Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst
gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle
unsere Ämter und Berufe stellen in ihrer ursprünglichen Form wirklich
gute und schöne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen für
unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus
eines Gouvernements etwas näher an.
Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr
umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschränkte Regent und
Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen
Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen
(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen
der Städte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als
auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich alles
rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des Stadtbildes liegen,
geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die
Anlage von Straßen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im
ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und die Bürgermeister
aller Städte völlig von ihm ab und stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im
zweiten Falle kann er über den Hauptmann der Landpolizei
und die Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die
Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen
aus Räten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretär
darstellt, mit ihm verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem
schweren Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen läßt,
unbedingt auf die Räte und die Beamten fällt und daß er trotz all seiner
unumschränkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist
mehr als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des
Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm
abhängen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn
diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge
schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf von
Staatsländereien, Seen oder überhaupt über irgendwelche Ein- oder
Verkäufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierüber eingehen, so muß er
schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein
Vertrag geschlossen werden, ohne daß _er_ anwesend ist. Demnach werden
auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschäftsführung gar
nicht von ihm abhängen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert,
irgendwelche Mißbräuche zu begehen.
Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre
höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses völlig von seinem
Ministerium abhängig ist, ganz unabhängig vom Gouverneur zu sein, und
doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur
daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser während seiner
Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre
stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu
verlangen, daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt
werden, die er auf gut Glück herausgreifen kann, um sie bei sich zu
Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen und auf diese Weise alle in
Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die
Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat er doch das
Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, wo solche immer vorkommen
mögen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben.
Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem amtlichen Verkehr
mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall
der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen
Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die
Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf
eine andere Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, sich
mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man
nämlich die große Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der
Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der
Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem
europäischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in
unserem Adel verkörpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des
Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nächst dem
Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein
dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute
Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst
etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhältnis
unfrei und beengt fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns
und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt werden, aber ganz von dem
Gouverneur abhängen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide
Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall kann auch in
solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschränkt
ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und
ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher
und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.
Fehler und Versehen können überall vorkommen, überall können sich
Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen
und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine
besondere Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und die allen, selbst
dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit wahren muß -- das ist der
Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück
Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine
Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung
kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß gefaßt
werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem Vermerk »Gelesen« versehen
hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat
niemand Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; nur mit diesem
steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles,
was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen.
Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die
Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen
Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede
nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren
Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das
Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem
anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der
Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen
ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden
würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke
beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu
entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des
gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im
höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und
unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und
erledigt werden muß -- fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie
weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des »Gewissensrichters« vom
Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die
allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten
Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder
Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit
keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von
dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel
verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre
Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem
Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter
tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich
durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat.
Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?