Goldgeschmückte, heilge Stadt.
Moskau! Wie? Du stürzst zusammen?
Hörst du's, Rußland? Auf zur Tat!
Rase Feuer der Zerstörung!
Du erhöhst nur unsern Mut.
Diese flammende Verheerung
Bringt uns Rettung, bringt Verklärung,
Phönix schwingt sich aus der Glut.
Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken? Seine Verse sind wie
ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder Rausch, aber in
diesem Rausch liegt eine höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow
ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am
Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über die Kraft, die die
jungen Arme schwellt, und über die große Zukunft, die der Jugend
bevorsteht, einer Freude darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen
werden, um
Der großen Sache treu zu dienen,
Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.
Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis ins Maßlose, und der
Dichter gibt sich allzusehr der Freude über die ihnen winkende Zukunft
hin, wie dies bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen
großartigen Anlauf hinauszukommen.
Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas
Außerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher
Großsprechereien und voll Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein
die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar noch ein paar
Gedichte von ihm, in denen die alten Töne noch einmal, wenn auch etwas
abgeschwächt, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren
Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen für seine Geistesverfassung
blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische
Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der
Langenweile deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen und einen
Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem
russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die
außerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die Form
behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch kräftiger ist, wird
ihm gerade dadurch zur Verräterin: sie dient nur dazu, einen mageren
Gedanken und einen dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem
Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt. Es wurde
sogar die Meinung laut, Jasykow hätte überhaupt keine Gedanken; er könne
nur hohle tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter. Alles
begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein
recht törichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern
zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie
Puschkin:
Nicht unser Teil ist das Getümmel,
Des Pöbels Hast und Waffenklang.
Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
Begeisterung, Inbrunst und Gesang.
Er läßt den Dichter vielmehr sagen:
Poet, ist alles in dir reif zum Werke,
Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,
Des feurigen Gedankens hoher Geist,
Der Rede Glut, des Wortes Stärke,
So geh und künde, daß die Welt höre.
Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch
sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschöpft. Wenn die Elemente dazu
nicht in ihm selbst gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch
nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht
Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem dürftigen Inhalt der
letzten Gedichte, wie anmaßende Kritiker behauptet haben, nicht einmal
seine Krankheit trägt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu
da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen -- vorausgesetzt, daß der
Mensch ihren Sinn richtig erkennt) -- nein, es war etwas anderes, was
ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen.
Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trüber
brannte.
Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft
und Stärke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest
-- dann werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, wie deine
Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entströmen. Du wirst
uns dann die große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du
wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß er sich der
stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm regt, bewußt wird, und Gott
für das Übel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte.
Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten und seinen Vers
nach seinem Vorbilde behandeln und formen dürfen; seine Domäne ist weder
die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des
Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefühl haben alle. Und er hätte seine
Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine Verse
gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik
entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder
bewegt, oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der
verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein
treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm
ein vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. Ein
anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwärtstreibende,
sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den höchsten und hochherzigsten
Regungen anzufeuern -- und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen.
Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, daß
es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die
Vorsehung sorgt besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück,
Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg
gefunden hätte. In der Lyrik Jasykows machte sich übrigens wieder ein
Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar.
Erst neulich haben wir sein Gedicht »Das Erdbeben« kennen gelernt, das
nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist.
Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Fürst Wjasemski eine
besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor
Puschkin begann, müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach
dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte.
Fürst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: während jener
durch seine Gedankenarmut auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner
Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum Zweck, das erste
beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste
Sorgfalt auf seine äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration,
auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser
wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Künstler und
legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind -- Improvisationen,
obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr große und
vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von großer Reife und Ausbildung
mitbringen muß. Er vereinigt in sich eine außerordentliche Menge
vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine
Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, Gefühl, Verstand,
Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist
ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener
Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm
gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um
etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die
Biographie Von Wisins tritt die reiche Fülle seiner Talente, über die er
verfügte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht
der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der
gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen
Seiten des Lebens -- kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt,
über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne dieses Wortes
verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins
geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert hätte,
die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die
große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier
begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so könnte
man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein
historisches Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. Das aber
ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Fürsten Wjasemski, daß es ihm
an einer großen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in
seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, daß sich die einzelnen
Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt
ihnen einen großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht
miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken
kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher Schönheit bei keinem andern
Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im
mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefühl an die Seele,
das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stößt er uns
ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand
nicht im mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere Sammlung
fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Kräfte
gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine
gewisse Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen,
dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der
keine große Aufgabe finden kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die
letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten Bettlers.
Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurückführt und
ihn veranlaßt, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur
bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, können
Der Seele Flügel sich entfalten,
Erstarkt der Wille, und das Walten
Des Schicksals zeichnet klar sich ab.
Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung und Leitung der
Dichter aller Zeiten und Völker so schnell und in so eigenartiger Weise
zurücklegte, während die Klänge aller Länder, in denen es eine
Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten
und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen
andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewählt und
schritt solange still und geräuschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages
über alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch
über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. Dieser
Dichter war -- Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewählt, die alle
Welt bisher für eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für
ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt hatte, und er
brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen
Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken
russischen Köpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe
verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des Russen
ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet,
der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa
eine vorgefaßte Meinung oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern
vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den
Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen,
den endgültigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen
ihren Faktoren und nicht bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch
in dem Spruch zum Ausdruck: »Bloße Reden ergeben noch kein Sprichwort.«
Dieser »nachhinkende« Verstand, dieses Talent für radikale endgültige
Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist,
macht, daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller
andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch
in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen
Eigentümlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine
Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurütteln und
seinen wundesten Punkt zu berühren; wie ein hundertäugiger Argus blickt
jedes von ihnen den Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis auf
Suworow und Peter den Großen haben unsere Sprichwörter geliebt und
bewundert. Die hohe Würdigung, die man ihnen angedeihen ließ, kommt in
vielen Aussprüchen zum Ausdruck: »Ein Sprichwort wird nicht umsonst
geprägt« oder »ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.« Es ist ja bekannt,
daß, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt
gewähltes Sprichwort zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem
Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr
übersteigt.
Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln
sind nicht etwa für Kinder geschrieben. Man würde sich eines groben
Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der
Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen
wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und
bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und
handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander
spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die
in Rußland üblich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren
pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters,
die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der Fuchs, der Bär
und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle
Geschöpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen.
Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist,
daß er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht,
damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, -- selbst der Esel
ist, trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, bei Krylow
ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemüsegärten
geplündert hat, wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, er
will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich wichtig, als sein
Herr ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf
den Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder schlechte
Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und daß es nun
bei jeder Gelegenheit kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz
-- überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall fühlt man sich
an Rußland erinnert. Überdies hat jede seiner Fabeln noch ihren
historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner
scheinbaren Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner
Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem
Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine
Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Maß, die rechte
Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die versöhnende Stimme des
Mittlers, eine Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn der
russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. Durch ein
streng abgewogenes kräftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage
den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen.
Als einmal ein paar allzusehr für das militärische Wesen begeisterte
Leute behauptet hatten, daß der ganze Staat ausschließlich auf die
militärische Macht gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze Heil
liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über alles, was mit dem
Militär zusammenhing, lustig machten, bloß weil ein Paar Leute das ganze
Militärwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da
schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln,
in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmäßigen
Grenzen verweist:
Darin besteht des Staates wahre Macht,
Daß alle Teile weise Frieden halten.
Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,
Die Segel sind der Bürger -- Rechtsgewalten.
Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung
möglich, ohne Segel aber kommt man auf der See überhaupt nicht vom
Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die
allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine große
Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen
waren, man müsse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht
nehmen und sie bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil sich
gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden
kommen lassen und sich an einem törichten Unternehmen beteiligt hatten,
da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden
Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die
Die klugen Menschen fürchten
Und lieber sich an einen Dummkopf halten.
Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand nimmt, überall mahnt
er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschätzen,
sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in
der Fabel »_Die Musikanten_« zum Ausdruck, die mit den Worten schließt:
»Ich möcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz
verstehn.« Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu
verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen
mußte, wie manche Leute sich statt tüchtiger sachverständiger Männer
allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen
rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von ihrer Sache,
hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wußte, daß man bei
einem klugen Menschen alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei,
ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht,
verständig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem
Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn
einredet: »Mit einem Diebe -- ist man wie auf hoher See, mit einem
Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch.« Aber auch dem
Gescheiten weiß er ein kräftiges Wort zu sagen, in der Fabel »Teich und
Fluß« tadelt er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt,
und in der Fabel »Der Schriftsteller und der Räuber« straft er ihn, weil
er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mißbraucht. Überhaupt
beschäftigten ihn immer nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch
kann jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und Ränge im Staate,
in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt:
Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,
Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten,
ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten Reihen des
Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin,
indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer
Arbeit eine besondere Würde zu verleihen.
Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,
Der ungeehrt und im Verborgnen lebt
Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen
Der einzige Gedanke nur erhebt!
Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.
Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den hohen Sinn Krylows
bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare
Form zu geben, sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow.
Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles
plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen
Reizen und in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit und
in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprächs, die
eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles
ist so treffend ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit
einer solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist,
festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise
ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, das Wesen seines Stils zu
ergründen. Der Gegenstand scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu
besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn
geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet
gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich nicht sagen, worin ihre
Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig?
Er fängt an zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird
lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll
und ehern, wo der Gedanke stark und kräftig ist und er wird plötzlich
leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten
oberflächlichen Geschwätz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt
willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine
Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfüßigen Versmaßen, bald
wieder in schnellen einfüßigen; in der wohlüberlegten Silbenzahl
offenbart sich aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke
bloß an den großartigen Schluß der Fabel »Die beiden Fässer«:
Den großen Mann erkennt man an der Tat
Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,
Denkt er im Stillen.
Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte förmlich die
Größe des in sich selbst versenkten Menschen herauszufühlen.
Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie,
nämlich zur satirischen Form hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle
viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern zum
Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig selbst da, wo die Seele
ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt
ist. Die Tiefe dieser urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig
erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen der europäischen
Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer
heimatlichen Wurzel losgelöst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir
uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist
schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die
Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum
Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter haben
diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren Teil seiner Oden
mit diesem kräftigen Salze gewürzt. Wir finden sie aber auch bei
Puschkin, bei Krylow, beim Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei
solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie
neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Fürsten Dolgoruki;
dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich,
daß unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes
hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemühte,
seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Fürst
Kantemir mancherlei Stoffe für die Satire und geißelte in seinen
Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft.
Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen
der bekanntesten Dichtungen und alle möglichen Parodien voll Spott und
Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im
Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man
denke nur an die Parodien des Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die
Literaten von Wojeikow »Das Irrenhaus« und an die talentvollen Parodien
Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer
eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit mischt. Indes die Satire brauchte
bald ein größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so drang sie
allmählig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben
Ursprung wie überall; wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald
jedoch kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der Tragödie regten
sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich
unter dem Einfluß einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters
darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren milden Spott über
die lächerlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der
Menschen zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists,
Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben
wir ein achtungsvolles Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor
zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden Komödien »_Der
Landjunker_« von Von _Wisin_ und vor Gribojedows »_Verstand bringt
Leiden_«, die Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt
hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott über die komischen und
lächerlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und
Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern
aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit
erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt
werden. Von diesen beiden Komödien hat jede eine besondere Epoche zum
Gegenstand; die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung -- die
andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung entspringen. Die
Komödie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalität des Menschen,
dies Produkt einer stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen
Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde von Roheit und
Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, daß
man in diesem Stück den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch
einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelüste
zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern,
ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres
Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem Lande, weder in
Frankreich noch in England, ein solches Wesen möglich wäre. Diese
unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische
Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt
hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren Mischung
mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so
mehr haßt sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins
stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe
schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden
Leidenschaften kennt, geht völlig in einer stillen Liebe zum Vieh auf,
die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich
auf das Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine
Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau
Prostakowa -- dies unglückliche, völlig verschüchterte Geschöpf, in dem
selbst die schwachen Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren,
gänzlich durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in
ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur
keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Böses antun will, und der
doch ganz unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und weil
jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung,
am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h.
seiner Mutter und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein Genuß ist,
sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen
eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, überhaupt noch
einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der
Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfährt mit Schrecken, daß bei
ihnen weder der Einfluß der Kirche noch die guten alten Sitten etwas
auszurichten vermögen, von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche
und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu
sprechen. In dieser Komödie erscheint alles wie eine monströse Karikatur
auf das Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, alles ist
mitten aus dem Leben geschöpft und mit tiefster Seelenkenntis
beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der
Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden
hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte.
Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche
Epoche, sie schildert das Übel, das durch eine schlecht verdaute
Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung mondäner Äußerlichkeiten statt
des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich
die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die unorganische
Vermischung der Sitten und Bräuche, die die Russen so sehr ihrem eigenen
Wesen entfremdet und zu Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus
des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau Prostakowa. Mit
derselben Naivität, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rühmt
_er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des
ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, daß die jungen
Mädchen von Moskau die höchsten Töne singen können, daß sie keine zwei
einfache ungezierte Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen
steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Ausländern
und daß in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun
haben. Er ist ein Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein
Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund
opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar
ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt,
wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf
Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hält er nämlich für
jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen Welt nicht aufs strengste
beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten
Menschen, die trotz all ihres weltmännischen »_comme il faut_« gänzlich
leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren
Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten für die Gesellschaft
ebenso schädlich sind, wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie
dem Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande sitzen, wo
sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Güter darunter, da sie
ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern überlassen und
immer nur Geld für Bälle, sowie große und kleine Diners von ihnen
verlangen; damit zerstören sie das gesunde heilige Band, das einstmals
den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch
die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle Ämter und
Posten ausschließlich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun
haben und sich dem Müßiggang ergeben, berauben sie den Staat der
wirklichen tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem
ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren
sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen
Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien
sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen
sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend heucheln sollen, dabei aber
führen sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend
gegen sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu
widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Mißachtung
des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum
ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser
ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und der doch
wunderbarerweise überall empfangen wird, ein Lügner und Gauner, der es
aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflußreichen
Persönlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen
weiß, wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, wenn es
darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkämpfer der
Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entzünden und alle
Bücher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle
Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen und Adler] zu
verbrennen, womit er übrigens verrät, daß er, der sich vor nichts
scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Gezänk --
dennoch den Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder
hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale _Repetilow_,
dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch
immer erscheinen mag. Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu
Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn es ihm gelingt,
Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lärm gemacht
und laute Reden über Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht,
und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hört
er sich all die verrückten Phantastereien begeistert an, und er ist
überzeugt, daß er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und
daß hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das
zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon
offenbaren wird, wenn man nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht
häufig versammeln und heftige Diskussionen führen wird. -- Auf derselben
Höhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen
Dienst so versteht, daß es dabei lediglich darauf ankommt, die
verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der dabei
aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung über
die Ränge und Titel festhält. Er erklärt ganz offen, er halte sie für
die unentbehrlichen Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er
erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine
Sorgen, die Zustände seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm
nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in
der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt.
Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlöstowa, diese
traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte.
Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit
und Hohlheit ererbt und für diese fordert sie Achtung von der jungen
Generation, sie verlangt, daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie
respektieren sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit
Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder
umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafür aber
protegiert sie kleine Negerjungen, Möpse und Leute von der Art einer
Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im vollen Sinn
des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glänzender Typus. Diese
stumme gemeine Kreatur ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt.
Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, schlummert
doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein künftiger Sagorezki. Ein solcher
Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung,
eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen Sinn in seiner
Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mußte eine Reaktion
hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem führen, wie es in seiner
ganzen Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky geht in
seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen alle diese Leute
gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, daß er gerade dadurch und
durch seine unbeherrschte Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle
Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der
Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der
Unbildung, russische Ungeheuer, Krüppel, vorübergehende
Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente
hervorgerufenen Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt
einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt
sich der russische Bürger. Der Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen,
wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese
Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein
Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und äußert bloß ihre
Entrüstung über alles Gemeine und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne
in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild
aufzustellen.
Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen Technik nur
schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige
französische Stück überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des
Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll gelöst. Man hat den
Eindruck, als hätten die Komödiendichter sich hierfür nur wenig
interessiert, als repräsentiere ihnen der Stoff nur einen andern höheren
Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang ihrer Person
maßgebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht
gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden
des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese
Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre
Anwesenheit zu erläutern und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild
zu vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die Dichter die
notwendigen Forderungen der Bühntechnik erfüllt und jede ihrer Personen,
die alle so außerordentlich glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich
vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloßen
Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären diese beiden Komödien
sicherlich zwei großartige Schöpfungen des russischen Genius geworden.
Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; eine so
ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, wie ich glaube,
noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Ansätze
zu einer sozialen Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr
durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die Mißbräuche und
Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse
der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender
Beweis dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komödiendichter
aber wurden von sozialen und nicht von persönlichen Motiven bewegt, ihre
Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen
unzählige Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr
Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen
selbst Fleisch und Blut, schien Körper geworden zu sein; am lyrischen
Feuer der Entrüstung entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser
Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis,
den Peter in Rußland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen
unwillkürlich zu einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien sind
keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind nicht aus der
Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mußte sich schon viel Schmutz
und Unrat in unserem Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke ganz
aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns
vorüberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer
Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und
daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird.
Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum
Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen
ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne,
und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein Nahen an. Schon
heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspüren wir
die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand
diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu
zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken,
daß eine neue Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen
herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu werden beginnen, die
wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene
Farbe und keine selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese
Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem einen _Lermontow_, der
die andern weit überholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden
weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine
große Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern über ihn
gewaltet hätte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß
dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr früh in solche
Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine
vorübergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein
armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden losgerissen hat, dazu
verurteilt waren, traurig durch öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl,
daß sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und daß es ihr
Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese
herzzerreißende Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm
schon so früh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem
unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser
Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, die ohne Zweck und Ziel
geknüpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind
die Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen
dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der
_Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese
Stimmung für eine Weile populär und modern. Wie einst unter dem
anfeuernden Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt
ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine
Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie
die Enttäuschung, die »Entgeisterung«, die _Desillusionierung_ im
Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer übermäßigen
Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam
endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind
der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Zeit, während der
diese Stimmung herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden
andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit hat für niemand etwas
Verlockendes. Lermontow glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über
ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu
gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung hätte von
ihm befreien können. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen
Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen Macht über den
Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow
an, daß diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der
Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dämon
aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: »Ein Märchen für Kinder«
hat diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie sinnvoller
geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, wenn er diese Erzählung,
die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt hätte, ganz von diesem
Dämon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen
einer solchen Befreiung kann man bereits im »_Engel_«, im »_Gebet_« und
einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr
Achtung und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat jemand
eine _solche_ beinahe prahlerische Mißachtung für sein Können zur Schau
getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie
Liebe für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner
Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zärtlichkeit
einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins
Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene
feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis
oder Puschkins Verse an. Überall herrscht Überfluß und ein unnötiger
Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch
nie hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische Prosa
geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die
lebendige Wirklichkeit, hier kündigt sich der künftige große Maler und
Darsteller russischen Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich
von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches.
Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe
aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe
der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehört und in
der ein Dichter nicht weilen darf, reißt ihn mit einem Schlage ein
plötzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige
Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem
andern während eines einzigen Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters
und ihrer Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat
das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere
leichtsinnige Generation fühlte sich nicht im geringsten erschüttert.
Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch etwas darüber sagen,
was denn eigentlich unsere Poesie überhaupt darstellt, wozu sie da ist,
welchem Zwecke sie gedient und was sie für unser ganzes russisches
Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der
Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den
er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie
der Gesamtheit, gemäß dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften
des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates sein müssen, höhere
Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer
Gesellschaft -- eine vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel
unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und
hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast völlig unbekannt
geblieben, unsere Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser
Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter der Leitung
französischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer
aus aller Herren Länder, aus allen Ständen und Berufen, von Menschen
ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze und
Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem
Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis
ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war
vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten
waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber
doch einmal glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah
dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder eine glücklich
erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen
Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein
minderwertiges Gedicht, das den fremdländischen -- freigeistigen Ideen,
die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht
worden waren, nicht entsprach, wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas
von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte
aufhielt.
Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer
Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft.
Sie schwebte die ganze Zeit über gleichsam hoch _über_ der Gesellschaft,
wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen
Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herabließ, so
nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht
aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen
Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist höchst merkwürdig: trotz alledem
waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir
uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor
Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben und wir wollen nicht recht
daran glauben, was Dershawin uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein
Schriftsteller die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens
schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das
Bild, das er von uns entwirft, für eine Karikatur. In der Tat, in beiden
Fällen ist irgendwo eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz
vorhanden, und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der Grund für
die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon
in dem Keim, der dem gewöhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die
künftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens
in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund
der zweiten Erscheinung ist der, daß unsere satirischen Schriftsteller,
wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen
Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Häßliche und
Gemeine in den wirklich existierenden Repräsentanten des Russentums nur
um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh ihnen die
Fähigkeit, eine Sache weit klarer und schärfer zu beleuchten, als sie
dem gewöhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in
der letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen -- die Spottlust am
allerstärksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder über
seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas,
eine Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über das Neue,
und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was
ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in
seiner Vollständigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er
erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in
Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von
Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie
hat nur alle einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer
Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefühl, daß die Zeit
noch nicht gekommen sei, uns vollständig und allseitig darzustellen, uns
unserer Eigenart zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns
selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische Natur ist heute
erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form
annehmen zu können; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller
Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall her in unser Land
verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich
Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir
nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese
Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben
unsere Dichter gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam ihre
stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres Wesens nicht
untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste überall, wo sie es fanden,
und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu
fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme
Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle,
was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere
Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre Stimme
erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen würde,
wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkörperung des Menschen im
Bilde, für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß aus den
eigenen urwüchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz
Rußland ergreifen und zum sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde
-- damit wir uns dann darüber klar wären, was alles an Gutem und Schönem
und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem
Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer mehr
enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden.
In dem Maße, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden
wir auch ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher
noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, daß sie nicht bloß
die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch
unsere Baumeister waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren
oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so
viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen
Charakterzüge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit
kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in
seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen.
Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes
von einer ungeheuren, fast biblischen Größe zu zeichnen, hatte nichts
Willkürliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die
mächtigen Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind in ganz Rußland
überall so lebendig, daß selbst Ausländer, die etwas von Rußland kennen
gelernt haben, darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten
und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst
hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Rußland Europa von
einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine
Verwunderung über die schlichten Bewohner unserer Bauernhütten nicht zu
verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen
Greise, die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie ihm doch
wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als
einmal mußte er gestehen, daß ihm in keinem Lande Europas, das er
bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die
patriarchalisch biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen war.
Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mächtigen Haß
gegen unser Volk erfüllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese
Feinfühligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei
Puschkin mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen
Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, mit denen das Volk
selbst diesen eigentümlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an
den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber
zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick untätig sein
kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ für einen
Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl
derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen
dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz außerordentlich groß.
[Fußnote 5: Der Marquis Custin.]
Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes,
das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch
nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen
Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu
reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der
Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige
Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders
bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow
äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht,
das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken
vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer
Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener
sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung
verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser
Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm
Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und
dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig
nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn
durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von
uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich
vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird
kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie
gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere
Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen
und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und
Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche
Wagemut_ und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und
Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die
überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche
Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen
ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet,
sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen
-- solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im
Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher
Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen -- alles ist vergessen,
und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese
Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale
Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und
deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht
plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor.
Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die
von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon
dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten
Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner
andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen
hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache
manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und
seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser
Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers
Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten,
hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der
wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu
sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers
Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte
ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer
Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers
und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut
durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden
abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel
einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen.
Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mögen,
die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk
in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer
Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine
wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser
Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere
Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme
von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde
auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat
der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache
geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten.
Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige,
sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration
leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen
-- so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne
ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein,
wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht
wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt
zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns
mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit
des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch
durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine
höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der
Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die
Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken,
so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren
Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um
unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und
Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer
Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche
Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft
alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose
Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden
keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache
wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und
vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel
lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener
eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der
schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als
selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer
erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren
Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst
hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende,
verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der
Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein
Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische
Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren
vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut
geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und
traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu
ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren,
als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind
sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der
moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen
kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie
allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen.
Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer höchsten
Verstandsreife und Nüchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus
unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele
unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen
Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns
auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält
sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis
herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos
und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu
bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der
biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten
Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt,
aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede
bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache
erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen,
die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; -- eine
Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht
umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden
war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und
Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung
angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und
ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen
Bezeichnungen für die Dinge -- diese Produkte ungeklärter und
verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche
Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem
Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und
nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren
konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch
Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal
eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache
wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf
unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl
Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls
verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen
anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der
Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen
einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen -- unser
russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten
ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem
Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das
Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns
hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre
Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen,
einstimmig ausrufen werden: »Ja, das ist _unser_ Rußland; hier fühlen
wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter
unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!«
XXXII
Auferstehungstag
Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des
Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn
er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser
Tag sich überall in allen andern Ländern kaum von den andern Tagen
unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben
nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche
alltägliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und
seine Gedanken schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will ihm
so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert wird, als ob dort der
Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das
Leben dort ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage. Er denkt
an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute, das das ganze Land
durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton
verschmelzen läßt, er denkt an den Ruf »Christ ist erstanden«, der an
diesem Tage an die Stelle aller andern Grüße tritt, an diesen Kuß, den
man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen
möchte. »Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit
gefeiert werden sollte!«
Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er
tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich bloß daran erinnert,
daß dies ein Tag voll schläfrigen Hin- und Herrennens, voll törichten
Getriebes, sinnloser Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines
Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage
wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigennützigen
Grund; man braucht nur daran zu denken, daß sich der Ehrgeiz an diesem
Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa
von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was für eine
Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl für ein Geschenk
erhalten wird; ja daß selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich
an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der
Festmesse und noch ehe die Sonne über der Erde aufgegangen ist, trunken
über die Straße schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen
Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß das höchstens eine
Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und daß es einen solchen
Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem
Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Kuß auf die Backe,
um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder
lieben muß, oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung
über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht
macht und behauptet, bei uns gäbe es überhaupt nichts Ordentliches,
wütend aus: »Wir haben alles: ein schönes Familienleben, schöne
Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir
erfüllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in
Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller
Menschen verdient.«
Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und Äußerlichkeiten,
nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Kuß, der
dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an
diesem Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes Kleinod ansehen
lernen -- und ihn so in unsere Arme schließen und an unser Herz drücken,
wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn
freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den
wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch stärker
sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen,
sind stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm
durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit näher
steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage --
in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag
jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten
unserer Brüder eine himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein
einziger Mensch ausgeschlossen.
Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert
kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglück der Lieblingsgedanke
fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen
Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu
umarmen, wo viele beständig davon träumen, den inneren Wert und die
Würde des Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen bereits
feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum das vermag, wo man
bereits fordert, daß das Gesetz Christi weit inniger mit unserem
Familien- und Staatsleben verwachsen müsse [ja wo bereits davon
gesprochen wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser
Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und
Unglücklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff
unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären
Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose] die Erde schon
zu eng zu werden beginnt. Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte
Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und
ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum
Probierstein dafür, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie
sie lediglich [schöne Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten
führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen
unserer Brüder wie einen Bruder zu umarmen -- so tuen wir es nicht. Wir
sehnen uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren Busen zu
drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich
nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser
Menschheit abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten,
und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, -- so werden wir
ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur
ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt,
in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns
überstimmt -- so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es
braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit
abzulösen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren
Schäden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr
Anspruch auf unser Mitleid hat als sie -- so werden wir ihn von uns
stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme
schließen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie
zusammengestoßen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen
gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres
Jahrhunderts die ganze Menschheit beglücken will, und das sind häufig
gerade die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre Menschenfreunde
und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Straße
hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn
bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da
glauben sie noch, sie seien Christen!]
Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht würdig, nicht
so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein
schreckliches, unüberwindliches Hindernis entgegen: es heißt: _Hochmut_.
Dieser Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt, aber jener
Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf
unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und
er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage.
Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts
ist der Stolz auf unsere Reinheit.
Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen
überholt und übertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit
völlig in ihre Reinheit und Schönheit verliebt. Niemand schämt sich
mehr, sich öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und sich für
etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur
darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren
Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos und mit
welcher Schärfe er über andere Leute urteilt. Man muß nur einmal hören,
mit was für Gründen er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder
nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne
innerlich zu erbeben, erklärt er: »Ich kann diesen Menschen nicht
umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch
ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in
mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er
atmet, ich mache einen großen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen
und um ihm nicht zu begegnen. -- Ich kann nicht mit gemeinen und
verächtlichen Leuten zusammen leben -- und da sollte ich einen solchen
Menschen wie meinen Bruder umarmen?« Ach! der arme Mensch des
neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, daß es an diesem Tage
weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß alle Menschen --
Brüder, Kinder derselben Familie sind und daß jeder Mensch keinen andern
Namen als den: _Bruder_ trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er
hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und
verächtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick
veranlaßt werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und
nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet,
was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er
auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer
etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung begehen kann, die
in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf
dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt,
_derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel serviert_. Es
ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß die Zahl der gemeinen und
verächtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil
die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich
gestoßen und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch mehr
verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die
Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Weiß Gott, vielleicht wird
mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat
seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den
Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht hätte
er freudig jedem Hände und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn
ergriffen, ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu stürzen;
vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt, um ihn auf den
rechten Weg zurückzuführen. Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem
Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein
Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob er schon so ganz zu Stein
geworden, daß er keiner warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch
selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der Liebe und selbst
das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat.
Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er
stößt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen aussätzigen Bettler
von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des
andern, er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen. Er will nicht
einmal sein Klagelied hören, damit seine Nase den übelduftenden Hauch,
der aus dem Munde des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er,
der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher
Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern können?
Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mächtiger ist
als die erste, -- das ist der _geistige_ Hochmut. Nie noch hat er solche
Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem
in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten zu werden, einer
Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit
kann alles ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen Lumpen oder
einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen -- es läßt ihn kalt
-- nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott
ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß man sich über seinen
Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so
leichte Spott über seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es
der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu
lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den
Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist
sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht für
ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der Verstand erst fortschreitet,
wenn alle sittlichen Kräfte des Menschen fortschreiten und sich
entwickeln, und daß er sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen
Kräfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch
sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer Mensch
gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und
folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das
glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn
eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten christlicher Demut von
ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er
viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an
seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kämpft
man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus
persönlichem Haß oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die
sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die
Leidenschaften des Verstandes: heute bekämpft man sich und streitet man
sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der
Widersprüche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien
gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich noch nie
etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glühend hassen. Ist es
nicht merkwürdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß
und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Haß und Bosheit
von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der
Zeitungsblätter herangeflogen und fallen wie ein verheerender
Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen der Menschen her.
Schon hört man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst
die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur
um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen, und nur weil ihr
Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen --
schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen.
Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen
Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte sich mit jener reinen
Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivität
erfüllen können, die alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er
sollte etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen
Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen Tag feiern können? Ist
doch selbst jene äußere gütige Geste, jener Ausdruck der Güte
verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem
gegenüber man das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem Menschen
viel nähergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts
hat ihn vernichtet und zerstört. Ohne jede Maske ist der Teufel in der
Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in
verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen Menschen
mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine
Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände mit
den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich
vor ihm beugen; die törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie
sie bisher noch nie gegeben worden sind -- und die Welt sieht es und
wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige
sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine
harmlose Spielerei gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und
Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im
Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich noch, die wahrsten und
heiligsten Gebote Christi zu übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die
unsinnigste Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert vor
ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, daß selbst die,
die sich über sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach
ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln,
die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten
Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritäten, die sich neben
den gesetzmäßigen rechtmäßigen Autoritäten installiert haben -- was
bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was hat es zu
bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen, Schneider und alle möglichen
Handwerker die Welt regieren, während die Gesalbten Gottes abseits
stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche
Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter
Leute, und ein Zeitungsblättchen, von dem jedermann weiß, daß es nichts
wie Lügen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über die
Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen
Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt
aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und
wagt's nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit!
[Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge überhaupt noch die heiligen
Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer
Beherrscher keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das etwa ein neuer
Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede
Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die
auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwächer]
zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er
sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling
wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle ein
unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da]
Menschen, denen es so vorkommt, als würde es an diesem Tage heller in
ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen,
jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen
eines ewigen Frühlings, in ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen
Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist?
Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht für immer vergessen und
warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild?
Wie kommt das nur, und was hat das alles für einen Zweck? Als ob man
wirklich nicht wüßte, was es für einen Sinn und Zweck hat? Sieht man
denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen,
die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses Festtags verspüren,
plötzlich so traurig ums Herz wird, auf daß sie von einer Trauer
befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf
daß sie ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu Füßen
fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen öden
Reihe der übrigen Tage zu entreißen und nur diesen einzigen Tag nicht
nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes
ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu
umfassen und in die Arme zu schließen wie ein Freund, der sich schuldig
fühlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er
ihn schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären sollte, er sei
ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um _einmal_ diesen Wunsch zu
fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran
zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott weiß, vielleicht
wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom
Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns
hilft, an ihr emporzuklimmen.
Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten
Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh
und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und
nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, bloß das
Riesengespenst der Langenweile wächst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure.
Alles ist wüst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und
schrecklich wird Deine Welt!
Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur
in seinem Vaterlande würdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum?
Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen?
Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser Festtag selbst
verschwunden ist und daß] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im
Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hört die von Küssen
begleiteten Worte: _Christ ist erstanden_; mit der gleichen
Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der
dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich über das ganze Land
dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in
so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht
vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die
Sitten und Bräuche, die ewig währen sollen, können nicht vergehen. Der
Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl
zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und absterben für eine
geist- und herzlose, für eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu
gekräftigt auf in den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte
aufzustrahlen und sich über die ganze Welt zu ergießen. Kein Titelchen
von unseren alten Sitten und Bräuchen, nichts, was an ihnen wahrhaft
russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn.
Die helltönenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der
Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird es weithin verkünden;
das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen -- und der heilige
Auferstehungstag wird würdig gefeiert werden --, weit früher, denn von
einem andern Volke.
Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen
können wir unsere Behauptung gründen? Sind wir etwa besser als andre
Völker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als
sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch
weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. »Wir sind
schlimmer als alle anderen« -- so müssen wir stets von uns sagen.] Aber
es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt. Gerade die
Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheißung. Wir sind noch ein
flüssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist;
wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns paßt, abzustoßen
und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Völker schon nicht mehr
fähig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in
ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren Wesen, das wir
vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt
ist -- dafür ist schon allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem
Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß der aufgepflügte und
wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte
entgegenstreckte, daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief
in unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung der
Menschen untereinander uns näher am Herzen liegt, als unser heimatliches
Dach und die Blutsverwandtschaft, daß bei uns noch nichts von jenem
unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen Parteiungen bekannt
ist, die wir in Europa finden und die ein unüberwindliches Hemmnis für
die Eintracht der Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir
endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in ähnlicher
Stärke besitzt und daß, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen,
die kein andres Volk zu lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem
Schlage alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen Sinn der
Menschheit schändet, abzuwerfen, -- daß wir uns dann, alle unsere
körperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten
zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schändet, von uns
stoßen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre
ganze Habe, ihre Häuser und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann
wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben wollen; in
solchen Augenblicken ist jeder Haß und Streit, jede Feindseligkeit
vergessen, der Bruder drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland
ist nur ein einziger Mensch. Das ist's, worauf wir die Behauptung
gründen können, daß der Auferstehungstag von uns früher gefeiert werden
wird, als von den andern Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere
Stimme, und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie
entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine
göttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler
Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in
den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben
Zeit werden sie wie aus _einem_ Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt,
daß, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch
fest daran glaubt und schon heute spricht: »Früher denn in irgendeinem
andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert
werden.«
Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.