Ich habe den zweiten Teil der »Toten Seelen« verbrannt, weil das eine
Notwendigkeit war. »Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,«
-- sagt der Apostel. Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen
soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen
Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche
Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen gekostet hat
und worin vieles enthalten war, was mein höchstes Streben ausmachte und
meine Seele ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in
einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen
wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte.
Ich danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen.
Sowie die Flamme die letzten Blätter meines Buches aufgezehrt hatte,
erstand sein Inhalt plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor
mir, gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male,
wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits für
ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite
Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er hätte
eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genuß und die Befriedigung
der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß,
sondern die aller Leser, für die die »Toten Seelen« geschrieben wurden.
Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die für die vornehme
Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, -- das kann zu
nichts führen. Das erregt bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von
uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit
angenommen, die Vorzüge des russischen Charakters über alles Maß zu
preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran,
diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu
arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau zu stellen, als
wollten sie Europa zurufen: »Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch
besser als ihr!« Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die
andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann
die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rühmt und sich
was auf sie zugute tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt man
schon, noch ehe man etwas geleistet hat -- man prahlt mit dem, was erst
kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig
und man grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist und sich
selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens
seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewußt und richtet seine
Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten
Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; im zweiten Falle dagegen
flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater
des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet,
indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verführt.
Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze
Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute
begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der
Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man
überhaupt nicht vom Hohen und Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem
jeden die Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so daß er sie
taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande
der »Toten Seelen« nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck
gekommen, und doch hätte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste
Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt.
Urteilen Sie bitte nicht über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus;
Sie werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich
aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten,
das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir
verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen
Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht
vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht
dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzuführen.
Meine Aufgabe ist weit einfacher und näherliegend; meine Aufgabe ist
das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken
sollte. Meine Aufgabe -- ist _die Seele und die große sichere ewige
Aufgabe des Lebens_. Darum muß auch mein Tun stark und dauerhaft sein
und ich muß Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu
beeilen; mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne,
was verbrannt werden muß, und ich handle sicherlich richtig, denn ich
unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre
Befürchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir
vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so
sind sie überflüssig. Meine Gesundheit ist sehr zart -- das ist freilich
wahr. Zuzeiten ist mir's so schlecht zumute, daß ich es ohne Gottes
Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem Verfall meiner Kräfte ist noch
ein so intensives Frösteln hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß,
wie und woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung machen, und
doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr
als eine Stunde für die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich
mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht.
Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner
Fähigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen
wäre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die
größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir
auch die Kraft verleihen, was noch übrig ist, zu vollenden und zu Papier
zu bringen. Meine Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine
geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, nun denn,
so wird wohl auch die Körperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben,
daß, wenn die rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre lang
mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen
wird.
1846.
XIX
Liebt unser russisches Vaterland
Aus einem Briefe an den Grafen A. T.
Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine
rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen
nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man
Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch
niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung,
mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? Sehen Sie nur,
wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwärtig auf der Welt gibt,
die sich glühend nach dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde
Kaltblütigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den
niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart
und verkündet, daß wir in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott
teilhaftig werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns
gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben.
So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder
lieben.
Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie sollen wir die
Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte nur das Schöne lieben, die armen
Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in
ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafür,
daß Sie ein Russe sind. Für den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und
dieser Weg ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland lieben
lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in
Rußland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die
Leiden und Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem Maße
betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, würde niemand
von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der
Beginn der Liebe. Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die
Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt
keineswegs bloß die Empörung der guten und anständigen Elemente über die
Unanständigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der
Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang,
daß zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Häuser
gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen
hätten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr
Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht,
wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger,
erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefühllosen beginnen sich
zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner,
auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht.
Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich darüber aufregen,
sowie Sie hören, daß etwas Böses oder Häßliches in Rußland passiert.
Dies erregt bei Ihnen nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein,
das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das
ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich
ankündigt. Nein, wenn Sie Rußland wirklich lieben werden, dann wird
jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher und
selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage nichts für
Rußland tun, und als ob Rußland ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von
selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit
voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig ist und daß man mit
ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Rußland
wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich förmlich dazu
drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa
Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich
mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird,
begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem Beruf einem
tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie es jetzt führen, vorziehen. Nein,
Sie lieben Rußland noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht
lieben, können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche Liebe zu
Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe
Sie sich nicht mit dieser göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine
Rettung für Sie.
1844.
XX
Lernt Rußland kennen!
Aus einem Brief an den Grafen P. T.
Es gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. Gott gebe, daß es uns
einmal beschieden sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der
sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an sie ist mir eine
Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden,
können wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will,
sich aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt Lebewohl sagen
können. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins
Kloster. Diese Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie sind
reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen verteilen, was aber hätte
ich ihnen zu geben? Mein Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes
Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches
Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, mit
denen ich andern nützen und dienen kann -- daher muß ich diese Güter
unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber
auch Sie können sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, noch
nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn
es Ihnen schwer würde, sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache
anders. Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet heute
nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat und welch ein Opfer wäre es,
sich von ihm zu trennen. Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun,
wenn man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nämlich das
Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die
Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr
Kloster ist -- Rußland. Nun, so legen Sie das geistige Mönchsgewand an
-- sterben Sie sich selbst völlig ab -- sich selbst -- nicht Rußland --
und gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. Unser Land ruft
heute seine Söhne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon
ertönt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben
entweder ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland für
einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und
Elend über das Reich hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen
verließen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu
retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors
begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf
der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines
friedlichen Bürgers -- ja, wo denn nur? -- mitten im Herzen Rußlands zu
erfüllen. Machen Sie keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre
Unfähigkeit hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland jetzt
höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. Sie sind Gouverneur
zweier Provinzen von äußerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben
diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen
damals noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher andere, Sie
haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse über die Zustände und
Vorgänge im Innern Rußlands erworben und das Land in seinem wahren Wesen
kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich würde
Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem
Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine
bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit bedeutsamer
erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene Fähigkeit, ohne besondere
Anstrengung und ohne _selbst_ zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein
bequemes müßiges Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei
Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann
erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles
ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige Beamte
zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit übrig lassen. Und wenn sich
dann Gelegenheit bot, jemand für eine Auszeichnung oder Belohnung
vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem
Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz übergingen.
Das ist Ihr höchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit,
sich die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß Ihre Beamten sich
die größte Mühe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so
überanstrengt, daß er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem
Sie aufs eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so
viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, wenn ein Vorgesetzter
ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem
wahrhaften Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, wo
ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst möglichst in den
Vordergrund zu rücken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage
Ihnen, mit dieser Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig
unentbehrlich, und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht einmal
empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf
diese Fähigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen.
Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an,
daß Sie sie nicht brachliegen lassen mögen. Sie aber halten sie wie ein
Geizhals unter festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig,
vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche Stellung
einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb,
weil Sie sie nötig haben -- Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in
Ihren Augen ist keine Stellung zu gering -- sondern deshalb, weil Ihre
Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu
ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises
bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise
in Rußland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie
werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland machen.
Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das genügt jetzt
nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Rußland mehr, als in einem
anderen Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst,
während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, daß in den letzten zwei,
drei Jahren ganz andere Menschen aus Rußland herauskommen, Menschen, die
gar keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem
begegneten. Um zu erfahren, was das _heutige Rußland_ ist, muß man
unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht,
was man spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich wahr,
daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit
und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie
heute unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der Bildung
und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz
zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt
hat, wie heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht
aufgekommen, sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus
folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele törichte
Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlüsse gezogen
worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe über Rußland so
sehr entstellt und verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man muß
selbst eine Reise durch Rußland machen und sich selbst überzeugen. Das
ist besonders nützlich für den, der eine Weile fern von Rußland in der
Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten
Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der
sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich
und feinfühlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht
sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunächst
müssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher über Rußland besaßen, bis
auf die letzte völlig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren
eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben,
lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wüßten, und
Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig
unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer
Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer größeren europäischen
Stadt beeilt, alle ihre Denkmäler aus alter Zeit und alle
Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie in
die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch
größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu
lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und
in ihren Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte darauf
schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, daß man ihn aufmerksam
und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als
irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen
wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf
den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen
können, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die
Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, »das Salz«
einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es
immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen
ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon selbst ein
Urteil darüber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten
Beobachtungen über die gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn
Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden Standes reden
werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und öffnen
Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was
heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird
Ihnen sofort erklären, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein
nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen Begriff von dem
Kleinbürgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles
Notwendige über den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren,
und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre der Gesellschaft werden
Sie sich selbst ein Bild machen. Übrigens dürfen Sie sich nicht
allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen.
Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem
Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß heute alle miteinander im
Streite liegen und einer den andern rücksichtslos verleumdet und
schlecht macht. Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu
nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie
alles übrige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und
Städte Rußlands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo
und an welcher Stelle Sie sich nützlich machen können und um welchen
Posten Sie sich bewerben müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn Sie
nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel Gutes stiften. Schon
während dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so großen wahrhaft
christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster
bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten
können und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits
stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und
Richters übernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das
jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer solchen Tätigkeit
liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch höher gestellt als jede andere
Art der Tätigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder
Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns überall
etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben
miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund;
die Kleinbürger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst
die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen
Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt werden, miteinander wie Hund und
Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht
miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und
Freundschaft bemerken, wenn nämlich einer von ihnen heftigen
Verfolgungen ausgesetzt ist.
Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine
Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu versöhnen. Für die
Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen
und wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, söhnt
er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht,
dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher
weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine
so große Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der
menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen
eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein
bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so
gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst
nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen
Entgegenkommen entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, ihn an
Großmut noch zu überbieten. Daher können bei uns selbst die ältesten
Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt
werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird
und überdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die
Streitenden tritt. Eine solche Versöhnung aber -- dies muß ich noch
einmal wiederholen -- ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige wenige
Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander
Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht über irgendeine
Sache sind, sich dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde
es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der
Tätigkeit, zu der sich Ihnen während Ihrer Reise durch Rußland auf
Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine
andere Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie
können der Geistlichkeit der Städte, die Sie berühren werden, einen
großen Dienst erweisen, indem Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt
machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der
Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen
heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, daß sie
nicht in die Sphäre des christlichen Lebens gehören. Dies ist sehr
notwendig, weil viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge
von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten Zeit
stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht
sind, daß niemand mehr auf sie hört, daß ihre Worte und Predigten in die
Luft gesprochen sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat
und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist
unrichtig. Freilich sündigt der Mensch von heute wirklich
unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner früheren Zeit; allein er
sündigt nicht aus einem Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit,
nicht aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu
sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden nicht erkennt. Noch
hat sich nicht allen die für unser gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare
Wahrheit enthüllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren
Augen, daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten
der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß nicht offen und direkt,
sondern indirekt sündigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch
nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und
daher bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn man heutzutage
erklärt: »ihr sollt nicht stehlen, nicht in Überfluß und Üppigkeit
leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den
Armen milde Gaben reichen«, so bedeutet das nichts und kann keine
Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen wird: »aber das
sind doch alles bekannte Dinge«, wird er sich noch vor sich selbst
rechtfertigen und sich womöglich gar noch für einen Heiligen halten. Er
wird sagen: »Stehlen? -- ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein
paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde
ihn nicht anrühren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen
Diebstahls entlassen; ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe
weder Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu sparen und
zurückzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem Überfluß
stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den
Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen.
Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten
und für die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig,
auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache
meine Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorüber,
ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, auch habe ich mich niemals
geweigert, etwas für irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben.« Mit
einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für
gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine
Sündlosigkeit sein.
Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm bloß einen Teil von
all den furchtbaren Schrecken und Übeln zeigt, die er zwar nicht
unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders
reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen
Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und seine Lebensweise nach dem
Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres
Ärgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben
Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem
zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut
verschwenden, die Menschen ausplündern und sie zu Bettlern machen;
außerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im
Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge
stehen müssen, und die es vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht
wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben
und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. Ebenso zeige man allen
Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen
und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges
davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode
folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch
sündigen, daß sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr
Geld verschwenden, sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem solchen
Leben zwingen, daß so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde
Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen
hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen,
mußte er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn
ausplündern. Dieser mußte seinerseits irgendeinem Assessor oder einem
Landrat die Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum war
gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplündern] und man lasse
auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann
werden sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes Kleid denken.
Sie werden einsehen, daß auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und
auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf
Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht von der
furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist
nicht gefühllos. Der Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie
ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr
erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher
geworden, und die Hälfte seiner Sünden rührt von seiner Unkenntnis und
nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu
anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in
sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der
Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lüften und ihm nur eins
von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er
wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit zu prahlen. Er
wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen
Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig
wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, daß der
Gedanke, daß man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde
richten müsse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in
dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, nicht
aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen Menschen entstehen
konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzähligen
indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit,
seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf
alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen würde, wo jeder von uns
mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine
eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine
Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann,
kurz, wie wäre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen
würde, auf welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein,
die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner
Worte wird in die Luft gesprochen sein. _Sie_ aber können viele Priester
hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der
Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden,
aufmerksam machen. Aber Sie können sich hierdurch nicht nur den
Priestern, sondern auch anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind
Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.
Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich
unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller
Wirrsale und Verwirrungen unserer _gegenwärtigen_ Zeit darstellt; nicht
wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem
Manne erscheint, der es von dem höchsten Standpunkt eines Christen
betrachtet, in Erwägung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, wie
sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute
leben in einer fremden Welt ausländischer Journale und Zeitungen, nicht
aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch
kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wände
wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber
können sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein
gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und
Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In _einer_ Stadt können Sie
Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann
zu bringen. Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst weit
mehr bereichern als alle. So Großes können Sie auf Schritt und Tritt
vollbringen -- und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle
liegt über Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe
herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie
können die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es
lernen, ihnen zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn
liebgewinnen, wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn er noch nie
für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so
innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles
für es hingegeben hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie
auf! Ihre Klosterzelle ist -- Rußland.
1845.
XXI
Was eine Gouverneursgattin ist
An Fr. A. O. S.
Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber
sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso
vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre
Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben
lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre
wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen,
daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne
Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind
einfach müde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet
überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar
auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst
schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu
schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle
möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich,
die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen
ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit
alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt,
allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen
und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg
durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung
angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der
Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle
gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch
hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der
eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar
nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in
der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann
bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: »Nein,
wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.« Und wer sagt so etwas?
Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt,
dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und
unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich
nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde,
weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen
Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit
Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen
schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die
erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und
der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im
allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit,
nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin
sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden,
so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere
veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten
zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu
tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal
viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen
Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und
zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen.
Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie
an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie
diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands,
diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und
Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_
gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften,
als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht
einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin!
Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den
Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht
allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist
bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir
zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich
noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit
macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu
leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte,
von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben.
Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus
betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und
zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle
Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen
sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles
ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen
ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten
unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine
Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der
allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der
Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich
über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu
verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen
vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das
nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß
ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie.
Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben,
wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst
sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe
als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren
unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß
ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott
aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott
erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der
nicht von Ihm belehrt ist.
Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff
von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie
jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen
Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß
ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland
so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon
gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden.
Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große
Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt
nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und
Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind
neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz,
ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach
vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch
gebeten, mich recht _vollständig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen.
Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen
wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom
Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.
Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in
K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen
früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir
geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie
anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die
Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt
(Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen,
sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende
Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist,
und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d.
h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und
nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder
gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter,
leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer
vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu
Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.
Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre
Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen
bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und
Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten --
bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr
Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen.
Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen
Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht
von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem
ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit
besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich
bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten
Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel
Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun
vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil
man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das
wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben,
so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich
auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen.
Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in
der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den
eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt,
woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst
charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich
bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht.
Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch
nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als
ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie
zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen,
begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem
bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem
anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über
jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern über ihn sagen,
kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm
sagen läßt.
Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte
weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug
gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle
kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht
genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon
durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen
Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den
allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie
müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und
Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen
lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf
ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen
keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal
ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu
veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu
orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre
Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre
Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd
einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.
Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein
Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es
nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An
jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall
immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja
sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis
auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von
Ihrer Stadt erhalte.
Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts
bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der
die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach
irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und
einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er
Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch
ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen
gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei
Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen
zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine
bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine
systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen
Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen
können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und
damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt
erhalte.
Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit,
ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem
Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht
haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß
vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch
gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade
darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich
möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen,
nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand,
auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie
sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.
Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke
geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt
sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der
Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache.
Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche
Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so
wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies
nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art,
Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des
Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem
Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen.
Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach
unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen
gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst
was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie
eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können
sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt
werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand
vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in
den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in
den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie
niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife
gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen
Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit
hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er
kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf
diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein
Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einfluß ausüben, ja dieser
Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen
_moralischen_ Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei
gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte
irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt
davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde
dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht
davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst
ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem
Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie
Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises
gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn
mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit,
Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und
freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht
verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders
gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich
herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist)
so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins
Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm
in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen.
Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht
nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit
und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin,
gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich
lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen
und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt
freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im
ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so
handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel
hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt
hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht
für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen
ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung,
auch nicht für den europäischen _point d'honneur_, sondern für die echte
sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen
Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger
Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur
zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die
sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der
herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs
zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der
Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben.
Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit
unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das
aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz
eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man
seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für
ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat,
seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem
andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er
sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man
darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die
im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze
Habe, die sie besaßen.
Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher
unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets
_unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von großer
Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines
Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen.
Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um
alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr
möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter
_Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich
die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen
Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den
hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber
bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen
aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er
will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er
in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen
Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut
daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie
die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute
verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in
Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren,
sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und
vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig
fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten
Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus
Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln
Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen
klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen
beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie
dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in
diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum
Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn
aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er
will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht
vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch
aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt
werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den
Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen
Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch
die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich
Ihr Herz mit Empörung erfüllen -- so rate ich Ihnen in solch einem
Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu
unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein
kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes
Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf.
Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst
besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle,
alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie
ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm
fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit
Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig
ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all
sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für
sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den
Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen,
in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand
hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von
Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit
Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie
gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen
zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt
in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie
trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu
gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als
irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz,
Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit.
Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen
seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu
kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein
Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein
gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als
alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des
Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist
weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als
wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf
ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute
unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich
mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat,
lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie
sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie
versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß
ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft
in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die
Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung,
der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen
mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf
bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also
noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne
kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern
erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe
geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug
werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit
einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen
Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so
sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und
Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen.
Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser
Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind,
dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie
werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen
eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein
jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses
Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er
durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts
hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein
eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen
solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen
Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs
und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken.
Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine
Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als
Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den
Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu
versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine
Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit
dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren
moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre
Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden
ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß
heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf
den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement
bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle
Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund
alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht
und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die
furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich
erschauert. Kurz -- vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen
Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen
moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die
niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie
Sie sich's kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen,
was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen,
mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fällt mir
ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die
Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen
vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich
unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst
einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große
Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die
weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle
möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern
und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer
Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.
Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern
der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann
gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln;
wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer
Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen
sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem
Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man
jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken.
Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt
genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen
Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert
auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes
Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch
große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies
ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas
unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in
ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals
früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder
sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.
Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen
sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel
mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie
dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben
umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen
zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre
hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische
Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur
Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und
Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz
hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in
sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu
edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren
Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu
veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache
stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins
Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit
der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige
Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird,
daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf
den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller
gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch
nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele
kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben,
ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.
Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich
anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im
gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie
selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten
zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde.
Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht,
woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie
auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben,
und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch
eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch
einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu
lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem
einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf
besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung
vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen
Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in
Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken
Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich _ganz_ dumm bin, solange mich
nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert.
Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig
unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste
Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief
seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen
solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas
vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich
eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich
damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn
das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die
gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die
Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an
die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher
Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in
Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen
ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. »_Es ist traurig
und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu
müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten
hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den
Händen des allbarmherzigen Gottes liegt_«. In den Händen des
allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und
Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht
sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies
ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach
häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne
möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und
blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit,
daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft:
manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden
Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl
nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben
können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein
einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei
vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die
in diese _heitere_ Zukunft führen, ja gerade durch diese _dunkle und
verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann
hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und
ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie
mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch
das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir
keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts
Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in
mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und
Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in
Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte
mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in
all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich
zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf.
Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht
vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß
er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl
meine eigene wie die meiner armen Brüder -- wenigstens teilweise kennen
zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze,
wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich
bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit
hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen,
die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe
und Stütze zu sein -- so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen
Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich
schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß
eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen
Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich,
daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit
hinabgesehen habe.
Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem
aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus
irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere
Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten
»Reinen« ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen
werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer
Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern
gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie
stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben,
mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen
Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und
es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens
selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes
ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine
Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe
Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen
und tuen, was ich verlange.
1846.
XXII
Der russische Gutsbesitzer
An B. N. B.
Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es
dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das
übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen
durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem
Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist
wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch
wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte
-- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur
ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so
etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines
Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein
vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und
Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den
Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat:
wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst,
was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres
erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem
Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen
und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern
um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind.
Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist,
weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern
deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als
Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen
würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest,
denn ein jeglicher muß Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird,
und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die
Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des
Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie
geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser
Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament
zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann.
Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit
anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen
brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar
Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie
wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert
für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes
Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines
Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf
die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich
davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde
wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und
deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich
arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du
weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und
sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist -- er kann zum Dieb, zum
Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine
schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du
sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit
dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten.
Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue
und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar
erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem
Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder
anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das
verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze
Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der
ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von
ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei
jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des
Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt
du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht
gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich
versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib,
seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen,
frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun,
und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins
Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten
unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um
nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen
vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich
alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände,
die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es
ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß
von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten
Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große
Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht
allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel
zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß
ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre
Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven
und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen,
dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen
solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne
erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den
Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen
oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den
mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen
sprechen: »O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche,
daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem
keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte
ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur
Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.« Die braven Bauern
aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz
nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren
und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns
geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst
sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird
hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere
wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens
gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist,
dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser
Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch
-- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr
gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.
Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben,
nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden
gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du
auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen
mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das
weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau
wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist
du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am
Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß,
um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich
will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu
seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den
Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist
als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den
Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein
Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen.
Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in
Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte
usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß
in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz
so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen
zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall
voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für
die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort
des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und
wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du
den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres
Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du
sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht
versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi,
der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er
kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber,
durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf
treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß
das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für
ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets
sämtliche Synonyme von: »_braver Bursche_« für den, der ermuntert, und
alle Synonyme von: »altes Weib« für den, der getadelt werden muß, bereit
halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold
ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch
schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist,
was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube,
sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es,
wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles
lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß
jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen
allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: »Kommt,
Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.« Nimm selbst die Axt
oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine
Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und
die vielen trägen und bequemen Spaziergänge.
Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich
ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit
habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische
Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß
der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein
Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt
er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es
so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer
kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann,
als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang
ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden
sondern weil er _die_ Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott
den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine
andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn,
und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine
ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es
vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es
weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen
und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen,
daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt.
[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß
er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum
bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester
senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein
solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem
Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig
entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen
heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung
gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich
erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch
eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast.
Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst
schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen
Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu
erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und
unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal
weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage,
daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt
zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse
Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die
Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und
sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da
möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht
verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße?
Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der
Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher
mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute
weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den
Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von
Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem
Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar
erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die
Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die
Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er
Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß
er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe
und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu
sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich
langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich
gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und
Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja
gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar
und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern
selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.