Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und
Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf
die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen
bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat
bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und
deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich
gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig
beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die
Helden meiner letzten Werke, besonders die der »Toten Seelen«, trotzdem
sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen
existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig
sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen,
wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor
einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu
antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner
Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der
Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen
Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir
eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich
gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens
zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu
bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir
immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem
Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so
satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen
Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze
Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem
deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er
fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit
der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente
mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal
Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den
»Toten Seelen« offenbart. Die »Toten Seelen« haben nicht darum in
Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil
sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag
gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den
Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus
keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen
guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen
ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem
Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war
dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als
der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung,
keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und
Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen
hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder
in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich
lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte -- die Jämmerlichkeit und
Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak,
das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine
Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung?
Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel
und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt
sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen.
Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich
nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene
geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären.
Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er
über meine Helden lachte.
Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden
um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante
Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen
hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es
nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir
in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem
Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er
hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste
jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch,
_besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und
wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich
nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich
und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von
Seinem unendlichen Mitleid besaß, -- dann hätte ich mich sicherlich
erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich
durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen
zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich
dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis
war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand
nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem
Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch
noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah
folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir
selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe,
Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin
darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte
sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn
jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für
mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir
nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der »Toten
Seelen« vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas
vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und
finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte.
Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme:
»Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.«
Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte,
hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt
meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache
bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit
ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die
Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit
dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden
Eindruck mildern könnte, den die »Toten Seelen« hervorrufen konnten. Ich
sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist,
es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle
Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen
würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen
führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich
für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese
elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen
Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die
sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus
Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von
mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von
dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen
sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich
mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine
nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen
Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts
anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum
alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein
müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das
ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten
seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und
Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt,
er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen
gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich
nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und
wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der
Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger
und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht
völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte
Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den
Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht
heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht
tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen
Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine
Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet
und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden,
daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen,
die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten
Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze
Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes
angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer
müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen
und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als
auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die
auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen,
sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen
Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer
Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, daß sie mein Buch in einem
seiner Teile widerlegen oder bestätigen -- zu jeder Seite könnte man ein
ganzes Dutzend solcher Fälle anführen -- dann würdest du ein wahrhaft
gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde
sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf
erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber
das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten
für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen.
Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne
selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige
Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich
angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach
wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem
anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel
unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn
deine Worte auch ordentlich überlegt? »Es ist absolut notwendig, daß wir
den zweiten Band erhalten.« Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil
alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das
wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr
beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen?
Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die
Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend
etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade
jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf
hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht?
Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er
nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß,
wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns
hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder
der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine
seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch
liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun
und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus
allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund
müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit
einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur
Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann
heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt.
Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt,
was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube
bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin,
wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich
suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich
liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten,
wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem
Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis
ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist
ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht
haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der
Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich
verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel
konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen
meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden
übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu
lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr
verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von
unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das
Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte
vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich
von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir,
aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige
Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese
Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe
gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere
eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst
hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt,
und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In
dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine
Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum
ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt
und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann
man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im
geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit
und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles,
was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der
Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese
Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine
eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele
lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.