III.

Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und

Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf

die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen

bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat

bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und

deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich

gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig

beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die

Helden meiner letzten Werke, besonders die der »Toten Seelen«, trotzdem

sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen

existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig

sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen,

wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor

einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu

antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner

Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der

Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen

Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir

eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich

gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens

zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu

bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir

immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem

Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so

satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen

Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze

Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem

deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er

fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit

der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente

mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal

Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den

»Toten Seelen« offenbart. Die »Toten Seelen« haben nicht darum in

Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil

sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag

gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den

Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus

keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen

guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen

ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem

Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war

dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als

der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung,

keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und

Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen

hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder

in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich

lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte -- die Jämmerlichkeit und

Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak,

das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine

Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung?

Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel

und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt

sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen.

Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich

nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene

geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären.

Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er

über meine Helden lachte.

Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden

um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante

Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen

hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es

nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir

in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem

Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er

hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste

jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch,

_besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und

wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich

nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich

und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von

Seinem unendlichen Mitleid besaß, -- dann hätte ich mich sicherlich

erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich

durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen

zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich

dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis

war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand

nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem

Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch

noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah

folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir

selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe,

Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin

darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte

sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn

jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für

mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir

nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der »Toten

Seelen« vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas

vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und

finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte.

Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme:

»Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.«

Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte,

hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt

meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache

bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit

ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die

Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit

dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden

Eindruck mildern könnte, den die »Toten Seelen« hervorrufen konnten. Ich

sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist,

es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle

Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen

würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen

führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich

für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese

elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen

Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die

sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus

Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von

mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von

dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen

sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich

mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine

nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen

Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts

anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum

alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein

müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das

ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten

seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und

Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt,

er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen

gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich

nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und

wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der

Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger

und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht

völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte

Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den

Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht

heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht

tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen

Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine

Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet

und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden,

daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen,

die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten

Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze

Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes

angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer

müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen

und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als

auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die

auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen,

sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen

Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer

Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, daß sie mein Buch in einem

seiner Teile widerlegen oder bestätigen -- zu jeder Seite könnte man ein

ganzes Dutzend solcher Fälle anführen -- dann würdest du ein wahrhaft

gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde

sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf

erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber

das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten

für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen.

Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne

selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige

Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich

angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach

wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem

anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel

unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn

deine Worte auch ordentlich überlegt? »Es ist absolut notwendig, daß wir

den zweiten Band erhalten.« Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil

alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das

wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr

beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen?

Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die

Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend

etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade

jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf

hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht?

Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er

nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß,

wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns

hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder

der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine

seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch

liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun

und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus

allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund

müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit

einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur

Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann

heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt.

Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt,

was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube

bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin,

wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich

suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich

liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten,

wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem

Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis

ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist

ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht

haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der

Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich

verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel

konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen

meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden

übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu

lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr

verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von

unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das

Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte

vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich

von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir,

aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige

Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese

Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe

gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere

eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst

hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt,

und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In

dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine

Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum

ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt

und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann

man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im

geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit

und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles,

was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der

Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese

Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine

eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele

lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.

Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I · 第 10 / 15 题