II.

Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner

Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so

wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers

vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des

ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger

gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz

allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen;

ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten

auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen

hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht

schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet

war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich

wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das

Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der

Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld,

daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines

Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im

Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser

sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat,

nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte

Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie

viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten

Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und

nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk

erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit

der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen

fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen,

man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und

zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es

sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten

Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man

Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung

und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem

Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten

Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der

Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße

läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck

der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten

Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von

einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in

einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine

Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters

bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles,

jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und

als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als

eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das

eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für

ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne

unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen

Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter,

und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern

empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und

ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den

melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf

gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushört, der hat

entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er

hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie

sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre

verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der

europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle

Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat

schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde,

traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso

unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht

bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern

irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland

kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern

empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom

Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles

gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets

die nüchterne trockene Antwort bereit hat: »Wir haben keine Pferde!«

Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die

Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür

zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und

Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu

herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und

Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen,

Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von

keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen

kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben

Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher

Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und

gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten

auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines

Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man

sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt.

Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein,

sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen

reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der

Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die

nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom

Begriff der göttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit

erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein

Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen

Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu

umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein

neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen

zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel

zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende,

überall sehe ich, daß _der_ die Schuld trägt, der die Verordnungen

durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder

schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu

machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt,

oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut

russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange

mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel,

worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein

Sachverständiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art --

schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht;

oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher

Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so

schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit

der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns

genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all

die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu

bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem

Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er

seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich

selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit

Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen

Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und

überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns

gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor

der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen

habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie

vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von

ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich

vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem

bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas

leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was

hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem

Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder

griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel

gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen

»Die toten Seelen« trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte

machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte

geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache

und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken

vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und

daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich

ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder

die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen

ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß

ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage

gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt

hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein

Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine

Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse

schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber

seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen

schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten

Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus

Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt,

die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war

mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden

Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes

Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des

Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder

gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit

solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige

freie Ausdehnung und Geräumigkeit -- dies weite Feld für einen rastlosen

Betätigungsdrang -- in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: »Sollte

nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er

sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,« kam wirklich von

Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus

Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und

fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit

zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen

Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines

Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig),

daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine

frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große

Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich

allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so

freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur

der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich

meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten

hat!

1843.

Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I · 第 9 / 15 题