Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner
Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so
wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers
vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des
ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger
gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz
allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen;
ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten
auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen
hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht
schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet
war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich
wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das
Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der
Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld,
daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines
Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im
Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser
sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat,
nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte
Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie
viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten
Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und
nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk
erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit
der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen
fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen,
man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und
zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es
sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten
Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man
Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung
und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem
Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten
Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der
Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße
läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck
der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten
Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von
einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in
einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine
Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters
bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles,
jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und
als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als
eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das
eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für
ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne
unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen
Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter,
und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern
empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und
ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den
melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf
gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushört, der hat
entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er
hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie
sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre
verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der
europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle
Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat
schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde,
traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso
unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht
bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern
irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland
kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern
empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom
Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles
gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets
die nüchterne trockene Antwort bereit hat: »Wir haben keine Pferde!«
Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die
Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür
zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und
Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu
herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und
Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen,
Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von
keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen
kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben
Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher
Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und
gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten
auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines
Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man
sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt.
Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein,
sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen
reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der
Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die
nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom
Begriff der göttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit
erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein
Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen
Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu
umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein
neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen
zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel
zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende,
überall sehe ich, daß _der_ die Schuld trägt, der die Verordnungen
durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder
schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu
machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt,
oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut
russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange
mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel,
worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein
Sachverständiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art --
schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht;
oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher
Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so
schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit
der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns
genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all
die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu
bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem
Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er
seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich
selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit
Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen
Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und
überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns
gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor
der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen
habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie
vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von
ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich
vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem
bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas
leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was
hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem
Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder
griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel
gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen
»Die toten Seelen« trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte
machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte
geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache
und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken
vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und
daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich
ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder
die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen
ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß
ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage
gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt
hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein
Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine
Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse
schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber
seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen
schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten
Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus
Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt,
die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war
mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden
Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes
Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des
Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder
gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit
solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige
freie Ausdehnung und Geräumigkeit -- dies weite Feld für einen rastlosen
Betätigungsdrang -- in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: »Sollte
nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er
sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,« kam wirklich von
Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus
Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und
fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit
zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen
Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines
Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig),
daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine
frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große
Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich
allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so
freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur
der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich
meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten
hat!
1843.