I.

Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem

manche Angriffe gegen die »Toten Seelen« geschrieben sind: das hat auch

seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört

sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht

die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns

erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns

aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen

müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit

zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die

Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie

ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois

steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich

solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der

Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt

hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl

selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen

und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die

Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich

nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir

keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe

und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs

tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele

liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht

verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und

mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir

sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt.

Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von

Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches

Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat

sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort für mich auch nicht

ein einziger geäußert. Und doch haben die »Toten Seelen« viel von sich

reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und

Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen;

sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat,

obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und

Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände

kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und

Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand

tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit

sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre

Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und

wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen

vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten

Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte

vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er

mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben

Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den

Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die

sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte

und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der

Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist,

tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das

weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein

jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge

besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die

er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist,

stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen,

von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die »Toten Seelen«

könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel

interessanteres Buch als die »Toten Seelen« selbst geschrieben werden;

ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung

schöpfen können, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler

verheimlichen! -- weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen.

Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar

erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn

Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von »toten

Seelen« bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis

Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von

allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden

Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich

jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein

Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer

sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank

und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche

Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und

Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch

auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur

einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich

geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor

Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe,

wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für

mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott

selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.

1843.

Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I · 第 8 / 15 题