II.

Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten

Gedichts: »Das Erdbeben«. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht

liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem

Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die

Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du

bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst.

Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie

entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande,

seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie

dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke

wegzuwälzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den

lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen

Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder

ermutigt und ermuntert sein will.

So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den

Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf

sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d.

h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn

hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze

ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein

mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten

russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit

aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der

Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben

hast.

Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden

schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme

Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird

er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der

Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn

Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich

einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm

unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden

und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus

tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie

sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück

Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen

eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest,

was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den

dritten Teil meiner »Toten Seelen« zu schreiben!

Stell' in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages,

wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren

verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit

ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte

Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie

dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und

eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.

Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen

Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens --

mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in

seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo

sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie,

sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube

einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr

Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre

herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein

Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.

Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus

russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem

schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem

Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine

Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der

gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich

diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht,

aber stell' es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns

unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände

ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch

er dasselbe vollbringen kann.

Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen

Dichter -- ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen,

geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle

verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es

schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere

Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft

und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen

eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert

wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als

Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen

bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin

und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem

Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und

Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und

Liebe -- für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und

die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon

finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde

zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich

ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines

innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt

streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst,

die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines

Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die

Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.

1844.

XVI

Ratschläge

An S. P. Schewyrew

Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren

Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden

gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu

unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit

Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine

Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich,

wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und

Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die

Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft

gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu

sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird

klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man

bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und

verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf.

Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen

erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen

Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können.

Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch.

Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr

viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es

dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist

groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er

uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor

dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch

Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die

wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein

solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es

vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr

unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben

Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren

Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend

belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und

Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich

von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es

mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden

Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst

einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem

du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was

du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern

zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf.

Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal,

ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte,

wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei

zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst

und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen,

weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen!

Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist

sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen

hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt

dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um

dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und

reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern

besser und reiner werden.

1846.

XVII

Über die Aufklärung

An W. A. Schukowski

Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für

alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft

verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du

in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht

irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so

erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest.

Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort

ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren

Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen;

rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst.

Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen --

ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so

wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu

machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns

versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen

ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so

einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten

einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der

Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten

hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen

ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden

sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau

leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises

lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem

Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird

dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens

und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie

wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder,

der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn

der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn

nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott

selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie

werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut

nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht

schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es

gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und

alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen --

unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen

Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu

lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft

russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher

Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche

Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition

für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg.

Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung

unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen

dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn

wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken

aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe

sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du

wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen

-- von den Gläubigen wie von den Ungläubigen -- zugegeben werden und wie

unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen

wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer

unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden

der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich

die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine

vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen

gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und

Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere

in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot,

keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den

heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten

Vätern der Kirche eingeführt wurden -- während Er die andere hieß, sich

in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten

der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen,

selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen,

daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen

die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß,

sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu

entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie

sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es

anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot,

gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die

Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten

Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie

lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig

die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete,

sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu

beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es

ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte

sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in

unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft

bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der

Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie

versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten

für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische

Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche

mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge;

sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus

aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig

entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so

vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten

-- der guten sowohl wie der bösen -- gelangt ist, jetzt kann die

römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den

Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie

mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich

heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber

klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die

von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die

Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden

christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für

die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen

vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es

jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere

und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr

kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein

Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie

ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in

einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund,

laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch

siebenmal verwickelter wären -- unsere Kirche wird sie alle entwirren

und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet,

beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits

etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere

Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht

bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein

Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern.

Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei

haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was

es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei

uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar

erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all

seinen Kräften und Vermögen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand;

heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen

lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es

bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und

trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten

umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der

Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der

heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild

Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu

uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle

mit ihnen und spricht: »Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret

alle!« Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in

kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden

Ohr: »Das Licht der Aufklärung!« ohne daß etwas anderes zu ihnen

hinzugefügt würde.

1846.

[Fußnote 4: Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn der

»_Durchleuchtung_«. Anm. des Herausgebers.]

XVIII

Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten Seelen«

Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I · 第 7 / 15 题