Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten
Gedichts: »Das Erdbeben«. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht
liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem
Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die
Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du
bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst.
Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie
entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande,
seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie
dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke
wegzuwälzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den
lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen
Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder
ermutigt und ermuntert sein will.
So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den
Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf
sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d.
h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn
hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze
ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein
mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten
russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit
aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der
Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben
hast.
Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden
schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme
Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird
er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der
Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn
Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich
einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm
unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden
und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus
tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie
sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück
Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen
eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest,
was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den
dritten Teil meiner »Toten Seelen« zu schreiben!
Stell' in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages,
wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren
verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit
ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte
Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie
dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und
eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.
Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen
Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens --
mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in
seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo
sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie,
sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube
einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr
Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre
herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein
Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.
Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus
russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem
schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem
Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine
Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der
gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich
diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht,
aber stell' es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns
unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände
ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch
er dasselbe vollbringen kann.
Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen
Dichter -- ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen,
geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle
verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es
schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere
Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft
und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen
eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert
wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als
Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen
bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin
und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem
Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und
Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und
Liebe -- für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und
die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon
finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde
zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich
ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines
innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt
streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst,
die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines
Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die
Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.
1844.
XVI
Ratschläge
An S. P. Schewyrew
Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren
Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden
gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu
unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit
Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine
Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich,
wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und
Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die
Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft
gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu
sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird
klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man
bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und
verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf.
Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen
erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen
Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können.
Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch.
Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr
viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es
dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist
groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er
uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor
dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch
Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die
wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein
solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es
vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr
unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben
Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren
Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend
belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und
Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich
von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es
mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden
Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst
einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem
du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was
du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern
zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf.
Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal,
ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte,
wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei
zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst
und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen,
weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen!
Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist
sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen
hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt
dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um
dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und
reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern
besser und reiner werden.
1846.
XVII
Über die Aufklärung
An W. A. Schukowski
Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für
alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft
verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du
in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht
irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so
erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest.
Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort
ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren
Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen;
rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst.
Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen --
ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so
wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu
machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns
versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen
ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so
einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten
einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der
Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten
hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen
ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden
sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau
leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises
lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem
Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird
dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens
und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie
wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder,
der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn
der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn
nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott
selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie
werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut
nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht
schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es
gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und
alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen --
unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen
Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu
lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft
russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher
Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche
Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition
für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg.
Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung
unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen
dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn
wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken
aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe
sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du
wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen
-- von den Gläubigen wie von den Ungläubigen -- zugegeben werden und wie
unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen
wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer
unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden
der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich
die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine
vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen
gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und
Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere
in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot,
keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den
heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten
Vätern der Kirche eingeführt wurden -- während Er die andere hieß, sich
in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten
der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen,
selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen,
daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen
die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß,
sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu
entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie
sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es
anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot,
gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die
Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten
Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie
lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig
die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete,
sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu
beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es
ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte
sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in
unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft
bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der
Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie
versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten
für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische
Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche
mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge;
sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus
aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig
entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so
vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten
-- der guten sowohl wie der bösen -- gelangt ist, jetzt kann die
römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den
Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie
mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich
heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber
klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die
von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die
Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden
christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für
die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen
vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es
jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere
und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr
kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein
Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie
ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in
einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund,
laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch
siebenmal verwickelter wären -- unsere Kirche wird sie alle entwirren
und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet,
beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits
etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere
Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht
bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein
Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern.
Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei
haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was
es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei
uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar
erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all
seinen Kräften und Vermögen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand;
heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen
lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es
bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und
trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten
umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der
Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der
heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild
Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu
uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle
mit ihnen und spricht: »Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret
alle!« Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in
kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden
Ohr: »Das Licht der Aufklärung!« ohne daß etwas anderes zu ihnen
hinzugefügt würde.
1846.
[Fußnote 4: Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn der
»_Durchleuchtung_«. Anm. des Herausgebers.]
XVIII
Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten Seelen«