Zinna
(Georg an Benno)
xten April, im Fahren
Mein guter Benno:
Fahrt durch Land Beuglenburg. Das Wagenverdeck ist hoch, es hat eben
aufgehört zu regnen, oder vielmehr ist Nebel aus dem Regen geworden.
Links, rechts, vor mir, hinter mir: Moorlandschaft, öde Ebenen, auf
denen die Nebel eines ewigen Februars zu stehn scheinen. Schwarze
Bohrtürme auf dem Horizont machen keinen ermutigenden Eindruck. Ich
rolle dahin, ich flüchte über diese rollende Kugel Erde, auf der wir ein
kleines, flach scheinendes Stück kennen. O Polykrates, o Schiller, o
idealische Gefühle! Ich sage nicht, daß alles käuflich sei, ich bin
milde gelaunt, obschon trostlos, und sage, daß alles gekauft sein will.
Erzählte ich Dir nicht einmal von einem sonderbaren Traum, von einem
Filmfestzug, in den ich nicht hineingelangte? Weiland Josef Montfort
prophezeite: so erginge es mir im Leben. Meine Gedanken, die es an sich
haben, immer merkwürdig leichtfüßig zu bleiben, tragen mich eben in
Hauffs Geschichte des jungen Said. Er mußte in Balsora Teppiche und
Schleier feilbieten, obgleich er das Patenkind einer Fee und im Besitze
ihrer Gabe, einer kleinen Pfeife war, die ihre Hülfe in jeder Mißlage
seines Lebens herbeizaubern würde, -- nicht jedoch --: vor seinem
einundzwanzigsten Lebensjahre. Vielleicht hab ich auch eine Flöte, eine
Fee, einen Ablauftag des Unschicksals, und dies vielleicht, dies
Mädchen, diese Heirat -- ich kehre ins obere Gleichnis zurück -- ist der
letzte, endgültige Preis, mit dem ich mich zum Handelnden in den Film
einkaufe, so daß ich mein eigen Bildnis im Schwarm der Schreitenden,
Triumphierenden irdischen Göttern gleich werde dahinfliegen sehn. --
Aus der Ebene, über den Nebel steigt ein schwarzer Kegel, Türme einer
kleinen Stadt werden an seinem Fuße sichtbar, jetzt auch Türme auf dem
Kegel: Schloß Zinna. Dort oben haust das andre Opfer, die arme Braut,
und macht sich von dem Kommenden die sonderbarsten Vorstellungen. --
Herrgott, ist dies ein Land! Um diesen Morast auszubessern, werde ich
ganz Trassenberg hineinschütten müssen. Hinter der Grenze war mit einem
Schlage alles anders. Dieser Tag ist so trostlos, daß er Einöden und
Paradiese einander ähnlich machen könnte, aber bei Beuglenburg und
Trassenberg brachte ers nicht zustande. Ich kam durch Landstädte, so
langweilig wie Speisekammern, in denen alles aufs Geratewohl irgendwo
hingestellt ist. Die Dörfer armselig, verfallen, schmutzig, an keinem
Fenster mehr eine Blume, die Kinder schmierig, dickschädlig, dünnbeinig,
ekelhaft selbst die keifenden Hunde. Dann die Moorkanäle, schwarze
Lineale, entseelte Gräben; auf den breiteren, über die ich hinjagte, --
da kommt wieder einer! diesmal läßt sich sogar ein Segel drauf sehn, ein
braunes, welkes Blatt -- diese langen Kähne, die vorwärtsgestakt werden.
Nun, wozu schreib ich das? Schloß Zinna wird sichtbar, es scheint ein
getünchtes Kloster, lange Fronten mit unzählbaren, kleinen Fenstern,
stumpfe, runde und eckige Türme. Meine Hupe wird ihnen wie ein
Gjallarhorn dröhnen, wenn ich in die eremitischen Höfe fahre.
Guter Benno, Du bist einer der wenigen, die meine Geschichte von Anfang
kennen, ich glaube sogar der Einzige, der sie überhaupt kennt. Erinnerst
Du Dich noch der ersten Stunde im Schlößchen, wo ich von Napoleon
erzählte? Ob ich gegen Sterne kämpfe oder mit ihnen, -- wer weiß es? Ich
bin den Weg weitergegangen, der -- hoppla, das war ein Sprung auf die
Brücke! Dies muß der Styx gewesen sein, so sah er aus, trotz eines
Motorbootes, das an der Brücke lag. Vor mir liegt ein Stadttor, ganz
mittelalterlich. Später weiter.