Dora trat neben sie und mahnte: »Na, na, Kind!«

»Mich friert«, sagte Irene tief und hart. »Ich glaube, vor dem fürcht

ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate!

Dann müssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.«

»Richtig! Sehr gut!« lobte Jason. »Er hat Seefahreraugen. Auf allen

Seiten das Meer.«

»Und sein Mund,« fuhr Dora fort, »daß du's weißt, ist wie der des

Delphiers.«

»Auch das noch«, murrte Irene. »Wenn er auch sein Kinn hätte, wär mir

der Delphier ganz verekelt.«

Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt

verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu

Irene dann: »Laß uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. Laß

uns schlafen und geduldig sein.«

Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: »Gute

Nacht, ihr Männer!« Irene küßte Renate flüchtig, die mit Dora zur Tür

ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ängstlich

rufen hörte: »Dora! -- -- Dora! was wird aus uns werden?«

Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: »Was

fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht

töricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder.

Solange ich die habe --«

Sie verstummte, strich hastig mit der Hand übers Gesicht, lächelte

Renate fremd zu und führte sie hinaus.

Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora

ein Wort, -- aber als sie öffnete, saß bereits Jason darin, pfiffig im

Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald überfiel Renate

von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwärts und in ihr

Zimmer, und sie preßte unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis

sie Jasons Hand fühlte, die er auf die ihren legte, die sich nun

leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie

ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins

Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die

Gesichter des Tages vorüber, das des Herzogs, Doras, Ägidis, Irenes und

ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die

nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese

kaum sichtbar, aber sie wußte, daß sie es waren, und das Schwinden eines

jeden fügte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der

Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, daß von

allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt

habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und überdem fielen

Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in

Schriften und Büchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten

Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst

nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist

wirklich das viele und frühe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher

Ungeduld, und wieder hörte sie's tönen: Das Leben ist nicht ...

»Wie hieß es doch,« fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason

hinüber: »Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften, denn dort

... Ich verstehe es nicht mehr ...«

»Dort,« hörte sie seine Stimme gedämpft, »dort scheint es dir, als

sähest und hörtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie

sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und

erleben. Dir aber ist alles angefüllt mit der Erinnerung, weißt du es

nicht? Überall tönts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur!

erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst

von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es

dich erinnert ...«

»Und dies auch,« sagte sie fragend, »daß dort immer Gestalt um Gestalt

so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in

Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes

Geflecht, -- ist es nicht so, Jason?«

»Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres,« vollendete er, »alles ist

abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur

einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch

sich ergiebt und ereignet, es scheint, als hättest du es geahnt.«

»Am Ende aber,« begann Renate von neuem, »am Ende löst sich alles doch

irgendwie, ob im Guten oder im Bösen; wie ein längst erwarteter Gast so

einfach kommt der häufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch

immer alles gänzlich und ein für allemal zu Ende.«

»Ja,« sagte Jason, »ja, da erwartest du denn auch in deiner eignen Welt

dergleichen und bist erbittert womöglich, gekränkt und schon ungeduldig,

wenn jenes nicht kommt, und dieses ganz andere erscheint, und --«

»So brüchig, Jason, nicht wahr, ohne Weiche, nüchtern, ohne Absicht,

ohne Übergang, ohne alle Musik, ohne Klang und Gesang --«

»Da in Büchern«, fuhr er ruhig fort, »doch alles gesungen scheint ...«

»Ach, aber in Wirklichkeit, Jason, ist nichts unterschieden vom andern,

nichts ist zu ahnen, nichts wird kenntlich, es wirbelt alles und

versitzt sich, Stimmen schallen fern und nah, überschallen, bekriegen

sich fassungslos --«

»-- und jedes«, bekräftigte er geduldig, »_scheint_, es scheint so oder

so und ist doch anders, ganz anders in Wahrheit, tiefer das Flache,

schwerer das Leichte, unerträglich das Schwere, unendlich das

Unerträgliche, und du siehst: es trägt sich doch. Nichts wird dir

zugewogen, es stürzt über dich herein, Fremdes, Verwandtes, Bittres,

Unbekanntes, Lustiges, Trübes, Buntes, Klagendes, Weinendes, alles ist

dir ein Unsal von Gewalt, und zu jedem kommst du viel zu spät, denn es

ist längst bei dir, wenn du dich aufmachst nach ihm ...«

»-- und nichts nimmt nirgends ein Ende ...«

»Aber dennoch, Kind,« sagte er beschließend, »wenn du allein bist mit

deinem Bett, deiner Wand, deiner Lampe, so hat dich auch alles

verlassen, denn da Bild und Erscheinung alle fern sind, woran kannst du

dich erinnern, um dein eigenes Schicksal zu erkennen? -- Du siehst dich

selber kaum, die Nacht steht fremd dabei, und vor dem Fenster rauscht

der alte Baum, und dich umrauschts, und jemand sagt: Verzeih ...«

Renate erkannte im Dunkel die Laternen und Vorgärten der Güntherstraße.

Jasons Hand löste sich, sie schlang hastig die Arme um seine Schulter

und küßte seine Wange. -- Zu Reinhold sagte sie, er möchte Jason nach

seiner Wohnung fahren.

Dann schien sie sich aus dem Wagen ohne Übergang in ihr Zimmer geraten,

unsichtbare Hände nahmen ihr die Kleider ab, sanfte Müdigkeit nahm ihr

auch die Glieder, rauschte es in der Nacht? Zweige oder Flügel? In

weiter Ferne zeigte sich ein ernstes Gesicht. -- Ich warte! sagte sie.

Dann schlief sie ein.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 108 / 124 题