Ich fahre einfach fort:
Durch schaurige Straßen von Kopfsteinen, über einen ganz netten
Marktplatz mit Kugellinden, wieder zur Stadt hinaus, durch eine alte
Allee zerfallender Kastanien -- braune Vorjahrsblätter an schwarzen
Ästen und auf dem schwarzen Boden -- brauchte der Wagen auf endlosen
Schlangenwegen fast eine Stunde hinauf; oben zeigte sich wenigstens
schöner Fichten- und Birkenbestand, aber die Hecken im französischen
Park -- durch die Gittertore sah ich hinein -- schienen seit hundert
Jahren nicht beschnitten, die Einfassungen der Teiche zerfielen an der
Luft, die Sandsteinfiguren fehlten auf den Postamenten -- wie enthauptet
standen sie da --, die Becken lagen voll modernden Laubes. Dann der
Schloßhof, himmelhohe Mauern im Rhombus mit violetten blassen Fenstern,
die drei Fische im Wappen überm Tor nicht mehr zu erkennen, im
Jahrhundertregen, der hier fällt, davongeschwommen, die Helmzier mit
Taubendreck besudelt, -- ja, es gab Tauben; da sie liefen und nicht
sprangen, können es keine Dohlen gewesen sein. Drinnen stand Eiseskälte,
standen erfrorene Menschen mit einem steifen Spruchband vorm Mund, --
eine Kälte übrigens, die in meinem Blut die letzte Wärme prickeln ließ,
so daß ich mich vermutlich mit jovialer Munterkeit benommen habe ...
Ich sitze nun an einem von diesen hundert Fenstern im längsten Bau; es
ist Nacht, aber der Mond ist da, eine kümmerliche Sichel, die sich
schwermütig durch unablässig flutendes Gewölk dahinwühlt, und wenn ich
mich hinausbeuge, kann ich diese hundert Fenster leise blitzen sehn,
flach auf die Mauer geklebt, als wäre nichts dahinter. Die Nacht ist
kühl, aber ich glühe, von Wein, Rührung und Mißmut, habe so viel
geschwiegen, daß ich mich nun sehr geschwätzig fühle, die drei Kerzen im
silbernen Leuchter schneuze und von der Schreibeschrift in die
Stenographie übergehe -- ach, Benno, wann war das, als wir Primaner,
Sekundaner waren und unsre Ferienbriefe stenographierten, teils wegen
Lernens, teils wegen überschwänglich viel zu sagender Dinge! Kannst Du
denn immer noch lesen, guter Benno? Also lies:
Bei den erfrornen Menschen blieb ich stehn -- vielmehr wurde ich von
ihrer einem, seines Zeichens persönlicher Adjutant, zur Disposition
gestellter Jägermajor, über Treppen und Galerien in ein stockdustres
Gemach geführt, in dem jemand zu sitzen schien. Nach einer Weile
erkannte ich einen Kopf, der einem riesigen, gekochten weißen
Fischaugapfel glich (wir polkten sie als Kinder aus den Augen der
Schellfische!). Ich hörte ein Gemurmel, murmelte ebenfalls, der Adjutant
murmelte, noch ein Mensch -- der Hofkammerrat -- murmelte, wir
verbeugten uns Alle, ich stand wieder draußen. Das war der Großherzog,
königliche Hoheit.
Ich folgte von neuem beiden Erfrorenen und kam in einen Saal; große
dunkle Gemälde an den Wänden, ein Tisch und fünf Sessel, drei um den
Tisch konstelliert, zwei an den Türen. Durch deren eine erschienen zwei
so völlig schwarze Gestalten, wie ich sie nicht für möglich gehalten
hätte, eine große, hagre, alte mit einem schauderhaft törichten Gesicht;
die kleinere, andre, zitterte am ganzen Leib, war todblaß, hatte jedoch
wider meine Erinnrung nicht gar so blasse, ein wenig vorquellende Augen;
der Mund war nur angedeutet, ein blasser Streif, die Nase anmutig, ja,
das Ganze -- im Augenblick nichts als Angst -- war nicht ohne
Lieblichkeit, nur entstellt durch Magerkeit und unglaublich sitzende
Kleidung. Dazu war das ganz hellblonde Haar so ungünstig angeordnet, daß
die breite Stirn mit zwei leichten Buckeln wie ein Felsen aussah. Dies
war Sigune, und drei Minuten war ich mit ihr allein.
Lieber Freund Benno, Du kannst mir glauben, ich dachte nicht daran, daß
dies meine Frau werden sollte. Ihre Hülflosigkeit war unsäglich rührend,
ihre bebenden Hände wollten sich in den schwarzen Kleidfalten
verstecken, -- nie im Leben bin ich mir so robust vorgekommen. Ja, was
machte ich mit ihr? Ich holte die Hände beide hervor, nahm sie in die
Linke, klopfte mit der Rechten väterlich darauf und sprach ihr zu, so
gut ich konnte: Aber man muß doch nicht bange sein! Aber man muß sich
doch nicht vor mir fürchten ... und dergleichen mehr, und da -- ach,
dies Geschöpf! -- nachdem seine erst flehenden Augen sich gleichsam
aufseufzend an den meinen beruhigt hatten, machte sie eine Hand aus der
meinen los, legte sie um meine Hand und küßte sie ganz schnell. So
demütig war sie -- lieber Gott! Sie sagte nichts, ihr Haar duftete ganz
leise. Ich brauchte wohl eine Weile, um mich zu sammeln, fragte dann --
und ahnte nicht, wie gut ich fragte --: »Ruft man dich denn noch Gunny
wie vor acht Jahren?« »Das wissen Sie noch?« fragte sie hastig, errötete
leidenschaftlich, brach dann aber in einen gequälten Husten aus. Ich
mußte zurücktreten, Hofdame, Kammerherr und Adjutant erschienen, gleich
hinter ihnen der Majordomus mit umflortem Stabe, der auf französisch
verkündete, daß angerichtet sei. Es waren noch einige stumme Personen
bei Tisch. Ich trank Sigune zweimal zu, was wahrscheinlich ein
Etikettefehler, sicher aber ein schönes Mittel war, sie zum Erröten und
Lächeln zu bringen. Am Nachmittag gab es bei verbesserter Witterung
einen Spaziergang, bei dem ich Sigune mit sanfter Gewalt nötigte,
englisch mit mir zu sprechen, nachdem ich herausbekam, daß die Hofdame
es nicht verstand. Ich warf ein paar Angeln nach ihrer Bildung aus.
Schiller, Uhland, Körner, Rückert, Geibel, Freytags Ahnen und --
Hölderlin. Bei diesem Namen ging sie auf eine wunderbare Weise leicht in
Flammen auf -- wie eine weiße Papierrose. Ob sie den auch im Unterricht
kennen gelernt habe? -- Nicht im Unterricht selbst, aber doch von ihrem
Lehrer. Wer denn das sei? -- Sie zögerte eine Weile, versuchte einen
Blick zurück nach der hinter uns verbliebenen Hofdame, errötete und
sagte ganz leise, und als spräche sie das kostbarste Geheimnis aus, das
Wort: Tröstherzeleid. -- Oh, Benno, wenn Du es gehört hättest! ich
glaube, Du hättest geweint. Ja, und nun -- -- ich erschrak im Herzen,
und als ich fragte, wer denn das sei, was kam heraus? Der Hofkammerrat
war es, eben jener Graf Leunstein von Badenbach, Exzellenz, der als
erster dieser Beuglenburgschen Zunft vor mir in Erscheinung trat. Der
Name, mit dem sie ihn nannte, erzählt wohl genug. Ich fragte auch nicht
mehr. Es stellte sich noch heraus, daß sie mir in Philosophie weit
überlegen ist, Kant und Leibniz, Spinoza und Stirner, Platons Staat und
Ciceros philosophische Schriften im Urtext gelesen hatte -- armer Kopf,
armer Kopf! Dies Mädchen kennt nur zwei Menschen: ihre Hofdame und ihren
Lehrer, -- und dann war noch eine armselige Erinnerung an eine
liebevolle junge Engländerin, die Gunny gerufen hatte und früh an der
Schwindsucht gestorben war. Wie schlecht der kleine Trauerhut mit den
Kreppschleifen saß! Und diese Jacke, und dieser Rock und diese Schuh!
Alles vom Bazar in Stadt Zinna. Aber die Füße waren schmal und traten
zierlich auf.
Die Kerzen weinen Ströme von Tränen -- Benno, sollt ich nicht weinen?
Ich stand am Fenster, beugte mich in die Nacht, suchte den Mond, er war
fort, nur noch eine rinnende Quelle von feuchtem Glanz in der Nacht,
über die es sich faltig verschob; in der Tiefe -- Nachttiefe allein,
unsichtbares Land, aus dem es dampfte, kalt und feucht, ein rotes
Bahnlicht fern, mir zu Füßen nur schwarze Leere, denn hier ist die
Rückseite des Bergs, Felsen fallen steil ab. Ein Gefühl, als könnte --
denk nicht, ich meinte es komisch, obwohl es so klingen mag -- als
könnte die kleine Sigune jetzt an einem offenen Fenster sitzen und
Okarina blasen. Ich habe sie Augenblicke lang deutlich gehört, simple,
klagende Noten, wie Fischmunde winzig im willkürlichen Strome der Nacht
hinschwimmend, -- und da sitze ich, male langsam die sonderbaren
Schnörkel auf das Papier, und meine eignen Gedanken scheinen mir wie die
Siegel einer Geheimschrift, die zu schnell vorübergleitet, als daß ich
sie lesen könnte. Hinter den Wolken sind die Sterne, steht, wie
allnächtlich, ihre feierlich glühende Schrift, die großen Siegel
leuchten, wir dürfen sie berühren mit der Stirn, wir erbrechen sie
nicht, sie schweigen uns an.
Und so will ich nicht weiter denken und das Kommende nur erwägen, wenn
es sich stellt.
Ein letzter Funke im Gehirn glüht auf, und ich schreibe, schreibe in
offener Schrift: Wenn ich denn lüge, eine Abkunft heuchelnd, die nicht
besteht, so ist dies doch ein Opfer. Ein sinnloses -- wohl! denn hier
zwingen die Alten und Kranken, die Furchtsamen und Beharrenden, sie
zwingen die Jungen und in Ängstlichkeit Tapferen in ihren Willen. Wer
aber weiß, welchen Sinn all dies hat? Haben diese Kerzen sich
ausgeweint, so wird auch eine offene Sonne wieder scheinen über dies
traurige Land, das ich wieder zu ermuntern gedenke.
Lebe wohl, Benno! auch ich beabsichtige, wohl zu leben.
Stets treulich Dein
Georg.