»Und die Kinder, -- nicht wahr? die Kinder kennen Sie auch.«
Die Kinder --, -- nun erst fiel Renate ein, daß jetzt Doras Kinder beide
an den Masern krank lagen. »Sie haben die Masern«, murmelte sie vor sich
hin; ihre Schritte wurden langsamer, denn sie fürchtete sich nun vor der
Krankheit; bei ihrem Alter war sie gefährlich. Der Fremde war
zurückgeblieben, holte jetzt aber wieder auf und ging eilfertig weiter.
Nun sah sie auch an der Rückseite des Hauses einen Lichtschein; dort lag
die Diele, daneben war der Eingang ins Haus. Sehr unentschlossen hin und
her überlegend, ging sie doch weiter, sah die Gartenbäume, jetzt wurde
das dünne Geflecht des Drahtzauns neben der Chaussee sichtbar, und da
war die Tür; der Fremde stand dort. Plötzlich war ihr sehr unheimlich
und beklommen zu Sinne. Fuß für Fuß ging sie bis zur Tür, immer noch
schwankend, ob sie nicht lieber umkehrte, aber sie fror nun auch, die
dünnen Sohlen der Hausschuh ließen allzusehr die Kälte durch, hastig
entschlossen drückte sie die Klinke der Drahttür nieder und sagte:
»Guten Abend!«
Der Fremde, die Augen, wie es schien, gegen das helle Fenster gerichtet,
blieb stumm. Renate ging langsam durch den Garten hinauf, am Hause
vorüber; erfreulich war das Licht in der kleinen Vorhalle, sie ging die
Stufen empor, stampfte den Schnee von den Füßen und betrat die Diele.
Gleich vorn zur Linken, mit dem Rücken nach ihr hin, stand ein Herr, ein
Buch, in dem er las, in die Nähe der Stehlampe haltend, die auf Dora
Vehms Schreibtisch brannte. Erst jetzt drehte er sich schnell herum,
klappte das Buch zu und legte es hin; es sah wie ein Tagebuch aus, und
der Herr war jener Doktor Ägidi, den sie vor einem Jahr hier kennen
gelernt hatte. Sie gab ihm die Hand, fragte nach Irene, die Luft kam ihr
schon peinlich dumpf vor, nebenan wohnten die Kinder; so ging sie hastig
durch den Raum und traf im Flur mit Irene zusammen, die sie mit
leidenschaftlichem Entzücken begrüßte. Trotzdem schien Renate die
Wallung rascher vorüberzugehen, als ihr verständlich war. -- Noch im
Treppensteigen erklärte sie ihr Kommen, der Herzog schien auch Irene
einige Teilnahme zu entlocken, sie ging in ihrem Zimmer, während Renate
sich unter dem Fenster auf das Sofa setzte, hin und her, in ein großes,
schöngesticktes weißes Tuch mit langen Fransen gewickelt. Die Heizung
funktioniere wieder einmal nicht, klagte sie, Renate solle nur ihre
Pelzsachen sämtlich am Leibe behalten. Das Mädchen kam herein und fuhr
fort den Tisch zu decken, sagte dann im Hinausgehn, Herr Almanach -- sie
betonte den Namen wie alle Dienstleute auf der ersten Silbe -- sei
gekommen.
»Der Tisch wird überlaufen!« rief Irene und erklärte, daß sie Besuch
erwarteten, einen Freund ihres Mannes, sie laure schon den ganzen
Nachmittag auf ihn, nun würde ihr Mann ihn wohl aus der Stadt
mitbringen.
»Er wird doch nicht draußen am Zaun stehn?« fragte Renate mit halbem
Lachen.
»Hat denn wer am Zaun gestanden?«
Renate fragte, gleichzeitig mit Irene, wie ihr Besuch denn aussehe. »Du
kennst ihn ja selber,« antwortete Irene, »er heißt Klemens, er war auf
meiner Hochzeit, seitdem kann er sich allerdings verändert haben.«
»Dann war ers glaub ich nicht,« sagte Renate, »dieser hatte keinen Bart
oder einen ganz blonden, soviel ich sah, und Klemens war doch --«
»Einen blonden?« fragte Irene erschreckt und blieb stehn, »dann war es
wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?«
»Einen Havelock und eine englische --«
»Albert!« schrie Irene, »mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor
acht Tagen! Aber das ist ja --! Entschuldige, bitte, ich muß sofort zu
-- Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja --« damit war sie
fliegend hinaus.
Also das wars, dachte Renate. Und Ägidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm
war doch erst vor kurzem aus Arosa zurückgekommen. Wie er nach den
Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf.
Überdem wurde die Tür geöffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters
in seinem hellen Anzug, breit und stämmig und fröhlich, mit funkelnden
Brillengläsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens --
sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte
und erzählte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, während
jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hände auf dem Rücken,
zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zähle
er die Gedecke; als das Mädchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde
denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mädchen Almanach stammelte,
legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heiße
Manach, Manach, und sie könnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mädchen
wurde glühend rot und entlief, -- zu Renate sagte er nur: »Das sind
alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen;
was sie tut, unterschreib ich.«
Im Augenblick danach trat sie zur Tür herein, Irene hinter ihr, dann
Ägidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel
deutlicher und noch bänger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch
stärkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme
Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um
den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason später gekommen.
Irene war still, auch Ägidi. Dora berichtete Renate einiges von den
Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei
ihnen. -- Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete
unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme
nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland.
-- Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten
sollte ...
Nun sagte niemand mehr etwas, die Schüsseln gingen umher, dann öffnete
sich die Tür, Herzbruch sah auf und sagte: »Da ist der Kalender.«
Jason kam herein, gab Allen leise kopfschüttelnd die Hand, setzte sich
und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.
»Also, Kalender,« sagte er, »können Sie nicht etwas anregend wirken?
Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.«
Jason erwiderte höflich: »Gewiß, gern. Indem ich den Anblick zweier
essender Ehepaare genieße, muß ich den Satz aufstellen ...«
»Zweie?« Herzbruch ließ den Mund still stehn und sah ihn mißtrauisch von
der Seite durch die Brille an. »Sie haben ja 'n Vogel!«
»Das sagen Sie so,« erwiderte Jason, derweil Renate den Blick auf Dora
vermeiden mußte, »aber mein Satz beruht eben darauf. Ich gedachte
nämlich zu behaupten, daß man zwischen hundert Ehepaaren beliebig viel
Vertauschungen vornehmen kann, und kein einziger der Betroffenen vermag
es zu bemerken.«