Flut und Ebbe

Renate trat aus der Kapelle, schloß die Tür, zog den grünen Schal fester

um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es

dunkelte schon; hinter den schwärzlichen Maschen des Buschwerks und der

Bäume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie

durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlüpfte in die

angelehnte Tür. Während sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tür zum

Flur geöffnet; dann kam vornübergebeugt, auf einen Stock gestützt, ein

großer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei

Schritte kam er vor, die Füße absonderlich hochhebend, die Augen im

großen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und

-- »Herzog!« rief Renate und schlug die Hände zusammen. Er richtete sich

auf und hob den Stock hoch.

»Was sagen Sie nu?« rief er stolz.

»Ist es die Möglichkeit!« sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er

nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, daß sie selber es war, die

ihre Hand fast gegen seinen Mund drückte.

»Es ist zwar«, sagte er, sie küssend, »unschicklich in Norddeutschland,

einer unverheirateten Frau die Hand zu küssen, aber das macht nichts.«

»Sie gehen! Sie können gehen! Nein, wie mich das freut!« Renate legte

die Hände wieder zusammen und meinte, sie könnte schon ihre Freude recht

deutlich werden lassen. »Und so verschönt, so verschönt! Welche Ehre mir

da widerfährt!«

Sie ging zu einem der Sessel in der Nähe des Kamins und zeigte ihm einen

andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen

Beiden kniete das Hausmädchen und machte Feuer unter den Holzscheiten.

»Recht so,« sagte der Herzog, »mich friert ausdermaßen. Setzen Sie sich

schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug,

ich muß nach Beuglenburg, es giebt die größten Umwälzungen, unterwegs

hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren,

weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge

gekommen.«

Das Mädchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die

Hand. Sie mußte sich Mühe geben, sein ihr bekanntes Gesicht

wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien größer

und kräftiger, das Kinn war erstaunlich groß und stämmig. -- Sehr ernst

sagte er:

»Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren

es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafür sorgen, daß

Sie's bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie's gewesen ist,

wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es hätte werden

können, wenn ich gleich damals angefangen hätte, sagt der Arzt, aber --«

er setzte sich fest, »man muß zufrieden sein. Nun sagen Sie -- wie geht

es Ihnen denn? Ich fürchte, Sie sahen besser aus im Sommer.«

Renate lächelte nur und war froh. »Wollen Sie mir nun nicht erzählen,

was das für Umwälzungen sind?«

Der Herzog sah auf die Uhr. »Bloß noch sechzehn Minuten,« sagte er,

»vielleicht könnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im

allgemeinen kein Verschwender.«

»Ja, so nehmen Sie doch meinen!« rief Renate und sprang auf.

»Augenblicklich!« sagte der Herzog, »wenn Sie mit mir kommen. Sie können

in zwei guten Stunden zurück sein!«

Renate, schon an der Tür, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit,

trug dem Mädchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich

wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate

kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.

»Also,« sagte er, »mein Sohn will Großherzog werden. Es ist eine

hundsföttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der

Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon

wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf,

aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist -- also -- nur noch eine

Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein

schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne möchte. Ich falle

aus, für mich ist das nichts. Mein Sohn -- ja, was meinen Sie

eigentlich? Sie kennen ihn doch ...«

Renate sagte: »Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn

gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heißt das

...!«

»Nun, lassen Sie mich erst weiter erklären«, unterbrach er. »Außer dem

verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjährig, eine

gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind

katholisch, die Kleine war und ist -- was ich leider nicht wußte -- ganz

in den Händen ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur

sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen übrigens. Die

Entwicklung wäre daher die, daß die Beiden heiraten, mein Sohn und die

Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Spätlingsnerven, hat

gar kein Talent zur Brutalität, denkt von außen nach innen und ist noch

sehr jung. Der Gedanke, daß er erbt, hat ja nun für mich alles

Bestrickende. Trassenberg war bis über Achtzehnhundert hinaus

selbständig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehört mir.

Solange der alte Großherzog regierte, hatte ich keinerlei

Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt

der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land,

und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das

brauche ich nicht zu erklären. Ich könnte freilich selber regieren, ich

bin der nächste, aber -- ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar

dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nämlich

das, jeden Augenblick seine Meinung ändern zu können, aber -- ich habe

mich an diese Meinung zu sehr gewöhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.«

Er lachte kurz und griff nach einem imaginären Bart.

Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der

Herzog stand auf. »Fahren wir nur,« sagte er, »ich bin so schon

ungeduldig genug.«

Eine Weile später saß Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der

Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er

auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war

Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das

Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glühte

auf, das Gesicht des Herzogs erschien rötlich; eng und warm war der Raum

um sie, die Scheiben beschlugen schnell.

Der Herzog war plötzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stören, da

er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch genügte ihr vollkommen die

Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch -- kaum

bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine

Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hörte,

ohne daß er sie ansah.

»Sehen Sie,« sagte er, »man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer

nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen.

Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant,

beleuchtet -- und -- den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig

mit kalkuliert, wie ich einen starken Einfluß des Hofkammerrats, an

dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt hätte.

Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste

Ähnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht -- ists eben nichts --

und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natürliche ...«

Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.

»Ich habe das eben so obenhin gesagt,« fing der Herzog wieder an, »das

mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt.« Er

beugte sich mit einem Ruck vor, faßte seinen Stock und schlug damit auf

seine Stiefelspitzen unter der Decke. »Absichtlich habe ich diese

Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich -- ich glaube, es war

die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe

ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig

Jahren in ihrem Käfig hat abwandern müssen. Nun denke ich mir alles sehr

schön. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch

da und liebt Georg wie der ihn, es könnte ein Triumvirat, es könnte

sehr, sehr gut werden.«

Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein

erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er

beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber -- »Nun ja,«

murmelte der Herzog, »in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein

Labyrinth und sieht an jeder Straßenecke den Minotaurus das Bein

hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit

Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte

Ihnen, glaub ich, schon einmal, daß ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie

wissen, was das ist.« Renate schüttelte den Kopf. »Nun, das schadet

nichts, es heißt jedenfalls so viel, daß er Geld verbrauchen konnte,

soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott

machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf

die Weise, als daß er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen

versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg?

Braucht -- im Verhältnis -- überhaupt nichts. Nun würde das an sich

nichts heißen, wenn er ein -- also von Natur ein Asket wäre, ein

Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts

bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte

Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber -- --! Was hätte

er nicht -- --? er hätte einen Rennstall halten können, drei Rennställe,

unermeßlich pokern, Mätressen, Automobile, Paläste, Jachten, was weiß

ich, halten können. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht,

ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute

Großherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein -- nun,

es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich

mißtrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine -- ja, eine schwierige

Eröffnung zu machen; er hatte sich zu entschließen. Ich schickte ihn ins

Freie, saß und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte:

Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht

ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine abergläubischen

Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er.

Ich weiß nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er hätte

Licht machen sollen -- nun -- aber -- ich bin wieder davon abgekommen.

-- Und nun möcht ich rauchen«, bat er, seine Zigarrentasche schon in der

Hand. Renate nickte, freute sich, die große Zigarre von Helenenruh

wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der

ersten Wolke. Man muß ihn reden lassen, dachte sie weich.

Der Herzog saß weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der

Scheibe und sah hinaus, während er sprach. Jetzt blickte er wieder eine

lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurück, drückte den

Rücken fest, sah Renate kräftig forschend an, dann wurden seine Züge

weicher, er sagte:

»Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig

gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider

ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb möchte ich es auch

gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit

behelligt habe -- und es tut mir aufrichtig wohl, daß ichs durfte --, so

sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist --

aber das ist gleich, das würde viel zu weit führen, und es genügt ja,

wenn Sie die Tatsache wissen. Nun -- was sagen Sie dazu?«

Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich

nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an

sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das

Kinn auf die Brust gedrückt, die Oberlippe zwischen den Zähnen, unter

der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer

Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte für sich: Einen

Menschen sollst du messen ... und sagte leise:

»Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich

immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht weiß. Der schenkte mir

einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen -- Wenn du in seiner

Haut gesessen. -- Und«, fuhr sie, die Hände faltend und mit wärmerem

Lächeln in seine Augen blickend, fort: »Wenn Sie geglaubt haben, daß

trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein

Recht, anders zu urteilen.«

»Danke schön«, sagte er und nickte. »Ich muß noch hinzufügen,« erklärte

er dann, »daß erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja,

übrigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na,

der ist nun auch tot. Und dies war die Eröffnung, von der ich eben

sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich -- wir haben also

alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen,

nein, und ich nicht in der seinen, denn schließlich ist er hier ja

derjenige, auf den es allein ankommt, aber -- ich glaube doch: wir haben

alle drei recht.«

Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als daß sie

sich in solcher Schnelle, wenn überhaupt je, hätte hineinfinden können

...

»Und nun«, hörte sie den Herzog sagen, »können Sie sich immerhin denken,

wie dies Geschehnis auf mich wirken mußte. Nicht wahr: Ich hatte ihn

verloren, als Sohn, -- Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich

hatte also -- gesetzt, dies sei möglich -- noch einmal so väterlich um

ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob möglich oder nicht:

dies war mein Gefühl, dies hatte es zu sein.

»Und nun diese Heirat,« fuhr der Herzog nach einer Pause fort, »wie? was

ist?« unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, daß der Wagen, wie

bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene

Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht

wars; der Wagen stand still. Sie ließ das Fenster ein Stück weit nieder,

eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den

mächtigen Schattenriß des wulstigen Rades, drohend überwölbt vom

Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darüber, aus

der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen

Kühler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkweiß

stand ein gesträubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein

zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie

hörte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein großer

Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme

und rief etwas in unverständlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an,

der Motor rauschte, sie rollten.

»Noch zehn Minuten höchstens,« sagte der Herzog, »aber nun müssen Sie

das Ganze hören. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie

Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fängt mit

meinem Urgroßvater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom,

sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg

mediatisiert, aber mein Urgroßvater schloß mit Beuglenburg einen

Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur

auf hundert Jahre, kündbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die

merkwürdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachlaß fand sich unter

vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine

Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts würden beide

Häuser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn;

von diesen Augen würde es abhängen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate

der deutschen Völker erlangen oder für immer verstummen würden, -- die

Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen,

die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverständliche Rolle darin.

Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht

vererbt, und zwar wars üblich, daß diese Erbschaft am Tage der

Mündigkeitserklärung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es

sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaßen

...

»Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer

schwächlichen Schwester, selber nur mit Mühe und aller Kunst von Geburt

an am Leben gehalten, war für mich allezeit -- nicht dasjenige

Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Länder ruhen sollten -- das

heißt: ich füge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die für mich

keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei

Jahre sein, Georg zog zur Universität, trat ins Leben, ich hielt es für

an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so

mehr -- bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schönen, aber

wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nämlich: ihn

spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte

mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage -- das vergaß ich zu

erwähnen -- ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine

nennenswerte Gültigkeit -- an sich -- hat, wenn der Andre nicht will.

Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schließlich nur um die

Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg

und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand

waren, so -- nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der

Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so

kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als

Stütze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? -- So -- ich benutzte

also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten länger vor, als ich

damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre früher als üblich,

von dem Vertrage und seinen Möglichkeiten in bezug auf ihn. Er war

daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der

Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu können. Nun vor allem: das

Ganze wäre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der

arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder

-- ich argwöhne sehr -- gegen seinen Willen daran verhindert wurde, für

mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!«

sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und

schüttelte erbärmlich. Durch das trübe Glas der Wagenfenster fiel gelbes

Licht herein zu dem rötlichen Inneren, Laternen, Schaufenster,

Menschenschatten, ein Wagen zogen vorüber. Gleich darauf stand der Wagen

still.

»Ja, nun muß ich doch abbrechen,« bedauerte der Herzog, »oder bringen

Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde«, sagte er verlockend.

Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem

Chauffeur sich nach dem Schloß hinauf weiter zu fragen. Bald darauf

rollte der Wagen weiter, durch Straßen, Pflaster und Asphalt, hin und

her, währenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als läse sie Balzac.

Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog:

»Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher

nämlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben,

diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen

gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein,

und -- nun kam die Enttäuschung für uns Beide: bekam eine schlichte, ja

schnöde Abweisung. Nun, was weiter --

»Er schreibt mir, er steht vor einem Rätsel ... Ich tu's selber, ich

schreibe nach Zinna, es giebt ein unverständliches Hin und Her, endlich

kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.

»Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Großherzog, wie ich immer wußte,

ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am häufigsten

sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und

entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm

selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwört: er reagiert nur

auf Fremde nicht, beinah hätten sie gesagt: in ihren Händen sei er

Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem

Willen, das Erlöschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na,

nun giebt es ja allerlei Möglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch

kann päpstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin --

dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort -- immerhin scheint er -- der

Hofkammerrat -- für seine Sigune -- er hat sie erzogen, und da sie aufs

äußerste an ihm hängt, muß er wohl auch seine guten Seiten haben; wem

fehlen die schließlich nicht? -- er scheint also dem jüngeren Georg doch

den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, daß

aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das

Erlöschen Zinnas bloß aufgeschoben, nicht -gehoben. Schließlich sind

auch Erbschaftsgesetze nichts Unabänderliches, das heißt: die Sigune

kann irgendeinen andern von fünfzig gut katholischen Prinzen heiraten,

dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir müssen gleich da sein, der

Wagen steigt schon mächtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da

liegt das alte Nest!«

Hinausblickend sah Renate das rötliche, qualmende Lichtertal der Stadt

unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rötlichen Fluß, dahinter

Nacht und den braunen Himmel.

»Ich bin ja auch nun am Ende«, sagte der Herzog. »Georg hat man

inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rücken,

die Schurken! Bei alledem ist das Unglück, daß der Großherzog darauf

besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine

Tochter so stracks wie möglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin,

wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg

schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das

heiße, er begriffe nicht -- er hüte sich natürlich vor jeder Kritik --

aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht hätte, er könnte doch das

kranke Mädchen nicht heiraten und so weiter.«

»Und was schrieben Sie?« fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit

ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er hätte

geschrieben, Georg dürfe schon vertrauen, daß alles mit rechten Dingen

zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklärungen, die er jeden

Augenblick später erhalten könne, er selber stehe ihm sofort zur

Aussprache, zur Beratung zur Verfügung, vielleicht jedoch ziehe er es

vor, allein seinen Weg zu finden. »Glauben Sie nicht, daß er alt genug

ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm

noch, würde eigenhändig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja

nun. Ich will --«

Er unterbrach sich; der Wagen rollte über eine Brücke, durch ein Tor,

machte eine Schwenkung und stand still.

»Zinna,« murmelte der Herzog verdutzt, »aber nun will ich ausreden.«

Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben

dem Herzog ein erleuchtetes Tor über Stufen, Schatten und bunte Stücke

von Hin- und Hereilenden.

»Ich will«, sagte der Herzog, »doch meine Meinung ändern; ich bin der

nächste Erbe und --«

Indem wurde der Wagenschlag aufgerissen. »Wollt ihr zulassen!« schrie

der Herzog, zog die Tür am Riemen zurück, klappte und riegelte sie zu.

»Hundsfötter!« murmelte er und setzte seinen Hut auf, einen großen alten

Schlapphut, aber er sprach nicht weiter. Nach einer Weile sagte er

leise:

»Helene -- ja, nun fehlt uns Helene. Wenn ich die Regierung übernehme,

so ist die Heirat damit ja immer nur aufgeschoben; der Hofkammerrat

weiß, daß ich nur Fisematenten mache und in einem halben oder ganzen

Jahr zu Georgs Gunsten verzichte. Also muß ich Sigune ... sie hat die

harte Stirn der Zinnas; wenn ich sie herumkriege, so bleibt sie mir

sicher, aber wie ich das mache ...?« Er seufzte.

»Lieber Freund,« sagte Renate, »und wie wäre es denn nun eigentlich,

wenn Sie alle Beide verzichteten?«

»Wer?«

»Sie und Georg.«

»Nicht um die Welt«, sagte der Herzog. »Die Jesuiten kommen ins Land.«

»Können Sie sich nicht wehren?«

»Erstens gegen Jesuiten!« murrte er unwirsch, »und außerdem habe ich

Besseres zu tun. In einem Kriege kann Wunderbares an Kraft und Taten

geleistet werden, aber ich wäre ja ein Hundsfott, wenn ich nicht den

Krieg vermiede, um eben dies Wunderbare für meinen Frieden zu

gebrauchen.«

Renate, hartnäckig zu ihrem eignen Erstaunen, bohrte tiefer: »Sie denken

an Ihr Land und vergessen Ihren Sohn. Wie sehr väterlich glauben Sie,

daß dies gedacht ist?«

Der Herzog blickte sie grade und schwer an. »Mir,« sagte Renate beinah

spöttisch, »-- mir scheint es nun doch, als ob die beiden Augen Ihrer

Weissagung -- mich jetzt ansehn.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den

Füßen zurück. »Sie stören mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.«

Renate sah auf die Uhr im Armband: »Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden

zugehört habe, ohne das geringste Widerwort.«

Der Herzog lachte und murmelte, um so gefährlicher sei sie, habe nun

alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. Übrigens

könne sie ja nicht wissen, was für ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete

mit der Rechten nach dem Türgriff, drehte ihn, drehte ihn zurück und

sagte kurz lachend: »Nun denken Sie, ich will ausreißen.«

»Es ist wirklich Zeit«, warnte sie lächelnd.

»Gut,« sagte er und bot ihr die Hand, »ich werde die Nacht zum Überlegen

verwenden.« Er küßte ihre Hand. »Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin

morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfällt,

unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf

Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!«

Er hatte sich nach außen gezwängt, stand, von rückwärts beleuchtet und

nahm den Hut ab; stämmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf

schimmerten im Licht, die Züge waren von Renate nicht zu erkennen, da

sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tür nun geschlossen, der Motor

brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte über den Hof, durch die

Einfahrt und über die Brücke in die Nacht zurück.

Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hüllte die

Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die große

Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis

an die Ellenbogen hinein; es schien ihr kälter im Wagen geworden. Sie

lächelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder

lächelnd, empfand sie, daß dies Lächeln schon lange in ihrem Gesicht

feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spüren, dieser Mensch mußte es

mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da

war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand über Augen, Nase und Mund,

aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lächelte sie

diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze

Zeit über gelächelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die

ernstesten Dinge. -- Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schütteln der

Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die

erleuchteten oder dämmrigen und finsteren Straßen voller Menschen und

elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war.

Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, stützte das

Kinn auf die Fingerknöchel und blickte durch die graue Scheibe in die

Finsternis.

Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden

Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein

kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie

unsinnig! Sigune -- Schionatulanders Geliebte, ein schöner, trauriger

Name. Kränklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser

Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder -- und

dieser Vater ... Plötzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen

und fegte alles über Seite. Renate lächelte wieder, verfinsterte aber

dann ihr Gesicht und sagte: Bogner -- so hätte er einmal kommen sollen!

Aber damals -- wie würde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag

noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kümmerlichen Wasserrosen; da

warf sich dieser unbekümmerte Schratt hinein, bloß um drin zu

plätschern.

Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal heiß. Diesen Gedanken, sagte

sie, an der Lippe nagend, hätte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht

erlaubt. Bloß um zu plätschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er

fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm paßt, erwiderte jemand aus der

Wagenecke. Sie sah flüchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf

einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Märchen, freilich, es war bald

ein Jahr her, daß die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote

Herzogin zur Türe herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch,

lächelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch

belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr

Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu

sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hörte ihn seufzen: Helene

-- ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mußte seines Weges

weiter.

Fünfundzwanzig Jahr ist er älter als ich, dachte Renate und herrschte

sich an: Genug jetzt! ein für allemal!

Und nun das -- mit Georg! -- Man kann es nicht einmal nennen, wie soll

ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? -- Georg saß mit Esther oben

in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er

kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln ähnlich.

Nun wundert michs doch, daß -- eigentlich er mich auch nie beachtet hat.

Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther -- was war

da gewesen? -- Sie hörte Sigurds Stimme, wütend im Schmerz, aber sie

fand die Worte nicht mehr.

Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien

ihr die Kalt-- ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so

viel heftiger als Bogners stillere Kräftigkeit, weil eben Bogner keine

Kraftäußerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der

Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und

sein Werk.

Renate schloß die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem

fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie

fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen

langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen

war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von

vorn am Fenster vorüber, sie öffnete es, fröstelte im Luftzug und sah,

daß die Straße weiß war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurück: die

beiden Hinterreifen wären geplatzt. -- Renate öffnete die Tür und stieg

aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: »Das ha 'k mir jleich

jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat.« Er ging in

seinem großen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam

stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus,

öffnete einen andern Kasten unterm Sitz und wühlte darin. Die beiden

grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin über die weiße

Chaussee und breiteten sich über die nächtigen Felder aus; grellweiß

angeschienen standen die Chausseebäume wie gesträubte Zuschauer da,

andre weiterhin, schattenhafter. Weiß wehte Renate der Atem vom Munde,

sie trat in den dünnen Schuhen langsam hin und her, fühlte die

hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und

wollte wieder in ihren Wagen kriechen. »Wie lange dauert es denn?«

fragte sie.

Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Räder mit

aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verständlich und mit der

Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es könnte auch

'ne Stunde dauern, -- bei die Kälte! --

»Armer Reinhold!« sagte Renate und war unglücklich, so lange im Wagen

still sitzen zu müssen. Wo sie denn eigentlich wären, fragte sie. Da wo

die Herzbruchsche Villa stände, da müßten sie dicht bei sein. Renate

zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig,

links über den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. -- »Wenn man

wüßte, wie weit es ist ...« sagte sie zögernd. Nun stellte Reinhold sich

neben sie und meinte, nach dem Licht spähend, es könnte keine zehn

Minuten sein. -- Und der Weg? -- Die Chaussee hinunter, dann müßte

gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an

der läge das Haus; die große Chaussee mache einen Bogen weit rechts und

treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals

bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, daß sie auf eine kleine

Chaussee rechts abgebogen seien »da, wo wir doch den Herrn Almanach

getroffen haben.« Renate zögerte kaum noch.

Irene erwartete sie ja längst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn?

Lieber Gott, war das schon seit -- Mai -- oder Juni? Ja, im Mai war ich

einmal draußen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh,

und eh ich wieder hier war, kam >die große Verjüngung< über sie, Masern

und Scharlach hintereinander, -- wie ein Kind so dünn und weiß wie eine

Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, --

Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn,

wenn er fertig wäre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich

auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien

zurückgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer

Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. -- Auf die

Uhr blickend, fand sie, daß es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie

ging am Rande der Chaussee unter den Bäumen fort, dankbar für die

Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors

und dem Hinschnarren der Gummiräder über den harten Boden.

Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstäubten,

vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror

nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig

Kälte. Die Chausseebäume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich

und neben ihnen in der Grabenböschung die weißen Steine. Eilfüßig lief

sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee ließ auf sich warten,

dafür machte aber die große einen immer stärkeren Bogen nach rechts.

Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige,

weißliche Punkte, und kaum daß sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben

von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare

Wölbung emporglitt und den großen Wagen erkannte; undeutlich, matt

blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge

faßte, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern

die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den

ungetümen Schattenriß des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier.

Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor

sich hin Sinnen gewöhnt, daß sie plötzlich die Nebenchaussee merkte, die

sie halb überlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon

deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein,

aber da kam plötzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der

Nacht auf die Landstraße zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter,

während der Mann näher kam; wenige Schritte hinter ihr mußte er die

Straße betreten haben, dann hörte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger,

ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hörten nicht auf, jetzt kamen sie

vielmehr näher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.

Sie sah ihn an; seine Züge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine

dunkle, englische Mütze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock.

Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde -- nun

erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen -- die Mütze abnahm

und mit anständiger, leiser Stimme sagte, er bäte um Entschuldigung, er

habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und

munter, es befände sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser

Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht veränderte sich nicht, während

er erwiderte: sie möchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig

vermute, daß sie zu dem Landhaus -- dort -- wolle. Sie bejahte, bereits

im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster

ward langsam größer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und

des Hügels. Der Fremde machte eine Bewegung zurück und fragte leise: »Zu

wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder --?«

»Zu Herzbruchs.«

»So«, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er

sich abermal und fragte, wieder ganz leise: »Aber -- Sie kennen --

vermutlich auch die -- andre Dame?«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 105 / 124 题